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Central-Verein-Zeitung · 1926-11-12 · 46 (12.11.1926) · p. Seite 598

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
46 (12.11.1926)
Date
1926-11-12
Page
Seite 598 (sequence 6)
Language
German
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vor dem Strafrichter. Der Ucbersall bei Mcrkerrsritz. — Keiner hat Die Kommttnisten aufgehetzt. — Die Jndensrage wird auf den Barrikaden entschieden. Der luappe Raum-dieser Zeituna erlaubt uns gewöhnlich reicht, »Ulf die unendliche Fülle oft recht wichtiger, vom Central - v e r e i n z u l e i st e n d e r n n d g e l e i st e t e r C inzelarbeit eiuuigchen. Mögen die drei folgenden Verhandlungsberichte erweisen, wie oft deutsche Juden gerade in mittleren und kleinen Städten Fährnissen mW Beleidigungen ausgesetzt sind, und wie diese Beschimpfungen ihre gerechte Sühne fanden. Die Schriftleitung. I. Jtn Bereich unseres Landesverbände s H e s j e n - 9» a s s a u und •£> c s s c n nmrden in den letzten Alouaten drei Prozesse durchgeführt, die teils wegen der darin verwickelten Personen, teils wegen des Sachverhalts das Interesse unserer Leser finden dürsten. Lun Frühjahr dieses Jahres wollte der Reisende Siegrnund L o e b ans Frankfurt a. Pt. nach Einbruch der Dunkelheit seinen Mnsterkosser von M erkensritz (Oberhessen) nach dem etwa vier Kilometer entfernten Gedern tragen lassen. In einer Wirtschaft in Merkenfritz erboten sich zwei junge Leute, wurden aber, nachdem sie sich mit Loeb in Bewegung gesetzt hatten, von zehn Burschen, die die Verhandlungen Loebs mit den Koffert rägern mit angehört hatten, im Walde überfallen und am Weitermarsch gehindert. Die jungen Leute, von denen sich besonders ein gewisser K r i e s hervortat, bedrängten Loeb mit Stößen und Schlägen, entrissen seinen beiden Begleitern das Gepäck, liefen damit in den Wald und verlangten schließlich die Bezahlung des vereinbarten Trägerlohns. Durch hinzukommende Radfahrer wurden die tapferen Helden verscheucht, wobei Kries laut rief- „D a v o r n i st e i 11 I n d e b n b, s eh lagt l h n t o t." Das. Gericht in Ortenberg (Oberhessen) verurteilte die Angeklagten/ die sämtlich noch nicht vorbestraft waren, wegen eines Vergehens der Nötigung zu Geldstrafen in Höhe von 50 und 100 Mark und verfügte die Veröffentlichung des Urteils, soweit der Angeklagte Kries sich noch wegen Beleidigung vergangen hatte. Bei der mündlichen und schriftlichen Urteilsbegründung wurde „d a s r o h e u n d b r u t a l e Bo r gehen d e r Ä n g e klagte n, l h r s ch a m l o s e s Verhalten und die ge r i n g e R e n e, die sie über ihre Tat empfanden", scharf gegeißelt und dabei besonders erwähnt, daß der der Verurteilung zugrunde liegende Vorfall sogar tu F o r m eines Theaterstückes noch vor der Aburteilung in Mertenfritz verarbeitet und gespielt wurde. Die Verhandlung, die sich fast den ganzen Tag hinzog und unter ungeheurem Andrang der Bevölkerung stattfand, ergab oas beschämende Bild, daß der Bolksschullehrer Jung ans Mertensritz als Zeuge eingestehen inußte, das Theaterstück sei mit seiner Billigung und Kenntnis 'aufgeführt worden. Der Borsitzende des Gerichts konnte bei der Vernehmung Jungs die Bemerkung nicht unterdrücken, „daß ihm ein solcher Zeuge in seiner langjährigen Praxis noch nicht vorgetouunen sei". II. Der ans den Hitler-Tagen in München nicht unbekannte Schriftleiter des „Völkischen K u r i e r s" , der inzwischen ein gegangen ist, Wilhelm W e i ß in München, hatte vor Jahresfrist einen