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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1926-10-29 · 8 (29.10.1926) · p. Seite 30

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
2 (1926)
Issue
8 (29.10.1926)
Date
1926-10-29
Page
Seite 30 (sequence 2)
Language
German
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30 beherzigen, was ein Bahnbrecher moderner Pädagogik, Georg Kerschensteiner, sagt: „Wem nie Gelegenheit zum Irren gegeben ist, der wird nie erfahren, ob in ihm ein Streben nach Wahrheit vorhanden, wer sich selbst nie in Gefahr begeben hat, weiß nicht, ob er mutig sein kann. Wer niemals freiwillig die Lasten eines Gemeinschaftsgliedes auf sich nahm, der weiß nicht, ob er Gemeinsinn, besitzt." So sollen wir unserer Jugend ihr Recht auf eigenes Leben, auf ihre Freiheit, ihre Verantwortung geben, sie ihren Weg gehen lassen. Solange dieser Weg rein ist, dürfen wir sie nicht hindern, nur Bösem, Schlechtem dürfen und sollen wir entgegentreten. Ja, selbst wenn sie andere Ideale hat als wir, müssen wir es ertragen und sie ihr nicht wehren, sofern es eben Ideale sind. Bedeutet aber einsolcher Standpunkt nicht schließlich Verzicht auf jede Autorität und jede Erziehung überhaupt? Wir meinen: nein. Selbstverständlich ist, daß er erst dort in Betracht kommt, wo in dem jungen Menschen eine Eigenpersönlichkeit bereits vorhanden ist, die nach Entfaltung und Selbständigkeit verlangt. Diesen Zeitpunkt zu erkennen, wo aus dein Kinde der Mensch sich emporhebt, ist Sache des erzieherischen Taktes und jener Liebe zur Jugend, die Voraussetzung aller Erziehung ist. Aber mtf eine Leitung der Jugend brauchen wir keineswegs zu verzichten, nur streben wir sie in anderer Form an. Nicht auf Autorität und Zwang, sondern auf Verstehen, Vertrauen, Liebe von beiden Seiten bauen wir. Wir Alten, Eltern und Erzieher, wollen unfern jungen Menschen beste Freunde und Kameraden sein. Zu uns sollen sie sprechen ohne Scheu über alles, was sie bewegt und erfüllt, erhebt und bedrückt, ihre Ideale, ihre Nöte, ihre Zweifel, wir wollen ihv vertrauen, wie sie uns, wir wollen mit ihr leben, so gut wir es können, damit wir sie beraten, liebend führen können, in ihrem Leben doch sich unser Leben und seine Werte auswirken und fortsetzen. Und fehlt so nicht die Erziehung, so fehlt auch nicht die Autorität. Gewiß, jeder erfährt es, wie gerade die reifende Jugend sich auflehnt gegen Autorität und ihren Zwang. Anderseits aber haben gerade junge Menschen ein feines Gefühl für das, was Achtung und Ehrfurcht verdient. Erstaunlich ist oft die Sicherheit, mit der schon Kinder auf der Schulbank nicht nur einzelne Handlungen, sondern die Gefamtpersönlichkeit des Lehrers sittlich werten. Und darum sollten wir ruhig vertrauen auf die Autorität der sittlichen Persönlichkeit und das heißt auf die erzieherische Macht des Beispiels. Seien nur wir Alten ganze Menschen und ganze Juden, schaffen nur wir um uns, vor allem im Hause, eiue reine, sittliche und kraftvoll jüdische Atmosphäre — unserer Jungen Seele fühlt, was Ehrfurcht heischt, und weigert sie ihm nicht. So pflanzen wir uns am ehesten und tiefsten in die, die oa werden, werden wir Zukunft, so löst sich der Widerstreit zwischen Gewordenen und Werdenden, zwischen alt und jung zur Harmonie. Wie stehen die Pfadfinder zum Judentum? Von Hans W. Aust. Zur Einleitung. Ein Kenner der P f a d f i n d e r b e w e g u n g hat lins einen Aufsatz über das Thema: „Die Phasen der Psadsinderb e w e g u n g (insbesondere ihre Stellung zum Jude n -t 11 m)" zur Verfügung gestellt. Aus R a u m Mangel können wir nur den wesentlichsten Teil des Artikels im Original zum Abdruck bringen. Ter Verfasser gibt zunächst eine chronologische Einleitung, aus der wir folgende wesentlichen Punkte herausgreifen: Der alte Deutsche Pfadfinder-Bund (D. P. B.) war durchaus unproblematisch; er sah sein Ziel im wesentlichen darin, die Jungen zu. praktischen Menschen zu erziehen. Die Führung lag in Händen von jungen Philologen, Offizieren, Beamten und Kausteuten, die in einer frischen, durchaus nicht lehrerhaften Weise, auf die Jungen eimoirkten. Der Krieg raffte diese Führergeneratiou dahin, so daß der Bund sich nach dem Kriege dem Nichts gegenübersah. Zwar wurden die altgewohnten „U e b u n g e n" noch abgehalten, doch entbehrten sie des Geistes, der sie vor dem Kriege wertvoll gemacht hatte. Durch außenpolitische Einwirkungen auch