Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 37 (8.9.1926)
- Date
- 1926-09-08
- Page
- Seite 484 (sequence 8)
- Language
- German
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4s4 als alt von jung verschieden ist, oder heiß von kalt, oder milde von scharf, oder erfahrungsarm von erfahrungsreich. Ich hatte vieles durch EbteiL in mir, was die andern sich hätten erst erobern müssen. So ein Gefühl der Gleichheit und Verwandtschaft vom Ich Zum Tn. Das heißt, ich kam aus einem sagenhaften Nrla-nd, das leine Herren und keine Knechte, keine Vorgesetzten und Untergebenen, keine Regierten und keine Regierenden kannte, sondern nur Menschen, die alle einander gleich w a r e n, auf welcher Sprosse der Lebensleiter sie immer stehen mochten. Und das auch keine Feinde kannte und keine Fremdheit, sondern bei dem Heimat überall war, wo der Fuß den Boden berührte. Manche meiner Vorfahren hatten feit Jahrhunderten, manche schon seit Jahrtausenden mit meinen heutigen deutsch sprechenden Lebenskarneraden Zusammen gelebt. Vordem waren sie bei Römern, bei Griechen, bei Spaniern, bei den Arabern, bei Aegyptern, bei Holländern und wer weiß wo noch gewesen. Aber von all dem roar doch nur noch ein ganz ferner Nachklang in mir, damals, als ich 1871 dcrn bewußten Dasein die Augen öffnete . . . ein Nachklang, der mich nicht mehr erschütterte als das Mückensummen über dem Wasserspiegel den Tümpel erschüttert. Ich Halls dann eigentlich ganz gut getroffen. Ich hatte das Glück, ans einer leidlich kultivierten, aber in meinem Zweig reichlich verarmten Familie zu kommen. Das erste gab mir bei fast proletarischer Bedürfnislosigkeit für meine Person eine Liebe zur Kunst und den geistigen Werten, die der Proletarier nicht mitbekommt. Und das andere gab mir den Austrieb, den meist die <Löhne wohlhabender und saturierter Familien, denen ihr Elternhaus eine gewisse Lebenssicherheit gewährleistet, nicht besitzen. Da ich für die Schule ebenso unmöglich erschien wie für jeden einfachen bürgerlichen Berus, flüchtete ich mich in mein Künstlertum, und es schien, als ob ich damit den rechten Weg nicht verfehlt hatte. Denn, wie gesagt, ich hatte ein gewisses Glück gehabt. Ich hatte mir alles ganz geschickt ausgesucht. Ich war Deutscher, liebte die deutsche Sprache. Ich war gerade nach der Einigung Deutschlands Zur Welt gekommen, 1871. Ich lebte nicht abseits, sondern im Zentrum in Berlin, mit dem ich viel verwurzelter war, als ich selbst ahnte; und zwar: im literarischen Berlin, im Menzel-Berlin, im Geheimraisviertel, vis-a-vis der Rodenbergschen Rundschau, eine Straße vom alten Fontane entfernt. Und ich hatte außerdem noch das große Glück: Jude zu sein. Wie Fontane das Glück hatte, deutschsprechender Franzose 31t■ sein. Das heißt, ich hatte das Glück, hineingeboren zu sein in den Herzensmittelpunkt des damaligen Deutschland und zugleich Distanz zu haben. Ich wurde weder gefördert noch allzusehr, behindert, und lebte mein Leben für mich und mit jenen. Wir gingen vielleicht nicht immer konform — es gab so gewisse Sachern die für uns bei jenen tabu waren, und andere, wo wir jene nicht gerne hineinsehen lassen wollten (wir schätzten es z. B. nicht, wenn welche von uns den Glauben wechselten, weil das einfach das Wesen des Glaubens Lügen strafte; oder, wenn durch Heiraten die konstante Linie ähnlicher Individuen unterbrochen wurde, auch meinten wir, daß bei so,enger Berührung doch einmal eine stärkere seelische Verschiedenheit sich unangenehmer bemerkbar machen könnte, als diese Verschiedenheit sich sonst bei lockerem gesellschaftlichen Verkehr auswirken möchte). Es galt weiter als Erfahrungstatsache, daß bei Mischehen zwar die