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Central-Verein-Zeitung · 1926-12-24 · 52 (24.12.1926) · p. Seite 681

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
52 (24.12.1926)
Date
1926-12-24
Page
Seite 681 (sequence 5)
Language
German
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Ali zuviel Lärm um Ford. Der Antrag Bloom im amerikanischen Kongress. — Nathan Strauss’ Appell an Ford. - Wer hat den „Internationalen Juden“ geschrieben? — Ford kneift. — Der amerikanische Don Quichotte. — Ein bezeichnendes Interview. Von C. Ä, Bratter. Im Unterlaufe des amerikanischen Kongresses hat der Abgeordnete Bloom in diesen Tagen eine Resolution eingebracht, die sich eingehend mit der publizistischen Hetztätigkeit Henry Fords befaßt. Der Beschlußantrag verlangt, daß der Kongreß einen Ausschuß einsetze, der die von Ford gegen die Juden im allgemeinen und die jüdische Finanzwelt im besonderen erhobenen Beschuldigungen prüfen soll. Es ist bekannt, daß Ford u. a. behauptet hat, die „n e it e n Geldinetyode n" feien von I u d e n erdacht worden, um die amerikanische Volkswirtschaft in Abhängigkeit von den Juden Zu bringen. Der Antrag ist einem Kongrehausschuß zur Beschlußfassung überwiesen worden. Eine weitere Meldung aus New Jork besagt, daß der greise Philanthrop Nathan Strauß, ein von Juden wie Christen hochverehrter Mann, beu „Automobilkönig" öffentlich aufgefordert habe, feine Anwürfe gegen das Judentum durch eine unparteiische K o m m ission prüfen Zn lassen, daß Ford aber — begreiflicherweise! — diese Aufforderung ab ge lehnt habe. Beide Schritte Zur Verteidigung des Judentums, der des jüdischen Kongreßabgeordneten und der Nathan Strauß', sind an sich verständlich, sind aber — der Schreiber dieser Zeilen spricht aus seiner Kenntnis der amerikanischen Einstellung zu solchen Dingen — taktisch ganz überflüssig. Sie sind sogar schädlich; dennsie sind geeignet, dem Ford eine Wichtigkeit außerhalb seines Wagenfabrikberufs 31t verleihen, die ihm in keiner Weise zukommt. Es heißt offene Türen eiurennen, wenn man immer wieder daran erinnert, daß Ford, von feiner beruflichen Begabung abgesehen, ein — nun, sagen wir einmal, ein nicht e r n st Z u n e h m e nder Mensch ist. Man entgegne nicht: das wissen wir Juden, aber Ford ist ein immens reicher Mensch und hat als solcher einen gewichtigen Einfluß auf die öffentliche Meinung feine» Landes. Das ist nämlich grundfalsch. Henry Ford ist drüben nicht mehr und nicht weniger als eine kounsche Figur. Man hat eine ganze Literatur über sein berufliches Genie geschrieben, bezahlte Literaten blasen seinen Ruhm aus vollen Backen; aber Leute, die es „gottlob nicht nötig haben" und die daher ihre Meinung frei äußern können, haben ganz anders gesprochen und geschrieben. Sie haben sich über seine „Selbstbiographie" lustig gemacht (die überflüsflgerweise auch in deutscher Ausgabe erschienm ist), die natürlich nicht er, sondern ein Berufsschriftsteller, Samuel Crowther, kritiklos verfaßt hat; man spottet über die Zahllosen grotesken Dummheiten, die er auf allen Gebieten außerhalb der AutornobilerZeugung begeht: über seine der Lächerlichkeit verfallene „FriedensMission" vom Dezember 1915; über die Hunderte von verschrobenen politischen Aeußerungen, die er in Interviews und in seinem Leiborgan, dem „Deaxbora Independent“, von sich gegeben hat; über seine „Präsidentschaftskandidatur" 1923/24, die von jedem halbwegs ernsten Politiker mit Entsetzen abgelehnt wurde; über seine Absicht, eine dritte Partei zu gründen (er hat beides, die Kandidatur, une die Absicht bezüglich einer dritten Partei bezeichnenderweise ebenso oft dementiert wie bestätigt); über seine äußerst mangelhafte Bildung, einen Mangel, der bewirkt, daß er alles glaubt, was skrupellose Politiker und Demagogen ihm einreden, wenn sie es nur geschickt tun. Ein Ausfluß dieses für einen Mann von feiner wirtschaftlichen Bedeutung geradezu unbegreiflichen Bildungsmangels ist unter vielen anderen Dingen auch sein Antisemitismus. Oswald Garrison Billard, der Herausgeber der angesehenen New Yorker Wochenschrift „Hw Nation", der Sohn des verstorbenen Eifenbahnmagnaten Henry Billard (eines Deutschen), einer der Führer der amerikanischen Intelligenz, schreibt der „unglaublichen Ignoranz" Henry Fords seine Mneigung gegen die Juden zu; und in der Tat steht Ford in diesem Punkt geistig nicht um einen Zoll höher, als etwa die deutschen „Hepp-hepp"-Rnser früherer Jahre. Billard ist überzeugt: wenn Ford nicht an Ritualmorde glauben sollte (was übrigens keineswegs feststeht), so hätte das seinen Grund nur darin, daß er zufällig nichts davon gehört hat. Alles dies wissen in Amerika mehr Menschen, als man bei uns ahnt. Ford als „Politiker", Ford als „Sozialphilosoph" ist drüben ein Gegenstand des Gespöttes. Aber auch der Mensch Henry Ford ist ganz offen als „verächtlich" gebrandmarlt worden. Man erzählt von den zahllosen Versprechungen, die er macht, ohne auch nur einen Augenblick an ihre Erfüllung zu denken; man schildert die empörend rücksichtslose Art, nicht nur seine Mitarbeiter, sondern auch solche Männer zu behandeln, die — wie z. V. die Brüder Dodge — eigentlich erst seinen Ausstieg ermöglicht haben. Noch ein bezeichnender Zug seines Wesens: er hat es fertiggebvacht, die Autorschaft seines berüchtigten Buches „The International Jew“, das 1920 in Dearborn erschien und das ungeheueres Aufsehen erregte, abznstreitcn, Nicht etwa offen. geradeheraus, sondern auf Schleichwegen und indem er die Autorschaft seiner Zeitschrift „The Dearbora Independent“ in die Schuhe schieben wollte. Ein Berner Prediger, I. M e s s i n g e r, der nicht glauben mochte, daß ein Mann von dem Rufe Fords sich zur Llbfassung eines solchen Hetzwerkes herabgewürdigt habe, richtete an Ford 1924 eine „rekommandierte (d. h. eingeschriebene) sachliche und höfliche Frage" hinsichtlich seiner Autorschaft. Ford ließ ihm durch die Redaktion des „Independent" antworten, daß die Redaktion, die in dem Ford-Buche veröffentlichten Artikel, die zuvor im „Independent" erschienen seien, gesammelt und in Buchform herausgegeben habe; Ford sei nicht „der Autor" des Buches. Bedarf es erst einer näherer! Beleuchtung dieser Art von „Dementi"? Daß Ford weder die Artikel, noch das Buch selbst geschrieben hat, ist ohne weiteres glaubhaft; dazu fehlen ihm die Anfangsgründe der Bildung. Aber daß der „vear born Independent“, ein von Ford souteniertes, von ihm inspiriertes Blatt ist, das der Verbreitung seiner „Ansichten" dient, ist weltbekannt, ebenso, daß in jenem Blatte ganz selbstverständlich feine Tendenzen vertreten werden, die nicht die ausdrückliche Billigung des Souteneurs gesunden haben, ja, die er nicht ausdrücklich vertreten haben will. Den Deutschen, die