Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 47 (19.11.1926)
- Date
- 1926-11-19
- Page
- Seite 608 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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m Gstpreußische „Raßenforsckung". Die Fragebogen des Professor Slrvid Schultz. Auf Anregung des Universitntsprosessors Dr. Arvid Schultz in Königsberg soll durch Lehrer an der Hand sehr präziser Fragebogen eine Bestandsaufnahme der Rassentypen in Ostpreußen erfolgen. Ob bei einer solchen Untersuchung viel mehr herauskommt, als man schon von vornherein vermuten kann, bleibe dahingestellt. _ Alan weiß, daß Ostpreußen ctn K o l o n i a l g e b i e t der D e u tsche n ist, die bei der teils kriegerischen, teils friedlichen Durchdringung des Landes eine baltisch-slawische Mischbevölkerung vorfanden: neben Litauern und Preußen (d. h. im alten sprachlichen ^inn) auch Polen und Masuren. Auch die deutschen Ansiedler waren nicht einheitlicher Art. Außer Niederdeutschen fand sich ein erheblicher Prozentsatz Mitteldeutscher ein, so daß die Provinz Ins heute rieben vorherrschend niederdeutscher Sprache eine von Elbing bis All eilst e i n reichende mitteldeutsche Enklave enthält. Die Bevölkerung ist also keineswegs einheitlich, sondern muß in rassenhafter Hinsicht als sehr gemischt angesehen werden. Es wird deshalb schwer sein, allzuviel Menschen mit reinem Nassentypus in Ostpreußen auszutreiben, oder gar die Bevölkerung in nach G ü n t h e r s Nassenlehre angenommenen Gruppen der nordischen, ostischen, alpinischeu, mittelländischen (auch westischen) und dinarischen Nasse restlos aufzuteilen. Selbst die vordere fische Nasse, die nur durch die Ostjuden vertreten sein soll, wird kaum alle Elemente ostjüdischer Herkunft aufnehmen können. Aber schließlich ist das Ergebnis der aufzuwendenden Mühe und Kleinarbeit eine Angelegenheit der sich in den Dienst der Sache stellenden Mithelfer und kann nicht Gegenstand der Kritik an dieser Stelle sein, da es für uns Juden ganz gleichgültig ist, aus welchen reinen oder gemischten Rassentypen sich die Bevölkerung einer Provinz des deutschen Sprachgebiets Zusammensetzt. Wohl aber muß hier Verwahrung dagegen eingelegt werden, daß in den Fragebogen neben der Feststellung der körperlichen Merkmale auch Rubriken für seelische und geistige Untersuchungen vorgesehen s i n d. Nach Gü nt h erschein —^ freilich schon älterem — Rezept, werden der Nordrasse zugeschrieben: Begabung, Tätigkeitsdrang, Kulturschöpfung, reiche Phantasie, organisatorisches Talent, ausgeprägter Individualismus. Die größten Feldherrn, Künstler und Erfinder haben nordisches Blut. Es liegt auf der Hand, daß sich für alle diese Behauptungen Gegenausstellungen vornehmen lassen, die entweder zeigen, daß Individuen nordischen Geblüts die gesamten Eigenschaften nicht besitzen, oder daß sie sich bei anderen Rassen ebenfalls vorfinden. Das gleiche gilt für die geistigen Merkmale der anderen Rassen: die mittelländische Rasse sei lebhaft, heiter, oberflächlich, temperamentvoll, sonst hinter der nordischen Rasse zurückstehend, obgleich auch sie ihre Größen hat. Gott sei dank, daß die Römer, die das größte bisher bestandene Weltreich schufen, es musterhaft organisierten, bis heute vorbildlich in ihrer Gesetzgebung sind und uns den größten Teil unserer Kultur gaben, nicht als geistig zurückgebliebene Menschen bei dieser Einteilung abzuschneiden brauchen! Die dinarische Rasse zeigt schon nahe Beziehung zur vorderasischen Rasse, habe Handelstalent fast wie die Juden. Die ostische Rasse hat wenig Ordnungssinn, ist zerfahren, unüberlegt, hat keine Ziele, keine Probleme. Es würde zu weit führen, alle Feststellungen hier aufzuzählen, die für die verschiedenen