Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 6 (8.9.1926)
- Date
- 1926-09-08
- Page
- Seite 21 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr.H Jahrgang 2 Beilapce öso Serlin, $♦ September 1926 Romantik / Ge-ankenklarheit. Von Zrieörich Hroönitz. Ein neues Jahr kündigt sich festlich an; in den gleichmäßigen Ablauf des Alltags setzen die Feiertage einen eindrucksvollen Abschnitt. Befreit vom Druck der kleinen Sorgen des Werktages, widmen wir sie der stillen Betrachtung. Wenn es da dem älteren Menschen entspricht, den Blick rückschauend in die Vergangenheit zu richten. Prüfend und wertend das Geleistete zu betrachten, wird es uns, den Jungen, näher liegen, an die Zukunft zu denken, Wege zur Weiterentwicklung zu suchen. Es ist ein alter Menschheitsglaube, daß man an solchen Tagen einen Wunsch an das Schicksal frei hat. Ties durchdrungen von der Ueberzeugung, die uns die Jugendbewegung gelehrt hat, daß nur im Zusammenschluß zu gemeinsamer Arbeit unser Weg liegen kann, richten sich unsere Wünsche auf die Gemeinschaft. Wir wollen auch da einmal die kleinen Sorgen und Nöte des täglichen Kampfes beiseite lassen und uns in diesen Tagen des Friedens nur mit den großen Fragen, die uns am Herzen liegen, befassen. Wir wollen unsere Wünsche, an deren Erfüllbarkeit wir in feiertäglicher Stunde mehr denn je glauben, auf die eine Frage konzentrieren: Welchen Weg wollen und müssen wir in Zukunft gehen, wenn wir uns mit und in der Bewegung organisch weiterentwickeln wollen. Unter diesem Gesichtspunkte scheint es mir ein Begriff zu sein, um den sich unsere Betrachtungen in erster Linie werden gruppieren müssen, in dem sich in gleicher Weise das größte Gut und die größte Gefahr der Jugendbewegung zeigen: die Romantik. Wir müssen hier darauf verzichten, eine erschöpfende Erklärung dieses Begriffes zu geben; es ist tief bezeichnend, daß er sich noch immer einer scharfen Umgrenzung entzogen hat. Wir können uns vielleicht daraus beschränken, ihn aus seinem Gegensatz zu erklären, indem wir einen Augenblick die Entstehung der deutschen Jugendbewegung betrachten. Sie nahm ihren Anfang, als junge Menschen gegen den nüchternen Rationalismus der älteren Generation Widerstand zu leisten begannen. Was irrtümlicherweise als Kainpf gegen die Eltern angesehen wurde, war in Wahrheit nur ein Protest gegen Unnatur, gegen starre Konventionen, gegen Krämergeist und gegen seelenlose Mechanisierung. Der berühmte Naturforscher, der die Seele leugnete, weil er sie „noch nie unter dem Seziermesser oder unter dem Mikroskop gesehen habe", sprach nur zugespitzt aus, was dem Geist der Zeit entsprach. In der Ablehnung dieser Einstellung war sich die Jugend aller Schichten und Kreise einig. Der Mensch, gemessen' nicht an seinem Nützlichkeitswert, sondern an seiner Persönlichkeit, rückte wieder ins Zentrum der Betrachtung. Vor allem aber brachte innige Verbundenheit mit der Natur neue, befreitere und schönere Lebensformen. Draußen unter freiem Himmel schwand, wie von selbst, vieles, was eine übersteigerte Großstadtkultur an Bedürfnissen und angeblichen Notwendigkeiten erzeugt hatte. So kam die Jugend zu einer vertiesteren, zu einer gesühlsreicheren Einstellung, sie kam in tiefer Verwandtschaft mit den Menschen vor hundert Jahren zur Romantik. Es ist wohl auch kein Zufall, daß diese der Romantik eng verbundene Bewegung auf Deutschland im wesentlichen beschränkt geblieben ist. Ist doch die romantische Gesinnung