Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 8 (29.10.1926)
- Date
- 1926-10-29
- Page
- Seite 31 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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31 ün Autorität verloren hatte. Die meisten der aus den: Felde heimkehrenden Führer hatten kein Interesse und keine Zeit mehr für die Zugend. So kam es dahin, daß die Einzelgruppen den politischen und kusturellen Meinungskämpfen der Zeit hilflos ausgeliefert waren. Zum erstenmal begann man den Stand der Eltern in Betracht zu ziehen, ihren Beruf und ihre politische Meinung; zum erstenmal konnten auch antisemitische Stimmungen Boden gewinnen, denn die Erklärung, „die Juden sind an allem schuld", war zu einfach, um nicht hier und da einleuchtend gefunden zu werden. Ich glaube aber feststellen zu können, daß nur in ganz judenfreien Gruppen antisemitische Stimmungen restlose Zustimmung fanden; in anderen waren Kameradschaft und angeborene Wohlerzogenheit zu groß, um zu schroffen Gegensätzen zu führen. Meistens einigte man sich auf die Formel, daß der jeweils in Frage kommende Kamerad ja ein netter Kerl sei; nur die Juden „als Ganzes" wären eben eine minderwertige Rasse, deutschfeindlich usw. Nicht wenige judenstämmige Knaben, zumal solche aus Beamten- und Akademikersamilien, stimmten dieser Ideologie zu, wurden innerlich und äußerlich ihrer Herkunft abspenstig gemacht und dachten nicht gern an sie; einige mögen sie sogar als einen unauslöschlichen Makel der Geburt betrachtet und darunter gelitten haben. Als sich aus diesem wirren Chaos der Ideen, Stimmungen und Tendenzen die neuen Bildungen herauskristallisierten, trat auch aus dem Gebiet der Judenfrage eine gewisse Klärung ein. Allerdings muh die Pfadsinderbewegung, so wenig sie sich von ähnlichen Bünden zu unterscheiden begann, in dieser Beziehung gesondert betrachtet werden. Hier wirkte immer noch die alte Toleranzidee nach, und ein satzungsmüßiger Ausschluß nichtarischer, semitischer oder halbsemitischer Mitglieder ist meines Wissens in keinem der pfadfinderartig gebildeten Bünde erfolgt. Dennoch machte sich in den stark rechts gerichteten Gruppen des alten D. P. B. und bei einem Teil der Ringpfadfinder eine gewisse Animosität gegen Juden geltend; es wurden wohl nur diejenigen in der Bewegung gehalten, die ihre Abkunft völlig verleugn eten und auch sonst in die großbürgerlichen und Beamtenkreise gehörten. Eine gesonderte Betrachtung verdient die Stimmung im N e u - pfadfinderbund, weil er als der innerlich lebendigste und regsamste für weite Kreise der Jugendbewegung vorbildlich war und ist. Grundsätzlich stand man hier aus dem Boden der Toleranz, die großzügige Ideologie der führenden Köpfe war äußerst verworren. Man hatte sich hier all jene modernen Gedankengünge zu eigen gemacht, die die gegenseitige Bedingtheit von Leiblichkeit und Geistigkeit betonen, hatte viel von blutsmäßiger Bindung, von Natur- Verbundenheit und Heimatgefühl gehört. Für die Pfadsinderkreise war das eben eine neue Entdeckung und wirkte sich daher mit besonderer Heftigkeit aus. Bor allem begann man nun einen bis dahin unbekannten Kult der Persönlichkeit, der um so fanatischer war, je mehr es an solchen mangelte. So kam denn ein Kult des schönen nordischen Menschen heraus, des „herrischen" Menschen insbesondere, der fanatisches Aszetentum gern über den verhaßten großstädtischen Intellektualismus stellte und seine Vorbilder zum