Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 49 (3.12.1926)
- Date
- 1926-12-03
- Page
- Seite 636 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Oppenheimer: zu appellieren haben würde. (Bekanntlich braucht man nicht inuner einen Grund, nur eine Gabe zu verweigern; ein Vorwand genügt bereits.) Aber „alles was ist, ist vernünftig", auch das Unvernünftige ist historisch notwendig. Es konnte wohl nicht anders kommen, schon deshalb, weil der Führerehrgeiz, der Kampf um die Geltung, das Haupttriebrad der Geschichte ist. So entbrannte also auch dieser innere Kampf, und nun war es wieder nach dem Gesetz des Kontrastes unvermeidlich, das; den: überbetonten Deutschturn auf der citteit das überbetonte Judentum auf der anderen, dem jüdischen Nationaldeutschen der deutsche Nationaljude sich entgegenstellte, zumal zu den Gemeindewahlen auch die Ostjuden Stimmrecht haben, von denen als nicht eingebürgerten Angehörigen fremder Staaten gerechterweise niemand deutsches Nationalgefühl verlangen kann, die aber unentbehrliche Bundesgenossen im innerjndischen Kampfe und, weil fast durchweg zionistisch gestimmt, auch die geborenen Bundesgenossen waren. Hier besteht eine Antithese, die nur auf einer höheren Ebene in einer Synthese vereinigt werden kann. Diese aber möchte ich sehen irr dem, was ich die „weltgeschichtliche Sendung" des Judentllms nennen möchte. Wir wissen nicht, o b die Geschichte einen Sinn hat: aber wir müßten verzweifeln, wenn wir nicht daran glaub len. Und jedenfalls, wenn es nicht die „Sendung" des Judentums ist, eine Aufgabe, die ihm burd) einen vorschauenden Wettgeist gestellt ist, so ist es doch seine historische Aufgabe, überall m der Welt der Vorkämpfer der Gleichheit mib der Freiheit zu sein.. Der Jude, der ein Anbeter der Machtpolitik, der ein Reaktionär oder Chauvinist ist, schlägt seiner eigenen Geschichte ins Gesicht, verleugnet alles, wofür dieses Volk gelitten und geblutet hat. Es hat gegen allen Druck und alle Gewalt standgehalten, hat sich feine innere Freiheit bewahrt, hat nie aufgehört, an die Gleichheit des Rechtes und der Würde aller Erdgeborenen zu glauben und für sie zu kämpfen. Dieser Aufgabe aber kann der Jude heute, so scheint es mir, in zweifacher Weise nachleben: wenn er an dem Werk in Palästina arbeitet, und wenn er in Deutschland bleibt. Mau versteht den Zionismus falsch, wenn man sich eiubildet, daß er im Sinne seiner meisten und besten Anhänger eine engstirnige nationalistische Angelegenheit ist. Er ist inehr! Er war schon bei Herzt mib ist heute noch viel mehr den meisten eine große M e n s ch h e i t s a n g e lege rt h c 11. Es handelt sich rückst ausschließlich darum, den Juden oder einigen Juden ein Land zu geben, in dem sie frei von Haß unb Unterdrückung sich ansleben können, wie ihre Artung es will, in dem sie, wie mir kürzlich ein junger Zionist schrieb, der als Botaniker drüben lebt, nicht mehr nur Pfropfreiser auf fremder Unterlage sind, sondern eigene Wurzeln irr den Bodert treiben können; sondern die Hoffnung und die feste Absicht der Besten, die dem Gedanken anhüngen, geht dahin, ein Gemeinwesen zu schassen, das in seinen Grundlagen gesunder und in seinem Oberbau schöner, gerechter und menschlicher ist, als die europäischen Gemeinwesen leider heute sind. Das vor allen Dingen ist es, was die magische Anziehungskraft auf die prachtvollen jungen Menschen ausübt, die als Pioniere tEhakuzim) hinübergehen, um in härtester Arbeit bei kärgstem Lohn, trotz der Malaria und der Flinten der Araber, ihrem Ideal zu dienen. Vielleicht ist der Sozialismus, an den sie glauben, nur ein Traum: dann ist es denn.och eintapferer und edler Traum; und wer kann sagen, ob diese bewegliche, unendlich intelligente und guten Willens volle Piomerschast nicht doch vielleicht einen Weg herausfindet, der uns dem großen Ziel der Menschheit einige Schritte näherführt. Wir wollen doch nicht vergessen, daß nach dem Glauben der Juden der Messias nicht nur dem Heiligen Lande und Volke, sonder:: der ganzen Menschheit die Erlösung bringen sollte. Was dort drüben die Räder treibt, ist nicht bloß der persönliche und nationale Egoismus, sondern dort lebt und treibt das Pathos und der prophetische Zorn der großen revolutionären jüdischen Vergangenheit, die sich nicht mit Kleinigkeiten absinden laßt, sondern ohne Rücksicht auf das eigene Wohl zum Ganzen, der letzten Erfüllung aller Sehnsüchte hinstrebt: der Glaube und der Wille, daß dereinst am jüdischen Wesen die Welt genesen soll. Ter gleichen großen Aufgabe kann