so im tiefsten deutsch, — in all ihren Vorzügen und ihren Schwächen. Dicht sind die Fäden, die von der Romantik zur Jugendbewegung gehen. Wenn Ludwig Tieck der deutschen Sprache das wundervolle Wort,Waldeinsamkeit" geschenkt hat, so sehen wir heute wieder in diesem Wort den Inbegriff dessen, was uns das Herz weit macht. Und wenn wir auf froher Wanderschaft die schönen, alten deutschen Lieder singen, danken wir es den Romantikern, die sie als erste wieder zu Ehren gebracht haben. So hat die Jugend in romantischer Gefühlswärme und Naturverbundenheit ihren Weg genommen. Ernstlichen Widerstand hat sie kaum gefunden. Mit ihr hat sich in Notwendigkeit der Geist einer neuen Zeit durchgesetzt. Will sie aber über ihren Kreis hinaus bestimmend auf die große Oesfentlichkeit einwirken, muß sie ihre Kräfte sammeln, muß sie sich selbst sehen lernen. Romantisch ist die Jugendbewegung, mit all ihren Vorzügen, aber auch mit all ihren Schwächen. Es gehört zum Wesen des Romantikers, daß er sich vor der rauhen Wirklichkeit gern in sich zurückzieht, daß er sich von den nüchternen Tatsachen lieber zu der harmonischen Welt wendet, die ihm sein Gefühl erbaut. Das romantische Denken — als Begriff fast ein Widerspruch in sich — läßt sich von Neigungen und Wünschen leiten, weicht klaren Entscheidungen nach Möglichkeit aus. Und hier scheint mir für die Weiterentwicklung dev Jugendbewegung eine Gefahr zu liegen, die um so größer ist, weil sie ihrem Wesen so sehr entspricht. Durch alle Kreise der deutschen Jugendbewegung geht heute eine Müdigkeit und Unlust, sich in klarem Denken mit den Problemen unserer Zeit auseinanderzusetzen. Um von vornherein jedem Mißverständnis vorzubeugen: Von dem Großen und Schönen, was uns die romantische Betrachtung von Natur und Kunst gebracht hat, von der schwärmerischen Verbundenheit, die die Freundeskreise der Jugendbewegung zusammenschmiedet, dürfen und wollen wir uns nichts nehmen lassen. Gegenüber den großen Problemen aber unserer Zeit tut uns nur eines not: Gedankenklarheit. Das Mittelalter in seinem Gefühlsreichtum war immer die Liebe aller romantischen Naturen. Aber wir wollen doch darüber nicht vergessen, daß uns aus der Enge und Barbarei des öffentlichen Lebens dieser Zeiten nur die sieghafte Macht des unbeeinflußten Gedankens, getragen von mutigen Männern, herausgeführt hat. Jeder wirkliche Fortschritt der Menschheit knüpft sich an die kristallene Reinheit eines großen Gedankens. Daß unsere Zeit in den Aufgaben, die sie uns stellt, besonders schwer ist, das fühlen wir alle. Lösen kann sie nur eine Generation, die klar und ruhig im Denken, unverzagt und begeistert im Handeln ist. Ganz besonders aber gilt dies im Nahmen der deutschen Jugend für die jüdische Jugend. Wenn wir in bie Vergangenheit blicken, so sehen wir, daß alle Fortschritte in der schweren Lage der Juden im Abendlande nur von Siegen des Gedankens über das unkontrollierte Gefühl herbeigeführt worden sind. Aber auch für den, der die historische Betrachtung nicht liebt, bietet die Gegenwart genug Beispiele. Wenn eine so gefährliche und unser öffentliches Leben vergiftende Idee wie der völkische Rassegedanke bis in weite Kreise der deutschen Jugendbewegung Fuß fassen konnte, so Aftfd hottl Max Fürst: Vom Bundestag der Vvlll Jrlli/Uli * Kameraden 1926. — Wo sollen wir Sport treiben? — Ernst Jockl: Hinein in die allgemeinen Vereine. — S. Nntzbanrn: Jüdische Sportgruppen. — Die nene. Riester-Biographie.