Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1926-10-08 · 41 (8.10.1926) · p. Seite 538

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
41 (8.10.1926)
Date
1926-10-08
Page
Seite 538 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277622-2277663--03210-2283701
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

53$ lohnt sich nicht die Widerlegung im einzelnen. Immer wieder sehen wir die in Vonüngenommenheit besungenen Gedankengünge eines weltfremden Gelehrten, dessen Blick nicht über seine Studierstube hinausgeht. Charakteristisch ist, was er über das Wesen der jüdischen Religion und Religiosität ausführt. Der jüdische Gottesdienst erscheint ihm sinnlos (Seite 16): „Seine Geistlichen beten jahraus, jahrein automatisch dieselben Gebete . . Deshalb fällt es ihm auch nicht schwer, mtf die Frage: „. . . Soll er (der Jude) seinen Glauben, seine religiöse lleberlieserung, seine göttliche Sendung vergessen?" in Sperrdruck zu antworten: „Ja, denn es ist Zeit zu sterben!" (Seite 69.) Berg kennt offenbar weder die jüdische Religion, noch auch nur den jüdischen Gottesdienst. Und ebensowenig wie die religiöse Bedeutung versteht Berg die historischen Zusammenhänge zu deuten, durch die das Judentum zu seiner heutigen Gestalt kam, ebensowenig auch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Erscheinungen der Umwelt, die es umgibt. Die wirtschaftliche Machtstellung der Inden, die mit einer geradezu kindlich zu nennenden Leichtfertigkeit übertrieben wird, erklärt er aus der zügellosen Geldgier und ans dem Bestreben, „sich die mehr geruhsame Natur der Deutschen und anderer Völker zunutze zu machen" (Seite 21). Er sieht nicht, daß hier Gegensätzlichkeiten behauptet werden, die mit mindestens der gleichen Berechtigung für nord- und süddeutsche Volksgenossen nachgewiesen werden könnten, ja, die in Uebereinstimmung mit -der geographischen Lage sogar Zwischen deutschen Juden in einem Maße vorhanden sind, das die Fiktion eines einheitlichen jüdischen Temperamentes in das Bereich der Phantasie zurückweist. Fast noch schlimmer wird die Beweisführung, wo von der politischen Ueberzengnng der deutschen Inden gesprochen wird. Zwar wird an einer Stelle mit schöner Einfachheit behauptet: „Der jüdische Bourgeois ist säst immer demokratisch und pazifistisch, weil er glaubt, in einer Demokratie am besten leben zu können." (Seite 35.) In anderem Zusanrmenhang jedoch wird erklärt, daß sich die Inden „mit den Besitzenden gegen die Unbesitzenden und mit den Unbesihenden gegen die Besitzenden verbinden" (Seite 21). Die Einbildungskraft, die hier eine Art von politischer Strategie annimmt, die in der Verschiedenheit der Wege die Leitung durch einen einheitlichen Willen erkennen läßt, rückt diese Aeußerung nahezu in bedenkliche geistige Nachbarschast mit den „Weisen von Zion". Wir müssen uns an diesen wenigen Bespielen genügen lassen. Sie deuten die Wege an, die Berg zur Erkenntnis weist, und die, wie bereits erwähnt, in der Forderung völligen Aufgchens der Juden im deutschen Volke gipfeln. Einzelheiten über, die Art, in der dieses Aufgehen erfolgen soll, werden nicht allzu deutlich gemacht. Die Taufe wird (Seite 16) ziemlich unklar empfohlen, die Mischehe laut angepriesen (Seite 29 a. a. £).). Aber auch sie ist nicht etwa bedingungslos anznwenden, sondern sie bedarf wohlweislicher Rationierung, da das „überreife und überlebte jüdische Blut" dem deutschen Volke nur gewissermaßen in homöopathischen Dosen infiltriert werden darf. Ob das deutsche Volk nach der Lektüre der Bergschen Schrift zu der als notwendig bezeichueten Vermischung überhaupt noch Lust verspüren wird, erscheint uns außerordentlich zweifelhaft. Logischernoeise müßte es voller