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Central-Verein-Zeitung · 1926-10-08 · 41 (8.10.1926) · p. Seite 537

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
41 (8.10.1926)
Date
1926-10-08
Page
Seite 537 (sequence 5)
Language
German
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537 falle Proleten. Von Dr. Eva Jungmann. Die Zeiten, in denen an jeder Straßenecke ein Menschheitsapostel gebrauchsfertige Rezepte zur Lösung der sozialen Frage vertrieb, sind .vorbei. Die Wochen und Monate nach der Katastrophe des Kriegs" endes, als wildeste Verwirrung der einzelnen wie der Massen unklare Köpfe aus allen Lagern aus der Versenkung hervortrieb und ihnen Willen und Entschluß zu missionürer Wirksamkeit vorgaukelte, liegen hinter uns. Was übrig blieb von diesen Zeiten des Verfalls, ist die innere Richtungslosigkeit unserer Gegenwart, ein Vakuum, in dem noch heute jeder Versuch, es mit lebendigem Inhalt zu füllen, die Voraussetzungen seines Gelingens findet. Soweit geistiges Leben in unserem unter dem Primat der Wirtschaft erdrückten Zeitalter überhaupt noch ein Eigendasein führt, steht es unter dem Zeichen der Aufnahmefähigkeit und Suggestibilitüt in einem Maße, das als verhängnisvoll zu bezeichnen uns nur die Einsicht in die rein symptomatische Bedeutung dieser Erscheinung abhält. Es nimmt nicht wunder, daß diese Sachlage dem „Prophetismus" entgegenkommt. Menschen, die sich Schauer und Künder neuer Wahrheiten dünken, stehen zwar nicht mehr an Straßenecken in Gruppen sensationslüsterner Gasser. Aber heute wie damals halten sie die Zeit für reis, und nach wie vor blüht die Produktion von Weltverbesserungsvorschlägen. Wir Juden würden vielleicht mit minderem Recht behaupten, als ein ebenso selbständiger wie tief in der öffentlichen Wirksamkeit verwurzelter Faktor im deutschen Volksleben mitzuarbeiten, würden nicht auch wir dann und wann für wichtig genug erachtet werden, den Gegenstand einer derartigen Betrachtung abzugeben. Wir sind es gewöhnt, rnehr oder minder unzulängliche Bilder von uns zu sehen, die oft gutgläubig, viel öfter in bösartiger Verzerrung von unseren Gegnern gezeichnet wurden. Wir schenken ihnen nicht mehr Beachtung, als sie verdienen. Wenn wir zu einer kürzlich erschienenen Schrift von E r n st Berg „Wohin treibt Juda?" ausführlicher das Wort nehmen, so tun wir es, weil es sich hier um einen Sonderfall handelt. Diese Abhandlung über die kulturelle, soziale und gesellschaftliche Stellung der deutschen Juden, die sich in ihrer Beweisführung sowohl wie in ihren Schlußfolgerungen jeder einigermaßen ernsthaften antisemitischen Polemik würdig an die Seite stellt, stammt aus der Feder eines Mannes jüdischer Abstammung. Diese Tatsache macht sie für uns bedeutsam, sie zwingt uns zur Stellungnahme. Berg schildert in fünf Kapiteln Werden und Wirken des Judentums in Vergangenheit und Gegenwart. Er weist den Ausweg für die Zukunft, und für diesen Ausweg findet er die Parole: „Stirb Juda, daß du lebest!" Doch mit tiefer Berechtigung hören wir hier nur das „Stirb"; denn auf den 71 Seiten seiner Broschüre ist es dem Verfasser nicht gelungen, dieses Leben nach dem Tode, das er uns als einzigen Lohn für unseren durch eigenen Entschluß zu wählenden Freitod hinstellt, für uns glaubhaft oder auch nur wünschenswert erscheinen zu lassen. Womit aber haben wir das Ende verdient? Berg antwortet auf diese Frage mit einer Reihe von Einzelerörterungen, die den Anschein erwecken wollen, eine umfassende Erledigung des Problems zu geben. Was tatsächlich zustande kommt, ist eine Aneinanderreihung aphoristischer Bemerkungen, die allenfalls als Diskussionsgrundlage in einem Debattier-- klub ihren Zweck erfüllen würden, die als wissenschaftliche Bearbeitung anzusehen, uns jedoch die Achtung vor dem auf philosophischem Gebiete schon bekannten Namen des Verfassers verbietet. Die enge Begrenzung des benutzten Materials, die Unzulänglichkeit der angewandten Methoden, die nie durchbrochene Einseitigkeit der Betrachtungsweise — sie alle reizen zu einer eingehenden Widerlegung, aus der die ganze Wucht der Fehlschlüsse ohne weiteres erhellen müßte. Berg behauptet (auf Seite 12) den „Durchschnittsjuden" zu kennzeichnen, von dem er gleich eingangs erklärt, daß er „selten erfreulich" wirkt. Wenn man nun von diesem „Durchschnitt" auf die Beobachtungsobjekte zu schließen unternimmt, denen die einzelnen Züge abgelauscht wurden, so kommt einem ein tiefes Bedauern an, das jedoch weniger dem deutschen Judentum, als diesem bemitleidenswerten Schilderer seines verderblichen Einflusses gilt. Wir, die wir stolz darauf sind, neben der Einsicht in zahlreiche Fehler und Schwächen unserer Glaubensbrüder die Ueberzeugung zu besitzen, daß zahllose Männer und Frauen voll edelster Menschlichkeit aus unserer Gemeinschaft hervorgegangen sind, wir haben für einen Mann, der diese unsagbare Mischung aus kümmerlicher Ichsucht und gieriger Geschäftigkeit uns als „Durchschnittsjuden" aufzutischen wagt, im besten Falle ein Lächeln der Nachsicht. Wer nicht ein Destillat in der Enge des Studierzimmers aus einer willkürlichen Auswahl von Versuchsstosfen Zurechtzubrauen gewohnt ist, sondern C. D.