Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 45 (5.11.1926)
- Date
- 1926-11-05
- Page
- Seite 583 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Fabel von der Judenpresse. Eine Widerlegung von Chefredakteur Fritz Goetz. Fritsch juniors „Zeitungspolyp— Wirklich der „Dolchstoss der Tresse“? — Die Feststellungen des Münchener Universitätsinstituts für Zeitungsforschung. — Von 3152 Zeitungen 10 vom Hundert linksgerichtet. — Wie sieht es bei dem Telegraphen- und Nachrichtendienst aus? Die wahre Erkenntnis muss kommen! Der „Schild", das Organ des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, begeht in diesen Tagen die Feier seines fünfjährigen Bestehens. Um seine Herausgabe und Gestaltung hat sich Fritz Goetz besonders verdient gemacht. Möge der „Schild" unter Goetz' Leitung noch lange Jahre den Aufgaben des Frontbundes — der Verteidigung der Anwürfe auf die Kriegstätigkeit der Juden, der sportlichen Ertüchtigung, der landwirtschaftlichen Umstellung — als anfeuerndes Sprachrohr erfolgreich dienen! Wir begrüßen besonders die Tatsache, daß Chefredakteur Fritz Goetz, der als Verlagsdirektor eines der größten deutschen Betriebe das Zeitungswesen genau kennt, gerade heute in unserer Nummer das Wort nimmt. Die Schristleitung. . Der Ruhm des alten Theodor Fritsch, der erst vor wenigen Tagen zu einer längeren Gefängnisstrafe wegen übler Nachrede verurteilt wurde, die er über Max Marburg veröffentlicht hatte, läßt seinen Sohn nicht schlummern: Er hat im Hammer-Verlag in Leipzig, dem „rühmlichen" Unternehmen seines Vaters, soeben in neuer Auflage eine Schrift erscheinen lassen, die sich der „Jüdische Z e i t u n g s p o l y p" betitelt. Man ist von Publikationen politischer Art, die von völkischer Seite her stammen, allerhand gewohnt. Was aber an Verdrehung, Falschmeldung, Falschzitierung und Umbiegung von Tatsachen, die sich als solche nicht gut aus der Welt schaffen lassen, bisher geleistet wurde, wird -hier übertroffen. Dagegen fehlt jedes Verständnis für weltwirtschaftliche, weltpolitische und wirtschaftspolitische Zusammenhänge. Die Schrift zeugt von einer geradezu bemitleidenswerten Unkenntnis derjenigen Dinge, über die sie sich auf 28 Seiten ausläßt. Zunächst wird alles aufgewärmt, was schon während des Krieges und nach der Revolution zum Schaugeprünge völkischer Geschichtsschreibung gehörte; alle die infamen Verdächtigungen großer und größter deutscher Zeitungen, deren Verbreitung den Völkischen von jeher ein Dorn im Auge war und deren politisch maßvolle und kluge Haltung sie nie haben verstehen können und wollen. Natürlich wird die große deutsche Presse auch hier wieder als Hauptführerin des „Dolchstoßes^ bezeichnet, und auch hier wieder werden die führenden deutschen Journalisten zum mindesten der Bestechung durch das feindliche Ausland beschuldigt. Wenn diese Herren es überhaupt für wert halten sollten, sich mit ^einer derartigen Schmähung zu befassen, so wird der junge Fritsch Gelegenheit haben, genau dieselbe klägliche Rolle vor Gericht zu .spielen, wie es der Vater in der letzten Verhandlung vor der Hamburger Strafkammer tat. I Wenn wir uns aber nunmehr mit dem materiellen Inhalt der .Broschüre beschäftigen wollen, dann gibt es für den auch nur oberflächlich Orientierten kaum etwas Lächerlicheres als die allgemeine Feststellung, die dort über die deutsche Presse getroffen wird. Nach der Broschüre sind ungefähr 90 Prozent der deutschen Presse v e r j u d e t oder i n j ü d i s ch e n Händen. Und das gesamte deutsche Zeitungswesen ist nach den überraschenden Feststellungen dieses Meisters der Zeitungskunde so in der Gewalt der Juden, daß kaum eine dieser Zeitungen es wagen würde, irgend etwas zu veröffentlichen, was den jüdischen „Belangen", um in der Sprache des Herrn Fritsch zu reden, abträglich wäre. Zahlen sind immer etwas Unangenehmes, und besonders für den, der irgendeine Unwahrheit verdecken will. Deshalb wollen wir diesem „Sachverständigen" der deutschen Zeitungsgeschichte doch einige Ziffern entgegenhalten, die aus einer Aufstellung des Münchener Universitätsinstituts für Zeitungsforsch un g en tuomm en frnd. - Nach diesen als objektiv anerkannten Feststellungen gibt es in Deutschland im Ganzen zurzeit 3152 Zeitungen, von denen 330, das heitzt also im ganzen etwa 10 Prozent, linksgerichtete sind. Dabei sind schon 20 Zeitungen mitgezählt, die der k o m m u nt ft ische n Partei gehören, die man also nach ihren äntikapitalistischen Tendenzen und nach ihrer Bolschewistenfreundschaft keinesfalls den Linksparteien im eigentlichen Sinne zurechnen kann. Auck von diesen 330 Zeitungen weiß man, daß nur eine kleine Zahl jüdischen Verlegern gehört oder Juden in ihrer Redaktion beherbergt. Man kann auch selbst nach völkischem