Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 40 (1.10.1926)
- Date
- 1926-10-01
- Page
- Seite 527 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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627 I wir die Gesellschaft nach dem Krieg wieder los oder soll sich das verewigen?! Manchen Besseren unter den christlichen Offizieren ging cs mit ihren jüdischen Kameraden ganz ähnlich wie dem Gnrdeleutnant im „Simplicissimus", der erzählt: „Denk dir, Prittwitz, wie ich neulich Eisenbahn fahre, sitzen da im Coupe ein paar Leutnants von der Linie . . . kommen ins Jespräch . . . un was soll ich dir sagen: janz nette Leute, wirklich und wahrhastig, janz v . nette. . . Leute!" i So ungefähr ist der erstaunte Tenor des B i n d i n g s ch e n Aufsatzes j im Sonderheft des „Juden" über „Antisemitismus": „Zwei jüdische i Offiziere im großen Krieg" gehalten. j In andern Ländern gibt es solche jüdischen Offiziere —Bayern l kannte im Gegensatz zu Preußen schon Längst den jüdischen I Reserveoffizier —, auch Berufsoffiziere, schon längst. Die sran- § zösische Armee hatte — irre ich nicht — sogar an zehn jüdische ( Generäle, und einer schrieb für einen Armeebefehl oder sagte j nur gewisse tief militärische und von echter Generalsgesinnung I strotzende Worte, als er erfuhr, daß seine Fliegeroffiziere den deut- | schen Fliegern bei deren Gefangennahme die Hand gegeben hätten,- j die ein noch so christlicher General auch nicht volkstümlicher und 8 militärischer, nicht mehr k. v„ nicht feuriger in der kriegerischen I Gesinnung hätte sagen können als der General Levy. Ich bin als | Jude trotzdem rncht stolz auf ihn. '■ Doch der Krieg brach zusammen, und die deutsche Armee brach zusammen, und es sah ans, als ob für den Offiziersstand, den Adel und den Großgrundbesitz üble Zeiten der Abrechnung anbrechen sollten, ähnlich wie in Rußland ein Jahr früher, und sie wußten recht genau, daß der Volkshaß sich gegen sie gewandt hatte. Ich sehe noch, wie in Berlin die Menge Offiziere umringt, ihnen, die todesbleich zittern, die Epauletten abreißt oder abschneidel; dann läßt man sie laufen. Aber immer haben sich erst Verständigere ins Mittel zu legen, „es ist nun genug Blut geflossen". (Jene dachten nachher nicht so.) In meinem Haus war eine Schreibstube für die zurückflutende Armee eingerichtet. Eine Kompagnie liegt länger dort. Verkauft alles, was verkäuflich ist: Pferde für orei Mark, Lederzeug, Wagen, Autos für zehn. 'Der Hauptmann scheint mir ein jovialer Mann. „Na," sage ich, „ihr habt wohl euren Hauptmann sehr gern." „Der", antwortet man mir verächtlich, „is en ganz schlimmer Hund gewesen. Vorgestern im Soldatenrat hat nur noch eene Stimme gefehlt, dann hätten wir'n kalt gemacht!". Einige Monate später bin ich in M ü n ch e n. Man ruft auf der Straße eine neue Zeitung aus. Gewiß wieder ein so heißsporniges Revolutionsblatt! Manchmal haben sie ganz amüsante Zeichnungen. Die Zeitungsblätter gehen ab wie warme Semmeln. Ich kaufe mir auch eins. Ich lese erst ein langes Feuilleton, in.dem wird nachgewiesen, daß sämtliche jüdischen Schriftsteller, Maler und Musiker nichts taugen — mag sein —, aber auch alle jüdischen Gelehrten Charlatane sind, ob das nun S i m m e l, B e r g s o n , E i n st e i n , Ehrlich, der Philosoph C a s s i r e r, W i l l stä t t e r , T r a u b e, Israel, der Mathematiker Königsberger und Dutzend andere