Teil aus dem Georgekreis, zum Teil von den Freideutschen, zum Teil von den Völkischen bezog. Offiziell war man nicht antisemitisch, aber man fand doch, daß Judenstämmige, die als solche deutlich erkennbar waren, „nicht dazu gehörten", zumal wenn sie etwa mit neuen Ideen kamen oder Anspruch aus eine gewisse Führerschaft erhoben. Geduldet wurden wieder nur diejenigen, die noch nordischer waren als die arischen Jünglinge selber — und über die machte man sich dann wieder lustig. Im großen und ganzen ging es aber hier ohne Kämpfe ab. Die einzelnen Ortsgruppen hatten und haben völlige Freiheit in ihren Entschließungen und nehmen jeden aus, der ihnen gefüllt. Der ausgesprochen private Charakter dieser Freundschastskreise macht alle solche Entschließungen unanfechtbar. So gibt es Gruppen, in denen verhältnismäßig viel Jungen jüdischer Abstammung vorhanden sind und sich sogar durch besondere Regsamkeit und Lebendigkeit auszeichnen; allerdings hat man stch wohl besonders anziehende und überdurchschnittlich begabte herangezogen, weil man von ihnen besonders viel erwartete und nach näherer Prüfung seine Vorurteile hintanstellen zu können glaubte. Bezeichnend ist aber, daß solche Gruppen dann sehr schnell von den anderen als „verjudet" bezeichnet werden. Schlußbemerkung der Schriftleitung. In Anbetr-acht dieser geschilderten Zustände unterliegt es wohl keinem Zweifel, daß für einen jüdischen Jungen eine Mitarbeit in der Psadfinderbewegung, so wie sie heute ist. nicht in Betracht kommt. Mit einer wohlwollenden Entscheidung „von Fall zu Fall" können und dürfen wir uns nicht zusriedengeben. Wir müssen von jedem nichtjüdischen Bunde die prinzipielle Entscheidung verlangen, ob für ihn bei der Ausnahme neuer Kameraden lediglich die menschlichen Qualitäten, oder auch Abstammung und Klauben ausschlaggebend stnd. „warum sind wir Deutsche?" Sechs Aufsätze von H. Stern. Die Schrift*) ist als Beginn einer für die deutsch-jüdische Jugend bestimmten Schriftenreihe HU denken, als erster Versuch, den Niederschlag von nach vielen Richtungen streifenden Gedanken und Wünschen in knappster Form zu geben. Letzten Endes ist es wohl die Ueberschrift, die Jrrtümer erweckt. Sie sollte besser als Frage der böswilligen wie der wißbegierigen nichtjüdischen Deutschen an den jungen Deutschjuden lauten: Warum seid i h r Juden, warum könnt ihr es als Juden sein, und warum wollt ihr es sein? —, wobei bemerkt werden muß, daß die letzte Frage von n a t i o n a l j ü d i s ch e r Seite gestellt wird. Mit dieser Einführung ist wohl die Vorstellung zwischen Buch und Leser erfolgt, und wir können daran gehen, ihr Einanderkennenlernen zü vermitteln. Stern gliedert seine Arbeit in zwei Hauptgruppen: Warum dürfen wir uns Deutsche nennen? und: Warum wir nicht Deutsche sein sollen. Die erste Frage findet in drei Aussätzen ihre Beantwortung: Weil uns die geschichtliche Entwicklung zu Deutschen gemacht hat; weil wir mit der deutschen Kultur verwachsen stnd; weil wir mit dem deutschen Vaterlande verwachsen sind. Die zweite Hauptgruppe setzt sich wiederum aus drei Aussätzen zusammen: Wir sollen nicht Deutsche sein, weil: wir rassefremd; wir volkssremd; wir Juden sind. Es wird wenige unter unseren jungen Freunden geben, denen die Tatsachen, die bei allen diesen Fragen für den Fragesteller ausschlaggebend sind, ständig zur Verfügung stehen. Aber auch uns selbst nurß eine Schrift willkommen sein, aus die wir jeden Augenblick