Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 52 (24.12.1926)
- Date
- 1926-12-24
- Page
- Seite 679 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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jüdische Ne<irachiti«s von Ludwig chottüudee. es meist geschieht, nach der Gesinnung des Vortragenden, sondern nach der wissenschaftlichen Berechtigung des vorgetragenen Standpunktes getroffen werden. Ueber diese mag man streiten: man mag die Auffassung zu widerlegen versuchen — d i e A n st ä n d i g k e i t der Gesinnung sollte man nicht a n s e ch t e n. Professor Franz Oppenheimer bezeichnet in seinem Aufsatz den in die Tiefe verrutschten Adelsdünkel als Grundlage des heutigen Judenhasses. Er hat damit im wesentlichen recht, was beispielsweise an den heutigen, farbentragenden Verbindungen an den Universitäten "jederzeit bewiesen werden kann. Und auch darin hat er recht, daß er die Gegensätze zwischen uns und unseren innerpolitischen Gegnern damit kennzeichnet, daß er die Aufgaben derer, die sich allzutief im deutschen Volk und in der deutschen Heimat verwurzelt fühlen, als daß sie den Schwerpunkt ihres Wesens in ein anderes Volk und in ein anderes Land verlegen könnten, der Auffassung jener anderen gegenüberstellt, die sich von der Heimat lösen und auf neuem Wege eine neue Heimat schaffen wollen. Man sollte nicht immer von einer Entjudung des Judentums, nicht immer von Würdelosigkeit und Heuchelei sprechen, sondern man sollte in klaren Ausführungen die wirklich vorhandenen Gegensätze aufweisen und die erwachsenen, denkfähigen Männer und Frauen zur leidenschaftslosen Prüfung der vorhandenen Gedankengänge anhalten. III. Dabei kann allerdings schon heute die Grundfrage nach dem, was dein einzelnen das Judentum bedeutet, in den Vordergrund des Interesses gestellt werden. Gewiß ist das Judentum nicht nur Religion, und man wird gut tun, wie wir vor Jahren einmal in einem Vortrag zu entwickeln versucht haben, und wie es auch Samuel im wesentlichen anzunehmen scheint, das Judentum als soziologischen Komplex zu betrachten, als eine Mischung der verschiedensten, im Laufe der Jahrhunderte zu einer gewissen Einheit gelangten Strömungen menschlichen Erlebens. Aber uns scheint es doch notwendig zu fein, das Religiöse als das für dieses Eesamterlebnis Wesentliche und Entscheidende zu bezeichnen. Dabei brauchen wir auf die Schattierungen, die namentlich die Frage der Verbindlichkeit des Zeremonialgefetzes mit sich bringt, hier nicht näher einzugehen. Die Vertiefung dieses religiösen Gutes ist die Arbeit für das Jüdische. Auf der anderen Seite glauben wir, einen Gedankengang sehen zu können, der zwar die religiöse Bindung auch als einen Bestandteil des Gesamtkomplexes Judentum bezeichnet, der aber als hervorstechendste Eigenschaften aus der Summe derer, die unter diesem Begriff zusammengefaßt sind, körperliche Bildung und geistige Haltung hervorhebt. Diese Grundeinstellung muß zu verschiedenen Folgerungen führen. Weil darum der jüdischnationale Mensch andere Bindungen in sich fühlt, als der jüdisch-religiösej so sind auch zum großen Teil die Blickpunkte seiner Augen und die Beweggründe seines Handels andere. Dies muß zur Ergänzung der Oppenheimerschen Ausführungen gesagt werden. Wie oft wirst der eine dem anderen vor „du siehst ja ganz falsch", während er doch in Wirklichkeit nur vielgestaltige und vieldeutige Tatsachen anders sieht als der gegnerische Rufer im Streit. Wer den ehrlichen Willen hat, ganz im deutschen Vaterland und in der deutschen Kultur zu wurzeln, und dabei in innigster Verbindung mit dem Erbe jüdischer Religiosität steht, wer dabei aber erkennt, daß er dasjenige abstreifen muß, was uns an vermeintlichen nationalen Resten ans der unwürdigen Versklavung des Mittelalters verblieben ist, der wird und muß die Menschheit mit anderen Augen betrachten, als der Andersgerichtete, der aus volklichen und stammlichen Restbeständen Staat und Volk zu bilden sich fähig dünkt. IV. Und darum sehen die verschiedenen Richtungen auch das sogenannte Palästina-Problem so verschieden an. Gewiß, jeder seiner Religion und seiner Abstammung treue Mensch wird die Not der Armen und Bedürftigen in der ganzen Welt, aber besonders in seinem engeren Kreise erkennen und sie mit warmem Herzen zu lindern