Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 42 (15.10.1926)
- Date
- 1926-10-15
- Page
- Seite 549 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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54* Rabbiner Dp. Jasov (Dortumnd) gab ein soziologisches Bild der 1trsachen des Judenhasses. Der christliche Staat machte die Zugehörigkeit. zur Staatsreligion zur Bedingung für das Staatsbürgertmu. Diese mittelalterliche Auffassung führte zur räumlichen und geistigen Abtrennung her Juden. Erst die Emanzipation der Juden vor 100 Jahren ließ, den Juden die allgemeinen Menschenrechte zuteil werden. Glaube und Heimat sind die Hauptgüter des heutigen deutschen Judentums trotz aller Anfeindungen geblieben. Auch dieser Rede folgte stürmischer Beifall. Als Letzter Referent trat stellvertretender Syndikus A r t u r Schweriner (Berlin) ans Rednerpult. Seine Ausführungen waren ein einziger warmherziger Appell an das deutsche Judentum, für Deutschtum und Judentum mit jener Begeisterung einzutreten, die nur im Optimismus zürn Ziele fuhren kann. Es war der allgenreine Eindruck, daß der Centralverein einen selten gelungenen. Abend veranstaltet habe, wie ihn Würzburg seit der Feier des 25jährigen Bestehens des Centralvereins nicht wieder erlebt hat. DeuLschnationalL und Völkische. Eine Zentrrmrsstimrne. Die „S ch l e s i s ch e Volk s zeit u u g", das maßgebende Organ der Zentrumspartei in Breslau, nimmt im Anschluß an die Kölner Tagung der Deutschnationalen Bolksvartei in einem Artikel (Nr. 424) „Genf, Dresden, Köln, Breslau" Stellung zu dem Bestreben der Deutschnatioualen, in die Regierung einzutreten. Es heißt in dem Aufsatz: Nicht beim Zentrum, einzig bei den Deutschnationalen liegt es, all diese Widerstände hinwegzuräumen. Kann es den Parteien der Mitte nach dem Todessprnng der Deutschnationalen bei Locarno verdacht werden, wenn sie Garantien fordern bei erneutem Negierungseintritt? Gewiß, das Je n t r uin darf sich gegen die Regie r u n g s b e t e i l i g u n g der D e u t s ch n a t i o n a. len ebensowenig sperren, wie bei d e n S o z i a l d e m o - kraten. Aber die unbestimmte Haltung der Deutschnatioualen zum Staate macht es notwendig, in dieser Beziehung noch größere Vorsicht walten zu. lasten. Was wir fordern ist: datz die DentschnationaUn endlich eine Abgrerrznng nach rechts schaffen. Datz fie sich von aller Abhängigkeit von den Völkischen freimachen, datz sie Abstand von den irregulären Verbänden gewinnen, die ein erstarkender Staat sowieso einmal anfheben mutz, ob rechts oder links; es ist ja wohl auch eine Frage der Zeit, daß erwachsene, in Arbeit, Stellung und Amt befindliche vernünftige Personen auf die sonntäglichen Aufzüge mit Windjacke, Abzeichen und den einen Volksteil herausfordernden Emblemen verzichten werden. Will die Dentschnationale Partei regierungsfähig erscheinen, dann mutz fie in aller Form die Gemeinschaft mit denen ablehnen, die eben noch öffentlich ihre Sympathie mit den Mördern Rathenaus und Erzvergers krrrrdtaten - . Wir erinnern daran, daß wir gleich nach dem Rathenau-Morde im Jahre 1§2Z ausgesprochen haben, die Deutschnationaleu müßten von den Völkischen abrücken. Es würde um das Wehl unseres Vaterlandes besser bestellt fern, wenn es nach so langer Zeit nicht, nötig wäre, diese Forderung zu wiederholen.. Immerhin ist es von Bedeutung, daß das Zentrum, sie jetzt