es noch nicht wissen sollten, möchte ich eine Mitteilung machen, die sie vielleicht interessiert: nämlich daß Ford drüben im großen Publikum als der „a m e r i k a n ische D 0 n Quichotte" bekannt und berühmt ist. Der New Yorker Korrespondent des „Berliner Tageblatt s", der vor etwa einem Jahre eine Unterredung mit Ford hatte, eine Unterredung, die eine geradezu unglaubliche Ahnungslosigkeit des Interviewten btoßlegte, schrieb am Schlüsse seines Berichts sehr zutreffend: „Gute Kenntnisse im Automobilbau reichen offenbar doch nicht ganz aus, um den großen internationalen Problemen zu Leibe zu rücken. Hub dasselbe gilt auch für verschiedene andere Gebiete des menschlichen Geisteslebens, mit denen Henry Ford sich befaßt hat." So hat er einmal die Weltgeschichte in offener Gerichtsverhandlung als „Quatsch" bezeichnet; ein andermal hat er sich gegen die Einführung des metrischen Systems ausgesprochen, weil „man sich mit solchen ausländischen Methoden nicht abgeben soll"; und noch ein andermal ist er gegen das „überflüssige" Studium fremder Sprachen ausgetreten, weil man doch „die hohen Ideale der M e u s ch - heit am besten auf En glisch ausd rück-en köunc". (!) Habe ich nun unrecht mit meiner Behauptung, daß ein Mann von dem Ansehen, von den Verdiensten Nathan Strauß', ein Mann, gegen den Henry Ford ethisch eine blanke Null ist, es nicht nötig hat, mit Kanonen auf — Ford zu schießen? Und was die Resolution des Abgeordneten Bloom betrifft: dergleichen Anträge, einem Ausschüsse zur Beschlußfassung überwiesen, verlausen erfahrungsgemäß gewöhnlich im Sande. In dem Ausschuß wird solchen Resolutionen fast immer ein Begräbnis erster Klasse bereitet. Schon gar, wenn es sich um so heikle Dinge handelt wie den Antisemitismus, an den viele Politiker ebensowenig rühren wollen wie an die Prohibitionsfrage. Im Kongreß sitzen soundso viele Abgeordnete, die es aus diesen oder jenen Gründen nicht mit Ford verderben möchten, sowie andere, die ofsen oder insgeheim mit dem judenfeindlichen Ku Klux Klan sympathisieren. Alls alledem erhellt, daß eine etwaige Plenarabstimmung im Kongreß (falls es doch zu einer solchen kommen sollte) am Ende gegen die Resolution Bloom ausfallen und dem Ford zu einem billigen Triumph verhelfen könnte. Selbstbesinnung. Eine Erklärung der Hochschnlgruppe der D. V. P. In der letzten Nummer dieses Mattes berichteten wir über die Kämpfe, die die „Deutsche Studentenschaft" gegen den preußischen Unterrichtsminister -und das preußische Parlament um ihre völkische Verfassung führt. Hierbei hatte der H 0 ch s ch u l r i n g deutscher A r t, die führende völkische Gruppe, eine in Form und Inhalt äußerst scharfe Erklärung erlaßen. Die H 0 ch s ch u l g r u p p e der Deutschen Volks Partei nahm zu ihr in folgender Form Stellung: „Der Deutsche Hochschulring hat in der „Deutschen Zeitung" und in anderen Tageszeitungen eine scharfe Erklärung gegen die vom Preußischen Kultusministerium geplante Abänderung des Studentenrechts veröffentlicht, ohne die angeschlossenen Organisationen zu hören. Der Vorstand der Hochschulbewegung der Deutschen Volkspartei, die als außerordentliches Mitglied dem Deutschen Hochschulring angehört, erklärt hierzu, daß er sich mit dem Schritt des Deutschen Hochfchulrrngs weder in der Sache noch in der Form identifizieren kann."

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