Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 50 (10.12.1926)
- Date
- 1926-12-10
- Page
- Seite 650 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die vielen Dutzende von kleinen antisemitischen Vereinen, die überall existieren, sollen hier nur in Bausch und Bogen erwähnt werden. Sie bezeichneten sich oft als vaterländische Verbünde. An der Spitze der sogenannten Vereinigung vaterländischer Verbände (V. V. V.), die in voller Auslösung begriffen sind, steht General v. d. G o l z. Größere Bedeutung kommt den Osfiziersbünden zu. Drei von ihnen stehen Nus völkischem Boden, während ein vierter, der Deutsche Offiziersbund, mehr eine Interessen- und WirtschaftsorganisaLion 'darstellt und jeden Deutschen aufnimmt, der Offizier ist oder war. Er ist am 28. November 1918 von dem General v. Scheuch und Major a. D. Weber st e d t in Berlin, Potsdamer Straße 22b, gegründet worden. Gegenwärtig leitet ihn General v. H u t i e r. Er Zählt 100 000 Mitglieder und gibt die Zeitschrift „Deutscher Ossiziersbund" heraus. Der Nationalverband Deutscher Offiziere, gegründet am 16. Dezember 1918 in Berlin, wird geleitet von dem Generalmajor a. D. Friedrich v. Hirsch. Sein Organ ist die Zeitschrift „Deutsche Treue". Seine Mitgliederzahl wird auf 15 000 geschätzt. Der Reichsoffiziersbund, 1920 von Hartmann (Dresden) gegründet, jetzt von W o d l ü (Berlin-Steglitz, Schützenstraße 3) geführt, hat 8000 Mitglieder. Nach den Satzungen ist der Beitritt von Juden nicht verboten. Tatsächlich dürften sie jedoch kaum Aufnahme finden. Der Deutschvölkische Ossiziersbund verlangt bei der Aufnahme „Deutschftümmigkeit". Als deutschstämmig gilt nur, wer ehrenwörtlich versichert, daß sich unter seinen Eltern und Großeltern kein Jude oder sonstiger Rassesremder befindet, und daß ihm von seinen übrigen Vorfahren nichts Gegenteiliges bekannt ist. Auch Offiziere, die mit Jüdinnen verheiratet sind, dürfen nicht aufgenommen werden. Die Zusammenfassung sämtlicher Kriegervereine in Deutschland bildet der Kysfhäuserbund, mit dem Sitz in Berlin. Die- Leitung hat vor wenigen Tagen an Stelle des verstorbenen Generalobersten a. D. v. H e e r i n g e n der General a. D. v. Horn übernommen. Die dem Khsfhäuserbund angeschlossenen Verbände haben insgesamt 3 500 000 Mitglieder. Der wichtigste Unterverband des Kyfshäuserbundes ist der Preußische Landeskriegerbund mit 1268 000 Mitgliedern. Er gibt die „Kriegerzeitung" heraus. Zwei Wirtschaftsvereinigungen mögen hiernach ihren Platz finden. Der Reichsbund vaterländischer Arbeitervereine läßt nach 8 2 feiner Satzungen nur solche Mitglieder zu, die aus streng nationalem Boden stehen, nicht Sozialdemokraten und Kommunisten sind und keinen gegnerischen Organisationen oder Unterstützungskassen augehören. Die Frage der Religion ist nicht erwähnt, doch finden tatsächlich Juden keine Aufnahme. Er besteht in der jetzigen Form seit 1924, zählt 180 000 Mitglieder und wird von dem Landtagsabgeordneten Willi Schmidt (Berlin) geleitet. Der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband ist zwar bereits 1897 von Schack und "Döring in Hamburg gegründet, bevor noch an eine Deutsch-nationale Partei zu denken war; die Mehrzahl seiner 280 000 Mitglieder dürste jedoch der Deutschnationalen Partei nicht fernstehen. Zurzeit führt den Verband Hans Rechlyn (Hamburg). Der wichtigste von den Verbänden, die theoretisch in der Frage des Antisemitismus neutral sind, ist der „Stahlhelm", Bund der Frontsoldaten: ihn gründete am 13. Februar 1919 der Magdeburger Kaufmann Franz Seldte. Der Bundessitz ist Magdeburg, Alter Markt 11. Der Stahlhelm zählt 900 000 Mitglieder. Das gleichnamige Bundesorgan war vom 20. August bis 30. September 1926 verboten. Der Verband selbst war vom 24. Juni 1922 bis 24. Januar 1923 verboten. Der ebenfalls unter der Leitung Franz S e l d t e s stehende, 1924 in Magdeburg gegründete „Jungstahlhelm" mit der gleichnamigen Zeitschrift umfaßt 100 000 Personen. Der Stahlhelms besaßt sich grundsätzlich nicht mit der sogenannten Judenfrage. Satzungsgemäß kann jeder deutsche Bürger als Mitglied ausgenommen werden, der sich zu den Stahlhelmsatzungen bekennt. Die Aufnahme eines Juden kann deshalb nicht abgelehnt werden, weil er Jude ist. Dieser Standpunkt wurde offiziell sestgelegt in der Bundesi) Man vergleiche auch den Aussatz: „Die neueste Entwicklung in den Wehrverbänden" in Nr. 47 der „(£. V.