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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1926-09-08 · 6 (8.9.1926) · p. Seite 23

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
2 (1926)
Issue
6 (8.9.1926)
Date
1926-09-08
Page
Seite 23 (sequence 3)
Language
German
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Wo sollen mit Sport treiben? Hinein in öie allgemeinen Vereine. Von stuä. med. Ernst Jockl (Breslau). Daß von der allgemeinen Turn- und Sportwelle auch die jüdischen Kreise in immer größerem Maße ersaßt werden, ist allgemein bekannt und selbstverständlich. Es ist aber bis nun wenig darüber nachgedacht worden, ob die jüdische Jugend, die sich auch außerhalb der Schule körperlich betätigen will, sich einem „bürgerlichen" oder einem „jüdischen" Verein anschließen soll. Ich will zu dieser Frage Stellung nehmen. Es wird in jüngster Zeit viel Propaganda sür Verbreitung der jüdischen Turn- und Sportbewegung gemacht, es werden Sammlungen sür den Bau von Sportanlagen sür jüdische Vereine veranstaltet. Der Zweck dieser Maßnahmen liegt klar auf der Hand: Man will einerseits diejenigen jüdischen Turner, die sich durch besondere Leistungen auszeichnen, in einem Verein zusammenbringen und anläßlich von sportlichen Wettkämpsen mit hervorstehenden Leistungen auswarten, anderseits glaubt man, in einem jüdischen Verein die jüdische Jugend besser erfassen zu können. Dem steht die große „bürgerliche Turn- und Sportbewegung" gegenüber. Diese ist absolut unpolitisch und nicht im geringsten Maße etwa antisemitisch eingestellt. Ich bin seit vielen Jahren Mitglied eines hiesigen großen Turnvereins, beteilige mich an sportlichen Wettkämpfen und bin zu diesem Zweck viel auswärts, aber ich habe noch nie eine Spur von Antisemitismus bemerkt. Nicht einmal bei akademischen Sportveranstaltungen habe ich in irgendeiner Meise etwas Derartiges gesehen, obwohl so etwas bei der heutigen Einstellung der Studentenschaft gar nicht überraschend wäre. Nein, ganz im Gegenteil. Ich erinnere mich an einen Vorfall während der vorjährigen Hochschulmeisterschasten in Danzig, wo ein Student aus Brünn, wo man besonders „arisch" eingestellt ist, eine abfällige Bemerkung über die Teilnahme jüdischer Studenten an den Wettkämpfen machte. Daraufhin wurde ihm von einige bedeutenden christlichen Sportsleuten eindringlich klargemacht, daß wir beim Sport lediglich auf den Menschen, nicht aber auf seine Religion usw. sähen. Ich sehe in der gemeinsamen körperlichen Betätigung der jüdischen und christlichen Jugend das allerbeste Mittel zur Bekämpfung des Antisemitismus. Auf dem Turnplatz lernen die Jungen und Mädels einander kennen, hier sehen die meisten, die von Hause ans mit einer anerzogenen Abneigung gegen alles Jüdische kommen, daß der Jude sich prinzipiell in nichts von ihnen unterscheidet. Ich habe bereits unzählige Sportsleute, darunter die bekanntesten, gefragt, wie sie über die Judenfrage denken, und alle haben mir übereinstimmend gesagt, daß sie im Sport keine Unterschiede kennen. Ich sehe also keinen Grund, sich einem jüdischen Verein anznschtießen. Im Gegenteil. Man wird Mängel und Fehler, die, da die jüdischen Turn- und Sportvereine meist noch unerfahren sind, unvermeidlich sind, diesen zum Vorwurf machen. Man sagt mit Recht: Warum schließen sich hier die Juden freiwillig aus, während sie in anderen Fällen mit aller Energie um ihre Gleichberechtigung kämpfen? Mir ist diese Frage jedenfalls schon gestellt worden. Nun kann man mir sagen: Sieh dir Vereine an wie Makkabi (Brünn) oder Hakoah (Wien), diese nehmen eine ganz hervorragende Stellung ein und tun außerordentlich viel für das Ansehen des Judentums. Jawohl, das stimmt schon, aber hier liegen die Dinge ganz anders als etwa bei uns. In Wien zum Beispiel ist die sogenannte „bürgerliche" Sportbewegung zum großen Teil antisemitisch eingestellt, so daß jüdische Vereine eine Notwendigkeit sind. Hier sind sie auch sehr zu fördern, und wer, wie ich, einmal die hervorragende Fußballmannschaft der Wiener Hakoah mit dem Davidstern auf der Brust vor 40 000 Menschen hat spielen und siegen sehen, der wird sagen: Besser kann man gegen den Antisemitismus nicht ankämpsen. Die sportliche Leistung wirkt aus die Massen. Aber man kann ja das eine tun und braucht das andere nicht zu lassen. Auch in Deutschland können wir, ohne daß wir jüdische Sportvereine haben, ausgezeichnete Leistungen jüdischer Sportsleute dem Publikum vor Augen führen. Ich denke da in erster Linie an die Wettkämpfe, die der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten in jedem Jahr in Berlin veranstaltet und zu denen jeder jüdische Sportsmann zugelassen wird.' Außerdem sollte dafür gesorgt werden, daß es bekannt wird, wenn jüdische Wettkämpfer große Erfolge erringen. Und dies geschieht nicht selten, wenn es auch leider sogar in jüdischen Sportkreisen nicht genügend bekannt ist. Ich gebe einige Beispiele: Der Weltmeister im 100-Meter-Lausen, der Sieger der Pariser Olympiade, Abraham, England, ist