Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 51 (17.12.1926)
- Date
- 1926-12-17
- Page
- Seite 665 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Des „Hammers" Preisfrage» Der „Hammer" hat 300 Mark ausaesetzt für drei erste Preise. Sie erhält, wer ihm, oder ist es Herr Theodor Fritsch selbst, am besten begreiflich macht, warum niemand sich bte Mühe gibt, ihm auf seine diversen Zuschriften zu antworten. Aus eine, speziell. Da hat er unter großen: Kostenaufwand eine achtseitige Flugschrift verfaßt, sie in 60 000 Exemplaren drucken lassen und versandt. Sie .richtet sich „An alle Verantwortlichen" und wurde (wie mau uns in der Nummer vom 15. Nebelung erzählt) außerdem mit persönlichem Schreiben an 36 führende Politiker aller Parteien des Reichstags geschickt mit der Bitte um Stellungnahme. Ilnd niemand voll den 60 000, und keiner von den Seckisuuddreißig hat „Stellung genommen"! Warum? Die Antwort ist also dem „Hammer" dreimal je hundert Mark wert. Schön,^ ich will mich — hors concours natürlich — an diesen: Preisausschreiben beteiligen. _ „ IVI Wie liegt dieser Spezialfall? Das Flugblatt „An alle Verantwortlichen" enthält sieben Seiten Fritschsche Polemik. Sieben von acht Seiten. Ans die kann man gar nicht antworten. Zu der haben „alle Verantwortlichen" schon längst Stellung genommen. Drese Stellung auch noch Herrn Fritsch mitzuteilen, scheint n:cht mehr nötig, wird nur noch manchmal von den Gerichten besorgt. t Bleibt die eine Seite. Sie ist fett gedruckt. Da w:rd en: Dr. Jakob Klatzkin Zitiert. Der hat. im Jahre 1916 in einer Zeitschrift „Der Jude" sich zu dem Problem „Grundlagen dev Nationaljudentums" geäußert. sogar. v_ , ... getan.) Und ich habe in dieser Seite nichts gefu längst aus meiner katholische:: N e l i g i o n s st n n d e gewußt hätte. rl , y., Daß das Gesetz für die jüdische Gememschaft n:cht nur eine Bindung, sondern ein starker, notwendiger und gewollter Schutz gegen äußeren Einfluß sowohl als gegen inneren ist, soll das etwas so Unerhörtes fein? Daß die innere Unterwerfung unter dieses Gesetz einen Teil des Geheimnisses enthüllt, daß das Fortbestehen des Judentums auch im Weltexil für den denkenden Beobachter darstellt, soll das neu sein? Soll man deshalb an Herrn Fritsch Briese schreiben? Besonders da Dr. Klatzkin*), wenigstens soweit man es aus dem Abdruck im „Hammer" ersehen kann, einen h i st o r i s ch e n Rückblick über das in kompakten Siedlungen in Osteuropa lebende Judentum gibt, deren frühere gesetzliche Ausnahmestellung er als einen der Gründe für Arterhaltung preist. Dessen Emanzipation er offenbar bedauert, da sie das einzelne Gemeindemitglied der Gerichtsbarkeit des eigenen Volkes entzogen hat. Ja, lieber Herr Fritsch, haben Sie denn eigentlich gar nicht gemerkt, daß dieser Dr. Klatzkin Ihr Bundesgenosse ist? Sie sind für Aussonderung. Er ist für Absonderung. Für Ghetto. Für Mauern. Aellßere und jedenfalls innere. Ich will nicht mit ihm streiten. Sie dürften nicht mit ihn: streiten. Man kann gegen Klatzkin Stellung nehmen, gewiß, aber dann nimmt man auch Stellung gegen Sie und Ihren „Hammer". Mit denselben Argumenten, gegen die gleichen Argumente. Aber ich vergesse die Preisfrage. Es hat Ihnen niemand geantwortet, Herr Fritsch, weil man Sie zwar nicht hindern