Mannheim
Compact Memory

Von deutsch-jüdischer Jugend · 1926-09-08 · 6 (8.9.1926) · p. Seite 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
2 (1926)
Issue
6 (8.9.1926)
Date
1926-09-08
Page
Seite 22 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9221535-9548924-9548930--040-2283639
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

22 danken wir das nur der Vorliebe für romantische Vorstellungen, der Abneigung gegen klares Durchdenken der Probleme. Wir können es uns da als junge deutsche Juden nicht leisten, in echt romantischer Nachernpfindungsfähigkeit die subjektive Ehrlichkeit solcher U-eberzeugungen anzuerkennen. Wir haben die Pflicht, dafür zu sorgen, daß wenigstens in der Jugend über solche Fragen klar nachgedacht wird; das Resultat werden wir nicht zu scheuen haben. Und im eigenen Lager, erleben wir da nicht dasselbe? Wenn wertvolle Menschen unter uns allen Schwierigkeiten zu entgehen suchen, indem sie sich in die Utopie einer nationaljüdischen Kultur hineinzuretten suchen, ist das nicht romantisches Denken in Reinkultur? Auch hier wird uns nur Gedankenklarheit weiterführen. Unbeeinflußt von Wünschen, von Neigungen und Abneigungen müssen wir den Tatsachen ins Auge sehen, müssen wir in unbeirrtem Denken unseren Weg suchen. Ich möchte glauben, daß das vielleicht unsere besondere Aufgabe in der deutschen Jugendbewegung ist. Wir Juden können aus eine Denkkultur zurückblick'en, wie nur wenige Gemeinschaften. Wie es von Leo Baeck so schön ausgeführt worden ist: gegenüber der „romantischen Religion", die aus der Wirklichkeit hinweg in ein erträumtes Jenseits führt, steht das Judentum als „klassische Religion", diesseitsgewandt, wirklichkeitsnahe. Wie wir heute auch zur Religion stehen mögen, ob wir uns mit ihr Zur Ergründung und Auslegung von Göttlich-Gegebenem beschäftigen, ob wir in ihr freie Fortentwicklung sehen, eines vereint uns Juden alle: das Denken. Es gibt wohl kaum eine zweite Gemeinschaft, in der dem „Lernen" eine solche Bedeutung beigemessen worden ist. Und so folgen wir nur den schönsten Traditionen des Judentums, wenn wir uns um denkerische Erfassung des Weltbildes bemühen. Wir werden dann von da aus auch mühelos dazu kommen, die Resultate unseres Denkens in die Tat umzusetzen. So wie wir von unseren Kameraden der Jugendbewegung vieles in Naturnähe und gesunder Körperlichkeit gelernt haben, wird es uns selbstverständlich werden, für Klarheit des Denkens zu sorgen, da wo es not tut. Leicht wird das allerdings nicht immer sein und bequem sicher nicht. „Klarheit ist hart wie Mondlicht in einer Hellen Winternacht", hat einmal Fritz Maut h n e r gesagt. Aber nur dann wird die Jugendbewegung sich ihrer gesunden Romantik freuen können, wenn sie auf der anderen Seite eingesehen haben wird, daß den Problemen einer Zeit nur mit klarstem Denken beizukommen ist, und daß jeder Mensch, der Verantwortungsgefühl gegenüber der Gestaltung seiner Zeit besitzt, die Verpflichtung hat, in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten den aktiven Kampf für seine Ideale aufzunehmen. Dann erst werden wir in der Jugendbewegungsagen können, daß wir unser höchstes Ziel erreicht haben: wahre Menschen zu erziehen; Menschen mit tiefem und echtem Gefühl für Freunde und Gefährten, mit warmem Erleben in Natur und Kunst, aber