so eindeutig ausspricht. Die Ertappten. Der „Mtualmorv" des „Deutschen Tageblatts". Das „Deutsche Tageblatt" vom 14. September 1926 gibt unter der Ueberschrist „Scheußlicher Mischer Blutmord. Ein Rabbiaiersohn der Haupttäter" in Fettdruck folgende Meldung wieder: W a rscha u 13. September. „Das „Echo Warszawski" meldet, daß im Bezirk der Konstnnziner Villen drei, junge Leute — der Sohn des jüdischen Rabbiners Aronsohn, der Feldscher Jdel und der Sekretär des Advokaten Blumenstein — die achtzehnjährige Hausangestellte des Advokaten K W ö i o 11 o h> fi o i a in den Wald lockten, sie gebunden, geknebelt, ihr die Kleider heruntergerissen und, nachdem sie ihr die Pulsadern durchschnitten, gierig ihr Bl nt. getrunken hätten. Nachdem das Mädchen infolge des Blutverlustes gestorben war, hatte der Feldscher ihr beide Hände und Füße abgeschnitten: die jungen Mörder spielten einige Zeit mit diesen Gliedern, dann steckten sie sie neben dem Kopf ihres Opfers in die Erde und gingen fort. Die kleine Tochter eines Bauern, die hinter den Büschen alles mit ansah, erzählte den grauenvollen Dorfall im Dorfe. D i e M ö r d e r f i n d i n H a s t. Um sie vor der Lynchjustiz des Vvlkesj zu schützen, wurden sie von 'der Polizei heimlich in die Stadt gebracht. Die medizinische Untersuchung stellte fest, daß dem ermordeten Mädchen alles B l u t entzogen w u rde, das augenscheinlich die Mörder getrunken haben. Den Mördern wurde ins Gefängnis ein Körbchen mit Birnen geschickt; kaum hatten fie von denselben gegessen, so erkrankten sie. Man stellte fest, daß die B ir n en v er - giftet Waren. Die Eltern des Blumenstein, die die Birnen schickten. Wurden verhaftet ..." Mn haben bereits in der letzten Nummer der „C. V. - Zeitung' in dem Aufsatz „Ritualmordmärchen und kein Ende" mitgeteilt, daß von diesem Vorfall in Warschau nichts bekannt sei. Wir sind heute in der Lage, sestzustellen, daß nicht nur die Mitteilung von dem Mord falsch ist, sondern daß auch die Quelle des „Deutschen Tageblatts^ glatt 'erfunden ist. Wir erhalten aus dev Schriftleitung der Krakauer Zeitung „Nvwy Dziennik" ein Schreiben, in dem festgestellt wird, daß die Redaktion des „Echo Warszawski" ans Anfrage erklärt hat, ebensowenig etwas nber die ihr zugeschriebene Meldung zn wissen wie die Warschauer Polizeibehörde von dem Morde. In diesem Falle ist es uns gelungen, das „Deutsche Tageblatt" sofort zu widerlegen. We üblich wird das „Deutsche Tageblatt" wohl an dieser Nichtigstellung vorübergehen. Wie gefährlich diese Art der Berichterstattung ist, beweist uns die Tatsache, daß diese Meldung inzwischen ihren Weg durch sämtliche völkische Blätter gemacht hat. Auch die von uns in der vorigen Nummer unter der Ueberschrift „Der Blutbund" berichtete Darstellung des „Stürmers" in Nürnberg geht auf diese Quelle zurück. Dr. Manuel Joel als Apologet -es Judentums. Zn seinem 199. Geburtstag (am 19. Oktober 1926)* Lange bevor die uns vereinigende Organisation der deutschvaterländisch gesinnten Judenheit ins Dasein getreten war, hat der hervorragende Mann, dem zur Erinnerung diese Zeilen gewidmet sind, in Wort und Schrift die Ideen, verfochten, die der C. V. auf seine Fahne geschrieben. Auf unsere Lebensfrage, die in ihrer grundsätzlichen Bedeutung lautet: „Sind wir eine religiöse oder eine nationale Gemeinschaft?"" hat Joel, bereits in der 1867' erschienenen Sammlung