Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 48 (26.11.1926)
- Date
- 1926-11-26
- Page
- Seite 623 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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wozu der Lärm! Eine Antwort an Ernst Simon. Bon Dr. Felix Goldmann (L e i p z i g). Es galt bisher in der nationaljüdischen Ideologie als ein Axiom, daß die Aufklärungsarbeit, wie sie seitens des Centralbereins geleistet wird, eine Verschwendung an Kraft bedeute, die viel besser anderen Zwecken, beispielweise der Bekämpfung des Antisemitismus durch absolute Trennung von Juden und Christen und durch die damit verbundene Beseitigung aller Reibungsslächen, zugute konunen sollte. Es ist im Nahmen eines kurzen Aufsatzes nicht möglich, auch nur einen Begrisf von der Fülle des Spottes und des Hohnes zu geben, mit den man bisher die zähe Aufklärungsarbeit des Centralvereins überschüttet, seine unleugbaren Erfolge verkleinert hat. Und da ist es uns eine besonders herzliche und aufrichtige Freude, wenn auf der Gegenseite die Erkenntnis dämmert, daß die ablehnende Haltung gegen dtesen Teil der Abwehrtätigkeit ein schwerer Fehler war. Und^gern nehmen wir davon Kenntnis, daß der bekannte zionistische Schriftsteller und Agitator Dr. Ernst S i m o n in einem Artikel des „Jüdischen Wochenblatts" (Nr. 39 vom 8. Oktober 1926) sich energisch dafür ausspricht, daß der Aufklärungsarbeit ernste Aufmerksamkeit zugewendet werde. Er macht seinen zionistischen Gesinnungsgenossen den schwerwiegenden Vorwurf, daß die „Abwehr des Antisemitismus immer noch durchaus in der Hand eines ganz bestimmt charakterisierten deutsch-jüdischen Kreises liegt", er ermahnt die „anderen Kreise der deutschen Judenheit, die sich immer noch von der AusklärnngZarbeit fernhalten", und meint damit seine zionistischen Freunde. Er nennt es eine „sehr irrige" und auch „dem Judentum gefährliche Meinung", diese Form der Bekämpfung des Judenhasses uns zu überlassen, die er liebenswürdigerweise als „durch die Assimilation an die Peripherie des Judentums gerückt" bezeichnet. Und wenn Simon auch unsere Art der Arbeit sachlich in Grund und Boden verdammt, auch das Beiwort „erschreckend" nicht verschmäht, so ist das nur der Einfluß einer Voreingenommenheit, von der er sich nicht losmachen kann. Die erfreuliche Tatsache bleibt, daß er das Prinzip unseres Möllens anerkennt und es seinen zionistischen Freunden empfiehlt. Wenn bisher von dein oben charakterisierten Kreise die Aufklärung als ein minderwertiger Teil der jüdischen Arbeit empfunden wurde, so geht das hauptsächlich darauf zurück, daß die Vertreter dieser Meinung in jüdischen Dingen im wesentlichen politisch denken und arbeiten. Alles Politische wird aber aus den Tag bezogen, und politische Erfolge null man genießen. Mau kann sie nicht in Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten reifen lassen. Bei der Aufklärungsarbeit steht man den sofortigen Eindruck der Bemühungen nie! Sie ist Wirken ans lange Sicht, und sie verlangt unendliche Entsagung. Für den Helden des Tages, der sich seiner Leistungen brüsten und das Volk fortreißen will, ist sie nichts! Das alte Bild vom Dattelkern, den man pflanzt und der erst Enkeln und Urenkeln Früchte gibt, paßt auf sie. Aufklärungsarbeit muß aber weiterhin mit unverdrossener Konsequenz, mit opferfreudiger Bescheidenheit geleistet werden. Wahrheiten erobern eben nicht int brausenden Sturmangriff die Welt, sondern in stiller Arbeit, die einen Millimeter nach dem anderen fortschreitet. So hat S i m o n fraglos recht, wenn