Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 49 (3.12.1926)
- Date
- 1926-12-03
- Page
- Seite 635 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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franst Oppenheimer; Gruppengeister* ®e§t® sZZ, sZF, 6L§, LZs. Laude seiner Geburt gelöst hat, so kann ihn der, der auf anderem ©tanbpimfte steht, deshalb nicht an klagen, sondern nur b e klagen, weil er eines .Köstlichen entbehrt, das er selbst keinesfalls cntlnvf)rcn möchte. Ich möchte aber stark bezweifeln, daß es viele, ja, daß es auch nur einige gibt, die sich zu solchem Extrem der seelischen Haltung entwickelt h'aben. Blau darf nicht annehmen, dasz der Mensch ohne weiteres das ist, was er zu sein glaubt. Intellekt und Instinkt gehen oft sehr verschiedene Wege, und man lernt, je älter man wird, dein Intellekt immer mehr zu mißtrauen, weil man allzuoft erlebt hat, daß der Instinkt ihn Lügen straft. Auch hier ist die Gruppensuggestiou allmächtig, und zwar spielen hier sehr sonderbare und für best Unbeteiligten oft sehr amüsante Psychomechanismen des G r u ppe u ko n t r a ste s. Wenn eine Gruppe sich neu bildet, inn Interessen zu wahren, die von einer andereil Gruppe bedroht werden, so empfängt die erste von der zweiten regelmäßig das Gesetz, und zwar kraft jenes Mechanismus, den Gabriel T a r d e geistreich als „Imitation par Opposition'' bezeichnet hat. Wie der Mensch überhaupt geneigt ist, den bequemften Weg zu gehen, so geht er auch wo irgend möglich den der Nachahmung; imb das gilt auch für ganze Gruppen. Eine Gruppe, die aus irgendeinem Grunde „Prestige" hat, wird nachgeahrnt, und zwar von solchen Gruppen, die 31t ihr nicht in gegensätzlicher Stellung stehen, in direkter, und von solchen, die zu ihr int Gegensatz stehen oder gar an solchem Gegensatz erst erwachsen sind, in jener indirekten Nachahmung. Nun unterliegt es feinem Zweifel, daß ein Hauptteil der zionistischen Anhängerschaft und ein Hauptteil der zionistischen Mentalität entstanden sind als Kontrastwirkung gegen den Antistunitismus. Und insoweit dies der Fall ist, ist denn auch der Zionismus das photographische Negativ des Antisemitisnllls. Das drückt sich Zwiefach aus: einmal, indem das Gegenteil von Behauptungen der Kontrastgrnppe behauptet wird, Z. B.: die „Arier" sind keine Rasse, sondern nichts als ei'.re Sprachgruppe; oder: die heutigen Deutschen sind nicht reine Germanen, sondern aus Kelten, Germanen und Slawen und zahllosen Splittern anderer Stämme gemischt. Vor allem aber vollzieht sich dieser Mechanisnrns burd) die Umkehrung des Wertakzentes, der auf irgend etwas gelegt in. Wie die Patarener (Lumpengesindel), die Geusen und die KathederfoZialisten den ihnen von ihren Feinden aufgehängten Spottnamen geradezu in ihren Ehrentitel umwandelteu, so haben die Israeliten Deutschlands den von ihren Gegnern geradezu znm Ekelnamen gemachten Ausdruck „Jude" zrrm höchsten Ehrennamen erhoben: da aber dieses Wort vielerlei bedeuten kann: eine Rasse, ein Volk, eine Religionsgemeinschaft, so mußten unvermerkt sinh unvermeidlich auch alle bannt verbundenen Assoziationen in eine höhere Wertsphäre gerückt werden. Und so mußte es wohl auch dahin kommen, dasz der Intellekt sagte: „Wenn ,JHD so vortreffliche Menschen wie -wiD nicht haben wollt, dann wollen auch .wir .-Euch' nicht haben." Aber mir scheint, daß der Instinkt hier in der Regel den Intellekt Lügen gestraft hat: Ich will nicht davon sprechen, daß in Palästina die Zionisten sich doch vielfach in landsmannschaftlichen Gruppen zusammengefunden haben, die vorwiegend untereinander geselligen Verkehr pflegen; das läßt sich schon ans der Verschiedenheit der Heimatsprache und der eingebrachten Meutälitär erklären und für eine reine Uebergangserscheinung der Anfänge ansehew. Wichtiger schon ist, daß deutsche Zionisten drüben vielfach geneigt sind, solche Sitten weilerzupflegen, die hierzulande als spezifisch „germanisch" oder gar „arisch" angesehen werden, z. B. eine gewisse Trunkfreudigkeit und die Liebe zum deutschen Volks- und Studentenliede. Vor allem aber haben die ersten Angnsttage des Jahres 1914 sehr vielen jungen Männern, deren Jntellekc ihnen einbilden wollte, daß sie nichts als Juden feien, all oculos bewiesen, daß der Instinkt stärker ist als die Suggestion. Als die große ©nippe in Gefahr