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Central-Verein-Zeitung · 1926-11-26 · 48 (26.11.1926) · p. Seite 620

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
48 (26.11.1926)
Date
1926-11-26
Page
Seite 620 (sequence 4)
Language
German
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Nationaljudentmus" hatte es Theodor Fritsch ausnehmend angetan. Vielleicht kannte er nicht einmal den ganzen» Aufsatz, sondern hatte von einem seiner Zuarbeiter einen Ausschnitt erhalten, der nun die wissenschaftliche Grundlage alles weiteren darstellen muh. Klatztin setzt in diesem Aufsatze die Ursprünge des modernen jüdischen Nationalgedankens auseinander und weist darauf hin, daß im M i L t e l a l t e'r, solange das Ghetto bestand, das Judentum ein Staat im Staate bildete, der nach jüdischem Gesetz sich richtete und die allgemeinen Staatsgesetze nur insoweit kannte und befolgte, als sie ihm — meist schmerzhaft — zun^ Bewußtsein kamen. Herr Fritsch liest „S L a a t i m S t a a t e", er findet: „n nr dre jüdische Gesetzgebung war für uns maßgebend" — und schongeht automatisch der Gedankenfaden weiter: die Juden bilden einen Staat für sich einen jüdischen Ueberstaat, mit eigener den allgemeinen Gesetzen nicht unterworfener, ihr vielleicht entgegenstehender Gesetzgebung. Und ohne einen Versuch zu machen, in' irgendeiner Bibliothek Klatztins Werk als Ganzes zu lesen, werden die herausgerissenen Sätze als Eingeständnis eines führenden Juden verwertet, der alles das bestätigt, was Beweggrund und Inhalt der judenfeindlichen Bewegung ist. Die Unterlage eines gedankenlos ausgeschnittenen Aussatzabschnittes reicht für die Leute vom Schlage des Herrn Fritsch also ans, Unfrieden zu stiften, Haßgefühle zu erwecken, urteilslose Köpfe zu verwirren. Und dies alles unter dein Motto: „B r ech u n g des Lüg e n b an n es". spotten ihrer selb st u nd w i ssen n i ch t w i e. Dr. Klatztin hatte sich gerade diese Wirkung seiner Aufsätze me träumen lassen, und als er erfuhr, welche Brunnenvergistung mit seiner Person unb mit seinem geistigen Gute vorgenommen werde, setzte er sich in e i n e m. Briese z n r W e h r , d e n e r a n den C e n t r a l v e r e i n richtete. In ihm heißt es: „Von verschiedenen Seiten werde ich daraus hingewiesen, daß in dem Beleidigungsprozes; des Herrn Mar War bürg gegen Theodor F r i t s ch der Beklagte ebenso wie früher in seinerZeitung und in seinen Broschüren, so auch jetzt in diesem Prozesse selbst dauernd 'auf meine Änssatzreihe Bezug nimmst die vor einigen Jabren im .I u d e n‘ erschienen ist, und meine diesbezüglichen Ausführungen als Beweis für die von ihm ausgestellten Behauptungen benutzt.' Da ich selbstverständlich darauf Wert legen muß, daß meine Aeußernngen nicht in dieser Weise von antisemitischer Seite zur Begründung der Angriffe gegen das Judentum entstellt und mißbraucht werden, sehe ich mich veranlaßt, im nachstehenden folgendes gu erklären: 3. Die im .Judeist seinerzeit veröffentlichte Aufsatzreihe bildet den Teil eines später unter dem Namen ,P r o b l e m e des modernen Judentums' (bzw. in der Zweiten Auflage unter dem Namen .Krisis u n d Ent s ch e i d u n g') erschienenen Buches, das eine Begründung einer umfassenden Ideologie. 'des Zionismus versucht. Mein Standpunkt zur Judenfrage -und insbesondere zur Stellung des Judentums in den verschiedenen Ländern kann aho nur richtig verstanden und gewertet werden, wenn man das ne's-amte Gedankengebäude meines Buches berücksichtigt, nicht aber, wenn man, wie Herr Fritsch es tut, Lediglich sich nur auf diese im .Juden' erschienenen Auszugsartikel beruft. 2. Selbst aus diesen Artikeln reißt Herr Fritsch in seinen Zitaten Sätze aus ihren: Z u s a nr rn e n h a n g her a -u s, wodurch sie notwendigerweise hänsig einen entstellten Sinn erhalten. 