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Central-Verein-Zeitung · 1926-11-05 · 45 (5.11.1926) · p. Seite 585

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
45 (5.11.1926)
Date
1926-11-05
Page
Seite 585 (sequence 5)
Language
German
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Juden, Monarchen und Päpste. Eine Erwiderung an den Grafen Adalbert Sternberg. Von Rabbiner Dr. Max Grnnwald (Wien). ^Vorbemerkung der S ch r i f t l e i tu n.g,: Wir geben Herrn Rabbiner Dr. Grunwald (Wie n) um so lieber 31t den folgenden Ausführungen das Wort, als unsere Ausführungen über Graf Sternberg zu Mißverständnissen über die Persönlichkeit des Grafen Anlaß gaben. — Selbstverständlich hat Dr. G r u n - wald bei seinem Aufsätze nur die österreichischen katholischen Verhältnisse im Auge; in Deutschland ist das Verhältnis des katholischen Teils der Bevölkerung zum jüdischen durchaus befriedigend? Graf Adalbert Sternberg sandte mir vor einigen Monaten seine Schrift „P ä p st e, Kaiser, Könige und Jude n", die ja auch den Lesern dieser Zeitschrift durch die Besprechung in Nr. 89 des laufenden Jahrganges bekannt geworden ist. In einem Begleitbrief ersuchte mich der Graf um mein Urteil, wobei er betonte, daß er ein Zeitalter des Humanismus herbeiführen und dabei die Nolle Neuchlins übernehmen möchte. Gras S t e r n b e r g hat seinerzeit als einziger außer M a s a r h k, dem gegenwärtigen Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik, den Mut gefunden, im ehemaligen österreichischen Reichsrate für H i l s n e r e i n z u t r e t e n. 1911 hielt er in den Sophiensälen in Wien einen Vortrag gegen den Antisemitismus, bei dem u. a. der Minister des Aeußeren, Graf V e r ch t h 0 l d, und der d Militarkanzleichef Kaiser Josefs, General Baron Bol fräs, sowie zahlreiche Mitglieder des Hochadels anwesend waren. Für einen Juden Grund genug, seinem Wunsche nach Würdigung seines Buches näherzutreten. Ich mußte ihm leider antworten, daß, so aufrichtig und warm ich seine Bemühungen um Herstellung des religiösen Friedens anerkenne, abgesehen von Schreib- und Druckfehlern, manches in seiner Schrift aus uichtverläßlichen Quellen geschöpft und darum historisch anfechtbar sei. Die edle Grundtendenz wird aber durch solche Entgleisungen, die einem Laien auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte nicht zu verargen sind, keineswegs beeinträchtigt. Daraufhin ersuchte mich Graf Sternberg, mich über den Gegenstand öffentlich zu äußern. Indem ich diesem Wunsche in folgendem zu entsprechen versuche, betone ich, daß ich hier lediglich meiner privaten Ansicht Ausdruck verleihe. Gras Sternberg ist bestrebt, zwischen Katholiken und Juden einen Weg der Verständigung in dem Sinne anzubahnen, daß sie beide, den eigenen Lehren getreu und gemäß, gemeinsam den bürgerlichen Frieden fördern sollen. In einer Umgebung, die zu 90 Prozent aus Katholiken besteht, kann meines Erachtens uns ö st e r r e i ch i s ch e n Juden nichts erwünschter sein, ja, ich sehe es als eine Lebens not Wendigkeit für uns an, diese überwiegende Mehrheit davon zu überzeugen, daß, wie die Wiener Juden 1669, kurz vor ihrer Vertreibung, an den Kaiser schrieben, „ein Jude zu, sein, an sich noch kein Laster sei". Der Jude ist ein 'Mensch wie jeder andere und hat als solcher ein Anrecht darauf, i u d i v i d u e l l beurteilt zu werden. Es widerspricht der elernen-! tarsten Gerechtigkeit, daß man, was ein einzelner Jude tut, i auf das Konto der gesamirn Judenheit oder gar seines Glaubensbekenntnisses, des Judentums, setzt. Ebenso unbillig wie