z u r ü ck g r e i f e n können, wenn wir einmal überprüfen wollen, ob zwischen unserem Jnnenerlebnis als jüdische Deutsche und dem tatsächlichen Geschehen der A u ß e n w e l t i n V e rg a n g e n h e i t und G e g e 11 w o x t U e b e r e i n st i m m u n g besteht. Stern schöpft aus der Fülle seines Wissens und verwendet mit Nutzen für die Schrift wie für den Leser die Erfahrungen seiner u n t e r r i ch t l i ch e n Tätigkeit. Noch ein Letztes: Die Schrift ist für Angehörige der Jugendbünde a u ß e r o r d e n t l i ch b i l l i g. Aus Veranlassung des Centralvereins hat der Verlag eine Sonderauflage lediglich zum Vertrieb in den Kreisen der Jugendlichen hergestellt. Dreißrg Pfennige sind auch heute noch e r s ch w r n g b a r. Und so sollte Sterns neueste Arbeit recht bald in der Hand eines reden unter uns All finden sein, —rg. Der neue Menfth. Vortrag von Frau Ministerialrat Dr. Gertrud Bäumer. (Veröffentlicht in der Zeitschrift des Reichsausschusses der deutschen Jugendverbände „Das junge Deutschland", 20. Jahrgang, Heft 9.) Die Jugendbewegung, deren Sinn und Inhalt nicht einmal von der Mehrzahl der dem Jahrgang nach jungen Menschen erfaßt wird, ist in Kreisen der älteren schwersten Mißverständnissen ausgesetzt. Man begnügt sich hier im allgemeinen damit, sie als ein verschwommenes, ungewisse Etwas („ums eben jeder mal durchgemacht hat") zu ignorieren oder sich an ihren Auswirkungen („Die frischen, jungen Leute führten einen fröhlichen Volkstanz auf . . .") zu „erbauen". Um so freudiger ist es daher zu begrüßen, wenn ein Außenstehender sich der Aufgabe, die' wesentlichsten Gesichtspunkte der Jugendbewegung herauszuarbeiten, mit einem solchen Erfolg unterzieht, wie es Gertrud Bäumer in ihrem klaren Referate gelang. Die Referentin wirst zunächst die Frage auf, ob wir die Jugendbewegung als etwas absolut Neues in der Geschichte betrachten dürfen, und kommt zu der Lösung, daß „die europäische Geistesgeschichte der letzten beiden Jahrhunderte mehrere große Wellen aufweist, die als nichts anderes denn als Jugendbewegung bezeichnet werden können". Als typische Vertreter einer Jugendbewegung" wären auch die jugendlichen Verfechter der Ideen von 1813 (Freiheitskriege), 1835 (das junge Deutschland) und um 1880 (Sozialismus, Naturalismus) zu betrachten. Ihnen ist mit der heutigen Jugendbewegung gemeinsam der „Durchbruch der Seele gegenüber der Mechanik, oder Durchbruch der Natur gegenüber der Zivilisation"^ oder eben schlechthin Durchbruch des Lebens gegenüber lebensfeindlichen Formen, Durchbruch des Persönlich-Menschlichen gegenüber dem nur Sachlichen. „Die spezifische Ausdrucksform für das, was wir heute schlechthin als „Jugendbewegung" bezeichnen, sind die Hingabe für Religion, für Volkstum oder für Sozialismus. Trotz dieser verschiedenen politischen, sozialen und kulturellen Einzelbestrebungen müsse jedoch allen Anhängern der Jugendbewegung ein gemeinsames Ziel vorschweben: „Menschwerdung der Masse". In ihren Schlußworten richtet die Referentin die eindringliche Mahnung an alle Anhänger der Jugendbewegung, ihre große Aufgabe zu erfüllen, „in dem schicksalsvolle n Entscheidungskampfe zwischen Menschentum und Zivilisation die Wagschale zugunsten des Menschentums sinken zu lassen"» -—ck. *) H. Stern: „Warum sind wir Deutsche?" Sechs Aufsätze für diö deutsch-jüdische Jugend. Berlin 1926. Philo Verlag und Buchhandlung G. m. h. H. Preis 1,50 Mark bzw. 0,30 Mark.