Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 48 (26.11.1926)
- Date
- 1926-11-26
- Page
- Seite 618 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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m Noch heute gehören die Juden jenseits unserer Grenze im allgemeinen zu den größten Verehrern und Freunden des Deutschtums. Das fällt besonders uns Künstlern und Dichtern auf, wenn wir draußen bei Vorträger: uns einem fast ausschließlich jüdischen Publikum gegenübersehen. Doch hier im Inland greift letzthin mehr und mehr eine geringere Schätzung und damit auch ein geringeres Verständnis für das Deutschtum und seine Eigenarten Platz. Wie harmlos-volkstümlich und wie getragen von dieser innerlichen Zuneigung für das deutsche Wesen waren noch die Stücke von OArronge und dem alten Oskar B l n m e n t h a l! Und wie verbittert und gereizt wenden sich schon die Komödien von S t e r n h e i m gegen dies ihm verhaßte juste milieu. Das soll natürlich keine künstlerische Wertung sein, sondern nur. der.Feststellung dienen, daß der Jude von heute gegen den Juden von früher weniger Verständnis und Mitgefühl für deutsche Art und deutsches Wesen hat, und dieser sich fremder fühlt m:b fühlen null als in den Tagen des jungen K a d e l b n r g etwa. Selbstverständlich gibt es auch jetzt'noch Ausnahmen, und sie wecken Hoffnung auf einen wieder versöhnlicheren Ausgleich zwischen den beiden Teilen. Der ganz ungewöhnliche äußere Erfolg, den ein saftiges Bühnenwerk wie Karl Z u ck m a h e r s „Fröhlicher Weinberg" gehabt hat, wird wohl herbeigeführi durch die Zuneigung und Hingezogenheit zu dem teutonischen Volk, die, wenn auch etwas roh, aus diesem Stück des jüdischen oder halb- oder vierteljüdischen Dichters spricht. Ich hoffe, man mißversteht mich nicht. Ich beurteile diese Erscheinungen hier nicht nach künstlerischen Gesichtspunkten, sondern lediglich nach der Haltung für oder gegen das Deutschtum. Und nach dieser Richtung hin muß festgestellt werden, daß viele Juden, ebenso wie viele Nichtjuden, heute bei uns manches von ihrer Achtung und ihrem Mitgefühl für die germanische Art, das „typisch Deutsche", eingebüßt haben. Ich glaube nicht einmal, daß der Verlust des Krieges die Hauptschuld daran trägt. Denn es ist stets ein schönes K e n n z e i ch e u des deutschen Jude n g e wesen, daß er sich gerade in den Zeiten der N o t und der Niederlagen besonders eng an das deutsche Volk an schloß. Es ist vielmehr ein irgendwie En tt aus ch tsein, eine gewisse schmockische Reichsverdrossenheit, wie man sie vor dem Krieg bereits auch bei dem teutonischen Bestand der Bevölkerung zuweilen feststellte, eine Müdigkeit und Scheu, sich tiefer mit seinem Volk und seinen Eigenheiten zu befassen, und ein Hang zum Schöntun mit dem Ausland, der seit jeher die in deutschen Ländern wohnenden Menschen nicht zu ihrem Vorteil ausgezeichnet hat. Während, um noch ein Beispiel vom Theater?>it nehmen, der beste Bühnenleiter seiner Zeit, der vorhin erwähnte Otto Brahm, seinem Gerhart Hauptmann und seiner Kunst durch dick und dünn Gefolgschaft leistete, sehen wir heute seine Nachfolger ein internationales Programm vollführen, dem mehr und mehr der deutsche Einschlag verloren geht. Ich habe von vornherein zugegeben, daß der Vorwnrs der lauen Liebe gegen die deutsche Sache u nd Art heute mi nde sten s eb e nso viele Deu ts ch e wie Juden trifft. Aber er trifft eben, wie die meisten Schicksalsfchläge hierzulande, die Juden härter. Und es ist ihre vornehmste Pflicht, einen: solchen Tadel von vornherein auszuweichen. Es geht nicht an, wie es in der Gegenwart oft geschieht, daß die Juden, besonders in den großen Städten Deutschlands, eine Clique bilden, in deren Rahmen sie nur sich selber gegenseitig bevorzugen und in die Höhe treiben. Solche Sonderbündelei und Vetternwirtschaft ist stets vom Uebel gewesen und muß und wird sich auf die Darier rächen. Dennvom Kasten- und geschlossenen Günstlingslvesen zum Ghetto und zü noch Schlimmerem ist oft nur ein Schritt gewesen. Tie Stimme eines Warners wird meist nicht gern gehört. Aber gerade, weit ich den: Judentum in Deutschland so mancherlei zu verdanken habe und unbefangen wie wenige diesen Dingen gegenüberstehe, wollte ich nicht stumm bleiben angesichts der großen Gefahr, die ich in dieser inneren Abkehr der heutiger: Juden vom Deutschtum und in ihrer damit Hand in Hand gehenden Absonderung und Versippung erblicke. Möchte:: diese Menschen doch wieder die Worte von Verth old Auerbach beherzigen, der da schrieb: ,,Jch habe das schwere Kunststück fertiggebracht, bis an mein Lebensende Deutschland lieb zu haben. Aber es hat sich