3. Meine Charakteristik des Judentums in der Diaspora als einer Rechts- und Wirtschaftsgemeinschaft mit einer eigenen Gesetz- und einer eigenen Rechtsordnung bezieht sich, wie es jedem Kenner der jüdischen Geschichte und Gegenwart ganz klar ist, auf das Judentum des G H e t t o s, das heißt auf das Judentum in dem Zustand, in dem es im Ghetto sich befand als eine selbständig unter den anderen Völkern isoliert Lebende Genreinschaft, die ihr Eigendasein durch den eigenen religiösen Kodex bestimmte und regelte. Daß dies für das Ghettoju den - turn gilt, wurde ja schon von vielen Historikern beglaubigt und durch die Gesetzgebung und Rechtsordnung der nichtjüdischen Volksgemeirrschasten dokumentiert, die in diesen Jahrhunderten den Juden keine Gleichberechtigung gewährten und sie bewußt von der Teilnahme am Volksnnd Staatsleben der Allgemeinheit durch Sondergesetze und Sonderordnungen absverrten. Dieser Zustand hat sich seit der Emanzipation grundsätzlich geändert, und diese Wandlung charakterisiert ja den Sinn des Emanzipationsprozesses mit dem dnrch ihn bewirkten Fall der Ghettomanern. 4. Endlich sei noch auf folgender: entscheid e rr d e n Gesichtspunkt hingewiesen. Mein Standpunkt ist, wie immer wieder sowohl in beit Aufsätzen wie in meinem Buche hervorgehoben wird, derjenige eines k o n s e q u e n t c n N a t i o n a l j u d e n L u m s. Ich weise in meinen Ausführungen überall mit aller Deutlichkeit darauf hin, daß das Judentum heute in zwei grundsätzlich verschiedene Lager sich teilst dasjenige des n a t i o ii a I c u I u b c n t u ur § und des n ichtnativ n a l e n, das naturgemäß den von mir vertretenen Standpunkt nicht anerkennst Es ist daher sinnlos, wenn Herr Fritsch meine AÄußerungen als maßgebend für den Standpnnrt des nichtnationalen Judentums betrachtet und sich insbesondere darauf berufst daß gegen meinen Standpunkt nirgend sich eine jüdische Stimme erhoben habe. Das Gegenteil davon ist wahr. Von verschiedenen Vertretern des nichtnatioualen Judentums wurde mein Standpunkt sowohl in Vorträgen wie auch in der Presse kritisiert (z. B. im ,Deutschen Reichst im »Liberalen Judentum' und verschiedenen anderen Organen)/' Hier war ein Lebender mißbraucht worden, der davon erfuhr und sich zur Wehr setzenkonnte. Der Erfolg der Abfuhr wird sein, daß man sich künftig an die Toten halten wird. Denn die Toten schweigen. das Testament -es Primaners. Kein Jude beim Leichenbegängnis! Erst jetzt wird ein besonders t r a u r i g e r u n d t i e s s ch m e r zlicher Fall aus S ch ü l e x f x e i f e n bekannt, der in erschreckender Weise zeigt, welche Folgen die Wühlarbeit der Völkischen auf höheren Schulen hervorbringt. Vor einigen Monaten starb ein seit langem kränkelnder Schüler einer höheren Klasse eines Berliner Realgymnasiums. Vor der Beerdigung wurde plötzlich verbreitet, jüdische Mitschüler dürsten an dem Leichenbegängnis nicht teilnehmen. Der Verschiedene habe in sei ne m T e st a in ent ausd r ü cklich angeordnet, Inden von seiner Leichenfeier a n s z u s ch l i e ß e n. Der Direktor der Anstalt prüfte den Sachverhalt. Es stellte sich heraus, daß das Gerücht Zutraf. Infolgedessen konnte der Direktor eine offizielle Beteiligung der Klasse an der Bestattung zu seinem Leidwesen nicht gestatten. — Das ist ein völkischer „Erfolg", der jeden wahren Deutschen erschüttern und mit tiefem Schmerz erfüllen wird. vertrauenskunögebung für Professor hupka. Ein Mißerfolg der Wiener „Deutschen Studentenschaft". In Nr. 46 der „C. B.