Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 43 (22.10.1926)
- Date
- 1926-10-22
- Page
- Seite 559 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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559 Die -sächsischen Landtagswahlen werden wahrscheinlich besondere U-eberraschungen nicht bringen. Selbst die Wahl eines oder zweier Völkischer, die zu verhindern gewiß mit aller Macht erstrebt werden muß, würde weder für die Stellung noch, für die Behandlung der Juden irgend etwas bedeuten. Die politische Organisation der sächsischen Juden im Central verein ist durchaus gefestigt, und sie nimmt sich, falls es vonnöten sein sollte, auch der Rechte der zahlreichen Ausländer an, wenn diese um ihres Judentums willen Unrecht erfahren sollten. Ebenso ist unter der energischen und zielbewußten Leitung ihres Vorsitzenden (Paul Sulinger, Dresden) die Israelitische R e l i g i o n s g e s e l l s ch a f t im Freistaat Sachsen erstarkt, und sie hat ihre unbedingte Gleichberechtigung neben den anderen Religionsigemeinschaften errungen. Das Entstehen eines völkischen Herdes in Plauen hat freilich auch wieder gezeigt, daß man niemals das Gefühl der Sorglosigkeit empfinden darf und daß auch bei so relativ günstigen Lebensbedingungen, wie sie in dem durchaus verfassungsmäßig geleiteten und verwalteten Sachsen sich im allgemeinen darbieten, stetes Wachsein und jederzeitige Kampfbereitschaft vonnöten sind. Und so werden auch inr bevorstehenden Wahlkampfe alle sächsischen Juden im Kampfe gegen den Antisemitismus ihre Opferwilligkeit und ihre Politische Einsicht beweisen müssen, damit die in der Südwestecke, im Vogtlande, ansflackernde Flamme des Hasses auf ihren Herd beschränkt imö erstickt wird. Die Ctei«re rede«. Tausendjährige Belege für das Heimatrecht der deutschen Inden — Die Grabsteininschriften der ituräischen Kohorten — Um 1000 schon jüdische Gelehrte auf deutscher Erde — In Mainz die durch Unruhen in früheren Jahrhunderten verlorenen Grabsteine anfgesnnden — Am 3. Oktober auf dem ,,Jndeusanv" neu aufgestellt — Zahlreiche Denkmäler von 1000 bis 1420 — Sarlin und Merlin — Neue Zeugen für unser Recht. Urkunden sind die wichtigsten Quellen für geschichtliche Forschungen. Ueber die Frühzeit jüdischer Siedlung aus deutschem Boden sind uns aber urkundliche Belege kaum erhalten geblieben. Zwar verdienen die zahlreichen Grabsteininschristen römischer Soldaten und Veteranen, welche in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten im römischen Kolonialgebiet Galliens und Germaniens beigesetzt wurden, noch die Durchprüfung unter diesem Gesichtspunkt, und man fände hierbei vielleicht — besonders bei den ituräischen Kohorten — manchen Träger eines jüdischen Namens. Immerhin bleibt weit über ein halbes Jahrtausend nach dem Ende der Römerherrschaft für die Geschichte der Juden in Deutschland vollkommen dunkel, und was wir über die Zeit des neunten und zehnten Jahrhunderts erfahren, ist zum Teil als unhaltbar erwiesen oder doch zweifelhaft. Um die Mitte des zehnten Jahrhunderts beginnt das Dunkel sich zu lichten; in den R h e i n g e g e n d e n, wo das Deutschtum sich zuerst herausgebildet hat, treten jüdische Gelehrte und Führer hervor, von deren umfassendem Wissen und überragender Bedeutung die Tatsache Zeugnis ablegt, daß man ihre Arbeiten und Entscheidungen in den folgenden Jahrhunderten immer wieder zitiert und bis auf den heutigen Tag als maßgeblich betrachtet. Namen wie die der Kalonymiden, eines Rabbenu Gerschom, eines Simon ben Isak, eines Jacob bar Jakar, dieses Raschilehrers, um nur einige wenige zu nennen, braucht der Kenner nur zu hören, um sofort die ganze fruchtbare und unabsehbar einflußreiche Zeit jüdischer Hochschulen auf deutschem Boden um das Jahr 1000 vor Augen zu sehen. Diese Männer und ihre großen Zeitgenossen, die wir hier nicht alle auszählen können, strömten die Tiefe des Wissens und die Kraft des Glaubens in die nahe und ferne Umgebung aus, so daß dieHeimsuchung derKreuzzugszeitbei aller Vernichtung der Gemeinden am Rhein die jüdische Gemeinschaft nicht; wankend fand. Die Schriften dieser ältesten geschichtlichen jüdischen Persönlichkeiten auf deutschem Boden kennen wir nur aus zitierten Bruchstücken, die Häuser, in welchen sie lehrten, die Synagogen, in welchen sie beteten, sind verschwunden: aber die Grabsteine einer Anzahl dieser Größen sind uns erhalten. Die Schwestergemeinde Worms zeigte schon immer den alten Friedhof, in dessen Erde große Führer in Israel schlummern; -aber in unserer Gemeinde Mainz waren um die Mitte des 15. Jahrhunderts bei einem Kampf um die Kurfürstenwürde zwischen Diether von Isenburg und Adolf von Nassau nach der Ausweisung der Juden aus der Stadt die uralten Grabsteine verschleppt und bei::: Bau von Festungswerken verwendet worden. Jahrhunderte hindurch waren diese Denkmäler