Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 6 (8.9.1926)
- Date
- 1926-09-08
- Page
- Seite 24 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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rru n d s. Jene fördern unsere Gruppe wie und wo sie nur können. An unseren Trainingsabenden sehen wir die hervorragendsten Dortmunder Boxer aktiv in unserer Mitte. Ich nenne nur Trippe, Demskh, Vogelrose, Franke. Ich darf als Zeichen des freundschaftlichen Einvernehmens unserer Gruppe zu den anderen unserer Stadt daraus Hinweisen, daß man in einer Sitzung sämtlicher Dortmunder Boxsportvereine meinem Antrag zur Gründung eines Stadtverbandes einstimmig Folge leistete und den technischen Leiter unserer Gruppe, Herrn Hugo Meyer, ebenfalls einstimmig zum 1. Schriftführer des neugegründeten Stadtverbandes wählte. — Mit unserem ersten öffentlichen Auftreten hat sich unsere Gruppe die Herzen der Sportler gewonnen, und von den hervorragendsten Vertretern hörte ich nur Worte des Lobes ob des fairen sportlichen Verhaltens unserer Leute. Ist das nicht auch Bekämpfung des Antisemitismus, und zwar vielleicht in höherem Maße, als wenn ein einzelner Jude im Paritätischen Verein Hervorragendes leistet? Wird das Vorurteil, der Jude ist ein Feigling, durch das Auftreten einer geschlossenen Gruppe in wertesten Kreisen nicht mit einem Schlage niedergekämpft. — Nur durch das Auftreten als geschlossene Einheit werden wir das uns gegenüber gehegte Vorurteil tm Munde der Allgemeinheit überwinden können. Ich weih, jedes Ding hat seine Zwei Seiten; für den Boxsport, in dem die Frage des Persönlichen Muts die Kardinalsrage ist, scheint mir im Interesse des Judentums die jüdische Gruppe die gegebene zu sein. — Ein Wort über den Wert der turnerischen und sportlichen Betätigung sei auf Wunsch der Schristleitung der „C.-V.- Zeitung" hinzugefügt. Vom gesundheitlich fördernden Einfluß des Sportes braucht kaum noch gesprochen zu werden. — Wissenschaftlich festgestellt ist, daß durch planmäßige Körpererziehung das Wachstum rn jugendlichen Jahren, die gesamte körperliche Entwicklung außerordentlich gefördert werden. Sport sollte darum nicht allein im jugendlichen Alter während der Schulzeit, sondern bereits vom vorschulpflichtigen Alter an getrieben werden; — selbstverständlich in jedem Alter in den ihm für diese Altersstufe zustehenden Maßen und Formen. Uebertreibungen wirken stets schädlich. — Nicht jeder ist für jeden Sport geeignet. Wer seinem Körper größere sportliche Anstrengungen zumuten will, lasse sich vorher von einem Sportarzt untersuchen. In sämtlichen größeren Städten dürften diese Sportuntersuchungen ebenso wie hier durch die seitens der Stadt angestellten Sportärzte unentgeltlich erfolgen. — Gesundheitlich schädliche Folgen sind beim gesunden Menschen niemals zu befürchten, und der krankhaft und schwächlich Veranlagte wird bei einem in dem für ihn zuträglichen und maßvoll ausgeübten Sport seinen Gesundheitszustand nur fördern und kräftigen. — Aus Schwächlingen, Ueberempfiudlichen, gesundheitlich Schwankenden entwickeln sich durch vernunftgemäße Körpererziehung Menschen voll strotzender Kraft und Gesundheit, abgehärtet und unempfindlich gegen alle Unbilden der Witterung. Menschen, die selbstbewußt im Gefühl dessen einherschreiten, daß sie sich aus ihren Körper verlassen können. Mißmutige wandelt der Sport in Lebensfreudige. Sport wirkt lebensbejahend. — Schwer lastet aus jeden der wirtschaftliche Druck unserer Tage. — Der Sport erweist sich ihm gegenüber als Helfer. — Aus ihm quillt die seelische Kraft, um die Not der Gegenwart siegreich zu bestehen und zu überwinden. Denn Sport bewirkt nicht allein körperliche Krastentsaltung und gesundheitliche Förderung. Ebenso wertvoll — vielleicht noch wertvoller — ist die durch ihn sich bildende Lösung geistiger Energien.