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Central-Verein-Zeitung · 1926-10-01 · 40 (1.10.1926) · p. Seite 526

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
40 (1.10.1926)
Date
1926-10-01
Page
Seite 526 (sequence 6)
Language
German
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§2ö In Palästina lebte ein gesundes, sicher geistig regsames Bauern- Volk, das aus dem vorgeschrittenen Aegypten und aus den vorgeschrittenen Euphrat- und Tigrisländern geistige Anregungen erhielt. Das sind die realistischen Grundlagen der sür jene Zeiten besonders hohen religiösen Kultur des alten Jndertums, über die sich allein debattieren läßt. Dem religiösen W u n d e r sreilich wäre nichts unmöglich; allein mit ihm kann m enschliche Voraussicht nicht rechnen. Ich weis; wohl, daß ein so kluger und philosophisch gebildeter Geist wie G i n 8 b e r g nefocit Sir H erbert Samuel, dem erfahrenen Staatsmann, aus zukünftige hohe geistige und sittliche Kultnrentwicklung in Palästina rechnet. Ich sehe die Fundamente hierfür nicht. Ich sehe nicht die Grundlagen für eine starke wirtschaftliche Entwicklung in Palästina, die eine Voraussetzung für eine g e s n n d e geistige Blüte sein müßte. Eins ohne das andere ist in der Entwicklung der Welt kaum nachznweisen. Solche kulturellen Möglichkeiten sind gang dunkel; warum also über sie debattieren — trotz aller Bedenken, daß die „Tel- Awiw-Knltur" sich zu einer neuen Fackel sür Judentum und Men sch - heit sollte entwickeln können;. Freilich, auch die Zweifler würden es mit größter Freude begrüßen, wenn die Hoffnungen der anderen sich bewahrheiten sollten. Abwarten und — hoffen! Chamberlains „Kaffe und Persönlichkeit". Von Professor Julius Golvstein (Darmstadt). Houston Stuart Chamberlain hat eine Reihe seiner früheren Aufsätze, teilweise solche aus der Kriegszeit, neu hcransgegeben?) In diesen Blättern waltet jener Geist echten Hochmuts und falscher Bescheidenheit, der zur Tragödie Deutschlands geführt hat. Hier waltet ein Raffendünkel —■ die Engländer haben dafür das Wort racialism geprägt —, der alles Genteine und Häßliche fremden Völkern zuschreibt, alles Große und Schöne den Germanen. „Die Germanen im engeren deutschen Sinne sind die Gestalter der ganzen heutigen Welt" (also Napoleon, Cavour, Washington waren Germanen im engeren deutschen Sinne!). Aber Chamberlain engt den Begriff des Germanen noch weitere ein. Nur die Protestantischen Deutschen läßt er als eigentlich germanisch gelten. Von den Katholiken heißt es: „Denn kann auch ein guter Deutscher zu Rom sich bekennen — daß er es tut, ist an ihm ein Undeutsches, steht im Schatten eines fremden, allein Germanentum feindlichen Gedankens." Die Preußischen Könige sollen bewußte Rassenpolitik getrieben haben, als sie die fremdstämmigen Protestanten ins Land riefen: „Sie wußten nämlich das eine genau: wer ein Protestant ist, der ist uns reinen Germanen sicher verwandt, der gehört uns an, gleichviel, woher er kommt." Armes Bayern! Die Aussätze aus den Kriegsjahreu sind von glühendem Haß gegen England getragen, ein Haß, der sreilich im Munde eines geborenen Engländers peinlich wirkt* 2), der aber aus der Kriegspsychose vielleicht entschuldbar ist; nicht entschuldbar aber find die unglaublich törichten Argumente, die diesen Haß begründen sollen, und noch weniger entschuldbar ist es, diese Argumente heute wieder der Öffentlichkeit zu übergeben. Wenn England sich Kolonien schafft, so ist das „grundsätzlicher Raub". In einem anderen Aufsatz des gleichen Buches, „Die preußische Rasse", hat Chamberlain aber schon das obige Urteil vergessen und schreibt: „Preußen hat sich