er daraus hinweist, daß die Aufklärung ein biblisches Gebot sei und damit in die Sphäre des Religiösen gehöre. Das stimmt nicht nur äußerlich, sondern wie alle Religion ihre Lchre ausstreut, unbekümmert darum, ob der Erfolg in der Propaganda das Mühen krönt, stolz im Bewußtsein, höchsten Wert in sich zu tragen und zu vertreten, muß es auch die Aufklärung tun. Heber die praktischen Forderungen, die an sie zu stellen sind, sowohl was den Inhalt wie die Form angeht, soll ein anderes Mal die Rede sein. Heute sei nur fest-gestellt, -daß auch jene Richtung int modernen Judentum, die das Problern unseres Seins und Sollens nicht religiös, sondern politisch erfaßt, sich zu der Notwendigkeit und Richtigkeit rrnserer Prinzipien zu bekennen beginnt, -und ein leises Gefühl des Schmerzes mischt sich nur dann in unsere Freude, wenn wir daran denken, um wieviel weiter wir gekommen sein könnten, wieviel mehr n>ir geleistet hätten, wenn diese Einsicht nicht erst heute, sondern bereits vor Jahrzehnten das einmütige Arbeiten gefördert hätte! Und weil wir auf ein einträchtiges, prinzipielles Zusammenwirken in der Frage der geistigen Abwehr hoffen, dürfen wir nicht an den sachlichen Ausführungen von Simon, die sich an seine prinzipiellen Zugeständnisse anschließen, vorübergehen. Denn er greift in ihnen die Veröffentlichungen des Philo-Verlages scharf an. Nicht kommt es uns darauf an, die kleinen und großen Bosheiten zu erwidern, die nun einmal auch ein so hervorragender Journalist wie Simon nicht unterdrücken zu können glaubt, nicht soll ihm übel vermerkt werden, daß die geistreiche Bosheit zuweilen die unverblümte Gehässigkeit streift. Nur das rein Sachliche, in dem er irrt und übertreibt, sei kurz behandelt. Zuerst eine wesentliche Vorfrage: Inwieweit deckt sich ein Verlag mit den Ansichten de r von i h m herausgegebenen Werke? Beim Philo-Verlag nimmt Simon an, daß er unter allen Umständen für jede Aenßerung jedes bei ihm erschienenen Buches verantwortlich fef. Davon kann aber keine Rede sein! Gewiß ist der Philo-Verlag insofern ein Tendenzunternehmen, als er die geistige Richtung des Centralvereins, den Kampf ums Recht, die Erziehung zum Selbstbewußtsein, die Synthese von Deutschtum und Judentum, fördert. Aber weder identifiziert er sich mit allen Verlagserzeugnissen — denn er bringt ja auch Schriften heraus, die ganz verschiedenen Richtungen dienen, der liberalen, wie der orthodoxen noch verlangt er von seinen Autoren ein Verleugnen ihrer Ueberzeugungen! Nur solche Veröffentlichungen kann er gewiß drucken, die in ihrer Gesamttendenz den Zielen des C. V. dienen, aber jeden einzelnen Satz nun zensieren zu wollen, wäre ein unbilliges und unwürdiges Verlangen! Besonders unbehaglich ist mir aber der Vorwurf Simons darum, weil er wissen könnte^ daß jeder Verlag es so macht, der z i o n i st i s ch e „I ü d i s ch e V e r l a g" a it ch! Wie töricht wäre es, wenn man nun den „Jüdischen Verlag" für jede Aenßerung des verstiegenen Nadikalnationalen K l a tz k i n verantwortlich machen wollte. Wir wollen mit S i m o n nicht über den Geschmack streiten, wenn er — in der Form die Maßlosigkeit völkischer Diktion nachahmend — von bau schönen Buche F r i e d l a e n d e r s über „Gabriel R i e ß e r" sagt, in ihm komme „der gleiche Verrat (sic!) an einem der wenigen Güter, die wir durch die Jahrhunderte der Zerstörung gerettet haben", zum Ausdruck. Warum so herbes Urteil? Weil Fried - l a e n d e r in der Ostjudenfrage nicht ganz so denkt, wie es S i m o n in Ansehung der deutschen Verhältnisse tut. Und