Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 45 (5.11.1926)
- Date
- 1926-11-05
- Page
- Seite 582 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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schlimmste Gift für unsere ohnehin schon so rechtlose Zeit, bedeuten das Schafott deutscher Treue. Unwahrheit und Unrecht haben aber den Unfrieden zum Bruder, und diese geschwisterliche Dreiheit ist es, -die den völkischen Weizen zum Blühen bringt. Diese drei sind auch die größten Feinds unseres Volkes, nicht der Jude mit seinem religiös-sittlichen Denken und Tun. Dem aber, der tief' durchdrungen ist von seinem Christentum, und in dessen Brust echtes, wahres Deutschturn glüht, können Rezepte völkischer Zeitungsschreiber nicht zum Grundsatz werden, sondern ihm gilt nur die Arbeit für Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden als richtunggebend. Fernab von jeder völkischen Verzerrung von Religion, Recht und Sitte wollen wir wandeln aus den Pfaden wahrer Gottes- und Men-schenliebe. Wer in Gott seinen Vater sieht, erblickt in jedem Menschen seinen Bruder, mit dem er in Wahrheit und Gerechtigkeit das Reich des Friedens aufbauen Hilst aus Erden, in Heimat und Volk, im Kamps für Gott und Vaterland. 30 J&l&are K.X. Eine bemerkenswerte Rede des Breslauer Regierungspräsidenten. Die seltene Feier des dreifachen Jubiläums beging in, diesen Tagen der K a rt e l l k o n v e n t der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens (K. C.), dessen älteste Verbindung „V i a d r i n a“ vor nunmehr vierzig Jahren ihre schwarZZoldrote Couleur an der Breslauer Alma mater zum erstenmal zeigte, der Gesamtverband kann in diesen Tagen auf ein dreißigjäh r i g e s und die jetzige Breslauer Verbindung „T h u r i n gi a" auf ihr fünfundzwanzigjähriges Bestehen Zurückblicken. Aus diesem Anlaß hat auch dev K. C. seine jährliche Tagung diesmal nach Breslau gelegt. Mit Recht schreibt Dr. Ernst Fraenkel, der Verfasser der gehaltvollen Jubilnumsfestschrift: „Die Geburtsstunde des K. C.-Gedankens ist dadurch bedeutsam geworden für das deutsche Judentum, daß jener Gedanke bald aus der Enge des studentisch-akademischen Kampfplatzes ins bürgerliche Leben übernommen wurde. Die große organisierte Vertretung des deutschen Judentums, die den Kampf „für Deutschtum und Judentum" aus ihre Fahne geschrieben hat, baute ihre Arbeit aus unserem Tendenzgedanken auf, und es ist kein Zufall, daß gerade die Besten ans unserem Verband zu Führern des deutschen Judentums wurden, sowie auch —es wäre kein Tag der stolzen Freude für den K. C., wenn dieser Name heute unerwähnt blieb — der unvergeßliche Eugen Fuchs sich stets freudig zu den Unsrigen bekannte." Die Breslauer Veranstaltung die äußerst zahlreich von alten und jungen K. C.ern aus dein ganzen Reiche besucht war, fand ihren Höhepunkt in einem großen Festkommers unter gewandter Leitung von eanck. zur. Ernst W e i ß e n b e r g. Unter den Gästen bemerkte man den Regierungspräsidenten und den Rektor der Universität. Nach alter K. C.-Tradition galten die ersten Worte dem deutschen Vaterland und der Erinnerung an die Gefallenen des Weltkrieges. Für dieses Gedenken und das Treugelöbnis zum Vaterland fand Landgerichtsrat Dr. Rosenthal erhebende Worte. Mit Entschiedenheit brachte er zum Ausdruck, daß aller Haß und alle Schmähungen der letzten Jahre den deutschen Juden " die Liebe zum deutschen Vaterland nicht nehmen können. Die Tendenzrede wurde von Rechtsanwalt Dr. Walter Koch mann (Berlin) gehalten. Bis zu dem Kriege, so führte der Redner aus, sührte der Kampf der K. C.-Verbindungen mehr und mehr zu praktischen Erfolgen, fast überall bestanden korrekte, teilweise sogar freundschaftliche Verhältnisse zu den anderen Korporationen. Der Krieg hat all diese Ansätze Zerstört. Der Einzug der völkischen Gedankengänge in die Hochschulen brachte eine neue Situation. An die Stelle der bisherigen Waffen mußten andere gesucht werden, politische Schulung und sportliche Erziehung neben die Ausbildung mit dem auch weiterhin geführten Säbel treten. An Stelle des erkrankten Reichstagsabgeordneten Dr. Ludwig Haas, der A. H. einer K.C.