Territorien angeeignet, wie England Kolonien, weil es sie brauchte, und weil es gerade vermöge seines starken nationalen Charakters geeignet war, ein politischer Gestalter ersten Ranges zu werden." — Sind denn die Engländer keine politischen Gestalter ersten Ranges? — Wie kann man von den Engländern sagen, „es fehlt also jede sittliche Beziehung zwischen einzelnem und Gemeinwesen", weil die Engländer sich gegen die allgemeine Dienstpflicht jahrhundertelang gewehrt haben. Wie kann man wiederum schreiben, daß der Deutsche „der unhabgierigste Mensch auf Erden" sei — als ob die Erfahrungen der Inflationszeit gar nicht vorhanden wären? Freilich, de.r Aussatz ' .stammt aus dem Jahre 1917! Das mag zur Entschuldigung dienen, aber nicht dafür, daß Chamberlain solche Sätze unverändert heute wieder veröffentlicht, als wenn inzwischen nichts geschehen wäre. Freilich, sür ihn ist nichts geschehen. Und das ist das unsäglich Traurige an diesem Buche: ein Greis spricht zu uns, der nichts gelernt und nichts vergessen hat, ein Mann, der einst ein ganzes Geschlecht in den Bann seiner Ideen gezogen hat, Ideen, die als Schlagworte des Hasses und des Hochmuts in den Massen der Halbbildung (in- und außerhalb Deutschlands) offenkundiges Unheil noch heute anrichten. Ein Greis spricht zu uns, der das Wort Nasse immerfort weiterspricht, wähnend, damit der Zeiten Dunkel hellen zu können, ob er gleich dieses Dunkel über Deutschland und über Europa mit der Glorifizierung des Nassegedankens herbeizuführen geholfen hat. Ein Mann spricht zu uns, der fürchtet, „mit dem Wort Abendland soll der Rassengedanke untergraben werden", und der nicht begreifen kann, daß nur der lebendige Gedanke des Abendlandes die europäischen Völker von den durch seine eigenen Schriften mit entfesselten wölfischen Instinkten des Rassenhasses befreien kann. 1) „Rasse und Persönlichkeit."' Aufsätze von Houston Stuart Chamber l a i n. F. Bruckmann A.-V., München 1925. 2) Houston Stuart Chamberlain ist 1855 als Sohn eines englischen Admirals geboren und vermochte erst, nach eigener Angabe, im 33. Jahre den ersten Aufsatz ln deutscher Sprache zu veröffentlichen. D*m deutfcf|enju&tt mt6 leinen VON G EORG H ERMAN N in. Ich denke au die Kriegszeiten zurück. So wie man den Krieg nicht als eine Gegebenheit hinnahm und darüber nachzudenken begann, ja, so wie man versuchte, über die Unmöglichkeit dieses Beginnens mit andern zu sprechen, erkannte man plötzlich, daß man in einer unerhörten Vereinsamung lebte. Aber immerhin war sür alle das eine Gemeinsame eines unersinnbaren Elends. Und nian meinte, es müsse doch die Menschen und Volksgenossen fest znsammenschmieden, allen Hader und Haß der Menschen und der deutschen Vokksstämme untereinander vergessen machen. Das aber war nur eine t h e o r e t i s^ch e Erwäg n n g. In W a h r - heit sah man zu feinem tiefen Staunen, wie gerade dadurch auch innerhalb des Volkes sich die Gegensätze vertieften. Der Denunziant, der eigentlich verachtet bislang war, begann goldene Tage zu haben. Jeder Landstrich begann den andern zu hassen. Der Süden den Norden, der Osten den Westen. Und die Abneigllng des ganzen Reiches wandte sich zudem noch gegen Berlin, dessen Witz man trotzdem nicht entbehren konnte. Die uralte Fehde zwischen Stadt und Land, der Bauernkrieg, brach von neuem aus. Daß unter solchen Umständen auch der A n t i s e m i t i s m n s neu ansfla m m t e, war nicht zu verwundern. Aber wo kam eigentlich der Antisemitismus her?! Er ging vor allem vom Offizierkorps ans; und hier wohl mehr von der Etappe zuerst als von der Front. Der einfache Soldat, der neben dem Inden in einem