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Central-Verein-Zeitung · 1926-09-17 · 38 (17.9.1926) · p. Seite 501

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
38 (17.9.1926)
Date
1926-09-17
Page
Seite 501 (sequence 5)
Language
German
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Dev Monai -ev Lasmrsen Reichsverband -er deutschen Industrie / Völkische und Völkerbund / Reichstagung der Oeutfchvölkischen Freiheitsbewegung m Berlin / Tannenbergfeier in Königsberg / Bayreuther Tagung -es Alldeutschen Verbandes / Deutschnationaler Parteitag in Köln. Der Neichsverbanö der deutschen Industrie. Von Dr. Paul Nathan. Der Neichsverband der deutschen Industrie ist eine der machtvollsten Zusammenfassungen deutscher wirtschaftlicher Kräfte; es ist die Organisation der Jndnstriebarone und -fürsten unseres Vaterlandes, und ein Faktor von großer Bedeutung nicht nur für unser wirtschaftliches Leben, sondern zugleich für unsere Politik. Politik und Wirtschaft gehören im modernen Staat zueinander, wie die Dampfkraft zur Dampfmaschine. Nur die gutgebaute Dampfmaschine kann den Dampf nutzbar machen, und nur der Dampf kann die Maschine nutzbringend in Bewegung setzen. Seit nicht ganz einhundertundfünfzig Jahren hat sich das Auge der Menschheit dafür geschärft, welche außerordentliche Bedeutung der wirtschaftlichen Entwicklung und den Tendenzen der Wirtschaft für die kommenden politischen Gestaltungen innewohnt oder doch innewohnen kann; und diese Beobachtung hat dazu geführt, daß die materialistische Geschichtsauffassung nur noch — in Ueberschätzung dieser Kräfte — dem Schwergewicht nationalökonomischer Einwirkungen die allein entscheidende Umgestaltung staatlichen Lebens zuweist. Das ist nach meiner Ansicht eine Uebertreibung, in der aber ein starker Kern von Wahrheit enthalten ist. Ferdinand Lassalle hat einmal seinen Arbeitern auseinandergesetzt, daß es neben der geschriebenen Verfassung eine ungeschriebene Verfassung gibt, und diese ungeschriebene Verfassung sind die realen Machtfaktoren des wirtschaftlichen und politischen Lebens. Er führte zur Erläuterung an, daß die damals noch in Berlin in allervorderster Reihe stehende Maschinenfabrik von Borsig ein solches ungeschriebenes Stück Verfassung sei; daß das Wollen oder Nichtwollen dieser Tausende von Arbeitern den Staat gleich einer ungeschriebenen Verfassung bald zum Handeln, bald zum Unterlassen zwinge; daß diese wirtschaftliche Organisation, die im Handelsregister als Firma Borsig verzeichnet steht, zugleich ein politisches Gewicht von Erheblichkeit darstelle. Lassalle, der große Führer der Sozialdemokratie, betrachtete die reale Kräfteverteilung von der Arbeiterseite aus, und zwar vollständig zutreffend. Die Zukunft, das ist unsere Gegenwart, hat ihm durchaus Recht gegeben. Aber man kann natürlich auch von der Leite der Arbeitgeber aus die gleiche Betrachtung anstellen, und die Betrachtung bleibt dann ebenso zutreffend. Auch die mächtigen Organisationen der Arbeitgeber sind eine Macht, eine große Macht im Staate, und ihre Legitimation, bei wirtschaftlichen Fragen zu intervenieren, bestreitet niemand; und es ist schließlich eine Fiktion. Wirtschaftspolitik von politischer Politik trennen zu wollen. Wirtschaftliche Macht geht unmittelbar in politische Macht Über, und wer die politische Klinke der Gesetzgebung in der Hand hat, kann in jedem Augenblick die Tür öffnen, und wird sie fast immer öffnen, um sich und seinen Anhängern wirtschaftliche Vorteile zuzuschanzen. Die