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Central-Verein-Zeitung · 1926-11-26 · 48 (26.11.1926) · p. Seite 619

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
48 (26.11.1926)
Date
1926-11-26
Page
Seite 619 (sequence 3)
Language
German
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m Da kam der Krieg. Vielmehr die.Kriegswende. Es kam das neue Aufflammen des antisemitischen Hetzgeistes. Er trat diesmal ungleich bösartiger auf als je zuvor. Bösartiger, weil er als noch bornierter empfunden werden mutzte als früher. Früher kämpfte man dagegen, wie gegenmanche andere unleidliche Züge des alten preußischen Deutschlands, und man hoffte, wenn einst der Stumpfsinn dieser unerträglichen Torheiten über Bord geworfen werde, doch auch das Ende der antisemitischen Abscheulichkeit zu erleben. Aber was geschah nun? Das alte Preußen war tatsächlich über Bord gegangen. Die Ketten der alten monarchischen Hierarchie waren zersprungen. War darum wirklich geistige Freiheit aufgeblüht? Im Gegenteil, finsterer, heimtückischer, boshafter und rüder in den Formen erhob der Antisemitismus aufs neue sein Haupt. Wir erlebten das Aufkommen des beispiellosen Verses: „Rathenau, Rathenau! Schlagt sie tot, die Judenfau!" -- Die Verbitterung, die dadurch eintrat, ist unermeßlich. Sie, lieber Herbert Eule n b erg, der Sie immer ein Mann der Freiheit gewesen, werden es verstehen, daß die ungeheure Enttäuschung, die eintrat, nicht ohne Folgen bleiben konnte. Es ist gewiß nicht zweifelhaft, daß sie in manchen jüdischen Kreisen eine Entfremdung vom Deutschtum hervorrief. Zweierlei kam hinzu, um diese bedenkliche Wendling zu begünstigen. Einmal die Begründung eines neuen jüdischen Staatswesens in Palästina. Ter Zionismus, bis dahin eine vaste Schwarmerbewegung, erhielt plötzlich feste Nahrung. Keine Rede davon, daß nun mit einem Schlage eine große Masse deutscher Juden sich danach gesehnt hätte, nach Kleinasien arlSzuwandern. Aber etwas anderes war geschehen. Namentlich die jüngere Generation war vielfach versucht, also zu konstruieren: Warum soll ich mir mein ganzes Leben lang Sottisen sagen lassen — dort in der Ferne ist etwas aufgestiegen, was mir einen Halt gibt, eine andere Zusammengehörigkeit, die mich nicht von sich stoßen kann, weil sie mich als einen Teil von sich ansehen muß. Und so tauchte zugleich mit einem neuen Interesse für die Voraussetzungen des eigenen Daseins, für die tausendfach fesselnden Zusammenhänge des Judentums in der Welt, eine Geistesverfassung aus, die m Wahrheit den Angelegenheiten des Deutschtums kühler gegenüberzustehen begann. Die zweite Erscheinung, die sich eindrängte und diese Gleichgültigkeit noch verstärkte, war die von Osten anrollende Welle des politischen Radikalismus, die allenthalben die Wurzeln der nationalen Denkart zu unterspülen begann. Daß solche Dinge geschehen sind, darin haben Sie recht, lieber Eulenberg. Nur heißt es, sich klarzumachen, woher sind sie gekommen? Stößt man in Deutschland die jüdischen Volksgenossen mit roher Gebärde zurück, so kann man sich über das Echo nicht eigentlich wundern. Ich höre fast schon wieder das alte Lied der Vergangenheit erklingen, da man den Juden in den Kot stieß und ihn dann verhöhnte und beschimpfte, wenn er schmutzig aussah. Wer fortwährend gehänselt, zurückgesetzt, ironisiert, verlästert und gar bedroht wird, wird nun einmal dazu geneigt sein, den geselligen Kreis zu meiden, der ihm solche Freundlichkeiten erweist. Wenn internationale Bewegungen von machtvoller Anziehungskraft hinzukommen, wie die beiden genannten, so kann der Umschlag der Stimmung leicht erfolgen, l Dies aber soll nur eine Erklärung sein. Gewiß nicht eine R e ch t f e r t i g u n g. Vor allem sei sie überdies mit der Feststellung verbunden, daß es ein erheblicher Fehler wäre, nun zu verallgemeinern. Sehen wir von den gekennzeichneten Gruppen der jungen Generation ab, die durch ungeheure Ereignisse des Weltgeschehens aus dem Gleichgewicht geworfen wurde und ihre feste Orientierung noch nicht wiedergefunden hat, auch von Geschäftsleuten, die der Konjunktur folgen, wie die Kunstmittler, die Sie anführen, so bleibt doch die weitausgedehnte und bedeutende Schar derjenigen übrig, die sich nach dem Programm dieser Hefte auch heute nennen und bekennen als „deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens". Die im tiefsten mit dem Volkempfinden, in dessen M i t t e sie a u f w u ch s e n, in dessen Mitte ihre Väter schon gelebt, dessen Kultur die Luftschicht d ar stellt, in der ihr Ge i st atme t. Die aus allen diesen unzerreißbaren Verbindungen heraus zu einer unzerstörbaren Liebe gelangt sind. Besser: die sich, wenn sie sich auch der jüdischen