Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1926-10-22 · 43 (22.10.1926) · p. Seite 562

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
43 (22.10.1926)
Date
1926-10-22
Page
Seite 562 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277622-2277665--03236-2283733
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

6ö2 anderes, als den Zionismus zu liquidieren. ES ist unwahr, daß die Zionisten auf die Erlangung der Majorität in Palästina vernichtet haben. Zionismus heißt, den Judenstaat in Palästina anzustreben, und zu diesem Zwecke sei die Erlangung der Majorität selbstverständlich. Wer d i e M a j o r i t ä L n i ch t a n st r e b t, i st k e i n Zionist. Oppenheimer sagte ferner, er habe schon vor zwanzig Jahren davor gewarnt, die Araber zu unterdrücken, und Lat es mit dem Unter tone: ,J ch habe, keine silbernen Lössel gestohlen/ Wann hat bei uns Zionisten die Tendenz bestanden, die Araber zu unterdrücken? Diese Redensart Oppenheimers klingt wie eine Denunziation. Es gäbe keine Krise des Zionismus, wohl aber eine Krise im Z i o n i s m u 8, und sie äußere sich u. a. darin, daß Oppenheimer im Nahmen der zionistischen Organisation diesen Vortrag halten konnte. Der Zionismus gelange allmählich dahin, daß iuan ihn wie die Reklame für ein Geschäft zu betreiben beginnt. Man arbeite mit großen Namen und schicke sie auf Reisen. Der Zionismus lasse sich ohne Nachteil zu einem leicht anbringlichen billigen Artikel maäjcn. Man habe darauf verzichtet, den Gedanken des Judenstaates zu propagieren, weil man — von der besten Absicht getragen — sich einen großen Erfolg versprach, wenn man nichtnationale Juden an der Leitung des Palästinaallsbaues beteilige.^ Unter den Nichtzionisten ist Oppenheimer doch iiocfi eines der besten Elemente. Wie würden erst die anderen ausiehen, die als Nichtzionisten in die erweiterte Jewish Agency kämen?" Den folgenden Ausführungen Franz Oppenheimers in Berlin Erklärungen hinzuzusrtzen, ist überflüssig. Jeder, der oisene Augen hat. entnimmt aus den vorsichtigen Ausführungen des Frankfurter Gelehrten, i n w i e e r n st e r W e i s e s i ch d i e D i n g e i m nation a I j ü b i f d) e n Palä ft i n a zuge s pitzt h a b e n. Daß Oppenheimer trotz aller Kritik ein optimistisches „Dennoch" ausspricht, ist sein gutes Recht und ehrt ihn. Es wäre verwunderlich, wäre es anders. Kein^ Wohlmeinender wird wünschen, daß sich die Not in Palästina noch steigere oder gar schlimmeres eintrete. Die betrübenden Zustände werden hoffentlich der nationaljüdischen Agitation endlich einmal gewisse Zügel anlegen, die Verantwortlichen noch zu größerer Verantwortlichkeit beeinflussen und die natioualjüdische Arbeit im Heiligen Lande in den Augen der Oessentlichkeit auf das richtige Maß Zurückführen. Die mit erdrückender Mehrheit in der Hauptversammlung 1926 des C. V. angenommene E n tschlie ßun g / die sich'gegen eine Beteiligung an einem nationaljüdischen Pa l ästin aausbau aussprach, schöpfte im wesentlichen ihre Begründung aus der Zwangläufig nationaljüdischen Grundeinsteüung dieses Aup baus. Zur Entkräftung der Tatsache eines nur jüdisch-national möglichen ^zionistischen Ausbaues, dem wir aus bekannten Gründen unsere Unterstützung versagen müssen, hat selbst ein Oppenheimer keinerlei Material beigebracht. Die Berliner Ausführungen Franz Oppenheimers lauteten etwa folgendermaßen: Einleitend sagte Oppenheimer, was er gäbe, sei das Ergebnis einer wissenschaftlich objektiven, durch keinen Ehrgeiz oder keine Voreingenommenheit in irgendeinem Sinn getrübten Forschung, die durch Kritik der Beseitigung vorhandener Mängel im Interesse des angestrebten Zieles dienen wolle. Wohl habe er vieles zu tadeln, was'er gesehen, doch habe er auch in manchen Stücken erfreuliches