geriet, trat die kleine Gruppe aus dem Gesichtsfeld bis znm Verschwinden zurück: und diese braven Jungen sind wahrlich sämtlich nicht hinansgegaugen, um als Inden nur ihre staatsbürgerliche Pflicht zu erfüllen, sondern als Deutsche, in heißer Liebe Zu ihrem Laude und Volke. Daß utan ihnen schon während des Krieges und noch mehr nach dem Kriege so arg gelohnt hat, mag viele mwllektmüßig zu der alten Autosuggestion zurückgeführt haben: aber ich kenne doch keinen, der etwa bei einer Rheinfahrt die schwarzen Truppen Frankreichs nur vollkommener Gleichgültigkeit sich hätte auf deutschem Boden bewegen sehen. Eine andere Kontrastwirkung kam dazu, um die antojnggestive Betonung des Judentums in der jüngeren Generation zu verstärken: ein Gegensatz zu der älteren' Generation. Für diese, die im wesentlichen in der Zeit ausgewachsen lvar, in der der Einfluß des großagrarischen J'.nckertnms aus die Mentalität der Bürgerklasse so gut wie Null und daher der Antisemitismus kaum vorhanden gewesen war, war das Bekenntnis znm Denkschtnm als der allein entscheidenden Gruppe eine nie bezweifelte Selbstverständlichkeit gewesen. Mari lvar damals, man konnte damals nur sein em „Deutscher jüdischen Glaubens und Stammes". Diese Einstellung blieb den meisten auch noch nach dem Umschwung, der ihre Stellung in der deutschen Gesellschaft verschlechterte. Sie suchten die Gründe dort, wo sie nicht zu finden waren: auch sie empfingen das Gesetz ihres Denkens von der Kontrastgrnppe! Die Braveli und Aufrechten unter ihnen begingen nur einen Fehler der Einsicht: sie glaubten mit Tatsachen einen Grnppenhaß ansrotten zu können, der ganz unabhängig von allen Tatsachen entstanden nun* und bestehen bleiben muß, solange die soziale Lagerung besteht, die ihn hervorbrachte; sie sahen nicht, daß diesem Grnppenhaß gerade der beste Jllde der verhaßte st c Jude ist, weil mau ihm llichts vorzuwerfen hat und nicht anerkennen kann, daß diese schlimme Rasse auch nur einen einwandfreien Menschen hervorznbringen vermag: in Kleists „Hermannfchlacht" spricht Hermann das deutlich vom Römer ans. Die Schwächeren aber wurden aus „Assimilierter!" zu „Assimilanten". Sie dankten Gott öffentlich, daß sie nicht feien wie jene, sie betonten in roürdeloser Weise, was der Mensch von Würde nie betom. mell es eben selbstverständlich ist, ihre Zugehörigkeit zu ihrem Belke. Gegen diese Gruppe der Aelteren hatte sich der junge Zionismus in Deutschland seine Stellung zu erkämpfen. Und es waren nicht nur die Aelteren, sondern der Gegensatz wurde noch verschärft dadurch, daß die maßgebenden Männer des deutschen Judentums, die „Honoratioren", der Hauptsache nach auch noch dem oberen Mittelstände der größeren Kausleute und der Akademiker angehörten und fast durchweg westlicher Herkunft und liberaler Erziehung waren. Sie waren die bcati po.ssidenles, Herrscher der Gemeinden, die entscheidende Instanz über alle Fragen der Gemeindepolitik, vielfach auch der Kultnspolitik. So tonnte es nicht nnsbleiben, daß sich um den neu entstehenden gegnerischen, zionistischen Kern vielfach die Juden des kleinen Mittelstandes, der mehr östlichen Herkunft, der mehr orthodoxen Richtung gruppierten, zumal der Zionismus von vornherein nicht nur international organisiert sein mußte, sondern auch noch im Ostjudentnm feine Hauptwurzel hatte, weil es die an Zahl größte und von dem Judenhaß seiner Regierungen am meisten bedrückte Gruppe der Judenheit war. Man konnte unter der zaristischen Regierung nicht wohl „Russe jüdischen Glaubens" sein, da die russische Judenheit ein offiziell als solches bezeichnetes und behandeltes Fremdvolk eigener Sprache, Sitte und Religion darstellte. (Dennoch findet man und fand man sogar unter dem Zarismus ganz allgemein eine unendlich rührende Liebe der Juden zu ihrem Stiefvaterlande Rußland und zu seinem Volke. Macht des Instinkts!) Ich habe niemals ein Hehl daraus gemacht, daß ich den Kampf, den der Zionismus offiziell als solcher um die Macht in den Gemeinden geführt hat, für einen Fehler hielt; ich sah voraus, was sich jetzt bestätigt hat, daß damit eine Spaltung der Gesamtheit, eine Abspaltung gerade der einflußreichsten und vor allem wohlhabendsten Schichten geschaffen werden mußte, die sich eines Tages schwer würde rächen müssen, wenn der Zionismus an die 'Gebefreudigkeit der Glaubensgenossen