auch klar und unbedingt im Denken und stahlhart im Handeln. Dann erst werden wir der Welt etwas wirklich Neues geschenkt haben, die lebendige Vereinigung von Romantik und Gedankenklarheit. Das sei unser Wunsch an das neue Jahr! vom Hunöestag öer Rameraöen 192H. Von Max Fürst („Kameraden"). Bundestag . . . Alle haben sich ein Jahr darauf gefreut und nun regnet es. Nicht gerade froh sind die Leute, die jetzt vom E^ührertag aus Nürnberg kommen und auf der patschigen, lehmigen andstraße nach Velburg hinausmarschieren. Wie wird der Bundestag werden? Der Führertag gab harte Kämpfe. Es wird wieder ein schweres Jahr werden,' viel Arbeit und Kampf. Aber der Bund steht fest, er wächst und entfaltet sich. Der Regen klatscht auf uns hernieder. Irgendwie ist Unordnung in den Zug geraten. Einer ist gestürzt. Wir singen: „Kann er nicht mit uns laufen, so mag erstich verschnaufen bis an den jüngsten Tag." Das gilt denen, die nicht treu bleiben konnten, die abgefallen sind. Es gibt deren noch immer zu viel. Der Bund aber baut weiter, wir können sie verschmerzen. Das Lied klingt weiter. Tie Landstraße ist glitschig, einige gierten aus, fallen, springen auf, laufen weiter. Da lachen wir. Jetzt klingen die Lieder froh. Neben rnir klingen ein paar Helle Mädelsstimmen. Ja, unsere Mädels, die sind tüchtig, bei solchem Wetter marschieren sie mit uns Sei? an Seit. Wenn sie uns jetzt doch sehen würden. Alle die, die immer kritisieren, immer von der toten Jugendbewegung sprechen, diesen Kampf mit Wetter und Landstraße, diese Kraft, die aus den Augen leuchtete . . . Doch d i e würden es ja nicht sehen, sie scheu nur ihre eigene Schlaffheit, die immer danach verlangt, alles Lebendige totzutreten.- Auf der Treppe des Bleibenamtes steht der Bundesleiter. Auf dem Markt sind die Gruppen im Halbkreis ausgestellt. Da stehen sie alle. 600 Mann, in ihren blauen, weißen, grünen, schwarzen Kitteln. Vor jeder Gruppe der Speer mit dem Wimpel. Lieder brausen auf. Ein Paar Klampfen spielen trotz des Regens. Das Bundesfest beginnt ... Im Saale ist es eng. Eine junge Stimme singt. Der uralte Rhythmus zuckt in uns und erfüllt alle. Auf einem weißen Tisch brennen die Schabbeskerzen. L’cho daudi. Der Freitagabend senkt sich wohltuend über uns. So ruhig und kühlend über diesen wildbewegten Tag. Ein paar Bauern drängen sich herein, gassend, einer greift au seine Mütze. Wir lächeln. In den nächsten Tagen sind Arbeitsgemeinschaften, G Y m n a ft t f und Wettkämpfe. Dazwischen entwickelt sich das Bundestagsleben. Das kleine weltvergessene bayerische Nest hat Leben bekommen. In allen Straßen wimmelt es von Jungen und Mädels in bunten Kluften und Kleidern. Als dann die Sonne endiid) doch kam, schlugen einige schon Zelte auf. Die Kochseuer rauchten, dazwischen sausen Völkerbälle, alte Freunde begrüßen sich, sprechen über die wichtigen Fragen des Bundes. In allen Ecken stolpert man über Pimpfe, die überall herumlaufen und sich die „Bundesgrößen" zeigen lassen, die man sich immer so ganz anders vorgestellt hat. Jeder hat zu tun. Am Nachmittag ist die große Arbeitsgemeinschaft über moderne Bühnenkunst mit praktischen Uebungen, an der der ganze Bund teilnehmen soll. Es ist zuerst nicht Leicht, aus 400 Menschen ohne jede Vorbildung Sprech- und Bewegungschöre zu formen. Aber dann