Wachstum und Fortschritt gefunden. Drei Probleme sind es, deren Lösung vor allem wichtig ist: d i e A r a b e r f r a g e, der Kamps zwischen S o z i a l i s m u s und Kapitalismus und die Frage der l a n d w i r t s ch as t * l i ch e n Siedlung. < Die Araberfrage bildet im Augenblick keine Gefahr für das Siedlungswerk, wird solange keine sein, als die Juden von der Ambition abstehen, ans Palästina einen Juden st a a t mit unterdrückten Arabern zu machen. Palästina kann innner nur ein arabisch-jüdisches Land sein, ein Zweisprochenland, in dem Araber und Juden in voller Gleichheit nebeneinander und miteinander wohnen. Im einzelnen besteht auch zwischen jüdischen und arabischen Bauern beispeilsuveise gutes Einvernehuren. Die Gleichheit der Würde aller Menschen zu wahren, ist die historische Ausgabe des Judentums, und es käme einem Verleugnen seiner zweitausendjahrigen Leidensgeschichte gleich, wolle es seinerseits den Unterdrücker spielen und menschliche Rangordnungen schassen. Aber auch der Realpolitiker müsse jede Politik der Unterdrückung der Araber ablehnen wegen der rein zahlenmäßigen Ueberlegenheit der Araber, die weder durch Einwanderung noch durch Steigerung der Geburten bei den Juden in absehbarer Zeit auch nur anzugleichen ist, sowohl wie auch aus dem Grunde des starten kulturellen Ausstiegs der Araber in den letzten Jahren der englischen Verwaltung, von der die jüdische Siedlungen nur Vorteile haben konnten. Sein in Gemeinschaft mit Dyck vor sechzehn Jahren gemachter Siedlungsversuch ist zum großen Teil an oem starren Festhalten am nationalen Prinzip der Juden gegenüber den arabischen Arbeitern gescheitert. Wesentlich akuter ist die Frage des K a m p s e s z w i j ch e n Sozialismus und Kapitalismus. Hier steht ein bis an die Zähne gewappneter durchgebildeter Gewerkschastssozialismus, der durch seine einseitige Lohnpolitik, durch seine beinahe krankhafte Angst vor dem leisesten Ansatz zur Bildung kapitalistischer Formen hemmend und verengend aus den Arbeits- Markt wirkt, einem Kapitalismus gegenüber, der eigentlich gar nicht vorhanden ist. Denn auch die wenigen größeren Betriebe wie das Elektrizitätswerk, das Oelwert, die Zement- und die Seidensabrik «.sß<fc y//iif^xx'<s>c--s 3^-—^-Schweiz Physikalisch-diätetische Kuranstalt und Erholungsheim. Aerztl. Leitung. DeutsehesHaua. Pension von M.8,-- an. IILustr.Prospektdurch den Besitzer. sind zum Teil aus genossenschastlicher Grundlage aufgebaut, und die kleineren Betriebe erheben sich kaum über den Handwerksbetrieb. Der Sozialismus hat nur einen großen Feind, das ist der Bodenwucher, der sowohl auf dem Lande durch die Geldgier der arabischen und anderen Großgrundbesitzer großen schaden anrichtot, indem er den stellungslosen Landarbeiter dem industriellen Arbeitsmarkt auslastet, wie auch in der Stadt den Werkstatt- und den Wohuboden 'in unverantwortlicher Weise verteuert. Scharfe Kritik übt Oppenheimer an Tel Aviv, der jüdischen Stadt, aus die alle Welt mit Erwartung geblickt hat, und die ein Sammelplatz aller Stile und Geschmacklosigkeiten der Welt geworden ist. * Das wichtigste Problem für den Erfolg des Ausbauwerkes ist das der l a n d w i r t s ch a> s t l i ch e n S i e d ( u n g. Ein Land kann nicht durch das Schwert und nicht durch das Geld erobert werden, sondern einzig durch den Pflug, durch intensive Arbeit. Es gibt drei Stufen landwirtschaftlicher A u s b i l d u n g, den landwirtschaftlichen Arbeiter, der ein qualifizierter Arbeiter ist, aber doch noch kein selbständiger Bauer sein kann, den Bauern, der außer allen Fähigkeiten des Arbeiters noch kaufmännische und organisatorische Fähigkeiten! haben muß, und den Leiter eines Großbetriebes. In Palästina ist noch sehr viel für die Ausbildung dieser Kräfte zu tun. Man