Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 47 (19.11.1926)
- Date
- 1926-11-19
- Page
- Seite 606 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ausbämuen-Müsseu gegen gemeinen Spott und Hohn, .und doch sich nicht aufbäumen können: das führte dazu, sich in die irrationale Lebenstiefe zurückzuziehen, wie sie etwa die Chasstdim beseelte. Aber auf der anderen Seite lebt doch auch im jüdischen Geiste so viel Klarheit der Gedankenbildung, so viel Maß und Verklärung, daß man etwa angesichts eines Mannes wie Spinoza nur davon reden kann, die hinströmende Liebe zu Gott sei hier in eine wunderbar klare und lichtvolle Gestaltung gebunden. Es zeigt sich dann, daß man das Charakteristische eines Volkes nie mit allgemeinen Begriffen fassen kann, und zumal bei einem Volke, das, wie das ursprüngliche jüdische Volk, als Mahner und Warner, als Träger und Deuter, als „Vorwärtswnchter" der Menschheit, wie Alfred Kerr sagt, als Ingredienz und Ferment in die Volker der Welt überging, ist es ganz unmöglich, sie mit einer Kategorie zu fassen. Wenn wir daher die Stellung der Juden zur d e utschen M us ik v er steh en wollen, so tun w ir gut, die G e g e n ü b e r st e l l u n g v o n jüdischer u n d deutscher Seele zu unterlassen. Diese geschieht in doppelter Form. Entweder spricht man dem Juden das Verständnis für die deutsche Musik ab; oder man billigt ihm das Verständnis zwar zu, behauptet aber, die Allsgabe sei für das Judentum, die ihm wesensgemäße Art der Musik Zu schaffen, die dann doch in deutlich erkennbaren Grundzügen erkennbar sei (Klangfarbe wichtiger als Tonalität, „Antiharmonielehre", Ürgestalt des Sprechgesanges). Die erste Art ist die eines mehr oder weniger feinen Antisemitismus, die zweite die Auffassung von Bert*), etwa im zionistischen Sinne. Die antisemitische Ansicht ist leicht zu widerlegen. Es mag einem noch so schwer fallen, es zuzugestehen — und ich bekenne, daß ich ernstlich mit der Frage gerungen habe —, bei tieferem Eindringen muß man sagen, daß in der Nachschöpfung der größten Werke unserer deutschen Musik wirklich kein Unterschied zwischen D e u t s ch e n und Männern j ü bischer A b st a m m u n g besteh t. Die Tat der Wiederentdeckung Bachs durch Mendels so h n kann durch die — im übrigen gar nicht tiefgehenden — Bedenken W agners nicht verkleinert werden. Ob Mendelssohn, Hermann Levi, Gustav Mahler, Bruno Walter oder Abendrot h die Werke unserer Großen interpretieren oder Mottl, Steinbach, Richard Strauß, das macht nie einen wesentliche n Unterschied. Die jüdischen Interpreten wissen auch um die Vermittlung des Schwebenden, Distanzierten, Unendlichen in Bach, Beethoven, Brahms, sie werden dem „Dionysischen" in B e e t h o v e n s Siebenter oder Brahms Vierter ebenso gerecht wie dem „Apollinischen" in Mozart oder Händel. Aber da sagt man: Ja, als Nachempfinder, Angleicher, Ausschöpfer zugegeben, doch wo bleibt die schöpferische Tätigkeit? Auch in dieser Frage wollen wir uns nicht mit billigen Mitteln eine Lösung erschleichen. Zwei Gesichtspunkte erscheinen mir da wichtig. Einmal ist mit Recht bemerkt worden, daß Deutschland bis auf die klassische Zeit keine jüdischen Komponisten hervorbrachte, und daß bet erste derselben der sogenannte „Verwässerer der Klassiker", Mendelssohn, war. Das ist richtig und hat etwas zu bedeuten. Aber was? Doch vor allen: dies, daß es den Juden vor i h r e r Emanzipation nicht möglich war, mit jenem letzten tiefen Vertrauen, mit jenem Gefühl einer wirklichen Verwandtschaft aus dem Born deutschen Empfinden s und G est a l t e n s zu schöpfen, die gerade zur Schaffung musikalischer Werke nötig sind. Zu sehr hatte sich das Gefühl der Ablehnung und der Fremdheit, eben das unwiderlegliche Ghettobewußtsein, der jüdischen Seele bemächtigt. Und nun war es doch so: Die ganz großen Zeiten der abendländischen Kultur waren vorüber. N i k o l a u s C u s a n u s , R e m b raubt, B a eh , Goethe kommen nicht wieder. Spenglers Konzeption eines organischen Werdens und Versallens wird da recht behalten, mag da kommen, was da will; selbst eine neue Kultur aus dem alten Boden Europas wird daran nichts ändern können. Und da gab es für die Juden jenes unerbittliche, schicksalhafte „Zu spät", das nun einmal aus der Weltgeschichte mit ihrer Einmaligkeit (Kontingenz) unb *) Das Buch „Das Iudcntum-in der Musik" von Berk wird Adam Röder irr einer der nächsten Nummern dieser Zeitung