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Central-Verein-Zeitung · 1926-12-10 · 50 (10.12.1926) · p. Seite 652

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
50 (10.12.1926)
Date
1926-12-10
Page
Seite 652 (sequence 4)
Language
German
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Da jedes La ad di e Juden hat, die es verdient, wurden die se gehetzten und geschundenen Parias zum Teil in Berufe gedrängt, wo sie nicht gerade sozial wohltätig wirkten. Das fressende Geschwür am Leibe Rumäniens war die Agrarfrage: Aus der einen Seite die riesigen Latifundien reicher Landlords, auf der anderen Seite das wimmelnde Heer der landhungrigen Bauern. Da die Großgnmd- Besitzer es in neun von zehn Fällen vorzogen, ihre Grundrente in Monte Carlo, Nizza und Paris zu vergeuden, statt daheim den Landwirt zu spielen, vergaben sie ihre Güter an Zwischenpächter, die sie in kleinen Losen zu oft grausamen Bedingungen weiterverpachteten. Unter diesen Zwischenpächtern, die dem Landvolk als unbarmherzige Ausbeuter seines Elends erschienen, sollen sich Inden in unverhältnismnßiger Zahl befunden haben. Aber wenn auch 18,87 Prozent der verpachteten Gesamtfläche in ihren Händen waren und jüdische Pächtertrusts, wie die Fischer und Pi st er, mit Recht böses Blut machten, so gehörten doch von insgesamt 3332 Zwischenpächtern nur 472 dem Judentum an, und sänftiglicher gingen die Christen bei der Ausqnetschung des Pachtbauern auch nicht 31t Werke. Gleichwohl richtete sich in einem Laude, in dem der A n t i s e m i t i s m u s eine anerkannte Staatseinri ch t u n g w a r, auch der soziale Haß zunächst gegen die Bekenner des mosaischen Glaubens. Selbst ein Kopf von so europäischen! Ausmaß wie der Historiker und Moralist N i k 0 l a I 0 r g a ist von einem dumpfen Antisemitismus nicht frei, da er die meisten Llnsnahmebestimmungen gegen die „galizischen Vagabunden" rechtfertigt. Leicht war es denn, bei den häufigen Aufwallungen des geplagten Landvolkes die erste Wut gegen die jüdischen Zwischenpächter und die Juden überhaupt zu lenken; mit einem regelrechten Pogrom begann nicht nur der große Bauernaufstand des Jahres 1907. Ter Weltkrieg, dessen Ausgang das nationale Sehnsuchtsziel der Rumänen: vom Dnejstr bis zur Theiß! erfüllte und ein Großrumänien schuf, änderte die sozialen und politischen Dnseinsb-edingungen des ganzen Volkes von Grund aus. Durch die Agrarreform wurde aus dem Großgrundbesiherstaat ein Kleinbauernland, und die Wahlreform schleuderte die Massen in die politische Arena. A n cf) b i e Iudenfrage blieb Do n solchen UmwÜlz u n - gen nicht unberüh r t. Sprachen schon Dekrete vom September und Dezember 1918 den „Fremden", die im Lande geboren waren oder unter den rumänischen Fahnen Kriegsdienste geleistet hatten, das Recht aus Naturalisierung zu, s-o ging es vollends nicht an, die Inden, die in den österreichisch-ungarischen Gebieten Siebenbürgen und B u k 0 wi n a v 0 l l e B ü r g e r r e ch t e genossen hatten, im neuen Vaterland auf die Stufe der Rechtlosigkeit herabzudrücken, und auch die Juden in dem von Rußland an Rumänien sallendeu Beßarabien, 266 000 an der Zahl, ein Zehntel der Bevölkerung, standen wirtschaftlich und kulturell zu hoch, als daß man ihnen gegenüber eine Ghettopolitik hätte anwenden können. So zählt das neue Ru m äuie 11 nicht rt u r 7 7 8 000 Juden, nahezu fünf Prozent seiner Bevölkerung, s 0 n d e r n d i e V e r s a s s u n g von 1 92 3 teilt auch allen Staatsbürgern 0 f) n -e Unterschied d e r A b st a nr m u ng, Sprache und Religion die g l e i ch e n R e ch t e z u. Damit