von Festpredigteu (S. 16 und 17) geantwortet: Nicht als Nation, sondern als religiöse Gesamtheit wurde Israel berufen, um fördernd einzugreifen rn die Entwicklung der Menschheit; seine einstige nationale Erscheinungsform war nur ein Mittel der Vorbereitung zu diesem Zwecke. Wenn Israels Gegner ihm seine Treue zum Vorwurf machen, „als ob es ein Widerspruch wäre, mit allen Fasern des Gemütes anzuhangen dem Vaterlande, das uns trügt und hält, zugleich der Gotteslehre", so muß demgegenüber betont werden, daß gerade die Treue, eine Charaktereigenschaft ist, welche als Frucht die Liebe zeitigen muß, „die Liebe vor allem zu dem teuren Boden, den der Israelit wahrlich mit nicht minderem Hochgefühl, sein Vaterland nennt wie irgendeiner, dem die Treue heilig". Obgleich eine sanfte Hillel-Natnr, hat Joel zur schneidigen Waffe des Geistes gegriffen und ist in die Bresche getreten, um in glänzender mit schlagfertiger Satire gewürzter Ausdrucksweise die gegen Ende der 70er Jahre einsetzenden Angriffe gegen die Ehre des Judentums ad absurdum zu führen. Noch heute lesenswert find seine aus Veranlassung einer Gerichtsverhandlung im Jahre 1877 gegen Rohling unseligen Andenkens abgegebenen „Gutachten über den Talmud", die mit den Worten schließen: „M an durchforsche alle Predigten und R eli gi onsb ü ch er, b ie feit 50 Jahren von I u den i n De u tsch - land veröffentlicht wurden, und man wird zugeben, daß wir niemandem nachstehen in Auffassung unserer sittlichen und bürgerlichen Pflichten." Im Jahre 1879 erschien sein offener Brief an Professor Treit schke, dem er als Antwort auf feine Tiraden zurief: „So schreibt nicht ein Historiker, sondern ein Pamphletist?", und den er sarkastisch fragte, ob er behaupten könne, daß fein Familienname schon bei den alten Germanen vorkomme? In seiner im selben Jahre erschienenen Schrift: „Die Angriffe des Heidentums gegen Juden und Christen" suchte Joel die Quellen des scheinwissenschaftlichen Antisemitismus auf und zeigte, wie Apion, ein Aeghpter von Geburt, sich als Rassen-Hellene gebärdete, etwa wie in unserer Zeit fremdstämmige Deutsche beflissen sind, die nationale Idee auf den animalischen Begriff der Rasse statt auf den geistigen der Sprache und der Lebensanschauung zurückzuführen. Aehnliche geschichtliche Pfade verfolgte Joöl im zweiten Teile seiner leuchtenden „Blicke in die Religio usgeschich-te" (1883), in denen er darlegt, wie der literarische Kampf, den die christlichen Apologeten im zweiten Jahrhundert gegen die heidnischen Angreifer und Verfolger zu führen hatten, eine für uns verhängnisvoll gewordene Rückwirkung übte auf ihre tendenziöse Darstellung des'jüdischen Verhaltens gegen das Christentum. Endlich in. seiner 1884 gegen Professor Gilde Meister gerichteten Schrift zeigte Joel, daß dieser Gelehrte in seinem vor einem Gerichtshof abgegebenen Gutachten über den Schülchan Aruch die im altjüdischen Schrifttum vortommenden Stellen angeblich minderwertigen Inhalts nach einem zeitlosen Jdealmaß beurteilt, statt sie aus ihrer Entstehungszeit heraus zu beurteilen und das Werk als Ganzes nach anderen in sittlich-religiöser Beziehung hochwertigen Aeußerungen zu würdigen. So ist Joel wie auf anderen Gebieten der jüdischen Wissenschaft auch als mannhafter Streiter und Vorkämpfer für die heilige Sache des Rechtes ein Wegweiser in das Land der Wahrheit gewesen. A. Eckstein.