Ehenzwischen Juden und Christen glücklich waren, die aber zwischen Christen und Jüdinnen zumeist ein schlechtes Ende nahmen. Deswegen vermied man das lieber, lieber die Kinder aus diesen Mischehen hatte man keine rechte Meinung; doch schien es vielfach, daß das jüdische Blut in ihnen prävalierte und daß sie viel leisteten oder zu hohen Stellen im Staat kamen. Da aber darüber weder von den Juden noch von den Christen —^ damals sprach man noch nicht von „Juden" und „Deutschen!" — zu viel geredet wurde oder gar statistische Untersuchungen angestellt wurden, so beachtete man das nicht recht. Und auch das, was aus irgendeiner kaum ernst zu nehmenden Tradition heraus für den Inden trotz völliger rechtlicher Gleichstellung tabu im Deutschen Reiche war: Ossrzierskarriere, Richteramt, Korps und hohe Derwaltungskarriere, Hoschargen uff., darüber konnte man vielleicht im Reichstag interpellieren, aber ernstlich vermißte das keiner. Peinlicher wurde schon die Bevormundung und der Abschluß der Juden von der Universitätskarriere von uns empfunden. Nicht der Juden, sondern der Wissenschaft wegen, vn der man sich ehedem einredete, daß sie international, ja übernational wäre, und die eben nur dort jene Hilfs--' quellen und Erleichterungen bot — wie Kliniken, Laboratorien, Bibliotheken —, deren sie bedurfte, um sich weiter zu entwickeln. Aber alle andern Gebiete gehörteneigentlich in Deutschland jedem, der sie beackern und bestellen wollte und konnte und darin etwas leistete. Niemand fiel es ein, bei Büchern, Bildern, Musikstücken, bei Theatern, Geschäften, Banken, Gründungen, Aerzten^ Rechtsanwälten, Handwerkern, Stadträten oder Politikern damals zu fragen, welcher Religion, welcher „Rasse" der Mann angehörte. Man bemerkte es oder man bemerkte es nicht. Ich weiß, als ich einmal vor zwanzig oder mehr Jahren versuchte, jüdische Maler zusommenzustellen, um etwas dabei herauszusinden, was ihnen gemeinsam sein könne, und auch glaubte, zu Resultaten gekommen zu sein, erregte ich, wie weiland Hieronymus Jobs der Kandidat, hüben wie drüben „allgemeines Schütteln des Kopfs". Und noch Erjch^MaMS^iMrSchE«, stiurfarslsnäsrnm 26 a / Leipziger Strafte Z5 m—m 3. Geschäft: „Um Rossneck" / Bismarck 290 291 Telephorrische Bestellungen werden schnellstens erledigt Dr. Partenkirchen (Bayerisches Hochgebirge) C r-% 2h -frh i m lürinnere, Stoffwechsel-, Nerven- ^-*0.1 laiUl II» kranke und Erholungsbedürftige. Vollkommenste Einrichtungen — Alle Bequemlichkeiten — Eigenes grosses Kurmiltelhaus Aussichtsreichste und geschützteste Sonnentage — Eigene diätetische Abteilung. Beratender Chefarzt: Dr. Arno Ed. Lamp6, früherer langjähriger Oberarzt der ersten medizinischen Klinik (Geheimrat v. Rom borg), München. Aerzte: Dr. Rieh. Meyer, früher Volontär-Assistent amPatho logischenlnstitut derüniversität Leipzig, mehrjähriger Assistent an der Königl. Charite, Berlin (Zweite med-Klinik, psych. u. Nervenklinik) bei weil. Geh. Rat Gerhardt u. Geh. Rat Jolly, Assistent am SanatoriumDietenmühlein Wiesbaden, langjähriger I. Assistent u. Oberarzt bei Prof. Determann (Kurhaus St. Blasien). Dr. Kirchner,ausgebildet bei Prof. Abderhalden, zuletzt langjähriger Assistent bei Geheimrat Kleiner und Prof. Thannhauser, •v .... . „ . . , ...... . Heidelberg. Dr. Kurt Schall, langjähriger Assistent von Geheimrat Kraus, Berlin. Dr. Wigger s Kurheim wieder unter Vorkriegsleitung bei Vorkriegspreisen, > ... -.—----- —-.--- --—.. . . Unter gleicher Leitung „Ver KurHof", vorneHme FanUUenpen^u. Näheres durch den Besitzer 2>r. Florenz Wigger, Geh. Hofrat, Zimmer, eingeschlossen volle Verpflegung, von 8 Mark bis 12 Marli pro Tag. Wigger’s Kurheim Schönster Herbstaufenthalt -SM«