hat Versuche mit allen möglichen Methoden gemacht. Die alten Rothschild-Kolonien sind aus kapitalistischer Grundlage ausgebaut, in denen der arabische Fellache die Arbeit tut und der Besitzer Unter-, nehmer geworden ist. Diese Art ist aber für den Ausbau im großen nicht brauchbar. Es kommen die genossenschaftlichen Siedlungen in Frage. Hier gibt es drei Arten, die große Kwuzah, die kleine Kwuzah und die Bauernsiedlung (Mosehab owdim). Durchaus ablehnend äußert sich Oppenheimer über die große Kwuzah auf kommunistischer Grundlage. Als überzeugter Sozialist und fanatischer Gegner des Kommunismus sieht er in den nach seiner Schilderung geradezu anarchischen Zuständen in diesen Siedlungen die größte Gefahr für das Ausbauwerk. Von 60 Siedlern seien vielleicht zehn leidlich ausgebildet. Es fehle jede Leitung und Anleitung, Chaos- und Unordnung herrsche auf jedem Gebiet, Felder und Gebäude befänden sich in unglaublich verwahrlostem Zustande, an eine Rentabilität der Wirtschaft sei nicht zu denken. Freiheit werde verwechselt mit Zügellosigkeit und Willkür, es fehle jede Disziplin und Erziehung. Zum Glück scheine man diesen Weg nicht weiter beschreiten zu wollen. Zukunft habe die kleine Kwuzah, eine Gemeinschaft weniger ausgebildeter Bauern und Arbeiter, die miteinander um den Boden gerungen haben. Am besten und erfolgreichsten arbeiten die Bauernsiedlungen, die gut angelegt und zu Gemeinden zusammeng-eschlossen sind. Oppenheimer hat einige dieser Bauernwirtschaften durchgerechnet und sestgestellt, daß jeder Bauer, der seine Sache versteht, in Palästina so gut wie irgendwo in der Welt vorwärtskommt. Schwierigkeiten sind auch hier vorhanden, wie vor allem die Frage des Nachwuchses, der durchaus fehlt, da die schon 10 bis 20 Jahre im Lande ansässigen Leute Zum Teil als ehemalige Landarbeiter nicht in der Lage sind, Leute auszubilden, dies zum Teil^aus Ablehnung jeder Form des Kapitalismus nicht wollen. Zum Schluß betont Oppenheimer nochmals, daß viele Mängel vorhanden sind, aber daß es möglich sei, in langsamer, zäher Arbeit das Ausbauwerk zu schassen. — Abschließend nur die Bemerkung, daß, sofern die erregten Berichte der Wiener Zeitungen zutreffen, Oppenheimer in Berlin gegenüber Wien g e d ä m p s t e r gesprochen hat. „Poserrer Heimatblätter" betitelt sich eine Monatsschrift, die soeben erschienen ist und für die Generalsekretär Hermann Becke r, früher Wollstein, verantwortlich zeichnet. Das Organ der Posener Heimatvereine bringt an leitender Stelle ein Wort der Begrüßung des Vorsitzenden, Rechtsanwalts Ludwig Fried mann. Hauptzweck der Heimatblätter sei, die Liebe und Treue zur alten Posener Heimat zu pflegen, den gesellschaftlichen und ökonomischen Zusammenschluß unserer Landsleute zu fördern. Im Vordergrund sollen naturgemäß Notizen ans der alten Heimat stehen, die in den Tageszeitungen so sehr vermißt werden. An Aufsätzen bringen dis Seimatblätter eine Betrachtung Hermann Beckers über das Buch des eh. Archivrates Dr. Warschauer: „Deutsche Kulturarbeit in der Ostmark. Erinnerungen ans vier Jahrzehnten." Rechtsanwalt Leo Schocken äußert sich über: „Schutzgemeinschaft der nicht entschädigten Flüchtlinge." Dev seuilletonistische Teil enthält unter dem Titel „H e i m a t, o H e i m a t" eine lustige Schilderung aus den 60er Jahren von Artur Schweriner. Der Verband Posener Heimatvereine hat bereits etwa 4000 Mitglieder, und es ist zu hoffen, daß sich alle in Berlin wohnenden ehemaligen Posener diesem Verbände anschließen werden.. Heimat und Glaube sind, wie es Dr. Jacob (Dortmund) noch iüngst auf dev C. V.-Kurrdgebnng in Würzburg ausgeführt hat, das bedeutendste Besitztum auch dieser deutschen Juden. -kein,kok Mack Nachf*. Ulm S, D»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.