-Zeitung" wurde berichtest daß die sogenannte „ Deut s che St u d e n t e n s ch a f t" gegen die Wahl des Professor Hupka zum Dekan der juristischen Fakultät Protestiert hat, da durch die Wahl eines „Rassenfremden" der deutsche Charakter der Wiener Universität verletzt worden sei. Um den Wert dieses Protestes richtig zu würdigen, sei vorerst festgestellst daß diese ^Deutsche Etüden tj n schaf t" mir einen geringen Teil der wirklichen deutschen Studentenschaft, nämlich allein die völkischen und d e n t s ch k a t h o! i s ch e n Studenten vertritt und sich den Namen „D e u t s ch e S t n d e n t e n s ch a s t" in i r r e f ü h r e n d e r Absicht angemaßt hat. Sie gibt sich auch immer wieder den Anschein, als ob sie ähnlich wie die „Deutsche Studentenschaft" im Reiche eine a m t l i ch e K ö r p e x s ch a f t sei, und verschweigt dabei wohlweislich, daß dort die Verhältnisse ganz anders liegen, da in diese reichsdeutsche Studentenorganisation sämtliche Staatsb ü r g e r o h n c A u s n a h m e aufgenonunen werden. Stndentendemonstrationen von dieser völkischen Seite sind nun an österreichischen Hochschulen leider keine Seltenheit mehr und speziell die Wiener Universität hat das privilegium odiosum, wiederholt Schauplatz der hakenkreuzlerischen Studentenkrawalle gewesen zu sein. Diesmal allerdings spielten sich die Demonstrationen nicht i n n e r h a l b der Hochschule ab, denn der Rektor hatte, von der Annahme ausgehend, daß vorläufig noch immer nicht die antisemitischen Studenten, sondern das Professorenkollegium und das Unterrichtsministerium zur Wahl des Dekans berufen sind, die Abh a l t u u g ei n e r V e r s a m mj it u g in d c n Rt ä u m en der U niversität verboten.!^ie fand not der Universität auf bcr jftinnpe unter freiem Himmel statt. ^o erhielt die Empörung unserer österreichischen Rassenschutzstudenten über die „B e l e i d i g u n g u n d H e r a u s s o r d e r u n g", daß ein hervorragender Gelehrter, eine international anerkannte Autorität aus dem Gebiete des Handels- und Wechselrechts, eine akademische Würde bekleiden soll, ihre erste Abkühlung. Nunmehr hat aber auch das P Ho f e s s o r e n k o l l e g i u m de r )ji risti s ch e n Fakultät den h a k e n k r e u z l e r i s ch e n Studenten die g e b ü h r e n d e A n t w o r t auf ihr h e r - a u s forderndes u nb unakademis ch e s Benehmen erteilt. In der letzten Sitzung des Professorenkollegiums der juristischen Fakultät beantragte der Nationalökonom Professor Dr. Hans Nk e y e r eine Bertrauenskrrrrdgebung für den Dekan, da Professor Hupka sowohl als Gelehrter wie als Lehrer und Mensch völlig einwandfrei sei. Die von der protestierenden Parteigruppe der Studentenschaft vorgebrachten Argumente seien in keiner Weise geeignet, bei der Beurteilung eines akadernischeu Funktionärs das Urteil zn beeinflussen. Das Professorerrtottegium stimmte diesen Ausführungen bei und sprach dem Dekan Professor Hupka e i n st i m m t g sein Vertrauen ans. Der Kundgebung schloffen sich auch jene Professoren an, die politisch den deutschradikalen Studenten nahestehen, da Professor Hupka bei allen Angehörigen der Fakultät die gleich große Wertschätzung genießt. Wie werden sich die Hakenkreuzler dieser eindeutigen Antwort gegenüber verhalten? Werden sie triumphierend als Beweis für ihre Behauptung ansühren, daß die Universität „verjndet" sei, da selbst Professoren, die sie als ihre Gesinnungsgenossen zu werten gewohnt waren, sich plötzlich als „,Jndenkucchte" entlarvt hätten? Sei dem wie immer: Die Antwort des Prosesforenkollegiums hat in Wien allgemeinen Beifall gefunden. Denn hätte der akademische Senat den Forderungen der „Deutschen Studentenschaft" nach Annullierung der Wahl Professor H u p k a s zum Dekan Rechnung getragen, dann würde er die Wiener Universität, die altehrwürdige alma mater Rudolfina, einer Gruppe, von Studenten ausliefern, die sich schon heute gern als Herr unserer Hochschulen ausspielen möchte. Oskar Hirschfeld (Wien),

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