unlogisch ist es darum, weil einige Juden in der Presse eine Rolle spielen, d a s I u d e n t u rn für jeden nicht genehmen Zeitungsartikel verantwortlich zu machen. Um so mehr, als wir Juden weder über eine Organisation verfügen, wie z sie unvergleichlich die katholische Kirche besitzt, noch überhaupt eine; Kirche mit ihrer Autorität, ihrer Verantwortlichkeit und ihren j Disziplinarmitteln bilden. Vorwürfe, die gegen uns als Julden er- | hoben werden, können wir nur daraufhin prüfen', ob sie den Tatl fachen der Geschichte und Moralstatistik entsprechen, oder ob sie durch I Glaubenslehren des Judentums gerechtfertigt werden. Wo aber wirk- I lich ein Fehler als jüdische Massenerscheinung vorliegt, wird er von j allen den Juden, die sich von ihm frei wisien, um so schmerzlicher | empfunden, als sie, als Juden solidarisch mit diesem Makel mitf belastet, doch, mangels einer anerkannten jüdischen Sittenzensur, z außerstande sind, für die Abstellung des Uebelstandes oder Ausf schaltung des Uebeltäters hinzuwirken. } Dies vorausgeschickt, darf ich wohl weiter betonen, daß J ich an dieser Stelle dein Herrn Grafen, der als Monarchist jüdischen f Nepublikanern Aeußerungen dieser ihrer Parteinahme verargt, auf I das p 0 liti s ch e Gebiet zu folgen, keinen Anlaß sehe. Die I politische Einstellung hat mit dem Judentum nur insofern zu tun, I als dieses seinen Vekenuern Vaterlandsliebe zur Pflicht j inacht. Der P r 0 p h e t I e r e m t a (Kapitel 29, Vers 7) verkündet: „Erstrebet den Frieden der Stadt, in die ich euch geführt; denn in ihrem Frieden findet ihr den euren." Und die „Sprüche der Väter" fordern: „Betet für das Wohl der Obrigkeit; denn ohne die Furcht vor ihr würde einer den anderen lebendig verschlingen." Ganz allgemein möchte ich nur bemerken, daß es zur Herstellung eines friedlichen Verhältnisses unter den Konfessionen weniger auf die Verfass lt n g des Sta a t e s, als aus die Geistesverfas s u ng der Bürge x ankommt. In Deutschland haben Ktrchensürsten, une Ko PP, F i s ch e r, v. Stork, F a u l h a b e r, und Zentrumssührer, wie ein Windthorst, ein Dr. Lieber, auf ein friedliches Verhältnis zu den Juden Gelvicht gelegt. Dies Landesverband tzesien-Naffau und Hessen. I Aus Anlaß der Landesverbandsversammlungen finden im Bereiche des Landesverbandes folgende Veranstaltungen statt. Darmstadt: Donnerstag, 11. November: Dr. Norbert Einstein, Mainz: Sonnabend, 13. November: Dr. Norbert Einstein, Eschwege. Sonntag, 11. November: Studienrätin Dr. Gertrud Klausner, M. d. L., Mitglied des Hauptvorstandes, Berlin. Darmstadt. Sonntag, 14. November: Ordentliche Landesverbandsversammlung 1926. Dr. Ludwig Holländer, Direktor des C. V.; Dr. Norbert Einstein, Berlin; Syndikus Dr. Martin Marx, Frankfurt a. M. Weitere Veranstaltungen geben wir in der nächsten Woche bekannt. hinderte freilich nicht, daß sich der eine oder der andere Zentrumsmann als Antisemit bekannte. Ein solches Schwanken der Stellungnahme zu den Juden zeigt aber schon die Geschichte der Päpste. Graf Sternberg beruft sich ja aus die Judenfreundlichkeit der Päpste und der Habsburger. Was zunächst die österreichischen Herrscher anbetrifft, so stehen wir noch unter dem günstigen Eindruck, den die beiden letzten Kaiser hinterlassen haben. Aus der Vergangenheit wüßten wir aber Spuren religiöser Duldsamkeit, außer bei Friedrich II!. und Josef II., nur bei Maximilian II. festzustellen, der aus seiner Toleranz kein Hehl machte. Er verurteilte nicht nur jeden Gewissenszwang, sprach nicht allein unverhohlen seinen Abscheu über die Bartholomäusnacht