Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 8 (29.10.1926)
- Date
- 1926-10-29
- Page
- Seite 32 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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32 Hinein in die studentische Selbstverwaltung! Von Werner Rosenberg (Berlin). Der Aussatz gehört in den Rahmen unserer letzten Beilage, die dem deutsch.jüdischen Studententum gewidmet war. Der Verfasser, der seit Jahren in der praktischen studentischen Selbstverwaltung arbeitet, ist langjähriger Führer der Fraktion des Deutschen Studentenbundes Afta in Berlin. (Die Schriftleitung.) Die studentische Selbstverwaltung entstand 1919 in den Monaten unmittelbar nach Abschluß des Krieges. Not und Enttäuschung standen an ihrer Wiege Pate. Der harte wirtschaftliche Druck dieser dunklen Zeit zwang die akademische Jugend zur Linderung der drückenden Lage, sich fest zu gemeinsamem Kampf zusanunenzuschließen gegen die drohende Verelendung der akademischen Berufe, sie erwuchs aus der Enttäuschung einer Jugend, die mit heißem Herzen hinausgezogen war, um den Traum eines neuen und schöneren Deutschlands zu verwirklichen, die in ihrem Schmerz über den jähen Zusammenbruch des Vaterlandes sich an neue positive Ausgaben klammerte, um nicht verzweifeln zu müssen. Auch Hunderte von j ü bischen Studenten teilten diese Empfindungen. Die gemeinsame Not lastete ans ihnen wie ans allen anderen, auch ihnen ging mit dein unerwarteten Ansgang des Krieges eine Welt Zugrunde. Sie setzten sich daher mit dem gleichen Enthusiasmus und der gleichen Liebe wie alle übrigen Kommilitonen für den A u s b a u> der studentischen Selbstverwaltung ein und stellten sich gern, für die Arbeit in den Selbstverwaltungsorganen zur Verfügung. Sie begrüßten freudig den g r o ß d e u t s ch e n Ausbau der „D e u t - s ch e n S t u d e n t e n s ch a s t", erblickten sie doch in ihm den ersten bescheidenen Versuch, jenes große Reich aller Deutschen zu schassen, von dem seit hundert Jahren mit den besten Deutschen auch viele Juden geträumt hatten. Sie ahnten ja nicht, welch hemmungsloser und fanatischer Judenhaß mit dem Eintritt des österreichischen Kreises der deutschen Studentenschaft (Kreis VIII) in die deutsche Studentenschaft hineingetragen wurde, jener unakademische und blindwütende Haß, der heute noch weite Kreise der deutschen Studentenschaft beherrscht und die Kriegskameraden von einst mit Kalmüken und Chinesen auf eine Stufe zu stellen wagt, ihre Mütter. Schwestern und Bräute mit Negerweibern in einem Atem vergleicht. Vielen wurde damals die Mitarbeit in der studentischen Selbstverwaltung umnöglich gemacht. Anderer wieder bemächtigte sich eine verzweifelte Stimmung, wie sie über 30 Jahre vorher die Stöckersche Agitation unter den jüdischen Studenten ausgelöst hatte, deren Seeleustimmuug der Gründungsaufrus der ersten K. C.-Verbindung „Viadrina" so eindringlich widerspiegelte'. ..Niedergedrückt durch all diese Zustände, verbittert durch den fanatischen Haß der Gegner, ziehen sich alle, die sich noch ein Gefühl für Unabhängigkeit und persönliche Würde bewahrt haben, vom allgemeinen Studentenleben zurück, in dem sie in ihrer Vereinzelung an der Verbesserung der Verhältnisse verzweiselu." Während so die große Masse der jüdischen Studenten resignierend beiseite stand, erkannten einige wenige trotz allein den Wert und die Bedeutung studentischer Arbeit. Unter den Führern der kleinen Minderheit, die jahraus, jahrein tapfer, doch glücktos gegen die völkische Mehrheit anrämpfte, waren auch jüdische Deutsche vielfach zu finden. Das Tesinteresseruent an der studentischen Selbstverwaltung .ist übrigens kein besonderes Charakeristiknm der jüdischen Studenten, es wird mit Recht viel darüber Klage geführt, daß, mit