— Eiserner Wille beherrscht den Sportsmann, der um den Sieg kämpft. Zähigkeit des Willens und Ausdauer lassen ihn eigene Schwäche überwinden, mutvolles Sicheinsetzen Angst und Zaghaftigkeit bekämpfen. — Die Willenskraft wird gestählt, das Selbstbewußtsein gestärkt. — Selbstdisziplin fordert der Sport; dem selbstgewählten Führer gilt es, sich unterzuordnen, seinen Anordnungen zu folgen. Selbstbezwingung des eigenen Ich muß er üben. Er hat sich dem Ganzen zu fügen und für dessen Wohl einzutreten. Gemeinschaftsgefühl und Gemeinschastsbewußtsein werden durch ihn geweckt und gepflegt. — Eigenschaften, die uns Juden der Gegenwart infolge unserer so stark individualistischer Veranlagung ganz besonders not tun. Ehrlichkeit und Lauterkeit, wie Ritterlichkeit der Gesinnung werden vom Sportsmann gefordert. — Kameraden, die eben noch erbittert um den Sieg gekämpft haben, reichen sich nach hartem Kampf die Hand, sind in Freundschaft eng verbunden. — Neid und Mißgunst werden im Keime erstickt, die Verdienste des Tüchtigen restlos anerkannt. Jüdische Jugend! Dich ruft der Sport, denn Turnen und Sport treiben heißt: Stärkung deiner Gesundheit, Entwicklung deines Körpers, Befreiung der in dir gebunden ruhenden seelischen und geistigen Kräfte. — Darum, ihr Eltern, führt eure Kinder dem Sport zu, sorgt für Gründung eigener jüdischer Gruppen, unterstützt die vorhandenen mit allen Mitteln, daß sie nicht aus finanziellen Gründen zusammenbrechen müssen. — Gebt der Jugend Gelegenheit, ihre Kräfte zu entfalten, ihr stärkt damit ihr Selbstbewußtsein, dienet nicht in letzter Reihe dem Ziele, dem aller Kamps in den Reihen des C. V. wie im R. I. F. bestimmt ist: Niederringung aller Juden gegenüber gehegten Vorurteile, Erzwingung der Achtung, die man uns als Juden vorenthalten will, die neue Rießer-öiographie. Der Uebung entsprechend, die wir in diesen Spalten befolgen, wenn Bücher angezeigt werden, soll auch diesmal eine sehr wesentliche Neuerscheinung nicht in Form einer kritischen Analyse, sondern als einführendes Referat angekündigt werden, um dem Leser den Erwerb des Werkes um seines Wertes willen nahezulegen. Es handelt sich hier um die Biographie eines Mannes, dessen Namen gerade uns jungen deutschen Juden teuer ist: Gabriel Rießer*). Und dieses Gefühl der Verehrung für den Mann wird in uns noch stärker, wenn wir dieses neue, ihm gewidmete Werk in uns ausgenommen haben. Denn stark beherrscht uns die Empfindung: Wir alle kommen mit einem guten und wertvollen Teil unseres inneren deutschjüdischen Seins von Rießer her! Wenn Mendelssohn das deutsche Judentum sozusagen die deutsche Sprache lehrte, so ist es Rießer, von dem wir deutsch reden lernten, deutsch mit dem ganzen ungeheuren Gefühlswerte einer stürmisch begehrten, zu tiefst aufgenommenen, mit Liebe besessenen Kultur erfüllt. Wir können bei der Anzeige dieser neuen Rießer-Viographie zu ihrer Einführung dem Autor im wesentlichen selbst das Wort erteilen, um ihn die Absichten seiner Studie und ihr Ergebnis Mitteilen zu lassen. Und es kann ihm bestätigt werden, daß er treu und ehrlich, kühl und verstandesmäßig, in echt deutsch-wissenschaftlicher Forscherweise und doch zugleich mit heißem Herzen seine Aufgabe durchgeführt hat. Friedlaender setzte sich das Ziel, „das Bild Gabriel Rießers in den breiten Nahmen der deutschen Zeitgeschichte, und hier vornehmlich der Politischen Problemgeschichte im Zeitalter der Restauration und Revolution, zu stellen". Dadurch „unterscheidet sich die Arbeit von allen literarischen Versuchen, die sich bisher biographisch < oder kritisch mit Rießer besaßt haben". Im Gegensatz zu diesen will Friedlaender das Leben Gabriel Nießers unter dem Gesichtspunkt