ihrem Veranstalter, seinem Schwiegersöhne Karl IX., gegenüber ans, sondern bekundete diese seine Gesinnung ausdrücklich in einem Briefe, den Kaunitz zwei Jahrhunderte später der Kaiserin M a r i a Theresia auf den Schreibtisch legte. Er fand sich nach ihrem Tode in ihrem verschlossenen Sekretär mit der Randbemerkung: „Verbleibe einer anderen Zeit — nach meinem Tode — (die Zeit) wird auch kommen!" Ebensowenig wie bei den Habsburgern kann man von einer Tradition in diesem Punkte bei den Päpsten sprechen. Schon ein Blick aus die Geschichte der Wiener Juden beleuchtet das. Während 1420 Martin V. sich der in Wien gewaltsam getauften Juden annahm, lehnte 1670 Klemens X. die erbetene Intervention gegen die Judenvertreibung ab. Ein Jnnocenz III. zwängte den Juden das Kainszeichen des Judensleckes auf. Bis 1847 fand alljährlich beim Karneval der schändliche Judenwettlauf statt. Aber wenn auch Jnnocenz IV. den Judenschutz damit rechtfertigte, „weil sie Zeugen für die Wahrheit des Evangeliums sind" —, ewig dankbar bleiben wir trotzdem den Päpsten, die uns gependen W a h n d e r B l u t l ü g e in Schutz genommen haben. Unsere ganz besondere Aufmerksamkeit erweckte aber ein Ausspruch des gegenwärtigen Oberhauptes der katholischen Kirche, der freilich, bezeichnend genug, von der Wiener katholischen Presse totgeschwiegen wurde. Der Papst erklärte Vertretern der katholischen Gesellschaft der „Freunde Israels": „Es ist gegen, das katholische Prinzip, die Juden zu verfolgen. Die Juden sind ein göttliches Volk, obgleich ihre höhere Intelligenz zu rationalistisch ist." Der in den letzten Worten ausgesprochene Tadel deckt sich im Wesentlichen mit dem, was Graf Sternberg uns Juden vorhält: Die I u d e n st e h e n i mm e r i u d e r O P P 0 s i t i 0 n , sie seien Gegner der Kirche ... I st d i e s e r V v r w u r s b e r e ch t i g t? Und stehen Juden in Opposition gegen die Kirche? Woher diese Gegnerschaft? Und wohin zielt sie? Wir Juden glauben und beten an unseren heiligsten Festen, daß alle Menschen einst Brüder werden, sobald sie sich als Kinder eines Vaters, des Vaters im Himmel, fühlen. Die V ö l k e r v e r s ö h - n u n g soll eine religiöse sein, wie ja auch Gras Sternberg soeben einen Vortrag über „das religiöse Paneuropa" veröffentlicht hat. Dazu müssen aber die Religionen zuerst v e r s ö h n l i ch werden. Das Judentum war nie u n d u l d s a m g e g e n ein anderes Bekenntnis. Es lehrt vielmehr: „Selbst ein Götzendiener, der im Sinne der Bibel moralisch lebt, ist dem Hohenpriester gleich zu achten." „Die Frommen alter Völker haben Anteil an der ewigen Seligkeit." Der Prophet Jona, zu den Sündern von Ninive gesandt, fordert von ihnen nicht, daß sie Synagogen bauen, daß sie Juden werden, sondern daß sie von ihrem bösen Wandel lassen. Auch Graf Sternberg spricht sich dagegen aus, daß den Juden fort und fort der Tod des Stifters des Christentums zur Last gelegt wird. Wenn man nur diese eine uralte Quelle des Judenhasses schließen wollte, der Judenhaß würde zu einem Teile versiegen. Und wenn vor wenigen Jahren erst wieder der päpstliche Staatssekretär dem Londoner R 0 th schild bestätigt hat, daß die P ä p st e s e lb st der Blut lüge e n t g e ge n ge t r e te n sind, weshalb duldet man dann noch in Tirol die Bilder der angeblich von den Juden ermordeten Märtyrer und ihre Verehrung? Wie soll der Jude es ruhig geschehen lassen, daß man ihn öffentlich zum Mörder von Religions wegen stempelt, wie man ihn früher als ausländischen Vagabunden behandelt hat?

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