Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 50 (10.12.1926)
- Date
- 1926-12-10
- Page
- Seite 651 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ausschreitungen in Rumänien. Jüdische Reisende aus den Zügen geworfen und misshandelt. - Ein Steinbombardement. - Synagogen arg beschädigt. - In Kischinew 20 Schwerverletzte. - In Bukarest fünf jüdische Studenten verletzt. In Nr. 37 der ,,C. V.-Zeitung" dom 8. September d. I. berichteten wir ausführlich über die Lage der rumänischen Juden, die trotz theoretischer Gleichberechtigung in einer tatsächlichen Rechtlosigkeit zu leben verurteilt sind. In den letzten Wochen häufen sich die Meldungen über Ausschreitungen gegen Juden dorch so daß es dringend notwendig ist, die Aufmerksamkeit unserer jüdischen und der zahlreichen christlichen Leser dieser Blätter auf diese Vorgänge zu lenken. Die Teilnahme der deutschen Juden wie auch aller gerecht denkenden Nichtjuden an dem traurigen Geschick der rumänischen Juden, wie die Entrüstung über den vollkommen versagenden Schutz der rumänischen Staatsgewalt Juden gegenüber, steht fest. Ueber die letzten schon fast pogromartigen Geschehnisse lesen wir in dem Dienst der „Jüdischen Telegraphen-Agentur": Kischinew, 5. Dezember. Die Zahl der antisemitischen Studenten, die als Gäste des Erzbischofs Gurre vom Jassyer Studentenkongreß hier eintrafen, betrug mehr als 300. Nachdem diese Studentengruppe während des ganzen Neiseweges von Jassy nach Kischinew die jüdischen Mitreisenden und die Judenschaft auf den Eisenbahnstationen schweren Peinigungen unterzog und mehrere Juden aus dem Zuge hinauswars, wurden nach dem Einzug in Kischinew in den Hauptstraßen alle jüdischen Passanten angehalten, beschimpft und mißhandelt. Polizisten und Soldaten nahmen die Studenten in Schutz gegen Juden, die sich ihrer erwehren wollten. Die Radauszenen steigerten sich immer mehr, so daß in der Mittagszeit in der ganzen Stadt eine wahre P o g r o m st i m m u n g herrschte. Die jüdischen Geschäftsinhaber schlossen die Lüden, die Judenschaft vermied es, die Straßen zu betreten. Nun begann die Studentenschaft mit einem Angriff auf die jüdischen Wohnungen und Geschäftsläden. Planmäßig wurde in den hauptsächlich von Juden bewohnten Gassen ein Steinbombardement gegen die Wohnungen und Geschäftsläden durchgesührt. Die Einwohnerschaft mußte zum großen Teil in die Keller flüchten. Besonders sahen es die Huligans aus die Synagogen ab. Einige Synagogen wurden erheblich bcschädigt, so u. a. die Haber-Synagoge, die Heker-Synagoge rrrrd die Synagoge „Beth lechem". Erst als eine Abordnung der Judenschaft sich zum Stadtkommandanten begab und um Schutz bat, wurde Militär in die Stadt gelegt. . . Die Zahl der jüdischen Verletzten in Kischinew ist sehr grotz; im Spital wurden etwa 20 Schwerverletzte ausgenommen. Bukarest, 5. Dezember. An der Bahnstation Kalarasch Zwischen Jassy und Kischinew erzwangen die Studenten ein längeres Halten des Zuges. Sie begaben sich ins Städtchen, wo sie eine sehr große Zahl jüdischer Einwohner schwer verprügelten u n b fast sämtliche Fensterscheiben z e r t r ü m m e r t e n. Man zählt mehrere Schwerverletzte unter der jüdischen Einwohnerschaft. „Dimineatza" meldet: Die vom Jassyer Studentenkongreß zurückkehrenden Studenten veranstalteten in Fokschani, Buzeu, Ploeschti und in anderen Städten antisemitische Exzesse, wobei zahlreiche jüdische Passagiere aus den fahrenden Zügen geworfen wurden und in den Städten selbst die Judenschaft terrorisiert und schwer mißhandelt wurde .... In Bukarest selbst veranstalteten die aus Jassy zurückkehrenden Studenten in der Calea Grivizei schwere Exzesse. Beim Kolleg des Professors des Zivilrechts Plastara im Carl- Institut wurden die jüdischen Studenten von den christlichen Kollegen überfallen und mißhandelt. Fünf schwerverletzte jüdische Studenten mutzten mit Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht werden. Auch an der Handelshochschule fanden schwere Ausschreitungen gegen die jüdischen Studierenden statt. Ueber den Hintergrund, auf dem sich diese grauenerregenden Bor* gänge abspielen, schreibt uns Hermann Wendet, der hervorragende Balkankenner. Hermann Wendel: Der Antisemitismus in Rumänien. Wenn die Juden in der Türkei ziemlich unbehelligt lebten, traten sie in den freien Balkanstaaten, die sich nach Zurückdrüngung der Osmanenherrschaft in Europa bildeten, ohne weiteres in den Genuß voller Bürgerrechte; Serbien, Bulgarien