-Zeitung", sowie auch die Nr. 26 über den Jungdo- Danach scheint uns die hier gegebene Charakterisierung von Stahlhelm und ganz besonders vom Jungdo der Ueberprüsung zu bedürfen. (Die Schristleitung.) Vorstandssitzung für den Frontsoldatentag von 1922, in der folgender Antrag mit 300 gegen 120 Stimmen angenommen wurde: „Der Frontfoldatentag wolle seststellen, daß entsprechend der Satzungen des Stahlhelms für diesen die sogenannte Judensrage nicht bestehe. Mit dieser beschäftigen sich Sonderorganisationen, denen beizutreten dem Ermessen jedes einzelnen Kameraden überlassen werden muß. Innerhalb des Stahlhelms ist jedenfalls eine Behandlung dieser Frage zu unterlassen, da hierdurch die Kameradschaft aufs schwerste gefährdet werden kann." Es kann jedoch nicht verkannt werden, daß sich die Mehrzahl der Mitglieder des Stahlhelms aus antisemitischen Kreisen rekrutiert. Es ist als ein persönliches Verdienst des Bundesführers Franz Seldte anzuerkennen, daß seine Autorität ein Abgleiten der Organisation als solcher in das antisemitische Fahrwasser bisher verhindert hat, wie es ihm auch gelungen ist, in der Frei nt aurerfrage die Neutralität zu wahren. In der Praxis dürften nur sehr wenige Juden Mitglieder des Stahlhelms sein. Im Kreise Magdeburg ist mir kein Fall bekannt, in dem ein Jude Mitglied wäre. Antisemitische Propaganda in der Oesfentlichkeit kann aber nicht festgestellt werden. Die mit dem Antisemitismus zusammenhängenden Fragen werden in den öffentlichen Versammlungen geflissentlich umgangen. Noch weniger als den Stahlhelm kann man den zweiten großen Verband, der sich wie dieser voraussichtlich aus dem Zusammenbruch der sogenannten vaterländischen Bewegung heraushalten wird, den „Ju n g d e utsch e n Orden", als offiziell antisemitisch bezeichnen. An Zahl steht dieser von Arthur Mah raun in Kassel 1919 gegründete Verband, der nach dem Vorbilde mittelalterlicher Orden organisiert ist, mit einem Hochmeister, Komtur, Balleten usw., mit seinen 70 000 Mitgliedern weit hinter dem Stahlhelm zurück. Er ist jedoch politisch bedeutsam. 1922 ist zwar der Jungdeutsche Orden verboten gewesen. In den letzten Jahren hat er aber eine Politik verfolgt, die ihn vorteilhasterweise von den rechtsradikalen Verbänden unterscheidet. Er wirkt energisch jedem Putschismus entgegen. In der Außenpolitik vertritt er den Gedanken einer Interessengemeinschaft zwischen Deutschland und Frankreich. In seiner Zeitschrift „Der Jungdeutsche" finden sich zum Teil recht vernünftige Aussätze. Nach seinen Satzungen kann jeder deutsche Mann Ordensbruder werden. Wenn sich tatsächlich wenig Juden in den Reihen des Jungdo befinden, so dürfte dies aus die organisatorische Form des Ordens Zurückzuführen sein. Die kommunistischen Organisationen, insbesondere der Rote Fr o n t k äm p s e r b u n d , den Ernst Thälmann 1923 in Berlin mit 100 000 Mitgliedern gründete, machen natürlich Zwischen den einzelnen Nationalitäten und Glaubensbekenntnissen keinen Unterschied. Da sie aber überhaupt keine praktische Politik treiben, entfallen sie bei der Bilanzziehung ihrer Stellung zum deutschen Judentum. Als in erster Linie stehende Großorganisation für die staatsbürgerliche Gleichberechtigung ist das Reichsbanner „S ch w a r z - R o t - G o l d" zu bezeichnen. Es ist das eigenste Werk des Oberpräsidenten Otto H ö r s i n g in Magdeburg. Seine Gründung wurde in dem schweren Winter 1923 auf 1924, in den Zeiten des Belagerungszustandes und des Hitler-Putsches, vorbereitet und am 22. Februar 1924 in Magdeburg offiziell vollzogen. Seit fast drei Jahren ist Otto Hörsing Präsident des Reichsbanners. Seiner unermüdlichen Arbeit in erster Linie ist es ztr danken, daß diese Großorganisation, deren Aufgabe der Schutz und die Verwirklichung der Weimarer Verfasiung ist, zurzert 3A Millionen Mitglieder zählt. Offizielles Bundesorgan ist die Zeitschrift „Das Reichsbanner". Ferner ist zu erwähnen die gut geleitete „Illustrierte Reichsbanner-Zeitung". Das Reichsbanner nimmt die Verfassung ernst und setzt sich deshalb mit voller Tatkraft für die verfassungsmäßig festgelegte Gleichberechtigung aller Staatsbürger ein. Hier möge die Bemerkung eingeschaltet werden, daß Mitteldeutschland, insbesondere seine Hauptstadt Magdeburg, als Sitz der beiden wichtigsten Verbände Reichsbanner und Stahlhelm ein politischer Brennpunkt ersten Ranges in Deutschland geworden ist. Andere Verbände, wie der Wehrwolf in Halle, kommen hinzu. Dabei ist zu bedenken, daß auch wirtschaftlich infolge der Verluste im Osten und der Hemmungen im Westen das mitteldeutsche Industriezentrum bestimmt ist, zu immer größerer Bedeutung zu kommen. Der Bau des Mittellandkanals liegt in derselben Linie. (Fortsetzung Seite 651 unten.j