Agrarier, die sich durch Zölle zu bereichern suchen, sind, ohne daß die Betrachtung geändert zu werden brauchte, zugleich die reaktionären Konservativen, die die staatliche Entwicklung in den Obrigkeitsstaat zurückzuentwickeln suchen. Das sind Wechselwirkungen, die zur Zeit des ausgehenden Vismarckschen Regimes zu deutlichster Entfaltung gekommen sind. -Durch die Verbindung des „Junkertums mit den Schlotbaronen" hat seit fünfzig Jahren die deutsche Politik sehr wesentliche Charatterzüge erhalten; man kann sagen, die allerwesentlichsten Züge. Noch eine Machtgruppe mußte hinzntreten, um in unserer demokratischen Zeit jener Allianz von Großagrariertum und Großindustrie das politische Uebergewicht zu sichern. Durch ihren Reichtum und durch ihren sozialen Einfluß außerordentlich stark, fehlte diesen Gruppen im deutschen Staat doch die Masse; beim allgemeinen Wahlrecht spielt die Zahl eine entscheidende Rolle; auch Massen mußte man zu gewinnen suchen, und so attachierten sich die großen Herren vom Lande und aus den Industriezentren die Antisemiten; die sollten die Massen gewinnen. Wo Neid und Begehrlichkeit in den Tiefen der Bevölkerung vorhanden war, wo die Kot das klarere Denken erklärlicherweise mrdunkelte, da setzten die Antisewitenführer ein und suchten die Empörung dieser Elemente über die ungleiche Verteilung der Glücksg'iter dieser Erde abzu- L-enken von der Masse der Besitzenden und hinzulenken -auf die besitzenden Juden, deren Reichtum zu phantastischen Dimensionen emporgeschraubt wurde. Dumm war diese demagogische Strategie nicht; daß sie — wie mir scheint — christlich oder ethisch vertretbar gewesen wäre, kann man freilich nicht behaupten. Und nun stehen wir vielleicht vor einem Umschwung. Vielleicht? Hinter diese Möglichkeit muß man noch ein Fragezeichen setzen. Es kommt aber in der Politik darauf an, auch heraufdämmernde Möglichkeiten vorsichtig in Rechnung zu stellen. Es ist bekannt, daß politisch-reaktionäre Bestrebungen ausgeprägtesten Charakters starke finanzielle Unterstützung aus dem Lager der Schwer: ndu st r i e erhalten haben, und daß die Landsknechte der Reaktion, die Antisemiten, gleichfalls aus diesen Geldschrünken entsprechend bedacht worden sind. Wird dieser Gelbst r o m, der für d i e Antisemiten z u m wenigsten unentbehrlich w a r und der für die reaktionären K o n f e r v a t i v e u in indestens eine sehr begehrte Zubuße d a r st e ll t e, auch in Zukunft so fließen wie bisher? Das ist die Frage, die nach der Rede des Herrn Dr. Silverberg zu stellen ist; und die an dieser Stelle vor allem interessiert. Gehen auch ferner die Gelder der Schwerindustrie, die nicht leicht wiegen, in sehr erheblichem Umfang in die Kassen der Reaktionäre und der Antisemiten? Und wenn nicht, welche Wirkung ergibt sich hieraus? Die „New Departure“, die wohl durch die Rede des Herrn Dr. Silverberg inauguriert werden soll, wird sich in all ihren .Konsequenzen Zweifellos n i ch t lt n nt 111 c 1 b a x durchsetzen. Aber sie ist ein Anfang; sie ist das Eingeständnis, daß es klüger für die Schwerindustrie ist, mit Links zü paktieren, statt auf Rechts sich zu stützen. Diese klugen Regler glauben mit dem Reaktionswind nicht entsprechend in der Republik vorwärkskommen zu können; also versuchen sie es mit dem frischeren Winde von Links; das wäre für die konservativen Reaktionäre einsehr ernstes Ereignis und für das Portemonnaie der Antisemiten, das stets leer und stets weit geöffnet ist, wie die Schnäbel der Brut im Neste, die nach Futter