Geschichte und Ueberlieferungen gern und pietätvoll erinnern, v o l l k v m m e n un d o h n e e i n e n Zweifel des Herzens als Deutsche fühlen. Die in diesem Gefühl und Bewußtsein durch nichts erschüttert werden können, auch nicht durch die äußerste Brutalität von Nugblatt an die 60000! »Jüdische Selbstbekenntnisse" als Beweismaterial — Fritsch zitiert Ktatzkin — Klahkin schreibt uns. Hg'. Mit Zitaten arbeitet ganz allgemein die völkisch-antisemitische Pseudowissenschaft am liebsten, und von den Zitaten bevorzugt sie wiederum die sogenannten „j ü d i s ch e n Selbstbeke n n tn i s s c", die sie für Beweismittel von stärkster Ueberzeugungskraft hält. Irgendwann hat irgendwo irgendein Jude irgendwas gesagt — .und schon steht es in den Handbüchern, Zeitungen-, N-eferentenmaterialien als Beweis, daß alle Juden allezeit ebenso gesprochen, gedacht, gelebt haben. Herr Theodor Fritsch kann, zumal der „Hammer" das 25. Jahr seines Erscheinens beendet, nachgerade als Sachverständiger in der Kunst derartigen Zitierens betrachtet werden. Hut so lächerlicher und trauriger, wenn gerade ihm bei der Ausübung dieser Kunst ein Neinsall beschert ist, den er hätte vermeiden tonnen — sogar bei Anwendung auch nur d e r Sorgfalt, die ihm gelegentlich (vgl. den Warburg-Fritsch-Prozeß) vier Monate Gefängnis eiutrug. — Was geschah? Der „Hammer" brachte im Sommer dieses Jahres aufrufartige Leitartikel über „D i e w a h r e N a t u r b c s I u d e n t u m sD Dutzende von Flugblättern erschienen, die sich ebenso wie der Artikel um ein bestimmtes Zitat, ein „j üd i sch es S e lb st bekenntnis" rankten. 60 000 Exemplare einer Flugschrift „An alle Verantwortliche" flogen asten Persönlichkeiten non Amt und Einfluß in den Briefkasten. Bünde sollen sich gründen „z u r B r e ch u n g des Lu g e n b a u n e s". die Schriftsätze im Marburg- Fr itsch-Prozeß schwellen uniheimlich an, — alles um ein Zitat, alles eines Selbstbekenntnisses wegen! 1916 war es, da erschienen im „Juden", zunächst als Aufsätze nur, die Abhandlungen, die späterhin Dr. Jakob Klntzkin, der konsequenteste -und schärfste Vertreter des nationaljüdischen Gedankens,, als Buch mit dem Titel „Grundlagen! des A'ationaLjudentnms", in der zweiten Auslage „K r i s i s und E u t s ch e i d u n g i m I u d e n t u rn" herausgab. Einer dieser Aufsätze „Grundlagen des (Fortsetzung Seite 620.) Angriffen und Zurückweisungen. Allerdings: leicht wird ihnen diese Haltung oft nicht gemacht, schwere Prüfungen treten an sie heran, und es bedarf einer nicht alltäglichen Reife der Seele, um sie immer zu überwinden. Es ist nicht erstaunlich, daß andere von schwächerer seelischer Konstitution nicht immer so standhaft bleiben können. Hätten wir in Deutschland viele Männer des Wortes wie Sie, Herbert Eulen borg, so brauchte uns nicht bange darum zu sein, daß die unterirdischen Gewalten wenigstens langsam, in absehbarer Zeit aus der Welt geschasst würden, die aufs neue eine Kluft zwischen den deutschen Juden und ihrem Volke aufreißen. Aber auch ohne diese Gewißheit sollen Ihre Worte nicht verhallen. W a s k ü m mcct es letzten Endes den deutschen Iuden, so uru ß man sich täglich sagen, wenn kleinliche und gemeine G e s i n n u n g i h n b e g e i s e r L? Seine innerfte sühlswelt kann das nicht antasten. Mit doppelter Entschiedenheit mag er sich davor hüten, aus dem Gleichgewicht seines natürlichsten Empfindens geworfen zu werden, das ihn zu einem Glied und Teil des deutschen Volkes m a ch t. Als 1918 die Katastrophe hereinbrach, sprach der erste österreichische Bundeskanzler das schöne Wort: „Heute liegt das Deutschtum in der Welt danieder. In diesem Augenblick bekennen wir uns freudig zum Deutschtum." Aehnlich sollten wir sagen, weil alles andere uns den Boden unserer ganzen Existenz unter den Füßen sortziehen würde: Heilte werden die Beziehungen des deutschen Juden zu seinem Volke heimtückischer als je vergiftet, gefährlicher als je durch Lockrufe aus der Ferne erschüttert — in diesem Augenblick bekennen wir uns, unverführt durch Jdeengänge, die uns aus unserer festen Lebensbahn zu schleudern versuchen, in ernstem und unlösbarem Zusammengehörigkeitsgefühl zu dem Land und Volk, die unsere leibliche und geistige Heimat darstellen. Versteht sich, ohne nationalistischen- Unfug und in: Rahmen des guten Europäertums und Weltbürgertums, ohne die sich heute ein sinnvolles Leben überhaupt nicht vorstellen läßt. Ich denke, wenn wir so sprechen und Sie, lieber Herbert E ulender g, von der anderen Seite helfen, solcher Mahnung Durchschlagskraft zu geben, so wird es eine gute und förderliche Bundesgenossenschaft sein. Herzlichft Ihr Max Osborn.

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