Jude, desgleichen der 400-Meter-We!trekordmann Jmbach, Schweiz, der amerikanische Weltrekordmann im Stabhochsprung, Ralph Spearow, die Finnen Katz und Drisin, der ehemalige Hamburger Sprinter Glaser u. a. m. Vielleicht ist es einmal möglich, alle jüdischen Sportler zu großen Wettkämpfen zusammenzubringen. Ich sasse also nochmals zusammen: Nicht im jüdischen Sportverein soll unsere Jugend sich betätigen, sondern im „bürgerlichen", zur Bekämpfung des Antisemitismus und zur Bewahrung des Ansehens unseres Judentums. Jüdische Sportgruppen. Von S. Nrrtzbarim (Dortmund), Obmann sür Turnen und Sport im R. I. F., Ortsgruppe Dortmund. Der Sportgedanke schreitet auch im jüdischen Lager vorwärts. Immerhin sind über ihn die Meinungen geteilt. Viele wollen Sportbetätigung jüdischer Jugend nur in Paritätisch en Vereinen, sehen in der eigenen jüdischen Gruppe nur Förderung zionistischer Interessen und die Wiederausrichtung des „Ghettos, das wir uns selbst geschaffen". Es sei mir gestattet, aus der Beobachtung der Praxis heraus das Wort dazu zu nehmen, in der Hoffnung,Anregung zu einer Aussprache zu geben, die mir im Hinblick aus solche Anschauung geboten erscheint. Ich verstehe den Standpunkt derer, die da sagen: W i r w o l l e n keine jüdischen Gruppen, hi ne in in die paritätischen Vereine! Dort gilt es sür unser Judentum zu wirken und anskeimendem Antisemitismus entgegenzutreten. — — Auch diese Abwehr ist notwendig, und selbst bei der Gründung unserer eigenen Gruppen wurde von mir der Hinweis auf jenen Standpunkt aufs energischste betont. — Wie aber sieht die Praxis aus? Seit langen Jahren — teils mitarbeitend, teils leitend — in der Jugendbewegung stehend, waren meine Bestrebungen neben der Erweckung geistigen Interesses, besonders auch auf körperliche Ertüchtigung unserer Jugend gerichtet. — Doch alle meine Bemühungen, unsere Jungen und Mädels in größeren Scharen den paritätischen Vereinen znzuführen, sie prallten am Nichtwollen unserer Jugend ab. Man fühlte sich den anderen körperlich unterlegen, wollte aber in seinen Leistungen den anderen gegenüber nicht Zurückstehen, und darum hielt man sich vom Sport lieber ganz fern, als daß man als Jude sich irgendwie turnerisch und sportlich nicht vollkommen gleich leistungsfähig erwies. — Nur einzelne, besonders Veranlagte beantragten ihre Aufnahme. — Und so wie hier werden wir es überall beobachten: In den paritätischen Vereinen sehen wir einzelne hervorragende jüdische Turner und Sportler, die große Masse jüdischer Jugend hält sich fern. Sollen darum unsere Jungen und Mädels des Sports entbehren? — Nein! — Man gebe ihnen erst einmal die Möglichkeit, ihre Körperkräste zu entfalten, sie auszubilden und die erste Scheu zu überwinden. — Der Wille wird gestählt werden und die Tatkraft gestärkt. — Die Möglichkeit, unsere Jugend in ihrer Gesamtheit für den Sport zu gewinnen, bietet aber nur die eigene jüdische Gruppe. Nur dort weiß sie, kennt man ihre Schwäche, und hilft man ihr, durch die richtige Einstellung der sportlichen Leitung, diese überwinden lernen, ohne sich der Gefahr des Lächerlichen und der Verspottung auszusetzen. — Einzelne besonders gute jüdische Turner und Sportler werden nach wie vor — auch da, wo jüdische Gruppen bestehen — ihren Weg zu den paritätischen Vereinen nehmen. — Die Möglichkeit aber, junge Juden in größerer Zahl diesen Vereinen zuzuführen, kann nur durch die Arbeit in der jüdischen Gruppe erschlossen werden. Unter Umständen müßte es sogar Pflicht der jüdischen Gruppe sein, einzelne besonders begabte Turner diesen Vereinen zuzuführen. — In Dortmund haben wir eine Reihe junger Juden, die in den hiesigen paritätischen Turn- und Sportvereinen Hervorragendes leisten. — Es wird niemand von uns sagen können, daß seitens der Leitung unserer Gruppen auch nur der Versuch unternommen worden wäre, sie sür uns zu gewinnen, damit wir durch ihre Leistungen nach außen hin glänzen könnten. — Aufgabe und Ziel unserer Gruppen ist weniger Glanz nach außen als Arbeit nach innen. Vollkommen unangebracht ist der Vorwurf derer, die von der Ausrichtung des „freiwilligen Ghettos" sprechen. Die Praxis der turnerisch und sportlichen Betätigung ergibt bei richtiger Führung ein anderes Bild, als es sich der Außenstehende denkt. „Das freiwillige Ghetto" existiert nur in der Phantasie der Ueberängstlichen, die allzu ängstlich Gefahren wittern, die gar nicht vorhanden sind. — Die Praxis unseres sportlichen Lebens hat ergeben, daß z. B. die Bindung unserer Boxgruppe mit den übrigen unserer Stadt eine viel engere und innigere ist als nach der jüdischen Seite hin. Unser erstes öffentliches Auftreten am 29. November 1925 sah ein volles Haus, aber vier Fünftel der Erschienenen bestanden aus sportlich interessierten nichtjüdischen Kreisen, ein Fünftel dürsten Gemeindemitglieder gewesen sein. Engste freundschaftliche Beziehungen verbinden uns mit den ältesten und angesehensten Boxsportvereinen Dort-

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