Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 51 (17.12.1926)
- Date
- 1926-12-17
- Page
- Seite 667 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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HH7 Zum siehzigflen Geburistag von Louis BarshaS. (14. Dezember 1926.) In ihren sehr lesenswerten Lebcnserinnerungen („My Portion", New Jork, Sektzer, 1925, 157) schreibt Rebekka Ko Huk, die Witwe des berühmten Rabbiners und Forschers Alexander Kohut: „In jenem Jahre (1689) machten wir die Bekanntschaft eines jungen Mannes, dessen Persönlichkeit bei meinem Gatten einen gewaltigen Eindruck hinterließ. Es war für Dr. Kohut eine Osfenbarung, diesen jungen, opferwilligen Advokaten kennenZulernen, der Zu ben glänzendsten Hoffnungen berechtigte. Er sagte voraus, daß Louis Marshall einer der größten Amerikaner und einer der größten Juden werden würde. Daß diese Vorschau zur Wahrheit geworden ist, weiß heute jedermann. Mr. Marshalls außerordentliche Befähigung und seine Zeit stehen dem jüdischen Volk, wenn immer es ihrer bedarf, stets Zur Verfügung. Als einer der ausgezeichnetsten amerikanischen Advokaten ist er im ganzen Reich berühmt. Für die Verbesserung der Lage der Juden mu> als Vorkämpfer für die Unterdrückten in Europa hat er mit Aufopferung gewirkt — ohne je an Ruhm Zu denken. — Aber der Ruhm bleibt ihm, trotzdem!" Louis Marshall ist der von allen Parteien anerkannte Führer und Vorkämpfer der amerikanischen Judenheit. Er ist Vorsitzenden des American Jewish Committee, einer alle Juden der Vereinigten Staaten zusammenfassenden Organisation, die in erster Reihe darüber wacht, daß die Gleichberechtigung und die Rechtsstellung der Juden in keiner Weise geschwächt wird. In unseren Tagen sind es besonders die Handhabung des EinwanderungZ- und der Natnralisatiousgesetze, die ständigen Versuche, aus geraden, oder krummen Wegen Rassen- und Neligionshaß zu verbreiten, die das Komitee iu Anspruch nehmen. Es gibt da in dem „freien" Amerika inehr Zu tun, als man. hierzulande denkt, und Louis Marshall ist der Mann, der unermüdlich und aufopfernd ständig auf der Wacht steht. Seih dem Friedenskongreß von 1919 ist er emer der Anwälte der Minoritätsrechto der Juden in Osteuropa, und wer weiß, wie traurig es iuh ihre Durchführung bestellt ist, bedarf keines Hinweises daraus, welche Energie dieses Problem dauernd in Anspruch nimmt. Auch bei den Verhandlungen! wegen Erweiterung der Jewisli Agency und der Entpolitisierung des Palästinaaufbaues steht Louis M a r s h a l l im Mittelpunkt. Er braucht nicht gesagt Zu werden, daß er Zu den maßgebenden Mitgliedern des Joint Disiibution Committee gehört. Es Zeichnet Louis Marsh a l l besonders aus, daß er für die religiöse u n d geistige E n t w i cf I u ii g des I u d e n t u m s ein w a r mes Herz hat; er ist Präsident der größten Reformgemeinde, des Tempels Emanu - El i n N e w Dort, rmd der Verwaltung des konservativen theologischen Seminars, und niemand nimmt Anstoß daran, weil jeder weiß, daß er ganz und gar Jude und gar nicht Parteimann ist. So überragend ist sein Einfluß, daß Israel Zaugwill 1923 unter Anspielung auf das damals vom Kriege her noch in frischer Erinnerung befindliche Skandrecht das Wortspiel gebrauchte, die amerikanische Judenheit stehe unter „Marshal—law". Nun vollendet Louis M a r s h a l l das siebzigste Lebensjahr. Mögen dem tapferen Vorkämpfer der jüdischen Sache weitere Jahr- Zehnte jugendlicher Energie und Schaffensfreude