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Central-Verein-Zeitung · 1926-10-15 · 42 (15.10.1926) · p. Seite 546

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
42 (15.10.1926)
Date
1926-10-15
Page
Seite 546 (sequence 2)
Language
German
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ringendes religiöses Leben vorhanden ist, habe ich früher nicht gewußt. Die rein historischen Aufsätze, wre die von Italiener, Julius B a b, Selma Stern u. a., tragen zum Verständnis des gegenwärtigen Judentums außerordentlich viel bei und interessieren besonders meine Heranwachsende Jugend. Entschuldigen Sie, wenn mein Brief so lang geworden ist — wes das Herz voll ist, des geht die Schreibmaschine über. Aber ich dachte, es würde Sie rnteressieren, zu erfahren, was ein Nichtjude, den Sie vor Jahren nachdenklich gestimmt haben, über die von Ihnen herausgegebene Zeitschrift denkt. Daß ich meine Kreise auf den „Morgen" aufmerksam mache, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Ich nehme an, daß Ihre Glaubensgenossen eifrig bemüht sind um die Verbreitung eines Organs, das auch dazu angetan ist, in christlichen Kreisen Vorurteile zu zerstreuen und Jrrtümer auf- Zuhellen. Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ergebener dl. N„ Fabrikdirektor. Nachwort der Schriftleitung: Wenn wir den vorstehenden Brief an besonderer Stelle unserer Zeitung wiedergegeben haben, so deshalb, weil er uns die Einstellung eines gebildeten, deutschen Christen uns gegenüber nach verschiedenen Seiten eindringlich 31t beleuchten scheint. Es handelt sich bei dem Briefschreiber um einen angesehenen christlichen Fabrikanten, der den Rechtsparteien nahesteht. Die geschäftlichen Verbindungen mit jüdischen Geschäftsleuten, die er seit langem Pflegt, bedingen keineswegs irgendeine besondere Kenntnis von Juden und Judentum, und anerzogene Vorurteile, einseitige Lektüre und falsch gedeutete Auslegung von Erscheinungen der Nachkriegsjahre ließen dem Briesschreiber die Juden in einem keineswegs günstigen Lichte erscheinen. Er erhält eines Tages die Einladung des C. V. zu einer Versammlung, die in dem Geiste und in der Würde verläuft, die wir bei unserem Freunde Professor Goldstern kennen. Und nun vollzieht sich eine allmähliche Wandlung. Der Briesschreiber greift nach guten Büchern über die Inden. Er bekommt den „Morgen" und liest ihn mit immer größeren! Interesse. Und zwei Fragen besonders gibt es für ihn: „Wie steht das Judentum zum Deutschtum?" und „Welche Art Religiosität enthält es heute noch?" Das sind also die einen gebildeten christlichen Deutschen bewegenden Fragen, und im Zusammenhang mit der ersten Frage steht die neue: „W i e steht ihr deutschen Juden denn nun, falls ihr Deutsche sein wolltzum Nationaljudentum, dessen sichtbarer Ausdruck im Augenblick das Palästina nationaljüdischer Prägung ist?" Wir können aus diesen Eindrücken manches lernen. Nicht, daß wir vermeinten, einen großen Sieg errungen zu haben, weil wir einen gebildeten Mitbürger zu einem besseren Verständnis des Judentums brachten, aber wir sehen anderseits, wie unermüdliche, hingebungsvolle Arbeit auch ihren Lohn findet, und wie in ganz anderem Maßstabe noch als bisher, mit Hilfe unserer Freunde, unsere Ausklärungsversammlungen, die für das christliche Publikum stattfinden, unsere Philo-Schristen, die „Monatsausgabe der „C. V.- Zeitung" und nicht zuletzt der „Morgen" verbreitet werden müssen. Es gibt viele Zehntausende der wahren Aufklärung zugänglicher Christen, um die wir uns noch mehr als bisher zu kümmern haben. „Nicht Diener irgenöeiner Partei." Vom Kasseler Richtertag. Der Preußische N i ch t e r t a q hat soeben in Kassel in einer Entschließung, deren Worte klar und deutlich gesetzt sind, festgestellt, daß deutsche Richter „nicht Diener irgendeiner Partei" sein dürfen. Ein begrüßenswertes Wort. Daß Richter bewußt einer Partei oder einer Weltanschauung in ihrem hohen Amte dienen, wird kein Gerechter glauben. Aber -das Brausen und Tobender Nachkriegsjahre lockerte den Damm zwischen dem Richter als Richter und dem Richter als Politiker. Die Befriedung der deutschen Lande, leidenschaftslose Aufklärung durch alle Beteiligten, werden den Damm festigen. Was uns an geht, das ist schon mehrmals in diesen Blättern ausgesprochen worden. Die einseitige Einstellung zum Judentum, die viele Richter aus ihren Stubentenjahren und aus einer völkisch eingestellten Presse und Lektüre mitbringen, führt oftmals unmerklich zu einer bedenklichen Einseitigkeit in der Behandlung