seien, und daß man die wenigen jüdischen Hochschullehrer, die es sowieso gibt, von den Universitäten entfernen solle, da sie schon nach ihrer Abstammung ungeeignet wären, abgesehen von ihrer Unfähigkeit, reinrassigen deutschen Studenten die Wissenschaften zu vermitteln. „Donnerwetter," sage ich mir, „wer ist der Mann mit einer so umfassenden Bildung, daß er auf allen Gebieten der Kunst und des Wissens fo tief urteilsfähig ist?!" Ich lese eanä. phil. Braßler und erfahre, dieser Polyhistor ist ein junger Student der Kristallographie. Wo hat er nur die Zeit hergenommen, sage ich mir, sich neben -seinem Fachstudium solche wissenschaftliche Vielseitigkeit und zudem noch ein so tiefgründiges Kunsturteil anzueignen?! Immerhin sage ich mir: Es ist doch etwas erstaunlich, daß man es Zugibt, daß ein so junger Mann einen Teil der Volksgenossen beschimpft, denn viel mehr war es nicht, zu Zeiten, wo ein gemeinsames Unglück alle binden sollte. Aber zum Schluß trägt ja der Artikel so den Stempel der Lächerlichkeit auf der Sürn, daß ihn niemand ernst nehmen kann. Gewiß, ich kann zu beweisen suchen, der oder jener hat seinen Ruf zu Unrecht; aber ich kann doch unmöglich eine ganze Hekatombe jüdischer Gelehrter und Künstler, und zwar nur solche von bekanntesten Namen, auf zweihundertfünfzig Zeilen abschlachten. Und vor allem jetzt ist das doch ziemlich taktlos, da ungefähr die Hälfte aller jüdischen Familien im Lande noch Trauer um ihre für Deutschland gefallenen Söhne und Anverwandten trügt, die ja zum Schluß nicht nur, so dachte man ehedem, für deutsches Land und für -deutsche Volksbrüder, sondern auch für deutsche Kultur — durch über vier Jahre war dieses Wort ja zu Tode gehetzt worden — ihr Leben gelassen haben. Ich meine nicht, daß es unter den Deutschen Leute gibt, die solchen Dingen Glauben schenken können. Der Krieg und seine Psychosen haben einen zwar an manches gewöhnt, aber das scheint mir doch reichlich unwahrscheinlich, gemahnt an die überwundenen Lügen von 1914. Ich schlage das Blättchen um und lese ungefähr: Oberrabbiner von Beuthen in Oberfchlesten wegen Vergewaltigung von drei Schlächtersfrauen verhaftet. Gleich drei scheint übertrieben. Es ist doch gräßlich, denke ich mir, wie dieser Krieg selbst die Oberrabbiner verroht hat, so daß sie immer noch nicht die für den Frieden notwendigen Hemmungen einschalten können. Ich lese weiter: Jüdischer Warenhausbesitzer als Lebensmittelwucherer und — hieran erinnere ich mich wörtlich — „I in K e l l e r d e r Synagoge von B r e s - l a u w u t b e eine gehei m e S ch w e i n e s ch l ä ch t e r e i entdeckt. Auch davor scheut die ekelhafte Profitgier des Juden, der, um einen Taler zu verdienen, sogar feinen Tempel entweiht, nicht zurück." Die Sache wird ein Witzblatt sein, sage ich mir, in diesen traurigen Zeiten tut Heiterkeit not. Deswegen schlugen sich auch auf der Leopoldstraße die Leute so um die Zeitung. Aber aus dem Titel „V ö l k i f ch e r B eoba ch t e r" und seinem Untertitel geht das nicht hervor. Immerhin, es ist völlig unschädlich. Ich habe während des Krieges und in der Revolution genugsam mit Menschen aus allen deutschen Schichten Fühlung genommen, und ich denke nicht, daß es in Deutschland auch nur mehr tausend Menschen gibt, die solchem dick aufgetragenen Schwindel Glauben schenken, lind vor altern, da nran ihn schon in der nächsten Nununer nach § 11 des