Ausnahme der in den großen Korporationsverbänden organisierten Studentenschaft, die Masse der nichtkorporierten Studierenden der studentischen Arbeit meist gleichgültig gegenübersteht. Sie erinnern sich ihrer Existenz oft nur gelegentlich der Wahlen zu den Studentenvertretungen, oder wenn sie billige Theaterbillets, ein preiswertes Mittagessen in der Mensa brauchen, wenn sie die akademische Lesehalle benutzen, an studentischen Sportveranstaltungen teilnehmen, eine „Bude" oder einen Nebenverdienst nachgewiesen haben wollen. Diese allgemeine Gleichgültigkeit steigert sich bei den jüdischen Studenten häufig zu einer radikalen Ablehnung, sie sind sich oft nicht einmal der Tatsache bewußt, daß sie kraft bindender Rechtsnormen Zwangs Mitglied er der studentischen Selbstverwaltungskörper sind und sie durch ihre Zwangsbeitrüge mit- 'finanzieren helfen. Sie wissen auch oft nicht mehr, daß ihre Zugehörigkeit auch heute noch eine sehr umstrittene ist, daß auch in Deutschland Kräfte am Werke sind, die deutschen Juden, wie dies in Oesterreich und aus den fudetendeutschen Hochschulen bereits geschehen ist, aus der deutschen Studentenschaft zu eliminieren, sie zu a k a d e m i s ch e n Bürgern Zweiter Klasse zu degradieren. Erst im vorigen Jahre hat ein von fast allen großen studentischen Verbänden und von den politischen Hochschulgruppen von der Deutschen Volkspartei bis zur Ültrarechten beschickter „Deutscher Akad'emikertag" in Elberfeld die Stellung der Juden unter Fremdenrecht, die Einführung des Numerus clausus für jüdische S tu deuten und die Entfernung der jüdischen Hochschullehrer von den deutschen Hochschulen gefordert. Während die völkische Studentenschaft im allgemeinen sehr straff organisiert und daher äußerst aktionsfühig ist, hält der jüdische Student es häufig nicht einmal für nötig, sich an den studentischen Wahlen zu beteiligen, und kräftigt dadurch die schon unverhältnismäßig starke völkische Mehrheit, er hat nur selten die Empfindung „oi mea res agitur", glaubt sich vielmehr meist mit der Rollo des räsonnierenden Zuschauers begnügen zu können. Man kann dem nur entgegenhalten, daß durch untätiges Beiseitestehen nichts, wohl aber durch energische und zielbewußte Tätigkeit manches gebessert werden kann. Auch die gegenwärtige studentische Selbstverwaltung bietet noch unendlich viele Möglichkeiten für den jüdischen Studenten, die noch längst nicht alle restlos erschöpft sind. Insbesondere wird er durch die Mitarbeit in den freiheitlichen Gruppen 'der Minderheit in die Lage versetzt, sich aktiv in den Aemtern der Selbstverwaltung zu betätigen. Hrer kann vor allem dafür Sorge getragen werden, daß bei der Verwaltung der studentischen Aemter lediglich sachliche Gesichtspunkte entscheidend und politische Wünsche völlig ausgeschaltet werden. Es kann uns nicht gleichgültig sein, ob die von der gesamter: Studentenschaft, insbesondere auch von den jüdischen Studenten, ausgebrachten Gelder etwa in den Aemtern für staat-spolitische Bildung für die Veranstaltung völkischer Vorträge und Verbreitung antisemftcher Broschüren verwandt werden, oder ob durch eine geeignete Kontrolle für eine neutrale Verwendung der Mittel Sorge getragen wird. Es darf nicht geschehen, daß jüdische Studenten bei der Begebung der vielen wirtschaftlichen Vergünstigungen, wie Darlehen, Freitische, billige Studienmittel, Erholungsreisen usw., die den Selbstverwattungskörpern zur Verfügung stehen, benachteiligt werden. Es muß unter allen Umständen verhindert werden, daß die Auslandsämter der Studentenschaften nach völkischen Gesichtspunkten tätig werden und so, wie es häufig geschehen ist, etwa das Deutsch radebrechenden S i e b e n b ü r g e r Sachsen anstandslos die Gleichberechtigung gewähren, die sie D a n z