jüdischer Fälle vor Gericht. Ausgiebige Aufklärung in Wort und Schrift seitens des C. V. über Juden und Judentum ist das beste Mitttzl, gewiß nicht absichtlich herbeigeführten betrüblichen Vorgängen im Gerichtssaal allmählich ein Ende zu bereiten. Wir üben diese Aufklärungsarbeit um so freudiger, als wir uns bewußt sind, damit am Frieden im Innern, d. h> am Wohle des Vaterlandes, eindringlich zu arbeiten. DÖAV. Das Ausschlutzverfahrerr. Eine auf medizinischem Gebiete hochangesehene Persönlichkeit, die zu den von der Berliner Ortsgruppe desDeutsch- Oesterreichischen Alpen Vereins Ausgeschlossenen gehört, schreibt uns: „Es ist bekannt und in diesem Blatte wiederholt erörtert worden, daß konfessionelle Gegensätze auch den großen Deutsch- Oesterreichischen Alpenverein nicht verschont haben und Auseinandersetzungen veranlaßten, die zu einem Ausscheiden einer größeren Anzahl Mitglieder geführt haben. Zuerst machten sich diese Gegensätze in Wien geltend; aus der Sektion Austria schied eine große Anzahl jüdischer Mitglieder aus, gründete eine neue Sektion D 0 n a u l a n d , und nach mehrjährigem Kampfe wurde die Sektion Donauland schließlich im vorigen Jahre aus dem DÖAV mit erheblicher Majorität ausgeschlossen, zum großen Teil auf Betreiben österreichischer Sektionen, lieber die Frage, ob der Ausschluß Donaulands berechtigt war oder nicht, entstand auch in der Sektion Berlin ein heftiger Kampf. In Berlin bestehen seit vielen Jahren drei Sektionen nebeneinander; die Sektion Berlin, Mark Brandenburg und H oh e nz olle r n. Die letzteren beiden dürften jüdische Mitglieder überhaupt kaum zählen, während die Sektion Berlin unter ihren 3000 Mitgliedern etwa 25 v. H. jüdische Herren zählt. In diesem hohen Prozentsatz jüdischer Mitglieder wurde seitens einzelner Vorstandsmitglieder eine gewisse Gefahr erblickt, und es fiel wiederholt das Wort: „Der Sektion Berlin könnte es einmal so gehen wie der Sektion Donauland." Das Betreiben eines großen Kreises innerhalb der Sektion ging deswegen dahin, den Zuzug jüdischer Mitglieder einzudämmen, und über diese Frage kam es zu weiteren Meinungsverschiedenheiten. Der ausgehäufte Zündstoff führte dazu, daß eine Anzahl Mitglieder einen neuen Verein (Deutscher Alpenverein Berlin e. VJ. gründeten, dem sowohl j ü d i sche wie christliche Mitglieder beitraten. So entstand eine Doppelmitglieds ch a f t. Eine Anzahl Mitglieder gehörte beiden Vereinen an, nutz die Generalversammlung der Sektion Berlin beschloß, diese Doppelmitglieder aufzufordern, sich entweder für den einen oder anderen Verein zu entscheiden. Diesem Verlangen leisteten eine Anzahl Herren, darunter drei bekannte Berliner Aerzte, die zum Teil über dreißig Jahre dem DÖAV angehörten, nicht Folge. Daraufhin wurden sie jetzt in einer Sitzung am 8. Oktober ihrer Mitgliedschaft v e r l u st i g erklärt. Zu den Ausgeschlossenen gehören Herr Max Schlesinger, ein Mann von 76 Jahren, der seit ungefähr 45 Jahren dem Alpenverein an gehört und auf besondere alpine Verdienste Hinweisen kann, andere Herren mit ebenfalls guter alpiner Vergangenheit, denen auch das Aufblühen der Akademischen Sektion zu verdanken ist, und auch christIi ch e Herren, die rein aus idealen Gründen für die jüdischen Mitglieder e i n g e t r e t e n waren. Man sollte es nicht für möglich halten, daß unter gebildeten Leuten, die sich als Naturfreunde Zusammentun, die die Alpen genießen und die Alpen erschließen wollen, auch die Frage „Hie Jud, hie Christ" eine Vereinigung sprengen kann, die jahrzehntelang zusammenhielt; daß ein junger Mensch vor einer Versammlung von mehreren Hundert laut rufen kann: „Die Herren gehören vor die Tür!" „Auf den Bergen ist Freiheit! Der Hauch der Grüfte steigt nicht hinauf in die freien Lüfte. Die Welt ist vollkommen überall, wo . . * Es ist übrigens bemerkenswert, wie die völkische Presse die jüngsten Vorgänge in der Berliner Ortsgruppe des DÖAV beurteilt. Während der Vorstand des Berliner Alpenvereins den Ausschluß nur aus Gründen der „Bereinsdisziplin" erklärt, schreibt die „Deutsche Zeitung" (Nr. 278b vom 9. Oktober) von „völkischen Grundsätzen, die im Verein Platz griffen", unter der Ueberschrift: „Der völkische Gedanke im „Deutsch-Oesterreichischen Alpenverein". Das „Deutsche Tageblatt" (Nr. 238 vom 10. Oktober), Mulles Organ, beginnt seinen Bericht mit den Worten: „Bekanntlich steht die Berliner Sektion des Deutsch-Oesterreichischen Alpenvereins auf judengegnei rischem Boden."

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