Nassen im Laufe der acht Vorlesungen des Professors Schultz gemacht wurden. Sie decken sich übrigens mit den schon früher versuchten und durch Günther neuerdings' noch populärer gewordenen. Aber sie beruhen aus irrigen Verallgem e i n e r u n g e n von Eigenschaften, die sich wohl bei einzelnen, vielleicht auch wohl bei einer größeren Anzahl Individuen einer Volksgemeinschaft finden, deren Reinrassigkeit aber keineswegs sestgestellt ist. So können, nur bei der Ostrasse zu bleiben,, sowohl blonde wie schwarze Menschen wenig Ordnungssinn besitzen, zerfahren und unüberlegt sowie problemlos sein. Aber die Volksgemeinschaften sollen nach Günther die Grundlagen für solche Abtraktionen abgeben, nicht die Einzelindividuen. Wer will z. B. behaupten, das russische Volk, das doch unzweifelhaft zürn größten ^eil zur Ostrasse Günthers gehört, sei ohne Probleme? Das Gegenteil trifft zu. Es gibt kein Volk, das m eh r problematische Naturen a u f w e i st, wie das russische. Dabei spielt die Rasse, ob blond oder dunkel, gar keine Rolle. Die A n w e n d u n g. dieser vermeintli ch e n seelischen Merkmale der Rassen auf die I u dcn in Ost - p.r eußen würde bei der Schwierigkeit, ja U n rn ö g - l i ch k e i t solcher Feststellungen durch einen itn - geschulten und rn e i st n ich t unparteiischen B e o b - a ch t e t 3 it m ißlichen llx t e ilen über s i e führe n. Schon Urteile über Fragen wie: Geht er im Beruf aus.? Was leistet er im Berus? sind oft schweren sachlicher Weise abzugeben. Nun gar erst Fragen beantworten wie: Beurteilung der eigenen Stellung, Stellung zu materiellen Dingen, Stellung zu ideellen Dingen ist ohne Befragung der zu Beurteilenden und Psychoanalytische Schulung des Recherchenten ganz unmöglich. Wer wird zugeben, daß er rein materiell gesinnt ist? 11 n d w e n n ein Jude d tm völkis ch - r a i s i s ch" eingestellten B efrage r a n t w o r t e t, e r h a' b e n e 6 e n materielle n Inte r e s ] e n a u dy I d e a l e, s o w i r d ex i h m aus ^Voreingenommenheit das ei n f ach nicht glauben u n d d i e F r a g e d e m g e mü ß b e a u t w o r t e n. W enn de r Rech erch en t sich, wie es oft z u crwar te n ste h t, der Müh e des Befragens nicht unterzieht, so kann m «an s i ch unschwer denken, was für die In d e n bei der Beantwortung der Fragebogen herausk o m m c n w v r d. Es mutz also nochmals betont werden, datz die Verquickung geistiger und seelischer Eigenschaften mit Rasseneigentümlichkeiten nach wissenschaftlichen Grundsätzen unzulässig ist. Wenn daher an jüdische Leser dieser Zeitung die Zumutung gerichtet wird, bei der Rassenanfnahme derartige Fragen zu beantworten, so sollen sie ans diesem Grunde die Antwort darauf ablehnen. Dagegen liegt kein Grund vor, die körperliche Mess u n g abzulehnew da solche Erhebungen unter den Juden nur das Ergebnis haben können, daß sie in dieser Hinsicht von der andersgläubigen Bevölkerung oft gar nicht und nur selten wesentlich abweichen. Das festzustellen wird freilich kaum, im Sinne des Auftraggebers sein. Denn man darf sich durch das Aussehen eines Menschen nicht beirren lassen: die Gesichtszüge können „jüdisch" sein und doch ist der zu Messende der Rasse nach von der Umwelt nicht verschieden. Geistiges Prägt sich in eist in den Gesichtszügen aus: Wie man den Gelehrten, den Bauern, den Offizier, den Kaufmann, den Priester usw. oft am Gesichtsausdruck bzw. an der Körperhaltung erkennt, so auch den Inden. Diese äußerlichen Merkmale, die sich häufig schnell bei dem Wechsel der Umgebung verlieren, haben aber mit Nassen eigentümlichkeiken nichts zu tun. Dr. S. Feist. Jüdische Handwerker in Rußland. Die Zeitschrift „Paix et droit“, das Organ der „Alliance Israelite Universelle“, veröffentlicht