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Central-Verein-Zeitung · 1926-12-03 · 49 (3.12.1926) · p. Seite 637

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
49 (3.12.1926)
Date
1926-12-03
Page
Seite 637 (sequence 5)
Language
German
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Arbeit in M r Der Württembergische Landesverband des Centralvereins ist aus der Ortsgruppe Stuttgart hervorgegangen, die im Jahre 1897 sieben Mitglieder zahlte. Im Jahre 1899 übernahm der Verfasser dieses Aufsatzes die Stelle eines Vertrauensmanns in Stuttgart und begründete einen Ortsausschuß von 15 Personen, von denen heute nur mehr sechs leben. Schon im nächsten Jahre konnten die damaligen beiden Vorsitzenden des Vereins, Fuchs und Horwitz, in einer stark besuchten Versammlung in Stuttgart sprechen, und dank ihrer glänzenden Beredsamkeit einen großen Mitgliederzuwachs erzielen. Vier Jahre nach der Gründung des Ortsausschusses hatte Stuttgart bereits 193 Mitglieder. Die Einladung zu einer Versammlung am 26. Februar 1903, bei welcher Maximilian Horwitz sprach, trug bereits Unterschriften aus vier Städten und erging -an mehr als;1400 Glaubensgenossen in Württemberg. Horwitz und der Berichterstatter schlugen damals dem -einladenden Komitee die Gründung eines württembergischen Landesausschusses vor, und die Vertreter von Cannstatt, Heilbronn und Ulm erklärten sich zum Anschluß bereit. Aber merkwürdigerweise waren die Vertreter der großen Chewroth in Stuttgart so entschieden gegen den vorgetragenen Plan, daß der Landesverband, welcher mit der Hinausgabe der Einladung an die Mehrzahl der württembergischen Juden tatsächlich doch schon ins Leben getreten war, nicht gegründet werden konnte. Immerhin wurde wenigstens so viel erzielt, daß nachher ein gemeinsamer Aufruf aus den vier oben genannten Städten an alle Juden in Württemberg erging, der dem Centralverein 475 Mitglieder in Württemberg verschaffte. Ende Oktober des gleichen Jahres erließ der Berichterstatter als Vorsitzender des Stuttgarter Ortsausschusses im Auftrag des Hauptvorstaudes ein Nundschreiben in Württemberg Zur Anwerbung von Vertrauensmännern, und kurz darauf konnte schon ein Schreiben mit Unterschriften von 15 Gemeinden an die württembergischen Juden ergehen. Die förmliche Begründung des Landesverbandes Württemberg erfolgte drei Jahre später, am 14. Oktober 1906 im Sitzungssaal der Stuttgart-Loge. Der Vorsitz im LandesauZschuß wurde dem Stuttgarter Vorsitzenden übertragen. An diesen Erinnerungen ist eines interessant: Die Schwierigkeit, mit welcher sich damals eine Zusammenfassung der Ortsgruppen in Württemberg vollzog, obwohl gerade dieses Land schon seit dem Jahre 1828 die staatliche Zusammenfassung der Kultusgemeinden kannte. Die Tätigkeit des Landesausschusses in den nächsten Jahren hat heute wenig Interesse mehr. Im Jahre 1910 wurden die hohenzollerischen Orte H a i g e r l o ch und H e ch i n g e n dem württembergischen Landesausschuß angegliedert, in: Jahre 1913 der Vorsitz im Stuttgarter Ortsausschuß von dem Vorsitz im Landesausschuß getrennt. Erst der Mat 1914 brachte eine neue, wesentliche Einrichtung: die Gründung des Schiedsgerichts Stuttgart-Cannstatt, das die Aufgabe hatte, „Streitigkeiten jeder Art unter den Glaubensgenossen zu vermitteln und zu erledigen". Derartige Schiedsgerichte hatten sich in Z w e i b r ü ck e n und an anderen Plätzen vorzüglich bewährt, und es ist nicht zu bezweifeln, daß wir mit dieser Einrichtung auch in Württemberg etwas Segensreiches hätten schaffen können, wenn nicht der Krieg die neue Schöpfung im Keim erstickt hätte. Es wird aber ernstlich zu überlegen sein, ob man nicht heute wieder daran denken sollte, bei allen größeren Ortsgruppen im Reiche derartige Schiedsgerichte ins Leben zu rufen, um vor allem die besonders unerfreulichen Beleidigungsklagen ohne gerichtliche Entscheidung mi» der Welt Zu schassen. Der Krieg legte die Vereinstätigkeit in Württemberg ebenso wie im ganzen Reiche lahm/weil nach und nach alle'jüngeren, arbeitswilligen Vereinskrüfte im Feld standen. Eine nicht unwichtige Kriegserinnerung möge'erwähnt sein: Der württembergische LandesauZschuß- Vorsitzende konnte sich im Feld häufig davon überzeugen, daß die jüdischen Soldaten im Gegensatz zu denen anderer Bekenntnisse aus der Heimat wenig oder gar keinen Lesestoff erhielten, der geeignet war, ihr Selbstbewußtsein zu heben und ihre Kenntnisse der eigenen, so vielfach angegriffenen Religion zu fördern. Ein reger Briefwechsel. der sich zwischen einem Dorf in der Champagne und dem Bureau in Berlin abspielte, brachte zwar die volle Zustimmung von Eugen Fuchs und die Bereitwilligkeit des gesamten Hauptvorstands, Zu helfen, aber der Erfolg blieb diesem Plan versagt, weil eben auch in Berlin die notwendigen Hilfskräfte für ein solches