wurde es doch zwingend, die starke Gestaltung eines kollektiven : Willens; und die zuerst lachten, sahen staunend Form und Bewegung, wie langsam aus vielen Einzelmenschen das neue Wesen Gemeinschaft: Bund, wächst. Das W e t t s i n g e n : Jetzt scheint sogar die Sonne. Am Bergabhang, auf der Wiese sitzt der Bund. Zuerst machen Mädels Gymnastik, daun wird gesungen. Ein paar übermütige Lieder, ein paar ernste, ein paar hebräische. Am schönsten sang eine Schar Buben. Mitten im Walde ist die Spielwiese. Klar und gesund sieht die Schar der Menschen aus, die sich da tummeln. Wettläufe, Völkerballspiele, Speerwerfen. Jubel begrüßt die Sieger. Es wird langsam Abend. In Scheunen und Zelten herrscht geschäftiges Treiben. Bald beginnt die Bundesfeier. Alles wäscht sich und macht sich sein. „Putzt euch die Augen blank, ihr Buben und Mädels!" Das ist nicht nötig, die blitzen schon genug vor Erwartung und Freude. Tann der Aufmarsch. An der Spitze der Bundesleiter, dann folgen in langem Zuge die Gaue und Ortsgruppen mit Wimpeln und Klampfen. Staunend stehen die Ortsbewohner. Ein altes Mütterchen sagt: „I kan aornet glaube, daß dös allens Judebub sein." Ter Zug geht den Berg hinan. Oben brennt das Feuer. Hochauf spritzen die Flammen. Der Bundesleiter spricht. Dann singen wir. Das ist nicht mehr das gleiche, wie vorher das Singen auf der Festwiese. Da steht der Kreis festgeballt und jedes Lied ist ein Bekenntnis, jedes Lied ist mit viel Schmerzen teuer erkauft, jedes Lied ist ein Trutzlied gegen all den Unverstand, der unsere Bewegung noch immer hemmt. Tie neuen Wimpel neigen sich vor dem Bundesleiter, der weiht sie, und dann spricht er von dem, was uns hier zusammentreibt und um was wir kämpfen. Dann singen wir donnernd das Lied der Jugend „Mit uns zieht die neue Zeit". Ein Festspiel noch, einige Lieder, dann erlischt das Feuer. Aber in unseren Menschen brennt es weiter, nicht als Strohfeuer und als „jugendliche Begeisterung", die schnell ausflackert und ebenso schnell erlischt; dazu ist die Bewegung jetzt schon zu alt, man weiß zu gut, daß mit Begeisterung noch nichts geschafft ist. Cs sitzt aber bei vielen heute schon eine stählerne Energie dahinter, ilnd wenn ich unsere Jungens und Mädels mir ansehe, wie sie sich bewegen, wie sie gelernt haben, sich einzuordnen, sich zu beherrschen und anzupacken, und wenn man sie vergleicht mit dem, was in der Stadt von jüdischer Jugend (sprich: Dämchen und Herrchen) umherläuft, auch die, die einmal in der Woche Sport treiben, sind da nicht ausgenommen, so mußten rnir alle zugeben, daß bei uns nicht nur freiere Menschen sind, sondern auch starke und energische Menschen wachsen. Da ich wohl weiß, was für eine Arbeit es macht (ich unterschätze da nicht das Elternhaus, aber in diesen Dingen versagt es oft), die einzelnen so weit zu bringen, so konnte ich auch ermessen, was für Arbeit im letzten Jahre geleistet worden ist. Das ist von unserem Bundestag zu sagen. Ich habe es unterlassen, auf die ideologische Grundlage unseres Bundes irgendwie einzugehen, sondern wollte nur ein Stück Jugendleben schildern, und wenn der Artikel einen Zweck haben soll, so den. Außenstehenden zu zeigen, wie man diese Dinge sehen muß, will man durch die Schale zum Kern durchdringen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.