verschwunden. In den letzten Jahrzehnten kamen sie bei der Niederlegung verschiedener Bauten und bei Ausschachtungen wieder zum Vorschein, und seit dem denkwürdigen 3. Oktober dieses Jahres künden diese alten Steine, nachdem wir sie von der Stadtverwaltung zurückerhalten und aus dem alten „Juden fand" wieder auf gestellt hatten, in aller Oesfentlichkeit von unseren alten Vätern aus deutscher Erde. Die ältesten Steindoku mente über deutsche Juden befinden sich darunter, Dokumente, die bis in die Zeit vor dem ersten Kreuzzug zurückreichen. Stark in ihrer Schlichtheit sprechen diese Felsstücke mit kurzen Worten zu uns; so heißt es auf dem Stern jenes Enkels des Mose Ilasaken: „Hier ward begraben unser Meister, der Lehrer Mescliullam, der Sohn unseres Meisters, des Lehrers Kalonymos, seine Seele sei eingeflochten in den Bund des Lebens." Und ans dem gedrungenen Steine, den ich als Denkstein für Rabbenu Gerschom bar Jehudah cmsehen möchte, finden sich die Worte: „Ein Fels wurde gebrochen zum Gedenken an Rabbi Gerschom, Sohn des . . . (die Leuchte des Exils?)." „Dies ist das Grab unseres Meisters, des Lehrers Simon bar Isak, seine Seele gehört dem ewigen Leben", so lesen wir auf einem dritten Steine. Meschullam lebte w o h l vor dem Jahre 1000, Rabbi Simon und Rabbenu Gerschom erlebten d i e erfte Judenverfolgung in Deutschland im I a h r e 1012. Rabbi Simon beschwichtigte durch seinen Einfluß die furchtbare seelische und körperliche Not seiner Leidensgefährten, Rabbenu Gersehoms Sohn ward geraubt und zwangsweise getauft. Erschütternde Klagelieder dieser beiden Männer über jene Zeit sind uns erhalten. So reiht sich Stein an Stein aus der Zeit von etwa 100 0 bis 142 0. Durch ihre kurzen hebräischen Inschriften sind sie wuchtige, zu jedem Herzen sprechende Zengon alter Zeit. Die ältesten Steine stammen aus der Zeit, wo man begann, den alten M a i n z e r D o m zu bauen, und sind so auch Denkmäler altgemein-deutschen Kulturlebens für eine Zeit, ans der uns nicht viele Originale erhalten geblieben sind. In diesen hebräischen Jnschrisken steckt tiefes jüdisches Empfinden, da8 in d e u t f d) c n For m e n Ausdruck sucht. Wem: luir da, besonders im dreizehnten Jahrhundert, Frauenuamen wie Sarlin und Merlin (d. i. Saralein und Mirjamlein, das letztere vielleicht auch vom mittelhochdeutschen „Merl" — Amsel oder Amselein) finden, so sehen wirjedenfalls aus den Koseendungen, wie die d e u t s ch e Sprache in den jüdischen Häusern lebte und die innige Verbundenheit zwischen Mann und Weib und zwischen Eltern und Kindern zum Ausdruck brachte. Namen wie B r u n a (bic Braune) und Schöna (die Schöne), wie M e i t i n (die Mait, Jungfrau) und Edlin (die Edle) sind mittelhochdeutsche Frauennamen, die — obwohl doch das Judentum keinen Mangel an schönen biblischen und nachbiblischen Eigennamen hatte — ans eigenem Entschluß von jüdischen Eltern für ihre Kinder gewählt waren und so die Verbundenheit des deutsche:: Juden im frühen Mittelalter mit dem Deutschtum d o k u m e n t i e r e n. Dem Juden war das Namengeben nie eine leere Formsache, in den Namen, welche:: jüdische Eltern ihrem Kinde gaben, legten sie von den ältesten Zeiten an ihr ganzes Empfinden, Glauben, Hoffen und Sehnen. Wenn sich während des Krieges tief in Litauen drin noch Familien fanden, welche Namen wie „M a g e n z a" (alte Form für Moguntia—Mainz) und „Bacharach" trugen, so war dies nicht etwa eine willkürliche Namengebung oder eine Namenerhaltung aus stumpfer Trägheit, sondern diese Familien wußten und bekannten, daß ihre Vorfahren in schwerer Verfolgungszeit ans den rheinischen Gegenden hatten flüchten müssen, und erhielten in ihren Namen das treue Gedenken an die alte Heimat. „Saxa loquuntu r“, „diese Steine reden" können wir darum von den in der Oessentlichkeit wieder ausgestellten Grabsteinen sagen. Sic reden nicht nur vom Tode der Männer und Frauen, deren Namen sie enthalten, sie reden auch von ihrem Leben. Neue Zeugen sind uns erstanden für unser Recht in unseren: beklagenswerten Kamps, in unserem Kampf um unser Recht ans n n s e r e deutsche H eima t. Rabbiner Dr. S. Lcvi (Mainz). Zu Severmgs Rücktritt. Ter aus dem Amt geschiedene Preußische Innenminister Karl Severing hat in den Jahren seiner Tätigkeit gezeigt, wie ein den Grundsätzen der Verfassung in allen seinen Entschließungen getreuer Mann die Gleichberechtigung im Staate in die Wirklichkeit umsetzen kann. Weit entfernt, die Juden besonders zu berücksichtigen, hat Severing der von chm beschworenen Verfassung Achtung gezollt und ihre Grundsätze erfüllt. Deshalb hat er auch dem jüdischen Bevölkerungsteil sein Recht werden lassen. Hochachtung vor einen: solchen Mann! Mögen unserem Staat — ungeachtet der politischen Einstellung in Einzelsragen — viele solche Charaktere beschieden sein! Dann wird. Deutschland sich schnell erheben!