Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 41 (8.10.1926)
- Date
- 1926-10-08
- Page
- Seite 539 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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539 Vom w&mmx IV. Wer jedoch konnte besser Zum Prügelknaben genommen werden-, als der Jude, der es schon jahrhundertelang bei ähnlichen Anlässen gewesen war. Die Organisation' des Antisemitismus ging von den norddeutschen Elementen in München aus, natürlich ohne sich aus sie nur Zu beschränken. Daß aller Großgrundbesitz und fast die gesamte Industrie, Kohle, Eisen, Bergwerke, ein Hauptteil der Banken, gegen die alle sich die Verstaatlichungspläne richteten, nicht in jüdischen Händen war, wußte man; aber man wußte auch, daß eigentlich der Haß und die Schmähsucht nur ein Objekt suchen, und, wenn man sie von ihrem ersten Ziel ablenkt, auch mit einem anderen vorliebnehmen, gegen das sie sich mit der gleichen Leidenschaft wenden. Das ist uralte Staatsraifon. Schon 1800 schreibt der österreichische Graf P argen: „Es genügt nicht, nur ans die Handlungen der Menschen ununterbrochen wachsam zu sein, sondern es ist auch nötig, auf deren Denkungsart Einfluß zu nehmen und die Gemüter so git stimmen, wie es nach den Zeitumstünden das Staatsinneresse erfordcrt." Und nicht das Staatsinteresse, wohl aber die ehedem herrschenden Kreise erforderten in diesem Augenblick die Ablenkung des Volksunwillens von sich auf die Juden, das heißt Antisemitismus. Wie spontan diese Propaganda einsetzte und von tausend Punkten bis ins kleinste Nest durchgeführt wurde, das konnte ich in einem Falle feststellen. Als ich wenige Wochen später wieder nach Norden fuhr, blieb ich im gleichen Gasthof eines kleinen Städtchens, das ich schon auf der Hinfahrt berührt hatte. Eigentlich hatte sich nichts geändert, nur ein verschwiegener Ort des Hauses, der vordem in Gegenrede ineinander klingend, ja singend übergehen. Tänze werden Ausdruck, ekstatischer Ausdruck innerer Vorgänge. Das Bühnenbild, leuchtend und düster und blaßhell, lebt und schließt das Ganze Zu einer Einheit. Das Licht wird raffiniertes Hilfsmittel. Noch die kleinste Nolle wird von einem Meister dargestellt. Alles ordnet sich dem Gelingen unter, niemand drängt sich hervor. Juden geben ein Muster der Disziplin. Ein unbeirrbarer Ernst versteht heikel Theatralisches in Schlichtheit umzubiegen; so erschüttert die Geisterbeschwörung und macht ans einer blasierten Grvßstadthörerschast Gläubige. Und weil wir allen für dieses unmittelbare Erlebnis danken müssen, soll nur der Name dessen hier stehen, der die Vorstellung in Zwei Jahren angestrengtester, sicherlich aber auch beglückendster Arbeit vorbereitete und bald nach der Premiere starb: Eugen Wach- Lang o w hat in der „Habima", die in Wahrheit eine Kanzel ist, ein bleibendes, ihn immer ehrendes Mal sich selbst errichtet. LangcmhalLender Beifall dankte für einen unvergeßlichen Abend. Heinz Stroh. unberührtem Weiß dahingeträumt hatte, war über und über plötzlich mit Mauerinschriften bedeckt, die sich in unflätigen Beschimpfungen und Aufforderungen Zu Pogromen ergingen. Es schien, wenigstens nach den Mauerinschristen zu schließen, an dieser Stelle eine ganze Reihe antisemitischer Volksversammlungen abgehalten worden zu sein. Nun wollen wir einmal den deutschen Juden vor und zu Ende des Krieges etwas näher uns ansehen. Wie war in diesem Augenblick seine Lage? Der Krieg hatte ihn nicht reich gemacht, wie die Agrarier und Industriellen!, für die der Krieg noch zehn Jahre hätte währen können. Im Gegenteil, die kaufmännische Judenschaft war materiell stark erschüttert, die intellektuelle Judenschaft war durchweg verarmt, die Häuser besitzenden Inden standen ohne jeden Zins da und die Vermögen besitzenden Inden waren durch Kriegsanleihen, überhaupt durch Aktienbesitz, um ihr Vermögen völlig betrogen; die kleinbürgerlichen Juden hatten ihren Anteil am allgemeinen Elend, lebten so gut und so schlecht wie die anderen auch. Wer aber waren diese Juden, diese Objekte des Antisemitismus? Soweit Deutschland kein Kolonialland war, d. h. südlich von der Mainlinie und den breiten Zug den ganzen Rhein hinauf, auch wohl in einem Teile der Hansestädte, waren die jüdischen Gemeinden ebenso lange wie die Bevölkerung dort und hatten sich vor allem in den kleineren Landstädten in der, Sprache wie in den Typen der Bevölkerung, mit der sie durch Jahrtausende zusammenlebten und von der sie einen Teil darstellten, völlig angeühnelt, ja sie hatten sogar vielfach (siehe Hellpach, „Volkskunde") den gleichen S ch ä d e l i n d e x wie ihre germanischen oder allemanuischen Hausnachbarn angenommen. Der Dialekt — nach Goethe das, in dem die Seele ihren Atem schöpft — wurde von ihnen bevorzugt, und sie unterschieden, sich rächt inehr von ihrer Umgebung wie der evangelische Teil der Bevölkerung vom katholischen. Das heißt einfach, durch die Ausübung ihrer Religion, die sich einer toten Sprache, statt des Lateinischen des Hebräischem bediente, und auch hier lernten sie nur gerade so viel, um im Notfall ihre Gebete zu verstehen. Meist aber waren sie zufrieden, Hebräisch glatt lesen zu können, und hielten sich auch für das volle Verständnis hierzu an den deutschen Text. Sie ahnten mehr den Inhalt, als daß sie ihn wörtlich sich zerlegen konnten. Trotzdem haben natürlich diese Dinge, wie alle religiösen Dinge, wenn sie von früh an gepflegt werden, eine außerordentliche Einprägsamkeit, und ment behält sie, auch ohne einen genauen Sinn mit ihnen zu verbinden, selbst wenn sie aufgehört haben, im Leben eine Rolle Zu spielen, über Jahrzehnte hinaus. Aber jenseits davon bestand wirklich kaum ein Unterschied, eine ernstliche Trennung von ihrer christlichen Umgebung ergab sich, Heinrich iVlack Nacht«. Ulm 8- D. Lucfc W1* •SK»«* ff* Alleinige Anzeigen-Annahme Rudolf Messe, Anzeigen-Annahme für sämtl. Zeitungen Deutschlands und. des Auslands Berlin SW 19, Jerusalemer Strafe 46—49- Breslau . Chemnitz .Dresden . Düsseldorf. Erfurt Frankfurt a. M.» Halle (Saale» * Hau:bürg ♦ Hannover * Karlsruhe Köln a.M.. Leivzig Magdeburg « Mannheim . München . Nürnberg « Stettin Stuttgart . Amsterdam - Barcelona - Basel. Budapest . Bukarest > London. Mailand .Prag . Warschau. Wien . Zürich. 7 heater-karfen-Verkauf für Theater und Varietes RMAMM TI ETZ LEIPZIGER STRASSE / ALEXANDERPLATZ / FRANKFURTER ALLEE KURFURSTENDAMM 23 ^^-.+/1.+/4++/+/7++.+/+/+/+28^+9B 3397714674517642872050002920048098132045892104157298956287875245218