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Central-Verein-Zeitung · 1926-12-10 · 50 (10.12.1926) · p. Seite 654

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
50 (10.12.1926)
Date
1926-12-10
Page
Seite 654 (sequence 6)
Language
German
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654 Vom 6eurfich«r1uKett imc ftitun GsWUttm WMjl^WMWMMMWMWW tii. Und nun bin ich dort angelaugt, wo ich beginnen wollte. Man sandte mir das Sonderheft des „Juden" über Antisemitismus, an dem neben deutschjüdischen Schriftstellern auch eine Zahl prominenter „arischer" oder christlicher Schriftsteller, 5. B. Steh r, Heinrich M n n n, Alfons P a q n e t, O. A. H. S ch m i tz, Flake und M i ch e l, auch Wolfgang S ch n m a n n , mitgearbeitet haben. Ich muß bekennen, ich habe kaum etwas in den letzten Monaten so gründlich immer wieder gelesen wie diest Aussätze,^ besonders die von Flake, Heinrich M a n n us. Seine Essais proportional zu seiner rein künstlerischen Produktion (wenigstens meinem Empfinden nach). Sie sind schlechthin: ausgezeichnet. Er sagt hier ähnlich wie Tolstoi, die Inden werden ihr Bestes verlieren, wenn sie (doch das kann ja schon Palästina rein räumlich nicht bringen) wieder eine Nation werden. Und Zwar noch gerade in dem Augenblick, da die anderen Nationen beginnen, sich zu internationalisieren. Das einzige für mi ' Erfrischende und Erfreuliche in dem Heft, das Gegengifts das i immer wieder satzweise zu mir nahm, war ein Brief von Shaw an B e r n st e i n in Paris. . . . Wie gesagt, das war der einzige Lichtblick. Sonst fand ich kaum etwas in dem Heft, das mich nicht erschüttert hat. Und zwar weniger erschüttert durch das, was in den Aussätzen darin stand, sondern durch das, was nicht darin stand. Tenn die Aufsätze waren ja alle sehr gut gemeint, und ihre Verfasser loa reu durchaus nicht das, was mau A n t i semiten nennt, im Gegenteil — einige davon sind mir seit bald zloanzig Zähren bekannt — vielmehr das, was man P h i l 0 semiten nennt. Und es sei ferne vom mir, ihren besten Willen Zn bestreiten. Und trotzdem, welche u u r ichti g c 11 A11 s f a s s 11 n g c n v 0 m beut} cl/c n I n den, von seiner Mentalität, seiner Tradition, einer Religion, und vor allem von den verbrieften und selbstverständlichen Rechten, die der Jude in Deutschland hat! Und wieviel, 'agen wir höflich, stilistische Entgleisungen. Ich verstehe ihre Lage: man hat sie aufgefordert, vor einein jüdischen Forum ihre Meinung über die Juden und über den Antisemitismus auszusprechen, und es lag kein Grund vor, daß sie mit ihrer BGillung hinterm Berg hielten. Wenn man mich dazu ausgefordert hätte, würde ich in manchen Fragen des ge und der Erziehung der deutschen Inden weit aber ich hätte ans m eine r K e n n r n i s 'cd'scha| tl ichen Lebcns Wärser genwsen sein, des deutschen Juden und nicht wie jene aus einer tiefen Unkenntnis heraus geschrieben. Zum Schluß war aber noch das das Traurigste, daß man sich sagen mußte, wenn es in den Köpfen dieser christlichen und „arischen" Intellektuellen, dieser deutschen Schriftsteller von hoher Klugheit und durchaus linksstehender Note, deren Menschlichkeit über allem Zweifel erhaben ist, schon so aussieht, wenn solche All schaunngen über deul deutschen Juden durch hm siebenjährigen Krieg des Antisemitismus in ihren Hirnen sich sestsetzerl konnten . . . -nie muß es erst in den Köpfen der anderen' aus sehen. Ich habe, wie gesagt, das Glück, einen Teil der Schreiber zu kennen, manche fünfzehn Jahre und lancier, und ich würde gerne das unmögliche Experiment mit ihnen gemacht haben, dem S ch m i tz oder Flak e oder M i ch e l von 1912 ihre Arbeiten vorznlegen 11116 ihnen zu sagen: das haben Sie geschrieben. Sie würden es für einen Scherz halten, den man it ihnen erlaubt. Unddoch haben sie es geschrieben, und zwar st ehr it welcher Unerbittlichkeit, uge Krieg geführt sich mit ihnen erlaubt. Unddoch haben sie es vierzehn Jahre nach diesem Augenblick. M mit welchem Raffinement muß dieser siebenjährig nxn'ben sein, daß er selbst bei Geistern von dieser h 0 h e nArt so ein Unheil anrichten konnte, und daß es ferner möglich wurde, da auch sie vom Juden nur so loenig eigentlich wußten. Trotzdem verkenne ich keineswegs den besten Willen aller arischen oder halbarischen Schreibenden (wie S ch m i tz), vorurteilslos den so schwierigen Fragen gerecht zu werden, und ich bin noch weniger als typischer Einzelgänger etwa selbst getroffen oder verärgert. Wie kann ich beleidigt sein, wenn z. B. Schmitz den Deracino. den entwurzelten Großstadtjuden, den Lauen/den Gott aus seinem Munde ausspeien möge, als eine Art kultivierten Schandflecks des Judentums brandmarkt, ich, der ja