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Central-Verein-Zeitung · 1926-10-29 · 44 (29.10.1926) · p. Seite 570

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
44 (29.10.1926)
Date
1926-10-29
Page
Seite 570 (sequence 2)
Language
German
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S70 Überwindung, um so mehr, als die agitatorischen Angriffs einer jüdischen Gruppe gegen eine andere unsere Arbeit erschwerten und geeignet und vielleicht darauf gerichtet waren-, unsere Stellung innerhalb des Deutschen Volksrates zu beeinträchtigen. Unser Verantwortungsgefühl machte es uns jedoch zur Pflicht, die ohnedies verhängnisvolle Verwirrung nicht noch durch einen öffentlichen Streit innerhalb der Judenheit zu vergrößern. Wir waren der Ueberzeugung, daß sich das nur durch die revolutionären Verhältnisse überhaupt erklärliche künstliche Gebilde eines Jüdischen Volksrates von selbst totlaufen würde. Die Ereignisse haben uns recht gegeben. Wir haben auch nach dem Zusammenbruch des Jüdischen Volksrates nichts verlautbart und es uns — entgegen den Gepflogenheiten des Jüdischen Volksrates — bewußt versagt, einen Erfolg unserer Politik in der Oeffentlichkeit zu verkünden. Vor etwa Jahresfrist hat Dr. Max Köllen scher unter dem Titel „Jüdisches aus der deutsch-polnischen Uebergangszeit Posen 1918/20" ein Buch veröffentlicht, in dem er die Geschichte des Jüdischen Volksrates darstellt. Es ist mir damals nahegelegt worden, zu dem Buche Stellring zu nehmen. Ich habe trotz dringlicher Bitten meiner Freunde davon abgesehen. Ich ließ es mir genügen, daß das Brich in den jüdischen Zeitungen und von den Bewohnern der ehemaligen abgetretenen Gebiete unzweideutig abgelehnt wurde. Ich hatte auch das Empfinden, daß die Besprechung in dem offiziellen zionistischen Organ, der „Jüdischen Rundschau", so gehalten war, wie es noch gerade möglich war, um einem hervorragenden Parteigenossen nicht wehe zu tun. Ich war endlich der Ansicht, daß man den gemeinsam erlebten Dingen noch zu nahe steht, um ihnen gegenüber den nötigen historischen Abstand zu wahren. Jetzt, nach Jahresfrist, beginnt auch die nichtjüdische Presse sich allgemeiner mit dem Buch zu beschäftigen. Das Unheil, das es anrichteu kann, rvenn feine Darstellung unwidersprochen bleibt, bildet nunmehr eine unmittelbare Gefahr für die deutsche Judenheit. Diese Tatsache macht eine Stellungnahme zur Pflicht. II. Das Buch Kollenschers ist ein Dokument des Fiaskos natio naljüdif cher Politik. Es ist keine bessere Rechtfertigung für die Politik des Centralvereins während der staatlichen Umwälzung in Posen als das Eingeständnis des Mißerfolges des Jüdischen Volksrates. Darüber hinaus bedeutet dieses Eingeständnis eine Bestätigung des Centralvereinsgedankens überhaupt. Vor uns liegt das Musterbeispiel eines aus innerer Notwendigkeit gescheiterten Versuches, den Plan einer jüdischen nationalen Autonomie für die deutschen Juden zu verwirklichen. Man brauchte unter diesem Gesichtspunkte das Erscheinen der Schrift nicht zu bedauern. Abev das Buch ist darum gefährlich, weil es ein falsches Bild gibt von der wahren Gesinnung und Haltung der Posener Juden in der kritischen Zeit. Das Buch ist rein subjektiv eingestellt. Es ist die Rechtfertigungsschrift eines Mannes, dessen Politik gescheitert ist. Wenn er dies bestreitet, so ist dies eine protestatio kaetis contraria. Wenn wesentliche Dinge, die für die Beurteilung der Haltung der Posener Juden von ausschlaggebender Bedeutung find, verschwiegen werden, Tatsachen entstellt, gleichgültige Dinge zu einer Wichtigkeit aufgebauscht, Licht und Schatten ungleich verteilt werden, so ist dies nur aus einer Betrachtung zu erklären, die die Dinge nicht so sieht, wie sie sind, sondern so, wie man sie wahr haben will, — auch sonst das charakteristische Merkmal einer ideologischen Wunschpolitik. Dazu kommt die Unzuverlässigkeit, die sich daraus ergibt, daß die Angaben — wie der Verfasser in dem Vorwort selbst erklärt — nur dem Gedächtnis entnommen sind und auf keinen anderen Quellen und Materialien beruhen, als auf dem „Mitteilungsblatt des Jüdischen Volksrates". Das Gedächtnis an eine -Epoche, in der täglich, ja stündlich die Ereignisse durcheinanderwirbelten, ist schon bei einem ruhigen und objektiven Beobachter oft trügerisch, geschweige denn bei einer so subjektiv eingestellten Persönlichkeit, die von dem Bestreben geleitet ist, eine mißlungene Politik zu verteidigen. Das „Mitteilungsblatt des Jüdischen Volksrates" aber war ein parteipolitisches Propagandablatt, das den Zweck verfolgte, die in der revolutionär unruhigen Zeit besonders leicht empfänglichen und beeinflußbaren Leser für eine bestimmte Idee zu gewinnen. Solche