Schrecken über die jüdische Mißgestalt, die ihm vor Allgen geführt worden ist, seine Abwehr gegen das Eindringen jüdischen Blutes mit allem Nachdruck verstärken. Wie Herr Berg sich mit dieser, sich jedem unvoreingenommenen Leser ausdrängeuden Schlußfolgerung abfinden will, wissen wir nicht. Wir sind aber in der glücklichen Lage, die Sorge darüber denjenigen seiner Leser überlassen zu dürfen, die. ihm durch kreuz und quer bis zu diesem Punkte die Gefolgschaft noch nicht versagt haben. Wir haben Vertrauen genug zum gesunden Menschenverstand des deutschen Volkes, um anzunehmen, daß das nicht viele sein werden. Selbst die Suche nach nellen Wahrheiten und die durch eine beispiellose geistige Unsicherheit gesteigerte Begehr uchkeit nach nellen Zielen, wird Herrn Berg kaum zu unverdienter Wirkung verhelfen. Er ist kein Prophet, nicht einmal ein falscher. Zn tiefer Irrtum hält ihn in uen Regionen des Mzumenschlichen gefangen. Zur Ausstellung seiner Kindcrfürforgenbierluug hatte die American Joint BisLribution Committee am 29. lseptemebr in die Ausstellungshallen am Zoo zur Besichtigung geladen. Nach einleitenden Worten des Ausstellungsleiters, Herrn Sr. S ch w e i z e r, beleuchtete Herr Tr. Senator die umfangreiche Hilfstätigkeit des Joint, der bemüht ist, den 5k r i e g s w a i s e n in a l Ic n Ländern eine Produktive Ausbildung zu verschaffen. Ten besten Beweis für die Arbeit des Joint aber bildete die Ausstellung selbst, die, mit großem Geschick zusammengestellt, eine erstaunliche Vielseitigkeit der Arbeiten zeigte. Es ist hier unmöglich, alle Gegenstände, von den kleinsten Vijo-uterieartikeln bis zu den kompliziertesten mechanischen Handwerkzengen, aufzuzählen, die in übersichtlicher und wirksamer Einordnung ausgestellt waren. Erwähnt seien die Stickereien, Teppiche, Konfektion und Wäscheabteilung, vor allem aber die religiös-kulturellen Ausstellungsräume, die durch ihre vollendete Kunstfertigkeit allgemeine Bewunderung fanden. Ergänzt wurde die Ausstellung durch reiches statistisches Material, das einen Gesamtüberblick über die Arbeit des Joint auf dem Gebiete der Kinderfürsorge bot. tzugo preuß als Gelehrter. Zu seinem Tovestage (9. Oktober). Jin Verlage I. C. B. Mohr, Tübingen, ist soeben unter der Ileberschrift „Staat, McchL und Freiheit" eine Sammlung von Reden und Aussätzen des verstorbenen Reichsministers Preuß erschienen. Ans dem Geleitwort, das Theodor Hcutz diesem Werk voranschickt, entnehmen wir mit freundlicher Genehmigung des Verlages folgenden Absatz: Würde ihn nicht der Gang der Geschichte auf die Bühne des großen Handelns gerissen haben, so würde der Name Hugo Preuß eine ehrenvolle Auszeichnung in der Geschichte der Verwaltungs- Wissenschaft und ein Vermerk m der Berliner Lokalhistorie geblieben sein. Denn politische Publizistik, so großen Akzent sie besitzen mag, sinkt mit den Jahren ihrer Zielsetzung hinweg; was Geschichte wirken wollte mit Rat und Anregung, muß es erleben, irgend einmal von der sammelnden Forschung als Beitrag sür die „Stimmung" einer Epoche gewertet und in Fußnoten zitiert zu werden. Der große und weiter wirkende Anteil an der vaterländischen Geschichte, zu dem ihn das Schicksal berief, hat seine denn Tage zngewandte Schriftstellertätigkeit vor solchem Los bewahrt; sie mutzte jetzt zu einem Beitrag für das geistige Wesen eines kämpfenden und umkämpsten Staatsmannes werden. Uns Null aber scheinen, daß durch den Szenenwechsel in seinem Leben, da ein scharfes Licht auf den Alaun des Parlaments, den Mitarbeiter des Revolutionskabinetts, siel, jene stille Stube durcharbeiteter Nächte fast allzusehr in ein Halbdunkel gerückt ist. Der Name des Mannes, der für die republikanische Verfassung die