Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 8 (29.10.1926)
- Date
- 1926-10-29
- Page
- Seite 29 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ffettofle Nr. 8 öerltn, 29. Oktober 1926 Jahrgang 2 Äli und jung. -vsrr Kavbruer Dv. w. LVarschauev. Der Gegensatz zwischen Alten nnd Jungen, zwischen dem erwachsenen und dem Heranwachsenden Geschlechts, daher oft zwischen Eltern nnd Kindern, hat im Grunde wohl-immer bestanden und ist nicht unserer Zeit eigentümlich. Er ist aber in ihr, besonders bei uns in Deutschland, erst recht offenkundig geworden und wird stärker gesühlt als früher. Der durch die Staatsumwälzung hervorgerufenen Neuordnung der Dinge und dem Auftreten neuer Ideen auf den verschiedensten Gebieten folgen viele ältere Menschen nur zögernd, während die jüngeren sich ihnen oft mit rascher Begeisterung erschließen. Dazu kommt die neue Stellung, die der Jugend von der modernen Pädagogik in der Schule bereits eingeränmt und auch von der sogenannten Jugendbewegung für das jenseits der Schule liegende reifere Alter mit bestimmten Forderungen erstrebt wird. Hieraus ergeben sich nicht selten Konflikte, die auch der Rabbiner zur Genüge kennen lernt, teils aus seiner .eigenen unterrichtsichen und erzieherischen Tätigkeit, teils durch die vor ihn nicht selten gebrachten Klagen der Eltern über Unbotmäßigkeit, Undank nsw. der Kinder. Mir scheint, das so aufgetauchte Problem dürfte um so mehr bei allen Beteiligten empfunden werden, je länger und damit je stärker die modernen Erziehungsmethoden besonders der Schule ihre .Wirkung üben werden, und es dürfte daher am Platze sein, das Recht der beiden Standpunkte — des der Alten und des der Jungen — abzuwägen und ihren Ausgleich zu versuchen. Sprechen wir zunächst einmal von den Eltern. Ich möchte .glauben, daß gerade jüdische Eltern sich an Fürsorge stir Wohl und Zukunft ihrer Kinder nicht leicht genug tun können. Ausgeschieden sei aber hier sogleich, obwohl sie leider nur zu häufig auftritt, jene törichte Elternliebe, die die Kinder nicht für das Leben erziehen, sondern versorgen will. Man sollte meinen, jeder Vater, jede Mutter sollte aus dem eigenen .Leben so viel gelernt haben, daß man Erfahrungen nicht vererben, Lebenswege nicht vorschreiben kann, daß jeder Mensch sich sein Leben selber bauen muß, jeder sein eigenes Schicksal ist und daher alles auf die innere Ausrüstung für den Lebenskampf ankommt, den wir niemandem, auch unfern Kindern nicht, abnehmen können. Wir sprechen aber von den ernsten Eltern, die nicht v e r ziehen, sondern e r ziehen wollen. Sie sind bei uns um so ernster und wertvoller, je jüdischer sie selbst erzogen wurden. Das heißt aber: daß ihre Erziehung von jenem Geiste der Autorität bestimmt war. der dem jüdischen Hause von früher eignete, und daß sie daher nun ihre eignen Kinder in diesem selben Geiste ju erziehen streben. Eine Begründung und somit das Recht ihres Standpunktes dürften sie wohl etwa wie folgt darstellen. Die Jugend eines Menschen ist entscheidend für sein Leben, ist das Fundament, das letzteres trägt. Was an geistigen und sittlichen Kräften in ihr erworben wird, ist der Segen des späteren Lebens, was in ihr versäumt oder vergeudet ward, wird nie wieder eingeholt, was in ihr verfehlt und gefehlt wurde, rächt sich oft noch bis in ein spätes Alter. Wie mancher Mann sah sein ganzes Leben verpfuscht durch Irrungen und Verfehlungen des Jünglings. Liegt nicht aber angesichts dieser