-Tage in Bayern. Weitere Uunägebungen. Dienstag, äen 12. Oktober; Bamberg Neäner: Ltaatsrat a. D. Iustlzrat Dr. (lohn (Dessau) Vorsitzender des Landesverbandes Inhalt. Dr. Ludwig Hoiiänäer (Berlin), Direktor des C. v. Nürnberg Neäner: Iustlzrat Dr. Brodnitz (Berlin), 1. Vorsitzender des C. V. Iustlzrat Dr. G a 11 i n g e t (Nürnberg), Hauprvorstunäsnmglieä des C. Q). Nab bin er Dr. ©old mann (Leipzig), Vorsitzender des Landesverbandes Lachsen. Ärrhur Supann (Ehemnitz), Hauptvorstandomitglied des C. V. Würzburg ^Redner: Nabbiner Dr. B r a u n s ch w e i g e r (-Oppeln), Vorsitzender des Landesverbandes Oberschlesien. Nabbiner Dr. Jacob (Dortmund), Hauptvorstandsmitglied des C. Q). Artur Lchwert n e r, stellvertretender Syndikus. (VgL auch die Ankündigungen auf Seite 534.) wie berufenere Betrachter der deutsch-jüdischen Wirklichkeit die ganze Vielgestalt des Lebens in einen Brennspiegel einzufangen sich bestrebt, für den fällt die gesamte Beweisführung des Büchleins mit dieser gewaltsamen und unwirklichen Abstraktion des „Durchschnittsjuden" in sich zusammen. Um unseren Lesern die Möglichkeit zu geben, selbst zu urteilen, ob die nachfolgenden Sätze eine Gegenüberstellung mit von jedem einzelnen schon erlebten Tatsachen aushalten, lassen wir einige Sätze hier wörtlich folgen (Seite 19): „Der Durchschnittsjude kennt nur das „Geschäft", sein Streben ist aus Erwerb gerichtet, er will das Geld nicht, um sich des Lebens, sondern um sich des Geldes zu freuen. Dieses Volk kann sich nicht wehr natürlich geben, weil es kaum noch begreift, was unter Natur und natürlicher Lebensart zu verstehen ist. Seine Kinder sind ohne Jugend, seine Frauen ohne Natürlichkeit, seine Männer ohne Vertrauen. Einseitig, in immer gleichen Gedankengängen und Verrichtungen treibt das jüdische Leben dahin; gibt einmal ein Jude Farbe und Freude, so darf man mit hoher Wahrscheinlichkeit aus fremden Einfluß schließen." Mit der gleichen durch keinerlei Erkenntnis wahrer Zusammenhänge erschütterten Einseitigkeit werden die Urteile über andere angebliche Eharaktereigenschaften „des" Juden gefällt. Vom Mangel an Selbstkritik —, dem wir nur ganz kurz den Hinweis auf das in keiner anderen Gemeinschaft in ähnlicher Weise' ausweisbare Phänomen des „jüdischen Witzes" entgeaeuhalten möchten — bis zum krassen Materialismus und zur körperlichen Häßlichkeit bleibt uns kein Angriff mit den Waffen erspart, die der sich gleichfalls wissenschaftlich gebärdende Antisemitismus in mühseliger Arbeit zusammengetragen hat. Wir sagten oben: daß ein Jude so spricht, und sei es auch einer, der der jüdischen Gemeinschaft den Rücken gekehrt hat, macht uns aufhorchen. Lassen wir selbst den Gesichtspunkt ganz außer acht, daß die Judenfeinde über die Schrift hersallen werden, um sie als „Selbstbekenntnis" zu Zerpflücken und auszunutzen. Wir fürchten das nicht. Mag man uns die Sätze Vorhalten mit den Worten: „So spricht einer von euch! Endlich einer, der im eigenen Lager die Wahrheit kündet!" — wir brauchen das nicht zu schwer zu nehmen. Wir können mit Ruhe darauf Hinweisen, daß nicht erst Herr Ernst Berg zu kommen brauchte, um uns diese „Wahrheiten" vorzuhalten. Wir selbst sind viel zu sehr gewöhnt, an uns und unsere jüdische Umwelt mit höchsten Anforderungen heranzutreten, als daß wir nicht alles, was uns Herr Berg an wirklichen Mißständen vor Augen führt, längst schon selbst aufgedeckt und in unseren eigenen Reihen bekämpft hätten. Wir wissen uns von der Selbstverherrlichung, die uns angeblich eignet, zu weit entfernt, als daß wir offene Worte zu fürchten Anlaß hätten. Nachdrücklicher aber, als wenn es sich um eine judeufeindliche Leistung üblicher Herkunft handelte, ist unsere Kritik in diesem Falle, weil Berg, der aus Grund seiner Abstammung zu wissen vorgibi, in Wirklichkeit derjenigen Kenntnisse und Erfahrungen in verhängnisvollster Weise ermangelt, die ihn zur Bewältigung seiner Aufgabe berechtigt hätten. Er kennt weder die tatsächlichen Verhältnisse, noch sind ihm die hohen sittlichen Anforderungen bekannt, die unsere Lehre an uns stellt. Und zwar nicht bloß theoretisch, sondern in lebensvoller Arbeit muß jeder pflichtbewußte Jude sie erfüllen, Es

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