beschieden sein! I. (Mögen. Stefan Zweigs neues Novellenbuch Augezeigt von Ernst Listaner. „Amok" hieß Stefan Zlveigs voriger Novellenband; nach den Amokläufern, jenen Besessenen der tropischen Breiten, die, wie von einen! inneren Wind geblasen, einherstürmen und jeden, der des Weges kommt, niederstechen. Amokläufer waren die Menschen jenes Buches; geblendet von dem Schein ihrer inneren Flamme, getragen von dein Sturm ihrer eingeborenen Leidenschaftlichkeit, rasen sie dahin, einem fern dunkelnden Abgrund zu. „Amok" könnte auch Zweigs letzter Essaiband heißen. „Der Kampf mii dem Dämon", der Hölderlin, Kleist, Nietzsche auserlegt ist, gleicht einem Amoklauf, der gegen das Ende hin immer gewaltsamer, unaufhaltsamer, gewaltiger hin rast. „Amok" könnte auch über zwei Novellen des neuen Bandes*) stehen; „Verwirrung der Gefühle" ist er benannt, und eben dieses Wort wiederum kennzeichnet manche Novellen in jenem früheren und auch in Zweigs frühesten! Band, „Erstes Erlebnis". Ans Kleistschem Bezirk stammt das Wort: Alkmene, das Weib des „Amphytryon", bittet: „Verwirre das Gefühl mir nicht", und von verwirrtem Gefühl, seiner Ueberwindnng oder dem Untergang in ihm handelt fast alle Kleistsche Dichtung. Die erste Novelle des neuen Bandes „Vierundzwanzig Stunden ans dem Leben einer Frau", gibt den Zusammenprall Zweier Amokläufer: eine Dame der englischen Aristokratie verfällt in Montecarlo einem jungen Polen, der selbst unheilbar dem Rausch des Roulettespiels verfallen ist: Zwei Leidenschaften rasen gegen einander. Die Novelle leidet unter der etwas spießig und antiquiert anmutenden Rahmenerzählung, in der erörtert wird, ob eine „anständige Frau" binnen Minuten einem Wildfremden erliegen kann. Sie ist die stärkste Leistung des Buches: jenes Amoktempo, das dem Blute des Dichters zu innerst eigentümlich zu sein scheint, lebt sich hier völlig ungehemmt und wuchtig aus. Diese Vehemenz trägt beim ersten Lesen auch über konstruktive Mängel hinfort: es überzeugt durchaus nicht, daß die Dame, die den Polen abgereist glaubt, alle Stätten aufsuchen will, an denen sie mit ihm Zusammen gewesen ist; der Dichter muß sie aber in den Spiclsaal führen, damit sie ihn wiederum am Roulettetisch antrifft. Die dritte Novelle selbst. „Verwirrung der Gefühle" benannt, behandelt das Thema des Buches am klarsten: ein hochstehender Mensch. Professor der Anglistik an einer Hniucrfitär, leidet notvoll unter seinem ins Geschlechtliche irregeleiteten Trievleben, imb sein liebster Schüler wird in der Tiefe erschüttert, als er erkennt, daß die Leidenschaft seines Meisters aus ihn selbst gerichtet ist. Diese „Verwirrung der Gefühle" wird gesteigert — und damit verwirrt sich auch die Problematik der Novelle indem dev junge Mensch und die Gattin des Lehrers einander Zufällen. Uns, im Kreise dieser Blätter, interessiert am meisten die zweite Novelle, „Untergang eines Herzens". Ein jüdischer Kommissionsrat erkennt, daß er sür seine Frau und feine Tochter nichts bedeutet: sie lieben ihn nicht, achten ihn nicht, schämen sich seiner ungepflegten Kleidung und ungesellschaftlichen Haltung, sie konversieren und flirten mit Kavalieren und Elegants. Als der Vater entdeckt, daß die Tochter die Geliebte des Offiziers ist, beginnt der „Untergang seines Herzens", seine Gefühle verwirren sich nicht —- nur einen *) „Verwirrung der Gefühle". Drei Novellen. Im Jnselverlag (Leipzig). Dritte Sorte"? MM 9951551 9882080213592724543793348892784371309