besprechen. Die Schriftleitung-. der Unwiederbringlichkeit der Entscheidung nicht zu streichen ist. Wenn sich nun die Juden m solch hervorragender Weise an der Lebendigmachung des Größten in der deutschen Kultur als wahre Ausbeuter beteiligen, so ist das eine Gelegenheit, das Versäumte wieder gutzumachen, mtb gerade Nichtjunden sollten das dankbar anerkennen und die Juden nicht für ihre, der „Christen", Sünden durch eine Ablehnung strafen, die menschlich und sachlich gleich ungerechtfertigt wäre. Aber man geht ja weiter und sagt, der Jude sei zur konzentrierten Gestaltung aus der deutschen Seele heraus unfähig. Man nimmt die Waffen in diesem Kampfe aus dem Arsenal Wagners. Dieser, zu sehr aus M e n d e l s s o hn und Mey er beer hinstarrend, sagte ja, der jüdische Musiker werfe die verschiedenen Formen und Stilarten aller Meister und Zeiten durcheinander. Oder er stellt Beethoven und Mendelssohn („der uns gezeigt hat, daß ein Jude von reichster spezifischer Talentsülle sein, die feinste und mannigfaltigste Bildung, das gesteigertste, zartempfindende Ehrgefühl besitzen kann, ohne durch die Hilfe aller dieser Vorzüge es je ermöglichen zu können, auch nur ein einziges Mal die tiefe, Herz und Seele ergreifende Wirkung auf uns hervorzubringen, welche wir von der Kunst erwarten") gegenüber. Da sagt er: „Rang der letzte in der Kette unserer wahrhaften Musikheroen, Beethoven, mit höchstem Verlangen und wuuderwirkeudem Vermögen nach klarstem, sicherstem Ausdrucke eines unsäglichen Inhaltes durch scharfgeschnittene plastische Gestaltung seiner Tonbilder, so verwischt dagegen Mendelssohn in seinen Produktionen diese gewonnenen Gestalten zum zerfließenden, phantastischen Schattenbilde.. Nun wird es ja viele geben, die zum mindesten über einzelne Werke Mendelssohns anders denken, aber auch, wenn wir Wagner diese radikale Unfähigkeit, aus der ursprünglichen deutschen Seele heraus zu gestalten, zugeben, so bleibt doch auch hier wieder, in einem noch tieferen Sinne, jenes schicksalhafte „Zu spät". Denn das deutsche Wesen ist nicht mehr in seiner ursprünglichen Fülle, wo man die Dinge der Tiefe noch unmittelbar schaute und gestalten konnte, sondern es ist in der Reflexion und Zerrissenheit. Und ist dabei, angesichts des ungeheuren Aufbäumens der Weltprobleme, der ganz anderen Erfordernisse der jetzigen Wende, vielleicht doch seinem ursprünglichen Wesen treu geblieben. Und daß hier der Jude wirklich schöpferisch sein kann, zeigt eine Gestalt wie G u st a v Mahler. Davon hat Wagner freilich noch nichts gewußt; aber es ist gewiß, daß Mahler, auch in seiner Unvollkommenheit, ein Spiegelbild war unserer sich aus tiefster Not zur höchsten Schau auftürmenden Zeit. Man kann dabei etwa an die „Sinfonie der Tausend" denken. So dürfen wir sagen, daß die antisemitische Einstellung auch in den musikalischen Dingen dem Wesen der Sache nicht gerecht wird. Aber ich glaube, daß auch die Berls ch e Weise, jüdische und deutsche Art in der Musik als sich ausschließend gegerrüberzustellen, sehr fragwürdig ist. Das kann natürlich hier nicht in derselben gründlichen Form, in der das Berlsche Buch geschrieben ist, ausgewiesen werden. Das Wichtigste möchte ich so Zusammenfassen: Jüdischer Geist i st heute keine isolierbare Erschein u n g mehr, sondern das, was man mit irgendwelchem Recht noch als spezifisch Jüdisch a n - sprechen kann, i st mit tausend Fasern verflochten in die Kultur des betreffenden Landes, und a u ch in b e z u g auf d i e s e Länder k a n n man nicht mehr von isolierten nationalen Kulturen sprechen, sondern auch da ist ein Netz von gegenseitiger B e e i n s l u s s u n g über die ganze Erde gebreitet. So stehen auf dem Gebiete der Musik wie auf allen anderen Gebieten des Lebens deutscher und jüdischer Geist nicht gegensätzlich und ausschließend widereinander, sondern. sie ergänze n sich und b e d i n g e n s i ch w i e zwei Pole in einer großen, umfassenden Wirklichkeit. Und wir sind überzeugt, daß das Wort Richard Wagners, das Judentum sei das üble Gewissen unserer Zivilisation, sich in ein ganz anderes, von ihm ungeahntes verwandeln wird. Das Judentum gehört zu den ewigen Menschheitserscheinungen, die das Gewissen der ganzen Welt und damit auch das Gewissen des deutschen Volkes und seiner .Kultur find. Das bedeutet dann auch in der Musik: Nicht A b Wendung, sondern Hinwendung zu fruchtbarer und kritischer Förderung und gemeinsamer Schöpfung..