Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1926-10-29 · 44 (29.10.1926) · p. Seite 574

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
44 (29.10.1926)
Date
1926-10-29
Page
Seite 574 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2277379-2277622-2277666--03249-2283747
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

574 Zm Kampf für unsere Posen« Heimat. (Fortsetzung von Seite 571.) deutschen Volksgefühl ihre Heimat verließen und für Deutschland optierten, obwohl ihnen in den abgetretenen Gebieten die günstigsten Existenzmöglichkeiten winkten, und sie in dem zusammengebrochenen, von Feinden umgebenen deutschen Vaterlande schwerster wirtschaftlicher Not entgegengingen. Diese Tatsache ist für das Urteil entscheidend. IV. Um die Bedeutung der Pofener Juden im Kampfe für das Deutschtum richtig zu würdigen, muß man die Zahl und die Tätigkeit derjenigen jüdischen Persönlichkeiten ins Auge fassen, die führend und richtunggebend in den deutschen Organisationen gewirkt haben. Die Bedeutung von Führern ist niemals stärker als in Zeiten der Umwälzung, in denen die Grundlagen eines geordneten Zusammenlebens erschüttert sind und die Masse in ihrer Unsicherheit nicht weiß, wohin sie sich wenden soll. In Posen gehörte in jener Zeit, in der die gesamten Machtmittel in dem Besitz der aufständischen Polen waren, für jeden Deutschen ein besonderer Mut dazu, sich als Deutschenführer zu exponieren und die persönliche Verantwortung auch nach außen zu übernehmen. Für die jüdischen Deutschen war eine öffentliche Tätigkeit für das Deutschtum besonders gefährlich, weil sie neben der Deutschseindlichkeit der Polen auch mit deren Antisemitismus zu rechnen hatten. Wenn trotz alledem die Zahl der jüdischen Führer und Mitarbeiter im Deutschen Volksrat eine im Verhältnis zu der übrigen Bevölkerung besonders große war, so würde schon diese Tatsache allein die Feststellung rechtfertigen, daß sich die Juden Posens in dem schweren deutschen Volkskamps bewährt haben. Von der seelischen Ueberwindung der Verbitterung, die der deutsche Antisemitismus in ihnen naturgemäß angesammelt hatte, braucht nicht gesprochen zu werden. Aber es ist doch als Zeiten tiefen und starken Vaterlandsgefühls bemerkenswert, wie schnell die deutschen Juden in den Zeiten nationaler Gefahr diese Hemmungen zu überwinden vermögen. Zu den Gründern des Deutschen Volksrates gehörten neben dem Verfasser dieser Zeilen Georg Jas so und Edmund Pietrkowski. Die Tätigkeit der Pofener Juden in dem Deutschen Volksrat bestand in stiller, sachlicher Arbeit für die deutschen Volksrechte, nicht in lauter Propaganda, in Zeitungsartikeln und Volksversammlungen, in denen die Führer und Mitarbeiter des Jüdischen Volksrates nicht laut genug ihre Bedeutung nach außen verkündeten. Es ist bereits gesagt, daß der Anteil der Pofener Juden an der Verteidigung des Deutschtums in allen Einzelheiten erst gewürdigt werden kann, wenn die Geschichte des Deutschen Volksrates geschrieben sein wird. Nur zur Wiederlegung der irreführenden Behauptungen Kollenschers seien folgende Tatsachen angeführt: Die Haupttätigkeitsgebiete des Deutschen Volksrates umfaßten die großen politischen Fragen, die außenpolitischen Auseinandersetzungen sowie das Verhältnis zwischen den durch den polnischen Aufstand von Deutschland tatsächlich abgetrennten Teilen der Provinz Posen zu dem übrigen Preußen und Deutschland, die Vorbereitung des Friedensvertrages und die Geltendmachung der Wünsche dev deutschen Bevölkerung Posens für den Friedensvertrag, die Rechtsfragen, die durch den Umsturz aufgeworfen wurden sowie den Rechtsschutz der Deutschen, den wirtschaftlichen Schutz der Deutschen innerhalb des von den Polen tatsächlich verwalteten Teiles der Provinz Posen, die Fürsorge für die durch polnische Gewaltakte geschädigten und vertriebenen Deutschen. Auf all diesen Gebieten waren im harmonischen Einvernehmen mit den anderen deutschen Führern und Mitarbeitern auch die jüdischen Mitglieder erfolgreich tätig. Zu den Leitern des Wirtschaftsausschusses gehörten Georg Jaffä und Edmund Pietrkowski. Der Verfasser dieser Zeilen war der Vorsitzende des Rechtsausfchusses, dem insbesondere auch die Bearbeitung der staatsrechtlichen Fragen oblag. Es handelte sich um Rechtsfragen von größter Tragweite, um die Stellung, die der deutschen Minderheit in einem künftigen polnischen Staate eingeräumt werden sollte, um die Fragen, die mit dem Staatsangehörigkeitswechsel