i g e r Staatsbürgern jüdischen Glaubens, die als Deutsche geboren, vor wenigen Jahren gegen ihren Willen ihre deutsche Neichsangehörigkeit verloren haben, mit der Begründung versagen, sie seien Juden und nicht Deutsche. — Wie es'tatsächlich geschehen ist. Vor allen! aber bietet die studentische Selbstverwaltung dem jüdischen Studenten eine der heute leider recht selten gewordenen Gelegenheiten, im Persönlichen Verkehr, in der Arbeit an gemeinschaftlichen Ausgaben mit christlichen Kommilitonen Fühlung zu gewinnen und ihnen klarzumachen, wie sehr die völkischen Zerrbilder von dem wahren Wesen jüdischen Deutschtums abweichen Hier liegt die entscheidende Phase unseres Kampfes gegen den Judenhaß in der Studentenschaft. Gelingt es, der Mehrheit unserer schlecht unterrichteten und verhetzten christlichen Kommilitonen klarzumachen, wie irrig die Vorstellungen sind, die durch die völkische Hetze in ihnen geweckt wurden, so können wir hoffen, daß endlich das Ideal einer harmonischen Eingliede r u n g de r d e u t s ch j ü d i s ch e n A k a d e m i k e r in die deutsche St u de n t e n s ch a f t der Verwirklichung nahergebracht wird. In einem Aufsatz über Hugo Preuß schrieb Gustav Schmoller einst: „Das große Ideal der politischen und gesellschaftlichen Gleichberechtigung läßt sich nur in dem Tempo verwirklichen, als das Volksbewußtsein sich dem Standpunkt des Gesetzgebers anpaßt." Auf die a k a d e m i s ch e n Verhältnisse übertragen^ kann man sagen, daß das Ideal der st u d e n t i s ch e n Gleichberechtigung sich nur in dem Tempo verwirklichen läßt, als das Bewußtsein der Studentenschaft sich dem Standpunkt des Studentenrechts anpaßt. Es führen viele Wege zu diesem Ziel, eine der wesentlichsten Etappen aber stellt die Arbeit in der studentischen Selbstverwaltung dar. Darum muß die Parole, die der Centralverein den jüdischen Studenten für die Arbeiten in der Hochschulpolitik zu geben hat, lauten: Hinein in die studentische Selbstverwaltung! Deutschs Jugendbewegung. „Süddeutsche Monatshefte", 23. Jahrgang, Heft 9. In buntem Nebeneinander werden in diesem Hefte Geschichte und Wesen der verschiedenen Bünde beschrieben. Verschieden ist das Maß, in dem die Bünde von Netteren Anregung oder Beeinflussung erfahren haben, gemeinsam ist ihnen allen die Verschmelzung von jugendlichem und politischem Wollen. Nachdem die Forderungen der gemeinsam aufbegehrenden Jugend allmählich an revolutionärer Schärfe verloren hatten, konnten sie als einziges Ziel der Jugend nicht mehr genügen. So wurden sie denn zu mehr oder wertiger erfüllten Voraussetzungen für schon bestehende oder neugegründete Bünde mit verschiedener politischer, religiöser und kultureller Einstellung. Freilich waren diese Voraussetzungen zum Teil recht minimal, und gar manche unterschieden sich von den „nichtjugendbewegten" Sterblichen zwar durch Kleidung und Form, nicht aber in der Gesinnung. Die Grenzen zwischen Jugendbewegung und Jugendpflege wurden fließend, die Tendenz trat mehr und mehr in den Vordergrund. Dies zeigt sich in fast allen in dem Hefte niedergelegten Betrachtungen, die zum wesentlichen Teil eine Begründung der je^ welligen Politischen oder religiösen Weltanschauungen darstellen. Zur Jugendbewegung kamen diese Bünde auf sehr verschiedene Weise. Für manche war sie Ausgangspunkt, während die meisten Bünde die Ziele und Arbeitsmethoden der Jugendbewegung erst allmählich zu den ihren machten. Auf Einzelheiten der elf verschiedenen Aufsätze kann naturgemäß in diesem Rahmen nicht eingegcmgen werden. Auf jeden Fall ist man den Herausgebern der „Süddeutschen Monatshefte" für diese Arbeit zu Dank verpflichtet. —cf. Verantwortlich für die Beilage „Von deutsch-jüdischer Jugend"^ Alfred Hirsch berg (Berlin-Charlottenvurg).