Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 42 (15.10.1926)
- Date
- 1926-10-15
- Page
- Seite 550 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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550 Russische Judenverfolgungen. Aus den Briefen des französischen Botschafters a. D. Maurice PalHologue. Nicht nur unter ausgesprochenen Judengegnern, nein, auch in christlichen Kreisen, die den Judenhaß von sich weisen, stößt man oft auf eine scharfe Ablehnung des. Ostjudentums schlechthin. Revolutionäre, Verschwörer, Schieber, Wucherer schimpft man alle Ostjuden. Solchen vorschnellen Beurteilern ist eine Beschäftigung mit der russischen Geschichte der jüngsten Zeit zu empfehlen. Schon die Lektüre der Erinnerungen des letzten französischen Botschafters am Zarenhofc, P a l 6 o l o - g u e, wird die, die das Ostjudentum bedingungslos verurteilen, eines Besseren belehren. Palöologues Erinnerungen „Am Zarenhof während des Weltkriege s", aus denen wir einige kennzeichnenden Abschnitte hier wiedergeben, gewinnen noch dadurch, daß sie ein Verbündeter des Zaren, also gewiß kein Feind Rußlands, schrieb, besondere Bedeutung. Die Schriftleitung. Mittwoch, 28. Oktober 1914. Für die Juden aus Polen und Litauen ist dieser Krieg die härteste Prüfung, die ihnen je auferlegt wurde. Es sind ihrer mehrere Hunderttausende, die ihre Wohnsitze in Lodz, Kielce, Petrokow, Jwangorod, Skierniwice, Wloslwask, Suwalki, Grodno, Bjelostok usw. verlassen mußten. Ueberall hat ihr kärglicher Auszug die Plünderung ihrer Geschäfte, ihrer Synagogen, ihrer Wohnungen zum Vorspiel gehabt. Einige tausend Familien haben ^sich nach Warschau und Wima geflüchtet; die große Mehrzahl irrt aufs ^Geratewohl umher wie eine Herde. Wunderbarerweise hat es noch keinen Pogrom, keine wohlvorbereitete Metzelei gegeben. Aber in der Kampfzone vergeht kein Tag, an welchem man ilicht unter denk haltlosesten Vorwände des Spionierens einige Juden aushängen würde. Gelegentlich sprechen Sasonow, der Minister des Aeußern, und ich über die Judenfrage und über alle religiösen. Politischen, sozialen, volkswirtschaftlichen Probleme, die sich daraus ergeben. Er teilt mir mit, daß sich die kaiserliche Negierung mit den Milderungen beschäftigt, durch die man die allzu willkürliche und bedrückende Gesetzgebung, die auf den russischen Juden lastet, abändern Wune, im übrigen wird man für die galizischeu Juden eine neue Verordnung erlassen, die jetzt Untertanen des Zaren sein werden. Ich bestärke ihn in dem Gedanken, sich so duldsam und freisinnig zu erzeigen wie nur möglich: „Ich spreche als Verbündeter zu Ihnen. In den Vereinigten Staaten lebt eine große Anzahl sehr begüterter, sehr einflußreicher Juden, welche über das Los, das Sie ihren Glaubensgenossen bereiten, aufs tiefste empört sind. Deutschland beutet diesen Groll gegen Euch und infolgedessen auch gegen uns in sehr geschickter Weise aus. Nun haben wir aber großes Interesse daran, uns das Wohlwollen der, Amerikaner zu wahren." Montag, 15. Februar 1915. Ich spreche über Polen mit dem Grasen'N . . der ein feuriger Nationalist ist. „Gestehen Sie," sage ich, „daß die Polen einige Gründe haben, um den Nüssen nicht von Herzen gewogen zu sein." „Es ist wahr, wir haben es manchmal unsere harte Hand spüren lassen . . . Aber Polen hat sich auch an uns gerächt." „Wieso denn?" „Indem es uns die Juden geschenkt hat." Tatsächlich gibt es in Rußland erst seit den Teilungen Polens eine Judenfmge. Bis dahin hatte der Zarismus den Juden gegenüber keine andere Politik gekannt, als sie auszuweisen oder sie zu unterdrücken. Man mußte