grundlegenden Bedeutung des jugendlichen Alters eine geradezu tragische Gefahr darin, daß eS von sich äus nicht befähigt ist, jener Bedeutung gerecht zu werden? Die Löbenserfahrring fehlt, nicht minder das innere Gleichgewicht, die Herrschaft des Verstandes über die Phantasie, die Der Vernunft über die mächtig drängenden Triebe, also die sittliche Besonnenheit, die allein ein Leben gut und glücklich zu gestalten vermag. Sollten angesichts dessen Eltern nicht Recht und Pflicht haben, ihre reifere Lebenserfahrung und Einsicht, ihr sittliches Urteil ihren Kindern dienstbar zu machen, um deren Wohl zu fördern, Irrungen zu verhüten, ihnen den rechten Weg in die Zukunft zu weisen? Und werden nicht gerade Eltern, die selber ideale Lebensziele verfolgen, es als eine heilige Pflicht empfinden, ihre Kinder für ihre Ideale zu gewinnen, sie zu dem hinzusühren, was sie als recht und gut, schön und wahr erkannt haben? — So möchten wohl Eltern sprechen, und man möchte junge Menschen dringend bitten, diese Gedankengänge einmal vuhtg durchzudenken und auf ihre Bedeutung und Berechtigung zu prüfen. Und nun jener andere Standpunkt, wie er etwa in der heutigen Jugendbewegung vertreten wird. Hier betont man die Eigenart und den Eigenwert des Lebensabschnittes, der auf die abgeschlossene Kindheit folgt. Wohl ist er ein Uebergang, aber nicht — wie Aeltere leicht meinen — nur ein Uebergang. Wie etwa jede Jahreszeit draußen-'in der Natur, obwohl sie Vorläuferin und Vorbereiterin der anderen ist, doch in sich ihren Reiz, ihre Bedeutung, ihren Wert hat, so auch jedes menschliche Lebensalter. Darum auch die Jugend: sie hat die ihr eigene Art, die Welt zu sehen, ihr eignet die Fülle der Kräfte, und vor allem jene unbestochene, vom Leben noch nicht gebrochene, znm Kompromiß gestimmte, unbedingte Begeisterungsfähigkeit für Wahres, Schönes, Hohes — ihr höchster Wert, ihr tiefstes Glück. Sie hat i h r Leben und will i h r Leben leben in Freiheit und eigener Verantwortung. Ja, sie begehrt die Freiheit um der Veranwortung willen, und diese, um an ihr zu erstarken, zu werden, sich zu erfüllen. Man kann gerade als älterer, reiferer Mensch sich der Bedeutung dieser Gedanken nicht verschließen, ja, muß von ihnen ergriffen werden. Gibt es ein heiligeres Wort als Verantwortung? Schließt es nicht gerade das ein, dem alle Erziehung zustreben muß, die Ehrfurcht, die Ehrfurcht vor dem Leben, dem eigenen Ich, der Pflicht? Und kann der Mensch anders erzogen werden als durch eigene Verantwortung? Sie tragen lernen, heißt erzogen werden. Mir scheint, wir jüdischen Eltern gerade, vielfach das Produkt einer stark autoritativen Erziehung, sind geneigt, die Macht der Erziehung überhaupt zu überschätzen, zu übersehen, daß nur das geistig-sittliche Wachstum unserer Kinder zwar vor Schaden bewahren und fördern, niemals aber so erschaffen können, wie wir es wünschen. Das Bäumlein wächst und muß wachsen nach seiner Art, wie Gott es geschaffen hat, der Gärtner kann eS hegen und pflegen, ihm Stütze geben, daß es gerade wächst und der Sturm es nicht knickt. Das ist alles, sein Wachstum kommt aus ihm selbst, aus seinen Kräften, seinem Wesen. Darum können wir unserer Jugend ihr Recht aus Freiheit und Verantwortung nicht weigern — um ihrer Erziehung, ihres Werdens zur Persönlichkeit willen. Wir sollten Aus dem Inhalt: stehen die Pfadfinder zum sind wir Deutsche? — Der M. Warschauer: Alk Hans W. Aust: Wie Judentum? — Warum neue Mens ch.