aber auch in Deutschland der aufrechte Jude leben. Worunter wir leiden, und um so schwerer leiden, je tiefer unb inniger wir in deutschem Wesen wurzeln, das ist die Mentalität des Klassenstaates. Man wolle doch nicht vergessen, daß es wenig mehr als ein Jahrhundert her ist, seit in den absoluten Staaten Deutschlands, in denen der Adel den Ton angab unb die Mentalität bestimmte, der nichtadelige Bürger sich in ganz der gleichen Lage befand wie heute der Jude. Auch er galt für einen Menschen anderer, viel geringerer Rasse: es war den ersten Anatomen eine sensationelle Entdeckung, daß der Bai: der bürgerlichen Leichen, genau der gleiche, war wie der der adligen. Und auch die psychische Einschätzung seitens der damaligen Oberschicht war die gleiche. In den: berühmten F o u t a n e scheu Roman „Vor dem Sturm" zeigt sich ein prächtiger adliger Offizier höchlichst verwundert über die Tatsache, daß ein Bürgerlicher wie ein Edelmann sterben kann. Auch damals gab es „Assimilanten" genug, Adelsaffen, die mit allen Mitteln den Anschluß an die obere Klasse fudjten und sich lächerlich machten: aber die große Masse der Düeger hat Besseres getan: sie hat sich an die Spitze der Entrechteten und Ausgebeuteten gestellt, hat die Burg der Gegner erstürmt und geschleift unb sich die Gleichberechtigung ersochien. Ter Antisemitismus in seiner heutigen Verbreitung imb Gestalt, der sich nicht mehr gegen die abgesonderte Religionsgruppe, sondern gegen die „Rasse" richtet, ist seiner Essenz nach (die älteren Formen sind in die Mischung eingeganaen) gar nichts anderes als d e r A d els d ü n f c 1 d e r K an aiIle. Ter Mensch, sagt Sch o p e n h a u e r einmal, schasst sich seine Ideen zu dem Zwecke, um sich über andere erhaben fühlen zu können. WieZ)or der bürgerlichen Revolution der verlumpteste adelige Schnapphahn sich hoch über alle Bürger erhaben dünkte, weil er „blauem Blut" besaß: m genügt es heute dem Auszeichntln-gsbedürfnis der Maste, vermeintlich „arisches Blut" zu haben. Man rani^ein noch so großer Dummkopf, ein noch so arger Lump unb Schieber fein: wenn man selbst glaubt und wenn es einem die anderen glauben, daß man ein „Arier" oder gar ein „nordischer Mensch" ist — dazu muß man nicht einmal blond und blauäugig sein —, dann steht man als Rassenadliger, als Angehöriger der „adligen Rasse", hoch über dem klügsten, gebildetsten, vornehmsten Juden. Die Volkskunde weiß, daß alle Trachten, Lieder und Sitten des niederen Volkes, vor allem der Bauern, nichts anderes sind als ehemalige Trachten, Sitten und Lieder des Adels, die 'heruntergestmken sind. Der Antisemitismus ist nichts anderes als in die Tiere verrutschter Adelsdünkel. Gegen diese Mentalität können wir nicht mit Argumenten, sondern nur mit dem entschlossenen Kampf für die Freiheit und die Gleichheit der Würde aller Menschen eintreten. Das ist die Aufgabe derer, die sich allzutief ins deutsche Volkstum und die deutsche Heimat verwurzelt fühlen, als daß sie den Schwerpunkt ihres Wesens in ein anderes Volkstum und ein anderes Land verlegen könnten. Alle diese unheilvolle Menlalitdt kann nur im Klassenstaat wuchern. Ihm hat unser Kampf zu gelten. Das sollten auch die Juden versuchen ei'nznsehen, die wenigstens wirtschaftlich von dieser Klassengliederung Vorteil haben. Aber freilich: den wenigsten wird dieser Versuch glücken; die Suggestionen, die sie von. dieser ihrer Gruppe empfangen, sind in der Regel allzu, stark, und auch hier ist, um wieder mit Schopenhauer zu sprechen, „der Verstand der Lakai des Willens". Sich diesem Kamps mit ganzer Seele hinzugeben, auch hier nicht int Dienste des eigenen beschränkten Gruppeninteresses, sondern eines großen Menschheitswerkes, in Erfüllung unserer geschichtlichen Ausgabe: das scheint mir nicht weniger tapfer als der Entschluß,'sich von der Heimat zu lösen und auf neuem Boden ein besseres Gemeinwesen zu schaffen. Es fordert vielleicht weniger Kraft zum Handeln, als zum Ertragen; es fordert diejenige Tilgend, der ein Faust vor allem fluchte, die Geduld. Es fordert wahrlich eine mit dreifachen: Erz umwehrte Brust, um gegenüber der täglich steigenden Hochflut von Haß und Kot nicht die Geduld, nicht den Glauben an ich selbst, a n d a s deutsche Volk und die Me n s ch - eit zu verlieren. Wenn man die Dinge von dieser Höhe aus auschaut, dann könnte sich wohl der jüdisch-deutsche Knorren mit dem deutschrjüdischen Knubben vertragen. Wenn sie es recht meinen,' so arbeiten sie beide an der gleichen Aufgabe: an der Erlösung der Menschheit und mit ihr der Juden.