Unternehmen Nicht mehr zu haben waren. Es kam noch zu Verhandlungen des Centralvereins mit der Konferenz der Feldrabbiner des Westens und zur Anbahnung von Verhandlungen mit der gleichen Vereinigung auf dem östlichen Kriegsschauplatz, doch blieben alle diese Versuche ohne Auswirkung. Je mehr der Krieg vorrückte, desto mehr wuchsen die Angriffe gegen die Juden, und das unglückliche Ende des Weltkriegs war zugleich der Beginn eines fessellosen Sturmlauss gegen die Juden, die man in bezug auf die Erfüllurig ihrer vaterländischen Pflichten schamlos verleumdete. Am 20. Dezember 1918 berief der württembergische Landesausschußvorsitzende alle Fe l dz u g s t e i l - n chmcr in Stuttgart zu ein c r V er s am mlit n g mit der Aufforderung: „Unser Verein hat während des Krieges nicht so arbeiten dürfen, wie er wollte. Jetzt will er alles tun, was in seinen Kräften steht, um uns Recht und Achtung im deutschen Vaterland zu sichern. Die ihr Leben und ihre Gesundheit auf dem Schlachtfeld aufs Spiel gesetzt haben, können mit Recht verlangen, daß ihre Stimme auch im Frieden gehört wird." Der Erfolg dieser Versammlung war ein glänzender. Sie brachte dem Centralverein 112 neue Mitglieder. Aber die Angriffe unserer Gegner waren so maßlos, daß ein Teil unserer jüngeren Mitglieder glaubte, einen eigenen Stoßtrupp zur Abwehr der Judenhetzer bilden zu müssen, und deshalb ein besonderes Aktionskomitee ins Leben rief. Es zeigte sich jedoch schnell, daß die Zersplitterung der Kräfte mehr Schaden als Nutzen brachte, und bereits am 15. Januar 1919 vereinigte sich das neue Komitee mit der Ortsgruppe Stuttgart des Centralvereins. Ende Januar 1919 bildete der Ortsausschuß einen besonderen Ausschuß jüdischer Frontsoldaten, und Ende Februar 1919 forderte der württembergische Landesausschuß die Kriegsteilnehmer im ganzen Laude auf, sich unter Angliederung an die Ortsgruppen des Centralvereins Zu besonderen Kriegsteilnehmerverbän d e n zusammenzuschließen. Als erste Aufgabe derselben wurde die Schaffung einer einwandfreien Statistik bezeichnet. Ein am 7. März versandtes Nundschreiben an die jüdischen Leh rer im'den kleinen Gemeinden bat um die Nennung von Frontsoldaten, welche geeignet und willens seien, die statistischen Arbeiten zu leisten. Am 15. März 1919 wurden die Zählkarten für die Statistik in ganz Württemberg versandt. Man sieht, der Centralvereiu hatte nichts versäumt; aber der sorgfältig ausgedachte und Alt angelegte Plan fand nirgends die notwendige Unterstützung unb konnte erst nach Jahren verwirklicht werden. Die Hetze der Judengegner hatte schlimme Folgen. Ein Teil unserer jungen Leute, die erlebt hatten, daß der Centralverein sie während des Krieges nicht schützen konnte, wenn sie als Juden benachteiligt wurden, ging mit fliegenden Fahnen ins zionistische Heerlager über, und besonders in den großen Städten und an den Universitäten entbrannte ein heftiger Kamps unter den Juden selbst. Eine Versammlung, die der württembergische Landesausschuß am 21. Juli 1919 in Tübingen veranstaltete, zeigte diesen Kampf innerhalb der Studentenschaft in bedauerlicher Ausartung. Bei einer öffentlichen zionistischen Versammlung in Stuttgart versuchten die Hakenkreuzler eine Prügelei zu entfesseln, die den polizeilichen Schluß der Versammlung erzwang. Der Landesausschuß des Centralvercins hielt es für seine vornehmste Pflicht, der Oefsentlichkeit nicht das Schauspiel eines jüdischen Bruderkampfes zu geben. Wir gingen damals und gehen auch heute davon aus, daß die deutschen Juden selbstverständlich von ihrer Stellung zum deutschen Vaterlande nict>t das geringste preisgeben dürfen, daß aber Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Juden, auch wenn sie noch so schwerwiegender Natur sind, nicht auf dem Marktplatz, sondern im Hause cmszutragen sind. Das Jahr 1919 hatte dem Laudesausschuß und Stuttgarter Ortsausschuß eine solche Anhäufung der Geschäfte gebracht, daß die Gründung eines eigenen V u r e a it % in Stuttgart nicht mehr zu umgehen war. Am 15. Januar 1920 wurde das Stuttgarter Sekretariat begründet, das seither die gesamte Schreibarbeit für den Landesverband besorgt. Die Entsendung von Rednern in die einzelnen Ortsgruppen wurde bei der täglich wachsenden Häufigkeit der gegueri,scheu Angriffe immer schwieriger. Im Mai des Jahres 1920 veranstaltete deshalb der Laudesausschuß einen Rednerkursus für diejenigen Mitglieder, welche sich der Versammlungstütigkeit neu widmen wollten. Der Kursus, welcher vier Tage dauerte, wurde von dem Direktor des Centralvereins in vorbildlicher Weise und zur größten Zufriedenheit aller Teilnehmer geleitet. Die Veranstaltung solcher Kurse kann auch heilte nur aufs wärmste empfohlen werden. Das gleiche Jahr brachte einen Flugblätterkampf

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