kann, Ihre eigenen Sorgen zu haben, auch leider nicht, andere Menschen mit Ihren Sorgen zu belästigen, weil man aber auch niemand zumuten kann, sich mit Ihren Sorgen zu beschäftigen. Die nicht Ihre und nicht unsere, sondern die Sorgen der Glaubensgenossen Dr. Klatzkins ausschließlich sein sollten. Dr. Gras Montgelas. Hegen öie ttot im Osten! Die Hilfe der nichtjiidischen Amerikaner. In Amerika hat das Christliche Komitee für Aufbauhilse zugunsten der Judenschast ' in Osteuropa in der Kathedrale Ä. John the divine eine Massenversammlung abgehalten. Das Ziel des Komitees ist, einen Fonds von 2 5 Millionen Dollar für den jüdischen Wiederaufbau in Osteuropa zu schassen. Unter den: Vorsitz eines Bischof s sprachen u. a. General Pershing, der Befehlshaber der amerikanischen Armee im Kriege, der die Vaterlandsliebe der Juden rühmte, der Präsident des föderativen Rates der christlichen Kirchen Dr. Parkes, Cadman, ein Katholik, und der Präsident des amerikanisch-jüdischen Komitees Louis Marshalt. Die christlichen Redner betonten, daß die Versammlung eine neue Bewegung für Schaffung eines besseren gegenseitigen V e r st ä n d n i s s e s Zwischen Christen und Juden in Amerika einleite und der Welt zeigen werde, daß der Amerikaner keinerlei antisemitisches Vorurteil habe. An alle Kirchen Amerikas wurde ein Aufruf erlassen, in welchen: gesagt wird, die Lage der Judcn in O st europa sei nicht menschen w ü r d i g. Tausende sterben vor Hunger und Kälte, fünf Millionen Juden gehen langsam zugrunde. Es sei die Pflicht der Christenheit Amerikas, ihren jüdischen Mitbürgern in der Erreichung des Zieles zu helfen, das darin besteht, diesen großen Teil der Judenheit zu retten. *) Vg!. auch „C. V.-Ztg." Nr. 43 vom 26. November d. I. (Die Schriflleitung.) Sturmlauf gegen Jeßner. Von Fritz Engel. Die a n t i s c m itische Press e hat ihr Blut wieder einmal bis zum Sieden erhitzt und die de u t s ch n >a t i o n a l e F r a k t i o n des pro u ß i s.ch cn Landtags hat einen Antrag formuliert, dessen Absicht trotz dem nicht unbedenklichen Deutsch kann: mißverstanden werden kann. Der prasselnde Zorn tobt diesmal dem Anscheine nach nicht um politische Dinge, vielmehr ist das sogenannte ästhetische imb ethische Gefühl der Herren in Zuckungen geraten. In Wahrheit aber handelt es sich um das, was diese Leute unter Politik verstehen: um einen antisemitischen Vorstoß. Presse und Fraktion empören sich im Anschluß an die Einstudierung, des „Hamlet" gegen den Leiter des staatlichen Schauspielhauses, P r o f e f s o r I e ß n e r. Sie fordern von: Landtag eine Einwirkung aus das Staatsministerinm dahin, daß der Spielplan des Staatstheaters „gereinigt" würde. Das wrrd der Wirkung nach nur ein dekoratives Gefecht für die eigenen Anhänger und Mitläufer sein, der Landtag und das Kultusministerium werden sich an dem Feuer der Antragsteller nicht die Finger verbrennen. Aber „die tiefere Bedeutung" dieser ungewollten Satire ist und bleibt, daß der Jude Leopold Jeßner hinausgeräuchert werden soll. Diese Tendenz zwingt, dem angegriffenen Mann zur Seite zu treten. Es wäre ungerecht bis zur Gewissenlosigkeit, wenn man ihn dieser hetzfreudigen Jagdpartie auch nur zum Versuch eines Genickfanges überlassen wollte. Als Kritiker habe ich Jeßners „Hamlet"-Abend die