in ihrer Oktobernummer einen Aufsatz über die russischen Juden, in dem die Gefahren, die den Juden wie jeder Religionsgemeinschaft in Rußland durch die kirchenseindliche Einstellung des Bolschewismus drohen, aber auch die Erleichterungen gezeigt' werden, die für die Juden durch die Gleichberechtigung mit den Andersgläubigen in ihrer wirtschaftlichen Lage eingetreten sind. In dem Aussatz heißt es u. a.: „Einen anderen wichtigen Schritt auf dem Wege der Besserung bedeutete es, als im Jahre 1924 die Handwerker als „arbeitende Bürger und nicht mehr als „Bourgois-Parasites" anerkannt wurden. Um sie von den „Bourgois“ zu unterscheiden, wurde ausgeführt, daß Handwerker nicht nur der ist, der bei sich zu Hause mit Familienmitgliedern arbeitet, sondern auch, wer im Höchstfälle drei Arbeiter in seinem Dienste beschäftigt. Diese neue Reform wirkte aus die Lage der Juden günstig, da unter ihnen sehr viele Handwerker sind. Die jüdischen Handwerker, Angestellten und Geistesarbeiter bilden eine Masse, deren Lage keineswegs von der der entsprechenden Kategorie der christlichen Bevölkerung abweicht. Man zählt in den russischen Gewerkschaften 300 000 organisierte Juden; sie stellen mit ihren Familien 850 000 Seelen dar. In den Städten der Ukraine verteilen sich die dort lebenden 123 000 gewerkschaftlich organisierten Juden folgendermaßen aus die einzelnen Berufsgruppen: Schneider 84 v. H., Gerber 39 v. H., Druckereigehilsen 35 v. H., Angestellte der Lebensmittelbranche 31 v. H., Beamte 28 v. H., ärztliches Personal 27 v. H., Verkehrswesen 23 v. H., Kunsttischler und Tischler 23 v. H., Getrünkeherstellung 17 v. H., Lehrer 17 v. H., Bauhandwerk 14 v. H., Textil und Industrie 12,5 v. H., chemische Industrie 12 v. H., Gemeindebeamte 11 v. H., Metallindustrie 4 v. H. usw. Man sieht gegenwärtig jüdische Handwerker in der großen Metallindustrie besonders des Südens. Ihre Zahl nimmt langsam aber ständig zu. Unter dem alten Regime war es verboten, Juden in den großen Fabriken, die außerhalb der „Niederlassungszone" lagen, einzustellen." Diese Statistik zeigt'deutlich, daß die russischen Juden Handwerk und Schwerarbeit nicht scheuen. Diese Tatsache wird in dem Artikel noch weiter bewiesen durch die Schilderung der erfolgreichen landwirtschaftlichen Siedelungen, die mit Hilfe von „Joint", „Jea" und „Ort" in Südrußland immer weitere Fortschritte machen. Ein bezeichnender Freispruch. In dem oberschlesischen Jndustriedorf Miechowitz wurde am 8. Juni dieses Jahres ein Wachtmeister von einem Nationalsozialisten, der soeben einen arglosen Arbeiter angeschossen hatte und deswegen verhaftet werden sollte, durch einen Bauchschuß niedergestreckt. Der Täter entleibte sich aus der Flucht selbst. Von völkischer Seite wurde der Selbstmord und der vorhergehende Totschlag bestritten und das ganze dem Reichsbanner in die Schuhe geschoben. Tie Beuthener nationatsostalistische Ortsgruppe forderte ihre Mitglieder aus, an der Beerdigung ihres von „jüdisch-marxistischem Neichsbaunergesindel ermordeten Parteigenossen" teilzunehmen. Eine d c u t s ch n a t i o n a l e Zeitung in Oberschlesien bestritt den Selbstmord des völtrschen Totschlägers und behauptete, er sei „als Opfer gemeiner jüdischer Volks- Verhetzung" gefallen. — In der Sch wurgerichtsverhandlung, die vor einigen Tagen stattfand, mußten sämtliche Angeklagte freigesprochen werden, da der chemische Befund der Wundränder nach den Ausführungen des medizinischen Sachverständigen das Vorliegen eines Selbstmordes bestätigte. Unter diesen Umständen konnte die Zwei Tage dauernde Verhandlung natürlich auch nicht den geringsten Beweis dafür erbringen, daß Inden die; Tat angestistet oder mit ihr irgendwie in Zusammenhang gestanden hätten.