Artikel veröffentlicht, in dem ein angeblicher Ueberfall von Nationalsozialisten durch K o m m u u i st e n in W o r m s mitgeteilt war, „die ihrerseits von dem I u d e n F o r ch h e i m e r aufgehetzt wurden". Aus diesem Anlaß erhob der Kaufmann Mar Forchheimer gegen Weiß Privatklage. Zur Hanptverhandlnng in Worms hatte der Angeklagte Weiß erklären lassen, daß er sich auf Mitteilungen seines Gewährsmannes in Worms verlassen habe und nur wisse,' daß d e r Forchheimer, der in der Wirtschaft gesessen habe, in Frage komme. Dagegen erklärte der nationalsozialistische Gewährsmann vor; Weiß, ein Kaufmann B i e f ans Worms, nicht der Kaufmann M a r Forchheimer sei gemein:, sondern dessen Sohn, Ernst Ferch hei nie der auf der Brücke in Worms mit Kommunisten gesehen, worden sei und diese ausgehetzt habe. Daraufhin erhob auch Forchheimer j u n. Klage, die zunächst vom Amtsgericht Worms abgewiesen, aber auf Beschwerde beim Landgericht in Mainz zugelassen wurde. In der nach Jahresrist endlich anberanmten zweiten Hanptverhandlnng ergab sich das für so viele Völkische typische Bild, daß w e d e r für die Beteiligung des Vaters noch des Sohnes Forchheimer an einer angeblichen Aufhetzung v e r g e r i n g st e B e weis e r b r a ch k werden konnte.' Ter Angeklagte Weiß wurde deshalb zu einer Geld st rase von 1 5 0 M ark, zu ben -H o ft e n ■ des V c r s a h r e n s und der V e r ö f f eil t li cf) ii u g in vier Wor m s e r Tageszeit u n g e n v e r urteilt. In der Begründung wurde ausgesprochen, daß lediglich mit Rücksicht ans die ungünstigen Vermögensverhältnisse eine noch höhere Strafe unterblieben sei, und baß die Bezeichnung „Jude" neben dem Namen in dem Zusammenhang, in dem sie gebraucht worden sei, nicht die Feststellung über die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion enthalte, sondern nichts anderes bedeuten könne als die Absicht, den so Bezeichneten „einer niedrigeren und unvaterländischen Gesinnung zu bezichtigen", Dom itttd (glfteti § : VON; e:E. P N ERMA N N VI. Tie Kriegszeit brachte das Problem der Ostjuden, das vorher kaum eine ernstliche Nolle gespielt hatte, höchstens für die Unterstützungskassen der Gemeinden. Sie brachte das Problem der hinzugewanderten Inden vielfach hierbei aus zerstörten Gebieten. Diese Juden waren meist — die Fragen sind nicht ganz geklärt — Abkömmlinge ans den in den deutschen Pogromen des Mittelalters vertriebenen Judenscharen vom Rhein und aus Franken. Sie sprachen ein altes Mittelhochdeutsch und saßen in vielen Millionen in fast geschlossenen Gemeinden in Polen und Westrußland, meist proletarisch, unkultiviert im europäischen Sinne, aber hochintelligent, körperlich oft noch ghettohaft verkümmert und sehr arm. Die Oberschicht assimilierter, reicher, hochkultivierter Ostjuden ist im Verhältnis zur Masse ans proletarischer Lebensführung sehr dünn. Durch jahrhundertelange Berührung mit slawischen Völkern hatten sie viel von ihrem einstigen deutschen Wesen abgelegt, anderes wieder, wie Sprache, Kleidung, Volkslieder, mit unendlicher Zähigkeit sich, erhalten; i m g n n z e n O st e n galt en sie a ( s P i o n i erc d e s D e n t s ch t u m s. Die Ostjndensrage war also plötzlich .für uns ein Problem und doch kein Problem geworden. Jedenfalls lag. es nicht dort, das Problem, wo es die deutschen Antisemiten sahen, sondern es war nur ein solches sür den deutschen I u d e u, der sich fragten mußte: Kann dieser Ansturm von im westlichen Sinne weniger kultivierten Mengen von p^r o l e t a r i s ch e n Inden nicht