Pressegesetzes wird widerrufen müssen. Doch ich sollte bald bemerken, daß die Herausgeber viel besser mit der Psychologie der Deutschen und der Masse vertrant waren als ich. Aber — wer waren die Herausgeber? Und wie kornrnt dieser junge Student Braßler dazu, solche Zeitung zu edieren. Das ist weder der Beruf eines Mineralogen, nock) ist es ohne Geld zu nrachen. Da werden andere dahinter stehen, sogenannte Organisationen. Dann aber kam — ober war es etwa vordem schon gewesen —- die Erschießung der Geiseln im Luitpold-Gymnasium, oder wie wir die Sache benennen wollen. Niemand wird sie verteidigen, vor allem nicht jemand, der dem Staat oder der staatlichen Gewalt, welcher Art sie auch immer sei, überhaupt das Recht abspricht, einen Menschen vom Leben zum Tode zu bringeil, und der, solange er sich besinnen kann, für das Wort eingetreten ist, das K e r r jetzt Prägte: „Du sollst nicht töten, sagt der Denker Nicht nur dem Mörder, auch dem Henker." (Weitere Aufsätze folgen,) Der Iuüe auf der Huhne. Zu dem Aussatz: „Die Darstellung des Inden auf der Bühne" von dein Schauspieler Hermann L ö w e n st ein, der im letzten Winter am Ulmer Stadttheater tätig war, möchte ich in meiner Eigenschaft als Spielleiter noch einige Worte bemerken: Mit der Tradition, jede jüdische Rolle einseitig als schmierigen, nur mit den Händen redenden Sypus mit schwarzem Bart, Stirnlöckchen und Hakennase darzustellen, ist nach meinem Wissen und meinen Erfahrungen schon seit langen Jahren gebrochen worden. Es scheint sich hier noch um einen ganz vereinzelten Fall zu handeln. Ich habe schon vor sechs bis sieben Jahren an einem Provinztheater den Fabig in „Fuhrmann Henschel" gespielt, und zwar in dem Sinne, wie Herr L ö w e n st e i n es wollte, ohne ans Schwierigkeiten zu stoßen. Bei meiner Inszenierung von „llttcl Acosta" habe ich den Schauspielern strengstens untersagt, die üblichen Nasen zu kleben oder einen mauschelnden Ton zu gebrauchen, sondern ich ließ Menschen mit all ihren schlechten und guten Eigenschaften spielen, wie es der Dichter vorschreibt, nur an bestimmten stellen nmßte der jüdische Geist und das jüdische Herz durchkliugen. Und so wie ich, denken heute die meisten Regiekollegen, ob sie Christen oder Juden sind. Ich bin bei Theaterleuten nie auf Widerstünde gestoßen, wenn ich mit der traditionellen Darstellung des Juden kurzerhand brach, wohl aber beim Publikum, sogar oft bei jüdischen Zuschauern. Aber hier soll eben die erzieherische Arbeit des modernen Regisseurs einsetzen, der den jüdischen Sypus, wie es ja auch bei jedem anderen Spezialtypus geschieht, frei von jeder Tradition menschlich so darstellen läßt, wie es der Auffassung des Dichters entspricht. Nun noch einige Worte zu dem Problem, wieso der jüdische Schauspieler „den zu verkörpernden Juden in den seltensten Fällen als einen natürlichen Menschen wie sich selbst anzusehen vermag". Herr Löwen stein findet die Erklärung wiederum in der Tradition. Der Apotheker Rich. Branöt'S blutreinigende ScXiTDeiäevpilleti das gute alte Hausmittel für müde und sichere Regelung des Stuhlgangs. Extr. Sei. pal. 1,5 Extr. Achill, mosch. — Aloes. — Absynth. la 1,0. Extr. Trif. — Gent äa 0,5. Piilv. rad. Gent - Trif. q. 8. f. pH. 50. «KMO w ■ifi m üi «W mmimmmmmmmmsum Alleinige Anzeigen-Annahme Rudolf Mosse, Anzeigen-Annahme für sämtl. 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