selbst als erster diesen Typ in einem Tr. Herzfeld deutlich und überdeutlich hingestellt habe! Noch weit weniger will ich mich aber den Inden gegenüber als Ehrenrettcr auswerfen der deutschen Inden, deren menschliche Fehler ich so wenig übersehe, wie ick) ihre Vorzüge nicht zu schätzen wüßte. Die gewisse jüdische Ueberempfindlichkeit, die man am besten damit bezeichnet, wenn man einem Inden ans den Fuß tritt, schreit die ganze Gemeinde (natürlich nicht die Gemeinde, sondern die Kille), liegt mir völlig fern. Nein, wenn ich hier antworten will, so tue ich es aus einem Gefühl tiefer Traurigkeit und Niedergeschlagenheit heraus, ob all der Mißverständnisse, die selbst in den Köpfen so vorzüglicher „arischer" Denker über die eigentliche Wesenheit des Inden bestehen. Besuchtestes Kochhrunnen- Badhaus u.Passanten-HoteI für Herbst» und Winterteuren bestens geeignet, 260 Betten, grosse Gesellscliaftsminie, Konferenzzimmer, messendes Wasser in Alien Zimmern Staat st eiefilion. 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Aber auch ihnen, den deutschen Juden, die das mitschrieben, verarge ich eines, daß n i ch t einer, auch nicht der, dem die Antwort zufiel, ganz klar und eindeutig das anssprach, was ich jetzt anssprechen werde: Euer A n t i s e m i t i s m u s , da s deutsche I u d e u p r 0 b l e m, das ihr aufgeworfen h a b t, i st nicht eine Fr a ge, die i h r a n 11 n s z u richten h a b t, sondern es i st nur ein Teil jener g r 0 ß e n Frage, die wir deutschen Juden heute an unseren d e u t s ch e n M i t b ü r g e r z 11 r i ch t e rt habe n, der e t h i s ch c n 11 ö u s ch t e u 11b Politisch versagt e, und zwar vor allem in den gehobeneren sozialen Schichten. Selbst die Beschäftigung mit Wissenschaften und Künsten, die erziehen und veredeln soll, hat ihn nicht davor bewahrt. Wenn einem gegenüber, so hat der deutsche Jude heute das Recht, seinem Mitdeutschen das Wort zuzurufen, mit dem Anzengrubers „Einsam" schließt: „Ich glaub', du hast es verspielt, anderer Leut' Richter zu sein." lind daun, selbst wenn: Völker, Stämme, Nassen (auch die Juden) sind keine Schulkinder und schreiben kein Extemporale, in dem der Herr Lehrer ihnen die Fehler anstreicht!! Selbst der Pommer ist wie der Pommer und der Sachse wie der Sachse, niemand wird ihnen zumuten: „Aendere dich!" Höchstens wird man ihm bedeuten, benimm dich so, wie cs unter zivilisierten Menschen üblich ist, wenn wir mit dir verkehren wollen, und sofern du kriminell bist, wirst du mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Das aber sind keine Rassenfragen, sondern Allgemeine K u l tnrsrage n, und diese Fragen sind die einzigen, die an den deutschen Inden zu stellen sind. Es sind Anforderungen, die niemand schärfer an sich stellt, als die deutschen Inden selbst. Niemand lehnt einen deutschen Inden schärfer ab, der diesen Anforderungen nicht entspricht, als die deutsche Judenschast. Ter Deutsche übt darin viel weniger Selbstkritik, und jeder deutsche Wamm wacht eifersüchtig über seine „völkischen Belange". In großen Teilen Niederbaycrus -(ohne daß das andere Bayern daran unbeteiligt wäre) wird z. V. als Sonniagsfport, wie in Norddeutschland Tennis gespielt wird, von der Bevölkerung von alters her mit Steintrügen gehauen und mit Messern gestochen." Und soweit das alles nur eine Äeußernng überschüssiger Kraft ist, will ich gar nichts dagegen sagen, lind man lacht mit dem „Simpel" seit dreißig Jahren darüber. Es ist eine geheiligte landesübliche Nm gangsform; trotzdem, passiert etwas Ernstliches, wird's unangenehm und wandert man doch ins Gefängnis. Ich erinnere mich, daß ich einmal mit einem jungen Bayern ins Gespräch kam und er zwischen Ingolstadt und Pfaffenhofen ans ein kleines, niedliches, weißes Dörfchen wies, das sympathisch in die saust hügelige Landschaft eingebetet war, und mit einer Ruhe, als ob er bemerken wollte: „Ich glaube, wir kriegen morgen schön Wetter!",' so als Parenthese in unser Gespräch einflocht: „Do, in dem Flecke do, is mei' Vater in einer Raaferei derstoche werde", und dann im ersten alten Thema fortsuhr. Auf meine Rückfrage stellte sich nebenbei heraus, daß man hatte einem andern auflauern wollen und den Vater bei der durchaus mangelhaften Beleuchtung des Fleckens verwechselt hatte, und ehe man es noch gewahr wurde, war er „scho hi'". Worauf, glaube ich, der Gemeinderat beschloß, nicht etwa die Messer der Burschen eiuzuziehen, sondern die Nachtbeleuchtung durch zwei Laternen zu verbessern. An die „völkischen Belange" durste nicht gerührt werden. ... (Weitere Aufsätze folgen.) Kurhaus Bad Nassau 2 Sanatorium für Nerven-undinnere Kranke B

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