verknüpft waren, insbesondere um das Optionsrecht, über das der Verfasser die Denkschrift des Deutschen Volksrates ausgearbeitet hat, deren Vorschläge zu einer Verbesserung des Friedensvertragsentwurfes der Alliierten geführt haben. Zu dem Bereich des Rechtsausschusses gehörte ferner die Wah. rung der Rechtsgarantien für die deutsche Bevölkerung während der polnischen Uebergangsherrschaft, die eine eigene Gerichtsbarkeit in Strafsachen für sich in Anspruch nahmen, endlich die Mitarbeit bei der Ueberleitung der Rechtspflege, für die der Verfasser dieser Zeilen die persönlichen Verhandlungen mit dem preußischen Justizministerium geführt hat. Aber auch in der Bearbeitung der für das gesamte deutsche Vaterland wichtigsten Frage, in welchem Umfange die Provinz Posen bei Deutschland verbleiben müsse, waren die Pofener Juden aufopferungsvoll und unermüdlich für die deutschen Ansprüche tätig. Auf den Vorschlag deS Deutschen Volksrates ist Moritz Iasf 4, der die deutschen Gebietsansprüche auch literarisch vertreten hatte, als Sachverständiger für Ostsragen in die von den: Grafen Brockdorff-Rantzau geführte deutsche Delegation berufen worden, die die Verhandlungen in Versailles führte. Er hat diese undankbare und schwierige Aufgabe in einer Weise erfüllt, die ihm die uneingeschränkte Anerkennung eintrug. Moritz Jaff4 war auch der Wortführer der von dem Deutschen Volksrat abgeordneten Deputation an die internationale Kommission, die rm März 1919 unter Vorsitz des französischen Botschafters N o u l e ns tagte, um die Verhältnisse in Posen an Ort und Stelle zu prüfen. Der deutschen Abordnung gehörte auch der Verfasser dieser Zeilen an. In der charitativen Fürsorge für die notleidenden Familien und in der Flüchtlingsfürsorge des Deutschen Volksrates hat sich neben anderen die auf diesem Gebiete sachverständige und erfahrene Frau Dr. Martha Eva Prochownik bewährt. Es bedarf kaum der Hervorhebung der selbstverständlichen Tatsache, daß der wirtschaftliche, rechtliche und charitative Schutz des Deutschen Volksrates der jüdischen Bevölkerung in der gleichen Weise zuteil wurde wie den Angehörigen der anderen Bekenntnisse. Der Umstand, daß der Vorsitzende des Centralvereins in Posen zugleich einer der führenden Mitarbeiter des Deutschen Äolksrates gewesen ist, hat sich als überaus fruchtbar erwiesen. Neben der Wahrung der besonderen jüdischen Interessen war er in dieser Eigenschaft in der Lage, auch die deutschen Volksinteressen wirksam zu vertreten. Als die Gefahr polnischer Ausschreitungen gegen die Juden drohte, verhandelte er mit dem Polnischen Volksrat. Insbesondere gelang es ihm in einer Unterredung, die er am 1. Januar 1919 mit dem Volkskommissar Podzwinski und dem damals allmächtigen Volkskommissar Korfanth hatte, von ihnen die Zusicherung zu erlangen, daß sie sich persönlich unbedingt für den Schutz des Lebens und des Eigentums der Juden einsetzen würden. Dies geschah bereits vor dem berüchtigten gemeinschaftlichen Aufruf des Polnischen und Jüdischen Volksrates vom 5. Januar 1919, zu dem sich der Jüdische Volksrat unverantwortlicherweise nur aus Prestigegründen von den Polen hat mißbrauchen lassen. Mehr aber noch als diese Zusicherung, deren Bedeutung von den klarsehenden Pofener Juden niemals überschätzt worden ist, wirkte eine Unterredung, die der Verfasser dieses Artikels in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Centralvereins gemeinschaftlich mit dem Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Posen, Stadtrat Elkeles, am 30. Dezember 1918 mit dem diplomatischen Vertreter >der englischen Regierung, Oberstleutnant Wade, gehabt hat. Die in ihrer Vorbereitung und in ihren Zusammenhängen noch nicht aufgeklärte plötzliche Ankunft Paderewskis in Posen hatte den Auftakt zu dem polnischen Ausstand gegeben. Vor den Augen dev in seiner Begleitung erschienenen englischen, französischen und amerikanischen Diplomaten und Offiziere vollzog sich der Kampf, in dem die aufständischen Polen die Stadt und die Festung besetzten. Auf den Straßen wurde geschossen. Die zur Gluthitze gesteigerte nationale Leidenschaft der Polen ließ schwere Ausschreitungen gegen die Juden befürchten, zumal angesichts der Nachrichten über die in Lemberg verübten Pogrome. In dieser Situation begab sich der Verfasier l Sanatorium für Nerven-und innere Kranke | Leitende Aerzte: Dr. ff. Fleischmann, Dr. Fr. Poensgen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.