und Griechenland sind die klassischen Länder des N i ch t a n t i s e m i - tismus in der neueren Geschichte, und was sich in ihnen jüngst da und dort an judenseindlicher Stimmung zeigt, ist lediglich ein bedeutungsloser Importartikel aus dem Abendland. Anders Rumänien. Die rumänischen Fürstentümer M o l d a u und Walachei waren nie türkisches Gebiet, sondern nur als Vasallenstaaten der Pforte tributpflichtig; sie behielten ihre einheimischen Fürsten und' Bojaren, die mit dem ganzen gedunsenen Dünkel großer Herren auf die aus der Türkei, Polen und Südrußland einwandernden Juden herabsahen und aus ihnen neben ihren schollenvslichtigen Bauern eine Zweite Klasse von Parins schufen. Schon 1526 untersagte eine Verordnung des Wojwoden der Moldau, Stefan, d e n Juden d -e n E r w e r b von G r u n d b e s i tz u tt b b i e Ausübung des Bäcker-, Schlächteru n b Gastwirtsgewerbes'. Im achtzehnten Jahrhundert findet man sie dafür als Pächter jener Ländereien, die die Bojaren selbst zu bearbeiten zu faul waren, und auch als Schankwirte in fccn Dörfern, aber nicht nur stellte das Reglement Organique von 1632,^ das die russischen Protektoren den beiden Donausürstentümern aufzwangen, d i e Israeliten u n t e r A u s n ah m erc ch t, sondern auch die Verfassung des neugegründeten rumänischen Staates von 1866 machte für Fremde, Zu denen die Juden gezählt wurden, die Einbürgerung und damit die politischen Rechte vom christlichen Bekenntnis abhängig,. Wohl suchte der § 44 des Berliner Bertrages von 1878 den Artikel 7 der rumänischen Verfassung, der die Juden in der Tat hinter Ghettotore verbannte, unwirksam zu machen, aber seine B e - st i m rn u n g, daß i n R u m ä n i e n nie m ande m der N n - schied des Glaubens als Grund der A u s s ch l i e ß u n q v o n bürgerlichen und politischen R e ch t e n eut - g e g e n g e h a l t e n werden dürfe, blieb eitel Kanzlei- Papier. Das den Juden angetane Unrecht wurde dadurch gewiß nicht geringer, daß es eine große Masse von Menschen traf. Rach der Zählung von 1912 lebten im Königreich unter rund acht Millionen Einwohnern 239 967 Juden, von denen vier Fünftel in Städten wohnten. Wenn sie in der Walachei, Bukarest ausgenommen, za bienmäßig geringer waren, saßen sie in der Moldau dafür desto dichter. Im Departement Jassy bildeten sie ein Viertel der Bevölkerung und machten, wie in Jassy selbst, auch in den anderen uordmoldaurschen Städten und in vielen Marktflecken die Mehrheit aus. Von ihnen allen hatte im Lauf der Jahrzehnte nur ein mit unbewaffnetem Auge kaum erkennbarer winziger Bruchteil aus dem Wege der individuellen Naturalisierung, durch die die Vukarester Machthaber den Willen des Berliner Kongresses zu erfüllen versprachen, die rumänischen Vollbürgerrechte erlangt. Die große Masse spielte im Erwerbsleben eine bedeutsame Nolle und verfügte über einen ansehnlichen Teil des Bankkapitals und Großhandels, aber Politisch bestand sie aus „Schutzbefohlenen", die wohl der Steuer- und Heeresdienstpflicht unterlagen, doch weder das aktive noch das Passive Wahlrecht besaßen, weder Staatsämter bekleiden noch Grund und Boden erwerben durften; ein Gesetz von 1902 nahm ihnen sogar das Wahlrecht in den Innungen und anderen Wirtschaftskörperschasten, in denen sie oft die Mehrheit innehatteu. Sie waren Heloten, sie trugen den gelben Fleck der Nechtslosigkeit am Gewände! Auch der im Mai 1917 von Richard Marokke und Christoph Bendtner in Berlin gegründete, von den Abgeordneten Kuttner und Stampfer geleitete Reichsbund der Kriegsbeschädigten mit seinen 410 000 Mitgliedern und gleichnamigen Zeitschrift vertritt das Prinzip der Gleichberechtigung. Als in derselben Richtung kämpfend möge noch der von dem Staatsminister a. D. Dr. Han i sch Ende 1919 in Frankfurt a. M. gegründete, zurzeit von Oberbürgermeister Dr. Hermann Luppe (Nürnberg) geführte Deutsche Republikanische Reichsbund mit seinen 35 000 Mitgliedern erwähnt werden. — Die Nachkriegszeit bestätigt die alte Erfahrung, daß die deutsche Judenheit in unruhigen Zeiten durch eine Gefahrenzone zu gehen hat, die zwar nicht so furchtbar gefährlich wie die in den Oststaaten, aber gefährlicher als in den Weststaaten ist. Noch sind nicht alle Gefahren beseitigt. Die Republik ist jedoch hinreichend konsolidiert, um den Grundgedanken der Freiheit und staatsbürgerlichen Gleichberechtigung allen noch vorhandenen subversiven Tendenzen gegenüber siegreich durchsechten zu können.