grundlegenden Vorarbeiten gemacht und mit zähem Eifer für ihren Abschluß wirkte, trat in das Bewußtsein von Millionen, Liebe und Hatz der Ungezählten sprachen ihn aus — wäre dies Jn-den-Bordergrund-treten-Müssen nicht mit einer die Seele des Patrioten erdrückenden Not des Vaterlandes zusammengefallen, so konnte nichts eine schönere Erfüllung des Wunsches nach männlichem Wirken sein. Aber daneben gab es und gibt es noch den anderen Preuß, den die Millionen nicht kennen und nie kennen werden, von dein aber ein paar Tausend doch etwas wissen sollten. Zumal jene, die ihren literarischen Witz an der politischen Arbeit von Hugo Preuß üben. Es kann nicht die Aufgabe dieser Einführung sein, die sachlvisseuschastlichen Arbeiten von Preuß im einzelnen auszuzählen und ihre Bedeutung für die Forschung und für die Entfaltung seines eigenen Wesens zu charakterisieren. In ein paar stattlichen Bünden, da juristische Kasuistik mit konkreter Geschichtlichkeit sich durchdringt, in zahlreichen Aufsätzen der wissenschaftlichen Jahrbücher und Monatshefte sind sie aufgerecht. 'Dazwischen nun aber jenes Werk, das in gewissem Sinne die Summa bildet: „Die Entwicklung des deutschen Stüdteweftns" (1908). Es sieht so aus, als ob auch dies Werk Torso geblieben wäre wie der großangelegte Kommentar zur Reichsversassung, von dem ihn der 'Tod wegritz. Denn das Buch trügt den Vermerk: „Erster Band. Entwicklungsgeschichte der deutschen Städteverfassung"; das Vorwort verspricht eine Fortsetzung, in der die „Entwicklung der städtischen Kommunalverwaltung und Kommunalpolitik auf den wichtigsten Gebieten ihrer Funktionen" dargestellt werden sollte. Dieser Teil ist nicht geschrieben worden; das ist gewiß bedauerlich, aber man glaubt Preuß zu verstehen, daß er ein wenig Zögerte, in neuem Anlauf eme so unübersichtlich zerstreute Materie Zusammenzuzwingen, ohne daß über der Sammelarbeit die-Freude an ihrer Gestaltung verloren gehe. „Dpbuk" auf Asdrmsth. Theater am Nollendorfplatz in Berlin. Nach der jiddischen und deutschen Vorstellung, die ernüchtert und theatralisch wirkte, kommen die Künstler des Moskauer -Künstle r i | d] e n Theaters „Habt m a" nach Berlin. Junge russische Inden spielen Theater in jener heiligen Sprache, die für alle Zeilen geweiht ist und die zu sprechen ttnr uns nur bei feierlichen Ereignissen und in nicht gewöhnlicher Stimmung vorstellen können. Um es gleich zu sagen: Der Abend wurde Ereignis, Spiel wurde zum Gottesdienst, und die Zuschauer vergaßen den Alltag und wurden in einen Feiertag emporgehoben. Es waren nicht der Reiz des Fremdartigen, nacht die Neugier und nicht die außerordentliche Vorstellung, die bannten: es ging "von den Darstellern eine glühende Begeisterung aus. Das Theater versank; denn Schauspieler, gepackt und besessen von ihrer Mission, wurden Priester. Wir, die wir gerade das Hebräisch der Bibel lesen und kaum übersetzen können, wir, die wir kein Wort der Vorstellung begriffen, v-ew standen diese großartige, märchenhafte und dennoch ganz erdgebundene dramatische Legende vom Dybuk ganz. Unsere Äugen sahen und schwelgten in Bildern, unsere Ohren freuten sich am Klang und frohlockten ob der sehnsüchtigen, jubelnden, klagenden, fortreißenden Melodien, und unser. Herz. vernahm und hörte den Urklang alles menschlichen Seins; die Naivität und Gläubigkeit, die Hoffnung und den Schmerz, die große Intensität zu allem Leben. Diese Darsteller, von Innen her aus die Bühne getrieben, verzückte und östliche lebhafte Menschen, setzen jede Gemütsbewegung in körperliche Lebhaftigkeit um. Ihre Gesichter glühen und wirken biblisch. Herrlich, wie die Sprache musikalisch abgetönt ist, wie Rede und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.