gelohnt. Nicht äußerlich und mit Eeldeswert. Davon wollen wir nicht reden. Aber diese Liebe hat mir innerlich goldene Früchte getragen." Herbert.Eulerrberg. Br. BI« All« antroomt: Lieber Herbert Eulenberg! Keirr deutscher Jude, der es mit den Problemen feiner Existenz ernst nimmt, wird Ihre Ausführungen lesen, ohne nachdenklich zu werden. Wenn ein so unbefangener Beobachter wie Sie derartige Feststellungen macht, so ist kein Zweifel, daß sie mancherlei objektiv Wahresenthalten. Aber es scheint mir doch, daß einige Anmerkungen dazu notwendig, sind, am: erstens den Gründen nachzugehen, die zu den Erscheinungen geführt haben, die Sie bedauernd und warnend hervorheben, und m:: zweitens auf die Grenzen hinzuweisen, in denen Ihr mahnender Hinweis tatsächlich berechtigt ist. Man darf wohl sagen, daß die innere Assimilation des deutschen. Juden an das Volk, dessen Sprache er spricht, in den ersten Jahren des Krieges ihre höchste bisherige Stufe erreicht hatte. Die Generation, die um 1870 geboren war und in die Zeiten des jungen Reiches hineiuwuchs — ich darf von ihr sprechen, da ich ihr selbst augehöre —, hatte nur ein Ziel: nröglichst vollständig in der Gesamtheit des -deutschen Volkes aufzugehen, sich ganz unb gar als einen Teil von ihm zu fühlen und zu betätigen. Es gab kaum Ausnahmen, die dies Programm nicht unterschrieben. Die Zahl der deutschen Juden dieses Geschlechts, die nicht nur allgemein, empfindungsmäßig, dieser Parole folgten, die sich vielmehr ganz ausdrücklich der Erforschung deutscher Geschichte, Literatur, Kunst widmeten und aus diesen Gebieten sehr Beträchtliches geleistet haben, ist unübersehbar. Wenn ich mix ein paar Proben herausfische und daran denke, was etwa — um im Kreise der Beispiele zu bleiben, die mir naheliegen —- von jüdischen Gelehrten und Schriftstellern für die Erkenntnis des Goet he sch e n Lebenswerkes, für das Verstehen H ebbe l s rmd K l e i st 8 , für die Schätzung von Künstlern deutschesten Gepräges, wie B ö ck l i n, Leibl, Thoma, Ktinger, für das Wirken deutscher Musik getan wurde, selbst für Richard Wagner, der durch manche Aeußerungeu wenig dazu einlud, so wird dies sofort klar. Es bedarf keines Wortes, daß die Arbeitsleistung der Geistigen jüdischer Abstammung für das kulturelle Leben Deutschlands aus der Entwicklung des letzten halben Jahrhunderts nicht fortzudenken ist. Ich bin immer der Meinung gewesen, daß hier in der Tiefe geheimnisvolle Kräfte der Anziehung wirksam waren. Vielleicht eben weil Menschen jüdischen Blutes in manchen Zügen der eigentlich germanischen Geisteswelt etwas fanden, was ihnen ursprünglich ferner stand, näherten sie sich den Problemen, die dort ruhten, mit besonderem Eifer. Die geistige Organisation des Juden, durch seine Jahrtausende alte Geschichte gefügt, darum den: analytischen Durchdenken geneigt, mag im Anblick der synthetischen Kräfte in dem jüngeren deutschen Gefühlsleben eine Art Ergänzung erblickt haben, die sie beglückte. Das Komplizierte fühlte sich von den Linien des Einfacheren, die kritische Veranlagung, mit vielfachen Bedenken, Vorbehalten durchsetzt, von den zun: Schöpferischen drängenden naiveren Elementen angezogen, die es in: germanischen Wesen zu erkennen glaubte. Gegensätzlichkeiten,' die in der Tiefe vorhanden sein mochten, ergaben geradezu einen Ausgleich unb führten zu einer überaus fruchtbaren Berührung. Es ist vorgekommeu, und durchaus nicht selten, daß e b e n vor: jüdischer S e i t e d a s De u t s ch e ft e a m tiefste n e r f a ß t u n d a u ch ch a rakterisiert w it r b e. Richard D e h m e l hat in seinen „Zwei Menschen", als er von einem Gegner mit übertrieben und unterstrichen „teutonischen" Wesenszügen spricht, den klugen Vers hingeschrieben: „Er ist mir doch zu gottvoll zun: Hasse. Ein so urdeutscher Menschheitstyrann, daß nur der Vollblutjude Liebermann ihn malen könnte, so schön voll Rasse." Ties leidenschaftliche Interesse unb diese aus inniger Verbundenheit quellende Liebe zu dom Volke, in den: nur geboren, iu den: nur leben, konnte meiner Generation und wohl auch der folgenden, die bis zun: Kriegsbeginn herangereift war, durch die Pöbeleien von antisemitischer Seite nicht verleidet werden. Die Niedertracht der Stöcker-Zeit :u:d später der A h llv a rd t-Episode traf uns schwer, aber ans den Gedanken wären lvir nie gekommen, daß man uns dadurch die Begeisterung etwa für die deutsche Romantik, die als selbstverständlich empfundene Anteilnahme an der: Schicksalen des deutschen Landes aus den Herzen reißen könnte. Der Wille, alle Grenzen, alles Trennende nach und nach in stiller und. redlicher Arbeit zu überwinden, blieb unerschütterlich.