zu dieser Ostjudenfrage noch ein ernstes Wort! Gerade jene unter uns — und auch ich rechne mich zu ihnen —, die die Einheit des Judentums als einer religiösen Gemeinschaft keineswegs zerschlagen lassen wollen, die darüber hinaus die starken Bindungen der Abstammung, des Schicksals und der Geschichte in ihrer lebendigen Kraft anerkennen, die in innerjüdischen religiösen Dingen keinen Unterschied der Staatsangehörigkeit machen und für das Recht der Ostjuden in der Gemeinde eintreten, die aus jüdischem und menschlichem Empfinden heraus die Teilnahme mit Hilfswerk für das Ostjudeutmu für eine selbstverständliche Pflicht eines jeden Juden halten, verlangen and) Verständnis dafür, daß die Ostjudenfrage nicht nur ein jüdisches, sondern auch ein deutsches Problem ist! Aus Selbstachtung werden wir uns dagegen wehren, daß an den Grenzen Juden anders behandelt werden als Nichtjuden! Aber wenn aus wirtschaftlichen und politischen Gründen das verarmte Deutschland sich gegen die Osteinwanderung sperrt, so ist das eine Entscheidung, die mit jüdischen Gesichtspunkten nichts zu tun hat. Nur ein rein Politisches und wirtschaftliches Gebiet handelt es sich, und es sind mit die besten Inden und die wärmsten Freunde der Ostjuden, die sich heute als Deutsche gegen eine Einwanderung in Deutschland aussprechen. Aber wozu eigentlich diese Abwehr? Ist es denn in Palästina anders? Tobt nicht da der Kampf zwischen jüdischen Minimalisten und jüdischen Maximalisten, die alle keineswegs antizionistischer Gesinnung verdächtig sind? Wollen nicht die ersterem, obwohl sie brave, gesinnungstüchtige Nationaljuden sind — in Uebereinstimmung mit der englischen Politik —, aus w i r t - s chaftliche n und politischen Gründen sogar die Einwanderung n a ch Palästina b e s ch r ä n k e n? Ist etwa der Ostjude, der nicht nach Palästina gehen darf, glücklicher daran, als jener, der nicht nach Deutschland kommen kattn? Und weiterist jener Glaubensbruder, der einen hungernden Ostjtrden nicht nach Palästina haben will, ein besserer Jude als der andere, der ihn nicht nach Deutschland kommen lassen mag? Es ist schwer, keine Satire zu schreiben! Wenn ich hier noch die Frage aufgeworfen haben will, ob nicht — was das innere Recht anbetrifft — den Ostjuden in Ansehung ihrer Sprache und ihrer Kultur in Tel-Awiw und den Kolonien Palästinas längst nicht das Recht zugestanden wird, das man in jüdischen Gemeinden Deutschlands von nationaljüdischer Seite für sie verlangt, so ist der Schluß klar: Es wäre an der Zeit, das beklagenswerte S ch i ck s a l d e r O st j u d e n nicht mehr zu einem Mittel inr politischen Kampfe, der ganz anderen Zielen gilt, herabzuwürdigen! Sachlich beklagt sich Simon weiterhin, daß ein jüdischer Verlag und ein jüdischer Verein Schriften verbreiten, in denen ein christlicher Verfasser die Ueberlegen heit des Der Morgen Zweimonatsschrift pÄteÄÄ. 2. Jahrgang: Heft 5 erscheint am 1. Dezember Aus dem Inhalt des fünften Heftes: Richard Koch: Das Gebet. — Karl Vossler: Jüdische Herkunft und Literaturwissenschaft. -— Margarete Sussmann: Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt. — Ernst Lissauer: Zum eignen Schaffen. — Julius Goldstein: Wirklichkeit und antisemitische Deutung. — Bruno Violet: Der Esra-Apokalyptiker. — Eisbeth Meyer-Neumann: Aus der Gedankenwelt des Dibbuk. — B. Jacob: Abraham. — A. Wiener: Zur Würdigung der geschichtlichen Bedeutung Moses Mendelssohns. — Besprechungen. — Anzeigen. Zu beziehen: Philo Verlag, Berlin SW 68, Lindenstr. 13. Einzelheft 2,25 M., Jahresabonnement 12 M.