Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 49 (3.12.1926)
- Date
- 1926-12-03
- Page
- Seite 634 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2277379-2277622-2277671--03314-2283821- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zur Entgiftung des politischen ist die Zmgehörigkeit zu solchen Gntppen möglich, die sich nicht gegenseitig ansßhließen, wie in meinem Falle jüdisches Stant mesbelvnßtsein, 'deutsches Nationalbewusstsein und, nur es . hinzuznsügen, ntürkisches Hei in a tsbewn ßtsei n und europäisches BürgerblNvußtseiu. .. Es ist nun ein weiteres Hauptgesetz der Soziologie, -daß der durchschnittliche Mensch von seiner Gruppe oder voll feinen Gruppen her auf das stärkste „sozialpsycholoaisch determiniert" ist. Damit ist gesagt, daß er altes das, was seiner Gruppe zu nützen scheint, als das verstaudesgemäß Richtige und sittliche Gebotene all schallen muß, und daß er umgekehrt alles das, was seiner Gruppe schädlich zu fein scheint, als das verstandesmäßig Falsche unb sittlich Verwerfliche empfinden muß. Es liegt eine gewisse Uebertreibnng darin, wenn , Vincenz sagt, daß das Individuum nichts ist als eine Pianola, deren Platten die Gruppe liefert, oder loenn T a rd e 'und G u ni p l o w i c z die Individuen als „Automaten-" aitsfasserl, die die Gruppe konstruiert hat, oder als Hypnotisierte, die unter der Suggestion der Gruppe fühlen, denken, reden lurd handeln. Aber allzuweit find sie nicht von der Wahrheit. To schmerstich diese Wahrheit unfcreiix Stolze immer sein mag, die rauhe Schale birgt lvenigsteus einen süßen Kern. Wir müssen erkennen, daß lin-fer Gegner geradeso guten Glaubens ist lvie wir selbst, daß ihm feine Glaubenssätze geradeso evidente unzweifelhafte Wahrheiten sind wie uns die nuferen, daß er mit bem besten Willen der Welt unseren Standpunkt nicht entnehmen kann, so wenig wie wir den seinen. Alle.Berufung ans Logik und Ethik in Gruppenkonflikten, so 'durchaus ehrlich sie auch subjektiv ist: objektiv ist sie doch nichts als Mimikry. Diese Erkenntnis soll den Kampf der Meinungen nicht etwa lähmen; er ist nötig, denn er ist der Baker alter Dinge. Aber sie kann ihn entgiften, kann ihm jene Ritterlichkeit geben, ohne die er zur wüsten Holzerei entarten muß. Um diese Erkenntnisse auf nufer Thema anzuwenden: so i\i zunächst zu bemerken, daß wir sämtlich der einen größten, allumfassenden Gruppe angehören, dem deutschen Volke oder, nm ja keinen Anstoß zu erregen: dem in Deutschland lebenden Volke. Hier soll zunächst mit dem Begriff nicht der geringste Wertakzent verbunden sein: er bezeichnet jetzt lediglich die zum Deutschen Reich gehörigen, in seinen Grenzen lebenden Menschen. Diese Menschen haben als Gruppe, trotz aller, ungeheuren Verschiedenheiten 'der Mentalität, die sie als Mitglieder von Untergruppenhaben, doch gewisse gemeinsame psychologische Züge. Einer davon interessiert uns hier: die Tatsache, daß der Deutsche ganz allgemein kaum je fähig ist, den politischen, sozialen oder religiösen Nichtgenossen sür einen anständigen Menschen zu halten. Bestenfalls hält er ihn sür einen honnttngslosen Dilmmkops. In Frankreich und England ist es anders: dort wird auch der Gegner als Gentleman geachtet. Es ist hier nicht der Ort, diesen Unterschied gegenüber unseren westlichen Nachbarn soziologisch zu begründen; ich null mir andeuten, daß die schlimme Gewohnheit eng mit der Tatsache zusammenhängt, daß Deutschland aus zwei Gebieten zusammengeschweißt ist, die völlig verschiedene Struktur haben: dem kleittbätterttchen und daher reich mit städtischem Leben erfüllten demokratischen Westen, unb dem großagrarischen, gewerblich und städtisch schwach entwickelten Osten, Aehnlich liegt es in Italien, wo dem deutschen Westen der Norden, dem Osten der Süden entspricht, und so ist denn der italienische Parteienkampf ähnlich verbittert wie der den! sehe. Dieses Stück allgetnein-detttscher Psychologie hat nun auch der normale Deutsche jüdischer Abkunft nnb Religion. Solche Dinge stecken an wie Masern und Flecksieber, und selbst der entschlossenste „Rational iude" ist nicht immun dagegen. Hier ist von nichts anderem allmählich Besserung zu erwarten, als von einer allgemeinen Sänstigung der Sitten und vor allem von der immer weiter vorschreitenden