an der Abhaltung, der „Uebungen" behindert, war die Schaffung neuer Ziele und Arbeitsmethoden notwendig geworden. Der Kreis, der diese Notwendigkeit zuerst erkannte, sonderte sich unter Führung des Pastors Völkel als N e u p s a d s i n d e r b e w e g u n g ab. Man erkannte, daß die Gesundung des deutschen Volkes von der Erziehung eines neuen loertvollen deutschen Men scheu typs abhäuge, und näherte sich durch diese Erkenntnis stark der Ideologie der Wandervogelbewegung. Mehr und mehr vollzog sich eiue Annäherung der beiden Bewegungen, die in dem organisatorischen Zusammenschluß zum „Bund der Wandervögel und Pfadfinder" einen g c \v t f | c n Ab s chl u ß fand. Diese Bewegung, die zum Teil durch die Konkurrenz der politischen Bünde stark in ihrer quantitativen Entwicklung gehemmt wurde, ist allmählich in einen stagnierenden Zustand geraten. Der Bund stellt heute — nach Ansicht des Verfassers — eine Summe von mehr oder weniger stark exklusiven „Zirkeln" bar, die keine neuen Ideen hervorbringen. Nach dieser allgemeinen historischen Betrachtung kommt der Verfasser aus die Stellung der Psadfinderbewegung zum Judentum zu sprechen: Hans W. Aust schreibt: Der alte D. P. B. war, ganz wie die ausländischen Bünde, parteipolitisch und religiös neutral. Praktische Menschenliebe, gegenseitige Duldung und kritische Haltung gegenüber allen Vorurteilen hatte man auf seine Fahnen geschrieben. Selbstverständlich war, ebenfalls wie im Ausland, loyale (also monarchische) Staatsgesinnung und ein harmloser Nationalismus, wie ihn die Jungen ja schon von der Schule mitbrachten. Die Stellung gegenüber dem Judentum war damit eindeutig sestgelegt. Von vornherein waren jüdische Kreise bei der Gründung des Bundes beteiligt; der Judenstämmige, zumal der getaufte, wurde im allgemeinen vorbehaltlos als Kamerad anerkannt- Kleine knabenhafte Neckereien kamen Zuweilen vor, wurden aber von den Führern, die ihre eigenen etwaigen Vorurteile zu unterdrücken suchten, rücksichtslos bekämpst. Im großen und ganzen hatte mau den Eindruck, daß durch das gemeinsame Leben in den Pfadsindergruppen, in denen Juden nicht allzu Zahlreich waren, sich also auch nicht in Sonderzirkeln isolieren konnten, Verständnis und Versöhnung gefördert wurden. Natürlich lagen die Verhältnisse nicht überall gleich; inr ganzen hatte ich aber den Eindruck, daß sich die jüdischen Jungen wohl fühlten in dem alten Bunde. Wer das angesichts der überwiegend militärisch erzogenen Führerschaft bezweifelt, der möge bedenken, daß im allgemeinen gerade die frischesten, vorurteilslosesten und modernsten jungen Offiziere sich dieser Bewegung widmeten. Während des Krieges blieb noch alles beim alten. Die BurKfriedensstimmung ließ keine Reibungen anskommen. Die blutjungen Primaner und Sekundaner, die jetzt die Gruppen führten, fühlten sich als Hüter der alten toleranten Tradition und nahmen sich temperamentvolle Entgleisungen ihrer jugendlichen Vorurteile meist sehr übel. Ich habe damals mehrfach kleine Kämpfe beobachtet, die aber immer sehr schnell beigelegt wurden. Schlimmer war es, wo die älteren Herren als Führer in die Bresche sprangen. Diese alten Offiziere und Beamten konnten aus ihrer Haut nicht recht heraus und wurden mit ihrer Abneigung gegen „Juden und Internationalisten" oft nicht fertig. Häufig waren solche Vorurteile die einzigen etwas gefühlsmäßigen Aeußerungen, welche die Jungen von diesen Leuten zu hören bekamen. Das hat ganz verschieden gewirkt. Zum Teil war die Vaterlandsliebe, die Kriegsbegeisterung, der übersteigerte Nationalismus und schließlich die Judenfeindlichkeit das einzige Bindeglied zwischen den Jungen und den Alten; manchmal kam es aber auch vor, daß sich die Knaben schützend vor ihre angegriffenen jüdischen Kameraden stellten, ja sogar den Führer zum Rücktritt nötigten. Allerdings hat bei allen solchen Kämpfen ditz Judenfrage immer nur eine nebensächliche Rolle gespielt. Dann kamen die Tage der Revolution. Seinen Grundsätzen ge-: mäß stellte sich der D. P. B. sofort nach dem Umsturz in einer Kundgebung seiner Leitung auf den Boden der neuen Staatssorm. Aber man fand bald, daß dies etwas zu schnell geschehen sei; die Mitglieder, die fast ausschließlich dem rechtsgerichteten Mittelstand entstammten, waren mit dieser Haltung der Bundesführung nicht einperstanden, zumal die letztere infolge eines dauernden Wechsels Mv

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