Quellen können keinen Anspruch auf Zuverlässigkeit erheben. Alles dies muß gesagt wer» den. Denn die Besprechungen in den deutschen Zeitungen lassen befürchten, das Buch von Kollenscher könnte — >vie alles, was gedruckt ist — als Geschichtsquelle verwertet werden. Die Gefahr ist um so größer, weil der Antisemitismus in Deutschland hemmungslos alles benutzt, was ihm zum Beweise von angeblich mangelnder vaterländischer Gesinnung der Juden dienlich erscheinen könnte. Die Tätigkeit des von Kollenscher geführten Jüdischen Volksrates in Posen war zwar vorübergehend schädlich, aber in ihren Wirkungen schließlich ergebnislos. Der Schaden, den das Buch Kollenschers anrichten kann, ist wesentlich größer. Es wäre deshalb besser ungeschrieben geblieben. Ist es eine Geschichtsquelle, so ist die Quelle trübe. Klarheit zu schaffen, ist eine Notwendigkeit. HI. Der begrenzte Raum eines Aussatzes macht es unmöglich, zu der Darstellung Kollenschers in allen Einzelheiten Stellung zu nehmen. Dies muß einer umfangreicheren Veröffentlichung Vorbehalten bleiben. In dem Deutschen Volksrat haben Posener Juden führend mitgearbeitet. Das Maß ihres Kampfes für das Deutschtum wird erst in die Erscheinung treten, wenn einmal die Geschichte des Deutschen Volksrats geschrieben sein wird. Im Rahmen dieses Artikels können nur einige Punkte herausgegrisfen werden, die für die Beurteilung der Haltung der Juden in Posen in der kritischen Zeit wesentlich sind. Der Zionismus hatte in Posen keinen Boden gefunden. Der Posener Jude in seiner typischen Eigenart war desien phantastischen Gedankengängen abhold. Unter den 15 Mitgliedern des Nepräsentantenkollegiums der jüdischen Gemeinde befand sich nur e i n Zionist, der nicht einmal in dieser Eigenschaft gewählt war. Kollenscher selbst gibt die ziffernmäßige Schwäche der Zionisten in Posen unumwunden zu. Wenn er an anderer Stelle die Kunst rühmt, den Anschein einer nicht vorhandenen Kraft zu erwecken und die Schwäche zu verbergen, so hat das geringe Häuflein der Posener Zionisten diese Kunst meisterhaft geübt. Diese Tatsache muß festgestellt werden. Gab es bis zum 8. November 1918 in Posen nur verschwindend wenige Zionisten — warum sollten plötzlich einen Tag später die Posener Juden in ihrer Mehrzahl nationaljüdisch gesinnt gewesen sein? In Wirklichkeit war dies niemals der Fall. Es war nur einer überaus geschickten Agitation, die mit dem vagen Versprechen arbeitete, in jenen unsicheren Zeiten Leben und Eigentum zu schützen, bis zu einem gewissen Grade gelungen, vorübergehend die Geister zu verwirren. Aber auch derjenige Teil der Posener Juden, der zeitweise solchen Einflüssen erlegen sein mochte, hat in seinem natürlichen Instinkt bald wieder auf den rechten Weg zurückgefunden und das Bekenntnis zur deutschen Volksgemeinschaft durch seine Taten und seine Schicksale abgelegt. Das Buch Kollenschers zeigt in erschreckender Weise, wie sehr er und die anderen Führer des Jüdischen Volksrates sich von den an politischer Klugheit weit überlegenen Polen haben einfangen lassen. Die Polen haben das Geltungsbedürfnis von Personen, die sich in einer „historischen" Rolle gefielen, geschickt in ihre Berechnung einbezogen. Ihre Politik ging erkennbar dahin, die Juden gegen die Deutschen auszuspielen. Daß ihnen dieser Versuch mit den Führern des Jüdischen Volksrates gelungen ist, macht deren politischem Weitblick keine Ehre. Die traurige Enttäuschung ist ja auch nicht ausgeblieben, wie man in dem Buch Kollenschers an vielen Stellen Nachlesen kann. Das Mittel, das die polnischen Politiker anwendeten, war das stets nur halbe Versprechen, die Angehörigen des Jüdischen Volksrates im Gegensatz zu den Angehörigen des Deutschen Volksrates besonders zu schützen. Diese Versprechungen, an deren Zuverlässigkeit zu glauben doch eine starke Einbildungskraft und Verblendung gehörten, benutzten die Führer des Jüdischen- Volksrates, um in einer maßlosen, in jenen Zeiten besonders bedenklichen öffentlichen Agitation um die Posener Juden zu werben. Wer wollte es dem kleinen Mann verübeln, wenn er, täglich um sein Leben zitternd, solchen Einflüsterungen zugänglich war in einer Zeit, in der es eine deutsche Staatsgewalt in Posen nicht gab, und die Macht in den Händen des Polnischen Volksrates lag, der den terroristischen Einflüssen der zur Gewalttätigkeit neigenden Straße sich nicht entziehen wollte und konnte? Kollenscher weist in seinem Artikel in der „Jüdischen Rundschau" vom 12. Oktober 1926 darauf hin, daß damals in Posen die höchsten Behörden ihren Halt verloren haben; er nennt den Oberpräsidenten, den Landeshauptmann und den kommandierenden

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