-Verbindung ist, ergriff dann Dr. Ludwig Holländer, seit langen Jahren der geistige Führer des Verbandes, das Wort. Er behandelte die Tragik, in welcher der jüdische Student unserer Tage lebt, wofern er für Glaube und Heimat, für Vaterland und Freiheit eintritt. Doch es sei nicht angebracht, hierüber Klage zu führ en. Nach ei nein Worte Spinozas müssen wir sagen, um zur Klarheit und zu innerem Frieden zu kommen, dürfe man sich nicht in leeren Klagen ergehen, sondern müsse sich uw Erkenntnis bemühen. Dann sehen wir, daß die geistige Fundierung des akademischen Judenhasses vor dem Kriege sich wesentlich von der in dev Nachkriegszeit unterscheidet. Vor dem Kriege sah man in den jüdischen Akademikern zu schnell emporgestiegene Neulinge in dev studentischen Welt und bekämpfte sie deshalb. Nach dem Kriege muß man trotz der ungeheuren Blutopfer, die der K. C. dem Vaterland gebracht hat, erleben, daß die jüdischen Kommilitonen von weiten Kreisen der deutschen Akademikerschaft als Landfremde minderwertiger Abstammung bezeichnet werden. Die Folgen dieser Verhetzung sind erschreckend. Was soll man dazu sagen, wenn der Verband der akademischen Turnerschaften monatelang ernstlich darüber berät, ob einer seiner schneidigsten Fechter und tüchtigsten Sportsleute noch weiter das dreifarbige Band seiner Turnerschaft tragen darf, nachdem sich herausgestellt hat, daß unter seinen Ahnen sich auch solche jüdischen Blutes befunden haben. Bedauerlicherweise ist sestzustelleu, daß die Hochschulbehörden nicht immer ihren Einfluß benutzten, um Friede und Versöhnung herbeizuführew Der Redner wandte sich alsdann den jungen K. C.ern zu: „Haltet aus, seid Euch Eurer deutschen und jüdischen Würde bewußt, die Zeiten werden sich ändern. ,Wir sind ein alter Stamme wir können wartend hat Jakob L ö w e n b e r g einmal gesagt. Wir werden trotz allem auch weiter warten, dieLiebe zu unserem Vaterland möge uns die Kraft dazu gebend Der Breslauer Regierungspräsident Dr. Iünicke betonte -daraus, daß er sich jederzeit in die vordersten Reihen des Kampfes gegen den Antisemitismus stellen werde. Gerade hier im Osten könne man allen antisemitischen Hetzereien mit einem guten Argument den Boden abgraben, indem man darauf Hinweise, datz die Deutschen jüdischen Glaubens in den abgetrennten Gebieten, namentlich in Polnisch - Oberschlesien, zu den Haupt st ützen der deutschen Minderheiten gehören, es daher absolut unsinnig sei, zu behaupten, daß das Judentum allgemein die Stellung des Deutschtums untergrabe. Der Hatz, von dem hier die Rede ist, beruhe aber oft weniger aus einer unüberbrückbarenAbneigung,sondern sei meist auf bodenlose Unkenntnis zurnckzuführen. Er betrachte es daher als seine vornehmste Pflicht, Menschen aller Kreise zusaMmenzuführen, um ihnen die Gelegenheit zu geben, sich gegenseitig kennenzulernerr. Manch schöner Erfolg sei auf diese Weise erreicht worden. Der Regierungspräsident rief den Studenten zu: „Lassen Sie sich nicht irremachen durch die Wellen des ihnen entgegenschlagenden Hasies in der Befolgung der Ideale, die den geistigen Gehalt Ihres Verbandes ausmachen, und stehen Sie treu zu ihnen. Sondern Sie sich von ihren christlichen Kommilitonen nicht ab, sondern gehen Sie hinein in alle Organisationen, die Sie mit christlichen Studenten znsammensühren können, und versuchen Sie, in aktiver Mitarbeit Ihren christlichen Kommilitonen menschlich näherzntrcten. Gehen Sie insbesondere hinein in die studentische Selbstverwaltung, so wie dies in einem Artikel verlangt wird, den die letzte N u m m e r d e r „C. V. -Zeitung" urrterderUeberschrift „Hinein in die studentische Selbstverwaltnng" bringt, der mir aus der Seele gesprochen ist. Schreiten Sie stolz ans dem einmal eingeschlagenen Wege fort und halten Sie heute und immer an den Idealen ihrer Studentenzeit fest." Dann sprach der Rektor der Schlesischen Friedrich- W i l h e l m s - U n i v e r s i t ä t, Geheimrat K o r n e m a n n, dessen Erscheinen besonders begrüßt wurde, da nur zu häufig die Spitzen der Uuiversttütsbehorden den Einladungen zu K. C.-Veranstaltungen keine Folge leisten. Der Rektor betonte, datz er gewillt sei, während seiner Amtsführung keinen Unterschied zwischen den ihm anvertranten Studierenden zu machen, welcher Konfession sie auch angehören. Als Korporationsstudenten von altern Schlage erfülle es ihn mit aufrichtiger Freude, in den K. C.ern ein kampfgestähltes Geschlecht vor sich zu sehen, das sich berntthe, die besten Traditionen des deutschen Korporationsstudententumsr Unterordnung, Selbstzucht und Kampfesmut treu zn wahren. Ganz besonders gefalle ihm der Wahlspruch der „Tlraringia“: „Neminem time, neminem laede!“ Niemanden fürchte, niemanden verletze! Er erinnere im ersten Teil an das Vismarckwort: „Wir Deutsche fürchten Gott, sonst nichts ans der Welt", einen Wahlspruch, der für den Kamps des K. C. besonders geeignet erscheine, der zweite Teil aber mahne daran, datz Toleranz gegen die Ueberzeugnng anderer zu üben, unser vornehmste Pflicht sei. Cs folgten eine Reihe Ansprachen befreundeter studentischer Korporationen und Breslauer Organisationen. So sprach Rechtsanwalt Dr. Tarnowskr füv den C. B., Dozent Dr. Levkowitz für das Theologische Seminar, Justizrat Hirschber g für die Genwinde, und andere. Werner Rosenberg (Berlin).