durch Heirat oder Einflüsse zu einer Senkung des kulturellen Niveaus des deutschen Juden führen? Das aber war eine interne jüdische Frage, die die deutsche Oessentlichteit nichts anging und mit der die deutschen Juden in ihrer kulturellen Gesundheit sich selbst schon abgefunden hätten. Sonst aber hat niemand das Recht, gegen, den Ostjuden etwas einzuwenden. Denn selbst wenn die Invasion sich ans 50 000 belaufen hätte, was meiner Ansicht nach viel zu hoch gegriffen ist, so wäre auf 1200 Deutsche ein Ostjude gekommen und das kann nie und nimmer den Bestand eines Volkes gefährden oder sür es einen Nachteil bedeuten! Außerdem war das Gros der Ostjuden durchaus in schwerer Armut, und es war selbstverständlich, daß man ihm Asylrecht gewährte; und noch selbstverständlicher, daß man ihnen die Möglichkeit gab, auf legalem Wege ihre Lebenslage zu verbessern. G e g en ben i 11 e g a l en W e g io in das G c s e tz g e n a u 's o a u w e u d b a r w i e b e i j e d e m a u d e r n a u ch. Also eine Ostjudenfrage gibt es für den christlichen Deutschen gerade ebensowenig wie eine C-hinesen- oder Engländersrage, lind außerdem muß endlich einmal das eine klar gesagt werden, daß jeder. Mensch dadurch, daß er geboren ist, das Recht hat, seine 00 oder 60 Jahre Leben — nachher ist es Schluß — an jedem Punkt dieser Erde zu leben, wenn es ihm möglich ist, dort sein Dasein zu fristen; natürlich unter der Bedingung, daß er nicht asozial ist und sich den dort üblichen Gesetzen ein fügt. _ In fortgeschrittenen demokratischen Ländern, wie die ch w eiz, E n g t a n d, H o l l a n d u n d A m e r i t a, war dieses Asylrecht seit Jahrhunderten eines der Grundrechte, von dem abzugehen, selbst wenn sich Mißlichkeiten ergeben hätten, man als einen Verstoß gegen die Menschlichkeit angesehen chatte. Erst der herrliche Krieg mit feiner ihm folgenden Erwerbslosigkeit hat auch diese Länder vorübergehend ans Gründen der Selbsterhaltuug davon zurückaeworseu. Wenn ich die Absicht und die Möglichkeit habe, in Timbuktu zu leben, so ist es doch eine Idiotie, wenn irgendjemand vorgibt, er hätte ein Recht, mich daran zu hindern. Am 20. Juli 1014 war diese Tatsache noch (Fortsetzung auf Seite 599 ) m. Der Nationalsozialist H a s e l m a y e r in Frankfurt, der Schriftleiter der daselbst erscheinenden, aber zurzeit auf sechs Monate verbotenen „F r e i h e i t s f a h n e" hatte in H n n g e n (-Oberhessen) eine wüste Hetzrede gegen die Juden vom Stapel gelassen, dabei die Regierung als „einen internationalen Saustall" bezeichnet und geäußert: „E s w erde nicht e h er wieder R u h e eint r et e n i m Volk, bis di e^H a k e n k r e u z f a t) n e v o n den Z i n n e n des Berliner -.Schlosses wehe, die Judenfrage w e r d e n u r a u f d e n B a r r i k a d e n e n t s ch i e d e n." Haselmayer hakte sich deshalb vor dein großen Schöffengericht in Gießen zu verantworten und wurde wegen eines Vergehens gegen $ 8, Ziffer 1 des Gesetzes znm Schutze der Republik in Tateinheit mit einem Vergehen der Aufreizung zum Klassenhaß aus § 130' des Strafgesetzbuchs zu e i n e r Gef ä n g n i s st r a s e v o n z w e i M o n a t e n u n d z n d e n K o st e n v e r urteilt.! Die „vornehme. Kampfesweise" H a s e l m a y e r s übrigens kenn- , zeichnet, daß er in einer der letzten Nummern seines Blattes wört-! lich „jeden C. B.-Inden als einen großen Misthaufen an Charakter-! losigkeit" bezeichnet. Hierüber werden wir demnächst noch Näheres! nütteilen.

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