schien die Judenfrage gelöst. Aber wie das alte Rumänien sich ans anderem Felde mit allen, auch den schäbigsten Mitteln gegen den Ausstieg der bislang sozial und politisch niedergehaltenen Schichten wehrt, so auch hier. Obwohl die Rumänen ein Mischvolk sind, wie es im Buch steht, und in ihren Adern dakisches, lateinisches, slawisches, griechisches, türkisches und magyarisches Blut durcheinandergequirlt ist, bekam der Antisemitismus nach dem Kriege einen „rassischen", einen „völkischen" Akzent. Die von dem kleinen galligen Fanatiker C u z a gegründete „Liga zur Verteidigung der Nation und des Christentums" malt nicht nur Hakenkreuze an die Bretter, mit denen ihr die Welt Zuge nagelt ist, sondern überschlägt sich auch sonst in den gleichen Purzelbäumen wie die „völkische" Bewegung in Deutschland. In diesem Zeichen lassen antisemitische Prüstrngskommissare die jüdischen Kandidaten beim Abiturientenexamen „wegen nicht genügender Kenntnis der Staatssprachen" haufenweise durchfallen, brüllen sich die Hakenkreuzstudenten an den Universitäten Bukarest, Jas s y, C z e r n 0 w i tz und T e m e s v a r unter allerhand wüsten Rüpelszeuen nach dem numerus clausus heiser, heischen d i e zehn c u z i st i s ch e n Abgeordneten i n der K a m m e r i nr 9^ a m e n der r e i nb l ü t i g e n rumänischen E d e l i n g e Enteignung und Vertreibung aller Juden. Pogro m f «ft liegt ft i cf t g über R u m ä n i e n, und das mit d e m F a s c i s m u s l i e b ä u g e l n d e K a b i n e t t A v e r e s e u l ä ß t e i n e n i m m e r zügelloser werdenden Hake n kreuz m 0 b r u h i g, j a, wohlwollend g e lv ä h r e n. Zwei Mädchen werden ans dem fahrenden Zuge geworfen, nur weil sie Jüdinnen find, und die Täter bleiben straflos. Der Student Z e l e a - C 0 d r e a n u schießt den Polizeipräfetten von Jassy über den Haufen, weil er ihn für einen „Judenknecht" hält, und wird, mit dein Hakenkreuz geschmückt, von hakenkreuzgeschmückten Richtern sreigesprochen. Ein von Jassy eigens herbeigeeiltcr Gymnasiast streckt im, Gerichtsgebäude von Czernowitz den jüdischen Mittelschüler Fallit mit R evolver schliffen tot nieder, weil er Rumänien beleidigt habe, und erhält von nicht weniger als 160 Rechtsanwälten Angebote, seine Verteidigung zu übernehmen. Die Mordhetze gegen die Juden, die unter Ausschlachtung der blödesten Ritualmordmärchen namentlich auf dem flachen Lande von den Cuzisten betrieben wird, trägt ihre Früchte! Wohl gibt es in der Bildungsschicht wie in der Masse nicht wenige Rumänen, die sich der antisemitischen Schmach schämen und sich ihr entgegenstemmen, aber sie sind heute noch zu schwach. Doch wenn dem rumänischen Staat in naher Zukunft, wie es allen Anschein hat, schwere Politische Erschütterungen bevorstehen, werden die Sympathien Europas nicht bei denen sein, die im zwanzigsten Jahrhundert Anschauungen des Mittelalters in die Tat umsetzen möchten. Und Rurnänien bedarf der Sympathien Europas. Folgen öes Vorkumlreöes. Die jüngste Errrdener Gerichtsverhandlung. Der Zwischenfall, der dem Emdener Rechtsanwalt Dr. C h a r i g, der gleichzeitig unsere Syndikatsgeschäfte in Ostfriesland wahrnimmt, im Sommer dieses Jahres auf Borkum zustieß — wir berichteten darüber in Nr. 27 der „C. V.