aber aus dieses kurze Verfahren verzichten, als es galt, über das Schicksal großer jüdischer Gemeinden zu entscheiden, die in den annektierten Gebieten ansässig waren. Man wies ihnen eine Ansiedlungszone an den äußersten Grenzen des Reiches an, und man unterwarf sie einigen polizeilichen Vorschriften, die nicht allzu bedrückend waren; aber während sich die zweite Teilung vorbereitete, setzte Katharina II. plötzlich den Juden gegenüber mit einein Regiment der Strenge und Knechtung ein, von dem sie sich noch nicht befreit haben. Durch einen Utas vom 23. Dezember 1791 schränkte sie ihre Ansiedlungszone ein; sie verbot ihnen die Feldarbeit, sie ließ sie in die'Städte einschließen wie in ein Ghetto; schließlich stellte sie den abscheulichen Grundsatz auf, der noch nicht ausgehört hat, zu Recht zu bestehen, daß nämlich alles, was den Juden nicht ausdrücklich gestattet, ihnen verboten ist. Diese Kundgebung des Despotismus und der schwersten Ungerechtigkeit muß uns eigentlich wundernehmen bei dieser Kaiserin-Philosophin, bei der Freundin Voltaires, d'Alemberts und Diderots, der der Herrscherin, die ihre Politischen Eingebungen aus dem Esprit des Lois zu schöpfen vor gab. Aber ein mächtiger, wenn auch ungerechter Groll erfüllte sie mit Zonn gegen die Juden: sie haßte die französische Revolution, sie verfolgte sie mit ihrem Abscheu, mit ihren Schimpfworten, sie sah darin eine furchtbare Drohung für alle Throne, ein verbrecherisches, teuflisches Unternehmen.' Nun hatte die konstituierende Versammlung am 27. Setember 1791 den Juden die Freiheit verliehen, indem sie ihnen die Gleichheit der bürgerlichen Rechte zuerkannte. Katharina II. antwortete durch ihren Ukas vom 23. Dezember, den spätere Maßnahmen noch verschärften. So eröfsnete durch einen ironischen Rückschlag des Schicksals die großherzige Initiative der französischen Revolution am anderen Ende Europas eine Aera der Verfolgungen, die zu den längsten und schmerzlichsten zählt, welche Israel im Laufe der Zeiten gekannt hat,- i Dienstag, 30. März 1915. Seit dem Beginn des Krieges sind die Juden Polens und Litauens furchtbarer- Drangsal ausgesetzt. Während des Monats August hat man sie gezwungen, sich aus der Zone, die an der Grenze liegt, schleunigst zu entfernen. Nach kurzer Frist haben die ebenso bündigen wie übereilten und grausamen Ausweisungen begonnen, die sich täglich weiter nach Osten hin erstrecken. Nach und nach ist die ganze israelitische Bevölkerung von Grodno, Lomza, Plotsk, Kutno, Lodz, Pietrokow, Kielce, Radom, Lublin in das Innere des Landes gegen Podolien und Wolhynien zurückgedrängt worden, lieberall wurde der Auszug unter den wohlwollenden Augen der Behörden von Gewalttätigkeiten und Plünderungen begleitet. So hat man Unglückliche zu Hunderttausenden durch den Schnee mnherirren sehen, von Kosakenhaufen wie Vieh vor sich hergetriebcn, in höchster Not, an Bahnhöfen, verlassen, auf offenem Felde, vor den Toren der Städte zusammengepfercht, sterbend vor Hunger, Erschöpfung und Kälte. Und zur Stärkung ihres Mutes haben die bejanunernswerten Menschen auf ihrem ganzen Wege dieselben Gefühle des Hasses und der Verachtung, dieselbe Verdächtigung der Spionage und des Verrats wiedergesnnden. Im Lause seiner ganzen schmerzerfüllten Geschichte hat Israel niemals einen tragischeren Auszug kennengelernt. Und doch gibt es in den Reihen der russischen Armee zweihundertvierzigtausend jüdische Soldaten, die sich sehr wacker schlagen. Donnerstag, 1. Juli 19 Itz. Seit einigen Wochen werden alle Juden aus dem östlichen Litauen und ans Kurland auf Befehl des Oberkommandos in