Erdloch schlief, sah in ihm nur den Kameraden; aber der Offizier begann ihn zu hassen, — denn es ging nicht mehr an, die Juden vom Offizierstand sernzuhalten, meint sie sich dafür als geeignet erwiesen. Und außerdem war ein so ungeheurer Verbrauch an Frontoffiziereu. Eine so ungeheure Abnutzung an Offizieren war eingetreten, daß man sogar der Inden hierbei nicht entraten konnte, wenn man im Felde stets über eine genügende Anzahl von Offizieren verfügen wollte. Leute von einiger Auffassungsgabe und Schulbildung konnte uran aber nur dazu brauchen, und da der Jude sowieso meist der gebildeten Mittelschicht angehörte und ferner eine große Zahl von Akademikern stellte, so konnte mau eben seiner sür diese Stellen nicht ganz entraten. Außerdem ließen sie es nicht an körperlicher Tüchtigkeit und Persönlichem Mut fehlen. Auch schon deshalb vielleicht, weil ihnen das Odium vorausging, daß sie beides, körperliche Tüchtigkeit und persönlichen Mut, nicht besäßen. Und der gleiche Ossizierstand, der nunmehr all die zivilen Berufe als Lückenbüßer zu seiner Vervollkommnung heranzog, die er in Friedenszeiten tief verachtete und als nicht gesellschaftsfähig und unstandesgemäß mied, ja der sogar (sie!) ehemalige Fürsorgezöglinge versöhnlich in seine Reihen aufnahm, fühlte sich nun beleidigt und in seinen Ncberlieferungen in Frage gestellt, daß plötzlich auch Juden und Abkömmlinge von Juden mit ihnen zusammen in der Osfiziersmesse sitzen sollten, sich mit ihnen grüßen sollten, oder von ihnen gegrüßt werden, oder das geheiligte Recht haben sollten, einen Sturmangriff zu kommandieren, statt ihn, wie bisher, nur mitmachen zu dürfen. . . .Und zuerst ventilierten sie die Frage: Werden Abgesehen von denjenigen Aufsätzen, die als Nebenprodukte seiner größeren Arbeiten über Goethe und Wagner anzusehen sind, enthalten alle in „Rasse und Persönlichkeit" vereinigten Arbeiten ein ungebrochenes alldeutsches Glaubensbekenntnis. Es ist mir nirgends klarer geworden als hier, wieviel die alldeutsche Ideologie diesem englischen Admiralssohn verdankt — auch in Ansehung ihres Antisemitismus, dem übrigens Chamberlain hier nichts Neues hinzugefügt hat. Der letzte Aufsatz des Buches — das Vorwort zur vierzehnten Auslage der „Grundlagen des neunzehnten Iahr - hunderJs" — atmet einen infernalischen Haß gegen die gegenwärtige <Ltaatsform. Es gibt in diesem Aussatz auch ein verstümmeltes Zitat aus Platon, das vor einiger Zeit eine leichte politische Erregung hervorgerufen, hat. Ter ehemalige Kaiser hatte in das Goldene Buch der Stadt --Altenburg seiner Verachtung der Demokratie mit einem Worte Platons Ausdruck gegeben. Es stellte sich später heraus, daß Platon verstümmelt zitiert war. . Wir wissen jetzt den Grund: Wilhelm II. hatte dieses Wort nicht der Politeia Platons, sondern Chamberlains „Rasse und Persönlichkeit" entnommen. So lautet im weiteren Zusammenhang der Sah bei Chamberlain: Bei dem einzigen wirklich gebildeten Volk der Erde sollte der Gedanke an eine Demokratie überhaupt unmöglich sein. Schon vor 2400 Jahren urteilte der gescheiteste (sie) Mensch, der vielleicht jemals das Licht der Welt erblickte — Platon — über die Demokratie, sie zeichne sich unter allen Regierungssormen aus durch „ihre Unersättlichkeit im Reichtum und Vernachlässigung alles übrigen um des Geldmachens willen". Diese letzten, in Anführungszeichen gesetzten Worte, die ein Musterbeispiel der verfälschenden Zitierungskunst Chamberlains sind, hat sich der Kaiser zu eigen gemacht — als Dokument einer geistigen Verbundenheit, die alle Erschütterungen überdauert hat.

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