Zurückdränaung der mit dem agrarischen Großeigentnm sozialpsycholoaisch untrennbar verbundenen Jnnkerpsychologie, der von jeher jeder Gegner als Frevler an der „gottgewollten" Ordnung ihrer Gesellschaft gegolten hat, als Frevler, den rnan mit dem Richtbeil und int Notfall mit dem Knüppel zu beseitigen und jedenfalls^ aus jeder guten Gesellschaft auszuschließen hat'). Somit haben wir bereits eine gewisse Wurffärmun über die N r t des Kampfes der jüdischen Gruppen in Deutschland gewonnen. Es bleibt uns noch einiges über seinen Gegenstand zu sagen: Die Inden in Deutschland bilden nur insofern eine einheiiliche Gruppe, d. h. einen Kreis von Menschen, die ans gleichartige Reize hin, ans gerneinsamer Seelenlage cheichzeitig und gleichartig reagieren, wie sie durch ihr Stannne^bownßtsein verbunden sind. Im übrigen aber sind sie in in un er wechselnder RUnltipolarität, in einer kaum zu erschöpfenden Mannigfaltigkeit je den verschiedensten Gruppen eingeordnet und Psychisch sozusagen hörig. Schon in religiöser Betrachtung ist die Spaltung fast bis zur Svlilternng gediehen. Die Skala reicht von den Grrrppen der allerstrengsten Orthodorie, die sich gottesdienstlich von dem vanptgemeinden absondern und sogar ihre eigenen Friedhöfe haben, über die sozusagen Ulittelparteilichen Gruppen (die auch die verschiedenstem Schattierungell darstellen) zu den Resormaemeinden und schließlich bis zn den in dieser Beziehung reiner Gruppe angehörigen, rein konfessionell und vielleicht sogar religiös gänzlich indifferenten Individuen. Andere Gruppierungen haben sich nur die Interessen des Standes, der Klasse, der -verknust gebildet: der Oftjude und sogar vielfach der aus den Ostprovinzen Deutschlands ftannuenbe Jude hat eine andere Stellung zur Tradition und daher eine andere Merltalität als der Westjude, der Großkapitallst eine andere als der Mittelkapitalist, der Kleinkapitalist, der Handwerker oder gar der Proletarier, der Kleinstädter eine andere als der Großstädter, der Kleinstädter in Süddeutschland, uw die Juden oft noch eine recht angenehme gesetlschastliche Stellung entnehmen, eine andere als der Kleinstädter in Norddentschland, ans dem die ganze Wucht des Antisemitismus lastet, der Akademiker, der sich auf Schritt und Tritt beengt unb in seiner Laufbahn geheuunt sieht, eine andere als der Kaufmann, der in Deutschland seit Generationen Eingebürgerte eine andere als der Abkömmling von Eingewanderten. Damit sind noch längst nicht alle möglichen -und vorhandenen Gruppierungen erschöpft. Aber das Gesagte reicht bereits hin, um ein Bild davon zu geben, in wie verschiedener Weise sich in dem einzelnen, hen das Schicksal oder die eigene Wahl, in diese oder jene Kombination der verschiedenen Gruppen gestellt haben, die von ihnen ausgehenden Motivationen kreuzen und kombinieren, wiesie seine Gesamtpsychologie nnb seine Einstellung zn dem großen Problem des Tages bestimmen müssen. Denn es ist ja nur das eine Problem, an dem sich heule der peinliche Streit entzündet, von dem wir handeln. Wir haben schon längst anfgehört, uns über religiöse Gegensätze achzuregeu. Hier läßt so ziemlich eine Gruppe die andere gewahren. Aber tut Politischen geht es hart aus hart um die Frage, ob der in Deutschland lebende Jude sich sozusagen hauptamtlich als Jude oder als Deutscher fühlen soll, ob er Deutschland als sein Vaterland oder uur als seinen Staat sverband betrachten soll, ob er sich ihm aus ganzer Seele und ans ganzem Kerzen Hingaben oder nur seine staatsbürgerlichen Pflichten ihm gegenüber erfüllen „soll". Rnn, um ganz offen zu sprechen: die ganze Fragestellung ist an sich ein wenig kindlich. E i n „S o I l c u" gibt e s n u r gegenüber Pflichten, nnb selbst der begeistertste Nationaljude ist ja entschlossen, seine Pflichten gegenüber seinem Staatstande getreu zn erfüllen. Aber „zur ^iebe kann man niemand zwingen", hier besteht kein „Sollen", ja, Kant steht sogar auf dem Standpunkte, daß man seine Pflicht nicht aus Liebe, sondern eben nur aus dem Berpflichtnugsgesühl heraus zn tun habe. Wenn es wirklich einen deutschen Inden gibt, der sich völlig ans dem seelischen Verbundensein mit dem Vgl. in meinem „Staat" (System der Soziologie, Bb. 2) den Abschnitt über IunkerpsycholoLie, Seite 3X1 ff.