Massen ausgewiesen. Man drängt sie nach Jitomir, Kiew und Poltawa zurück. Wie immer werden diese Befehle von den russischen Behörden ohne die mindeste Vorbereitung, ohne die mindesten Schonung, mit unerbitterlicher Roheit vollzogen. So wurde der israelitischen Bevölkerung Kownos, die 40 000 Menschen zählte, am 3. Mai abends angezeigt, daß sie binnen 48 Stunden die Stadt zu verlassen habe. Ueberall wurde die Ausweisung von tragischen Zwischenfällen, von schmählichen Gewalttaten, von Plünderungen und Vrandstiftnngen begleitet. Gleichzeitig verbreitet sich ein Wiedererwachen des Antisemitismus durch das ganze Reich. Wenn die rassischen Armeen geschlagen werden, so ist es natürlich die Schuld der Juden. Die reaktionäre Zeitung „Wolga" schrieb vor einigen Tagen: „Russisches Volk, sieh hin und erkenne, wer dein Feind ist. Es ist der Jude! . . . Keine Gnade den Juden! . . . Von Geschlecht zu Geschlecht wurde dieses gottverdammte Volk von allen gehaßt und verachtet. Das Blut der Söhne des heiligen Rußlands, das sie täglich verraten, schreit nach Rache! . . ." Tie Zahl der seit Kriegsbeginn aus Polen, Litauen, Kurland ausgewiesenen und ins tiefste Elend gestoßenen Juden übersteigt 600 090. Sonntag, 8. August 1915.. Bei jedem Rückzug der russischen Armee seht die Polizei die Ausweisung der Juden noch weiter fort. Ueberall, wie gewöhnlich, wird dieses Verfahren hastig, mit ebensoviel Ungeschicklichkeit als Roheit durchgesührt. Die Beteiligten werden erst in letzter Stunde verständigt; sie haben weder Zeit noch Möglichkeit, irgend etwas mitzunehmen. Man pfercht sie eiligst in Eisenbahnzüge; man stößt sie auf den Straßen vor sich hin wie Herdenvieh; man gibt ihnen nicht einmal ihren Bestimmungsort kund, der übrigens zwanzigmal auf der Strecke geändert wird. Und fast überall stürzt sich, sowie ihr Abfahrtsbesehl in der Stadt bekanntgegeben wird, die orthodoxe Volksmenge zur Plünderung aus das Ghetto. Nach Podolien, Wolhynien, Beßarabien und der Ukraine zurückgedrängt, sind sie einem furchtbaren Elend preisgegeben. Die Gesamtzahl der Ausgewiesenen erreicht 800 000. Dieses barbarische, aus eine ganze Nation unter der Ausrede angewandte Vorgehen, daß sie infolge ihrer religiösen Abstammung samt und sonders der Spionage und des .Verrates verdächtig erscheint, hat schließlich die liberalen Gruppen der Duma in Erregung versetzt; ein jüdischer Abgeordneter aus Kowno, Friedmann, brachte' eine' beredte Verwahrung zum, Ausdruck. Es folgt ein langer Auszug aus Friedmanns Rede, die in dem lsatz gipfelt: „Ach! Zu allen Zeiten war es Israels Schicksal, Sündenbock 31t sein! . . . Im Angesichte von ganz Rußland, int Angesichte der ganzen Kulturwelt erkläre ich, daß die gegen die Juden geschleuderte Anklage eine elende Lüge ist, von denjenigen geschmiedet, die ihre eigenen Verbrechen zu verheimlichen suchen." D 0 nnerstag, 6. April 1916. Maxim Kowalewski ist soeben einer kurzen Krankheit erlegen. Im Jahre 1851 geboren, \mx er Professor an der Moskauer Hochschule und wurde als ihr Vertreter in den Staatsrat entsandt. Er war eine der bedeutendsten Gestalten der „Kadetten"partei. Von Gerechtigkeitsliebe erfüllt, übte er eine der in Rußland und auch anderswo seltensten Tugenden aus: die Duldsamkeit. Der Antisemitismus empörte sein Gewissen und sein Herz. Als er eines Tages mit mir über das abscheulich<e Regime sprach, welchem der Zarismus die Juden unterworfen hat, nannte er nur ein Wort von Stuart Mill: „In einem Kulturvolk darf es keine Parias geben." ,1 Sanatorium für Nerven-und innere Kranke \ Leitende Aerzte: DnR. Fleischmann, DxFnPoanigen.