-Zeitung" —, fand in diesen Tagen seine gerichtliche Sühne. Bekanntlich war damals Dr. Charig, der sich beruflich auf Borkum aushielt, am Strande erkannt worden. Die Borkumer Knrkapelle stimmte die Melodie des B 0 r k u m l i e d e s an, und das Lied hatte die respektlose Eigenschaft, ganz entgegen den Deduktionen des preußischen O b e r v e r w a l t un g s g e r i ch t e s, au ch ohne Text aufreizende Wirkung a u s z u ü b e it,_ Charig mußte sich vor den Beschimpfungen und Drohungen der aufgeregten Volksmenge, zusammen mit seinen ihn begleitenden nichtjüdischen Freunden, in Schutz hast begeben. Die große Presse hat über das Ergebnis der Hauptverhandlung, die sich in Emden vor dem großen Schöffengericht am 3. d. M. abspielte, bereits berichtet. Kapellmeister Rothe wurde freigesprochen, dagegen erhielten zwei besonders vorlaute Burschen wegen Wideristands gegen die Staatsgewalt drei Monate Gefängnis und 20 Mark Geldstrafe, eine völkische Dame wegen öffentlicher Beleidigung 100 Mark Geldstrafe. Bon besonderer Bedeutung, die Bestrafung jener Burschen weit überragend, ist das Plädoyer des Staatsa imv a l t s sowie die Urteilsbegründung gewesen. Der Staatsanwalt hob hervor, daß hier deswegen ein so schweres Vergehen vorliege, weil nicht nur ein einfaches Staatsgesetz (das Strafgesetzbuch) verletzt, sondern gegen die vom Volke beschlossene Reichsverfassung v e r st 0 ß e n sei. Die Borkumer müßten endlich begreifen, daß sie nicht eigenwillig die Verfassung ändern könnten und dürften. Die Reichsversassnug gewährleistet jedem deutschen Staatsbürger das Recht der Freizügigkeit. Eine Insel bestimmten Volkskreiscn zu verbieten, widerspricht der früheren wie der heutigen Versaffnng des Deutschen Reiches. Es ist ein unerhörter Berfassnngsbruch, wenn bestimmte Bevölkerirngskreise anderen den Anfenthalt an einem Orte des Deutschen Reiches verweigern. Dieses unerhörten Verfassungsbruches machen sich die Borkumer und ihre Kurgäste fortgesetzt schuldig. Wenn eine derartige eigenmächtige Umänderung der Reichsverfaffung mit Mitteln angestrebt wird, wie sie dieser Prozeß gezeigt hat, so kann eine solche Handlungsweise nicht scharf genug verurteilt und nicht schwer genug bestraft werden. Die Borkumer können nicht verlangen, daß die Juden ihrer Insel sernbleiben. Im Gegenteil. Es muß auf Grund der Reichsverfaffung verlangt werden, daß die gegenwärtigen unhaltbaren und widerrechtlichen Zustände aus Borkum a u s h ö r e n. Jeder aber, der dazu beiträgt, daß die jetzigen Zustände bestehen bleiben, muß außerordentlich schwer bestraft werden. Dementsprechend beantragte der Staatsanwalt durchweg Gefängnisstrafen bis zu sechs Monaten. In der Begründung zu dem bereits erwähnten Urteil führte das Gericht aus, daß aus tatbestandsmäßigen Gründen der Kapellmeister wegen Aufreizung zum Klassenhaß nicht bestraft werden könne. Nach dem Gang der Verhandlung blieb jedoch für keinen ein Zweifel daran, daß objektiv durch das Spielen der Melodre die Aufreizung bewirkt wurde. Es wird abzuwarten fein, ob die Verwaltungsbehörden das Ergebnis dieser Hauptverhandlung in der einzig möglichen Form würdigen werden. Neue Stndettterrgrnppe des C. B. irr München. Wir berichteten in der vorigen Nummer unserer Zeitung über die Vorgänge bei der Jubiläumsfeier der Münchener Universität, infolge deren die jüdischen Korporationen an der Feier nicht teilnehmen konnten. Es wird daher allgemein interessieren, daß in München die N e u g e st a l t u n g der Studentengruppe des Central Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens vorbereitet wird. Die NeugrüttdungsversamnrLnng findet am Montag, 13. Dezember, im Bibliotheksaal der Gemeinde in München, Herzog-Max-Stratze 7, 114 Stock, abends 8^4, 8. t., statt, und der Syndikus des Landesverbandes Bayern des Centralverems, Tr. Ludwig Freund, wird über das Thema „Der jüdische Student" sprechen.

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