piepst, eine — ausgewachsene Katastrophe. Sind wir so weit? Möglich; vielleicht? Und wenn nicht morgen, dann demnächst. Ter Weg, den Herr. Dr. S i l v e r b e r g gewiesen hat, wird jedenfalls einmal von der klugen, realistisch denkenden Großindustrie eingeschlagen werden müssen, und dann wird die konservativ-antisemitische Reaktion vor einem sehr ernsten Problem stehen, und der reine — sit venia verbo — Antisemitismus vor den: — finanziellen Nichts. völkische im» völkerbun». Zehnter September, erster Tischri und Kolnidre. Der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund, der von der Mehrheit des deutschen Volkes und seiner Presse freudig begrüßt worden ist/'hat die Völkischen in hellste Aufregung versetzt und ihre Presse und Versammlnngsreduer zu derart verstiegenen Aeußernngen und Mutmaßungen über den vermeintlichen Einfluß des Judentums dabei veranlaßt, daß diese unbedingt dem großen jüdischen und christlichen Leserkreise dieses Blattes mitgeteilt werden müssen. Der Landtagsabgeorduete Wul l e, einer der bekanntesten Führer der' beutfclTUötfifcfjen Freiheitsbewegung,^ hat sich in einer öffentlichen Versammlung in Berlin-Wilmersdorf am 10. September über „Genf und die Völkischen" ausgesprochen. Er begann seine Rede mrt den Worten, es sei eine „zarte Ausm e r k s a m k e i t" von S t r e s e m a n n gegen das internationale M u d e n t u m , daß er a u s g e r e ch n et a m j ü di scheu N e n j a h r s t a g e , dem v 1. Tischri unb 10. Septem b c r, den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund proklamiert habe. Es sei, so fährt Wulle fort, das neue Jahr „ein Erntejahr für die Juden, die Zeche bezahlen w i r". Seine Rede wimmelt von Angriffen auf das Judentum. Einen neuen, wirklich geistvollen Gedanken wird man in seinen Worten nicht entdecken. Pikant ist lediglich eine kleine Enthüllung Wulles: „Man wagte einstmals nicht," so sagte er, „den Grasen Westarp als Spitzenkandidaten au szn stellen. aus Furcht vor der Straße. Er wurde an zweiter Stelle ausgestellt, und man stellte mich an die Spitze m i t der Weisung, den Grasen Westarp .h e r a u s z u h a u e n. Ich habe es getan; denn Graf Westarp muß, weil er charakterfest ist, die Unterstützung jedes Völkischen haben. — Jetzt liegen die Dinge anders." Wulle las daraus die Kölner Rede des Grasen Westarp, in der er vom „b i n d e n d e n Völkerrecht" in bezug auf Genf gesprochen hatte, und sagte: „Kein Völkischer wird jemals diese Politik, geschaffen aus Lug und Verrat, anerkennen." Ans seinen Schlußausführungen ist der Satz bemerkenswert: „D i e d e n t s ch c Industrie sollte s r ch l r e b e r „V e r b a n d d e s internationalen I u d e n t u m s" nennen; das internationale Judentum ist es, dem nur den Kampf bis aufs Messer anzusagen haben." Es ist leicht, sich über solche blindwütigen Ausführungen zu belustigen. Wir wollen aber nicht übersehen, daß solche Worte von Hunderten gehört, von vielen Tausenden geglaubt werden. und daß ihre Folge sein muß. ungeheuren Haß und Zügellose Wut gegen die Juden in deutschen Menschen großznziehen. Was eines Tages aus solcher Verhetzung entsprießt, kümmert die verantwortlichen Erreger dieser traurigen Leidenschaften sehr wenig. Am tollsten treibt es der Münchener „V ö l k i s ch e Beobachter", das Organ der nationalsozialistischen Bewegung Adolf Hitlers. Wörtlich schreibt er das folgende: „Sir Erik Drummond, der Generalsekretär des Völkerbundes, machte jedoch nicht nur

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