bestrebt sein. Darin gibt es keinen Unterschied zwischen den verschiedenen Richtungen. Wer heute die Hiobsbotschaften aus Rumänien liest, wird helfen wollen und helfen müssen. Wer die Religion und die religiöse Entwicklung als das Entscheidende ansieht, wird mit dem Gefühl inniger Liebe zu Palästina, das jeder besitzt, der vom Judentum etwas weiß, eine Siedlung in Palästina wünschen und fördern unter Zugrundelegung nüchterner, volkswirtschaftlicher Gesichtspunkte. Für ihn wird der Volkswirt entscheiden: Ist eine solche Siedlung möglich, zweckmäßig, bald Erfolg versprechend? Er wird das Palästinaprojekt jedem anderen Projekt vorziehen, wenn zwischen den Möglichkeiten des Gelingens ein nicht allzu großer Abstand vor'liegt; aber das Entscheidende für ihn wird die große Frage der Unterbringungsmöglichkeit und der segensreichen Zukunft einer möglichst großen Masse von Juden sein. Dieser Gesichtspunkt kann für den andersgesinnten Juden nicht maßgebend sein. Nach seiner Ueberzeugung erfordert der Erhaltungswunsch des jüdischen Gesamtkomplexes die Erhaltung und den Ausbau der im Laufe der Jahrhunderte angeblich niemals verlorenen nationalen Grundlage, das heißt derjenigen Grundlage, auf der das körperlich und geistig als spezifisch jüdisch erkannte, im wesentlichen autzerreligiöse Gut erhalten und nach den Gesichtspunkten der heutigen Wissenschaft vermehrt werden kann. Daher wird auch diesem eine Siedlung der oben geschilderten Art als gut erscheinen, aber sie wird ihm keineswegs das Höchste bedeuten. Für ihn wird der wahre Sinn kolonisatorischer Sammlung erst dann erreicht sein, wenn diese Siedlung auch die außerreligiösen Bestandteile der vereinten jüdischen Menschen zu fördern und auszubauen in der Lage ist. Ihre Existenz und ihr Wachstum sollen ihm den Befehl geben, die z. B. deutsche Heimatscholle als zufällig, als nicht endbestimmt anzusehen. Sie soll chm den Wunsch eingeben, daß sein Gebet „Und führe uns zurück" anders ausgefaßt wird, als uns Juden des E. V., ob wir orthodox oder liberal sind, der Glaube der Väter und die eigene Ueberzeugung es beigebracht haben. Wenn man uns darum fragt: „Seid Ihr gegen Palästina?", so werden wir diese Frage niemals bejahen können. Auch wir sind für Palästina. Aber wir halten die Art der Besiedlung, wie sie beabsichtigt und zum Teil schon vorgenommen wird, deswegen für unrichtig und sehr bedenklich, weil sie von politischen und kulturellen Gesichtspunkten getragen wird, die für eine solche Kolonisation beinahe gefährlich sind. Wenn wir sagen, politische Gesichtspunkte, so meinen wir eine Art bewußter Konzentration des Gesamtinteresses der Juden in der Welt nur auf Palästina. Und wenn wir von kulturellen Dingen sprechen, so meinen wir, daß es überflüssig ist, ein Kulturzentrum in Palästina zu schaffen. Vor einer unpolitischen, auf rein kolonisatorisch-wirtschaftlicher Grundlage beruhenden Arbeit für Palästina zu warnen, hat der C. V. nicht im mindesten Anlaß. Im Gegenteil: auch er will allen helfen, die sich m Not und Elend befinden. Dabei aber sieht er in seiner Arbeit für Deutschland und in der Erziehung der jüdischen Deutschen zu dieser Arbeit eines feiner Hauptziele. Sie besteht, wie gesagt, nicht in Würdelosigkeit, nicht in Speichelleckereien, wie sie ihm leider immer vorgeworfen werden, sondern in dem Bestreben, den jungen jüdischen Menschen immer klarer über sein Deutschbewußtsein werden zu lassen, ihn mit immer festerer Klammer an sein Vaterland als seine einzige Heimat binden, und ihn trotz aller Widerstände immer tiefer im Lande verwurzeln zu lassen. Das ist nach unserer Auffassung nicht Arbeit gegen das Judentum, sondern für das Judentum. Man achte und ehre sie, wie jede ehrliche Weltanschauung, und man bespöttele sie nicht. V. Wir hoffen, daß diese Auseinandersetzungen dem inneren Frieden dienen. Viele meinen, die Unterschiede feien nicht so groß, wie man allgemein denkt. Das ist gewiß nicht unrichtig, um so weniger, als die Erörterung der soziologischen Grundlagen beider Bewegungen, die wir in dieser Zeitung in den kommenden Jahren vornehmen wollen, den Beweis dafür erbringen wird, wie nach Lösung alles über die Begriffe gebreiteten Flitterkrams eine beruhigende, klärende Wahrheit deutlich zeigen wird, wie man sich auf gänzlich verschiedenen