lebhaftesten Bedenken entgegengesetzt und sie öffentlich ausgesprochen. Mit Verzicht auf meine politische Ueberzeugung, die nach links geht, habe ich darauf hingewiesen, daß ein Geniewerk von höchster Ueberzeitlichteit wie Shakespeares „Hamlet" nicht travestierend zu einer antimonarchistischen Kundgebung umgebaut tverden dürfe. Im Lause der Zeit habe ich auch sonst gelegentlich die Eigenmächtigkeit Jeßners als Regisseur beanstande:: müssen; ich vermochte nicht mit ihn: zu gehen, als er, um das „Dramatische" aus Goethes „Faust" herauszuschälen, der Dichtung die Flügel des Geistes stutzte oder gar ausriß. Das sind die Jrrtümer einer von: Zeitsluidum etwas überreizten Persönlichkeit, aber von ihnen sprechen, heißt nur anerkennen, daß sie von einem Starken und Mutigen ausgehen. Hier liegt der „Mut des Fehlens" vor, z:: dem sich dermaleinst auch Hermann Grimm bekannt hat. Was Jeßner sonst in den sieben Jahren seiner Amtsführung getan, ist, insgesamt betrachtet, eine große L e i st u u g. Vielleicht wünschen sich jene Aesthetiker auch in diesen: Punkte die wilhelminischen Zeiten zurück, die nun ein für allemal erledigten Tage, in denen wir, von einen: dilettantische:: sic volo, sic jubeo gefoltert, keine Volkskunst, keine Staatsknnst und nur eine Hosknnst hatten. Auch wir erinnern uns daran, aber mit einem Entsetzen, das nur eben durch den Gedanken an Jeßners unbesorgt zugreifende, überall auffrischende Arbeit beruhigt werden kann. In einem völlig veränderten Staate nmßte auch das Theater des Staates, sollte es nicht abbruchreif werden, ein anderes Gefüge erhalte::. Jeßner hat es ihm gegeben. Er hat Künstler verpflichtet, die nicht immer das körperliche, jedoch dafür das geistige Gardemaß haben. Er hat die wirtschaftlichen und anderen Privilegien, die der offiziellen Bühne Preußens emgeränmt sind, dahin ausgenutzt, daß er die dramatische Jugend zu Worte kommen ließ und die unausbleibliche und durch keinen Parlamentsantrag aus der Welt zu schaffende Erörterung neuer geistiger u n d k ü n st l e r i s ch e r Ideen auf dem Podiun: der ehemaligen Hofdamen- und Kadettenbühne förderte. Er hat die Klassiker gepflegt, oft, wie gesagt, in einer allzu kühnen und Übergreisenden Subjektivität, aber stets anregend und sei es selbst zun: Widerspruch. Also auch hier hat er wieder Anlaß zur Diskussion gegeben. Man muß das Auge mit einer stockreaktionäre:: Brille abgestumpft und sich das Ohr mit den: klebrigen Wachs des ewig Gestrigen verstopft haben, wenn :nan nicht bemerken will, daß jetzt ausnahmslos alle Probleme, die politischen, wirtschaftlichen und sozialen, in: treibenden Zustand der Diskussion sind, und daß die Bühnenkunst auch zu diesen Problemen gehört. Aber die Klugschwätzer dort drüben machen sich blind und taub, weil sie nur in diesen: Zustand ihr Geschäft verwalten könne::. Sie sehen und hören nicht über den nächsten Zaun hinaus. U:n den Schlaf gebracht von den: grauenvollen Alp, daß man gewagt hat, einen Juden an die- Spitze des Staatstheaters zu stellen, merken sie nicht, daß Jeßner in der ersten Reihe zu jenen gehört, die der d e u t sch e n B 1t h n c n k u n st vor der ganz e n Welt ein viel beneidetes, noch in keiner Theaterstadt Europas außer in Moskau erreichtes, jugendliches und in die Zukunft weisendes Gepräge