einer politischen Biographie schildern und einen Beitrag zur inneren Geschichte Deutschlands im 19. Jahrhundert liefern, indem er „neben der Schilderung der privaten Lebenstatsachen vor allem die beiden geschichtlichen Problemkomplexe, die das politische Dasein Rießers ausmachen — die deutsche Judenemanzipation und das deutsche Versassungswerk von 1848/49 —, herauszu arbeiten sucht." lieber den Aufbau und die innere Disposition des Werkes, sowie über die Ergebnisse mag Friedlaender selbst berichten: „Der Gang der Untersuchung war in großen Zügen folgender: In einem einleitenden Kapitel waren die Grundlagen der Existenz Nießers auf ihre Vorbedingungen hin zu prüfen, hierzu bedurften die politische Situation und das allgemeine Zeitmilieu einer eingehenderen Schilderung. In dem Zweiten Kapitel wird die Jugendzeit unter Ausblicken auf die allgemeine Zeitlage dargestellt. Das dritte Kapitel — der erste Hauptteil der Untersuchung — sucht Rießers Anteil an der deutschen Judenemanzipation zu erfassen. War der Gang der Untersuchung hier induktiv, so mußte die Form der Darstellung systematisch sein. Eine summarische Uebersicht verfolgt zuerst die Geschichte der Emanzipation bis auf Rießer, um sodann dessen Tätigkeit im einzelnen darzulegen und besonders seinen grundsätzlichen Standpunkt in den Judenfragen zu entwickeln. Das vierte Kapitel behandelt unter Hinzusügung allgemeiner Gesichtspunkte den Lebensgang bis zum Eintritt in das Frankfurter Parlament. Das fünfte nimmt den zweiten Hauptteil ein: Rießers Anteil am deutschen Verfassungswerk. Eine allgemeine Schilderung der staatlich-politischen Fragen ist hier gleichfalls vorausgeschickt; sodann wird die politische Entwicklung im Rahmen des Verhandlungsverlaufes dargestellt, um seinen Anteil an der Versasfungsarbeit und seine Stellung zu den Hauptproblemen erkenntlich zu machen. Das sechste Kapitel behandelt Spätzeit und Abschluß des Lebens unter Hinweis auf menschliche Wesenszüge, das siebente ergänzt das vorangehende durch eine abschließende Charakteristik der Persönlichkeit und ihrer Wirkung aus die Nachwelt. In Rießer ist geradezu der Schöpfer der bürgerlichen Gleichstellung derdeutschenJuden zu sehen. Ferner besitzt er rePräsentativeBedeutung für die seelische Reformation des deutschen Judentums im 19. Jahrhundert, indem er endgültig als politische Ethik das Bekenntnis zur Deutschheit festlegte. Das Grundresultat der Untersuchung besteht darin, in Nießers Person die lebendige Einheit Zwischen Deutschtum, und Judentum erwiesen zu haben." Die Kapitelübersicht gibt nur schwache Andeutungen von dem ungeheuer reichen Inhalt des Buches, dessen Wert zum großen Teil in der außerordentlich guten Wiedergabe der Gedankengänge der wesentlichen literarischen Arbeiten Rießers liegt. Mit Staunen stellt man von neuem fest, in wie klassischer Weise hier die Formulierungen geprägt wurden, die unsere Stellung im deutschen Vaterlande begründeten, und wie selbst wertvolle Gesichtspunkte zum Problem des Nationaljudenrums vorweggenommen sind. Zwischendurch taucht die Gestalt Bismarcks auf, und ein an sich recht unerfreuliches Zusammentreffen Heines mit Rießer bekommt durch eine feinsinnige analytische Gegenüberstellung dieser beiden zeitgenössischen deutschen Juden seine besondere Note. Das Buch braucht keine Empfehlung, es braucht Leser. Selten ist ein Werk so geeignet gewesen, Kursen in Arbeitsgemeinschaften der deutschjüdischen Jugend zugrunde gelegt zu werden, wie dieses. A. IT. *) „Das Leven Gabriel Rießers, ein Beitrag zur inneren Geschichte Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert", von Fritz Friedlaender. Preis 7,50 und 6,23 Mark. Verantwortlich für die Beilage „Von deutsch-jüdischer Jugend": Alfred Hirschberg (Berlin-Charlottenburg).