Sprachgebrauch ehrlicherweise nicht behaupten, daß durch den politischen Umsturz m Deutschland die „Judenpresse" etwa stärker geworden sei. Im Gegenteil hat sich die Richtung in einem großen Teil der deutschen Presse auffallend stark nach rechts verschoben, was folgende Zahlen belegen: Vor dem Kriege bestanden etwa 3300 rechtsgerichtete Zeitungen, denen 671 'linksgerichtete gegenüberstandew Also von diesen 671 sind über 300 in das rechte Lager hinübergegangen. Was von den Zeitungen gesagt ist, das trifft in noch stärkerem Maße auf die Nachrichtenu n d K o rrespondenzb ü r ea us zu. Wenn wir vom W olffsch e n Teleg r a P h e n bu r e a u absehen, das als amtliches Nachrichtenbureau parteipolitisch nicht eingestellt sein soll, so sind die großen Nachrichten- und Korrespondenzunternehmungen heute alle in Händen der Rechtsparteien, als deren Exponent auf diesem Gebiete der Geheime Finanzrat a. D. Hugenberg zu bezeichnet ist. Man kann wirklich nicht sagen, daß der Scherl-Verlag mit dem „Berliner Lokal-Anzeiger", dem „Tag" und der „Woche", die zahlreichen mitteldeutschen Zeitungen, die „Hamburger Nachrichten" und die „Augsburger Zeitung", wie der „Hannoversche Kurier" und die „Münchener Neueste N a ch r i ch te n", die entweder im Besitze Hugenbergs sind oder an denen er ausgiebig beteiligt ist, die Interessen der Juden irgendwie besorgen. Wer nur ein wenig mit den Verhältnissen der Provinzpresse Bescheid weiß, sieht klar, daß heute bereits 1600 Zeitungen durch Korrespondenzkonzerne und T e l e g r a p h e n - N n i o n (1. II.) bedient werden, die Hugenberg nahestehen, also rechtspolitisch orientiert sind: ungefähr 57 Prozent. Außer der großen Telegraphen-Union bestehen dort noch elf K o r r e s P o n de nz d i e n st e, die telephonisch, telegraphisch und brieflich versandt werden. Um sämtliche redaktionelle Abteilungen der Zeitungen zu erfassen, ist auch ein Sportdienst eingerichtet, werden H a n d e l s d i e n st e aus gegeben, ein Parlamentsdienst, ein A s i e n - O st - E u r o p a - D i e n st, ein deutscher Schnell dien st für Politik und Wissenschaft, ein allgemeiner Bilderdienst und als besonderer Köder für die Provinzzeitungen treten auch hier noch die Ausländsbriefe hinzu. Auch für die ganz kleinen Blätter sorgt Hngenberas „Wipro", zunächst als „Bund der Kreisblattverleger" bezeichnet) die den sogenannten Materuzeitungen für ein billiges Geld die notwendigen Matern, das heißt den fertig abgesetzten und unabänderlichen Redaktionstext liefert. Daneben gehören diesem auch noch die Annoncenexpeditionen Ala, H a as e n st e r n u. Vogler und Daube, eine Anzahl in der Inflationszeit sehr verdienstreicher Papiergroßbetriebe und Filmgesellschasten (wie die Deulig) und eben der erwähnte Verlag August Scherl. Wenn wir die obigen Zahlen, deren Nichtigkeit ganz unbezweiselbar ist, sehen, und wenn wir dann in der Broschüre den Sah lesen: „Mit der deutschen Presse aber beherrscht Juda das deutsche Geistesleben und auch das deutsche Volk selbst", dann kann man nur das Gefühl des Widerwillens und der Trauer darüber haben, daß derartige Pamphlete gedruckt werden. Vielleicht ist aber dieser Schmutzkübel nur deshalb auf die deutsche Publizistik ausgegossen worden, um aus Blatt 17 der Broschüre die „Schriften" ztl erwähnen und zu empfehlen, die reichhaltige Stoffe über das Thema bieten sollen. Wenn dem so ist, dann wollen tvir den Verfasser und die unglücklichen Leser dieses Heftchens allein lassen und sie in der Lektüre dieses dunklen Offertenbriefes nicht stören. Für einen Menschen mit gesunden Sinnen, normaler Vernunft und primitivem Geschmack wird keine der dort zitierten Schmähschriften jemals als Lektüre oder gar Belehrung -in Frage kommen. Rudolf Errcken über die Judenfeindschaft. In Nr. 43 der „C. V.-Zeitung" konnten wir einen Brief Rudolf Euckens wiedergeben, in dem sich der große Philosoph über den hohen sittlichen Ernst des Judentums äußerte. Heute sind wir in der Lage, ein b i s h e r unbekanntes Schreiben Rudolf Euckens zu zitieren, in dem er seine Stellung zum Antisemitismus kennzeichnet. Rudolf Eucken schrieb aus Jena am 25. Dezember 1922: „...Ich brauche Ihnen nicht zu versichern, daß ich kein Antisemit bin. Es ist mir überhaupt die einseitige Betonung des Rassenelements sehr unsympathisch, indem sie die Bedeutung der Freiheit und der Persönlichkeit zurückstellt. Dazu habe ich von Jugend auf mit so vortrefflichen Inden verkehrt (einer meiner besten Jugendfreunde hieß Jonas Cohen), so intime Freunde und eifrige Schüler unter jenen gehabt, daß schon die Erfahrung mich davor.behütet. hat, jenem unwürdigen Fanatismus anheimzufallen. Es steckt im Antisemitismus ein gutes Stück von Neid und Gehässigkeit, das wir entschieden bekämpfen müssen."