Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 37 (8.9.1926)
- Date
- 1926-09-08
- Page
- Seite 483 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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483 Vom öeurfehenluöen unb seuren Gs«neen L VON GEORG HERMAN N I. Letzthin las ich einen Artikel, ein Feuilleton, eine Plauderei die das Gegenteil von dem auslöste in mir, was sonst diese Aeitungsbeiträge unter dem Strich bezwecken. Es gab mir nämlich zu denken; und oft scheint doch nur ihr Zweck zu sein, auf angenehme Art unser Denken auszuschalten. Es war eine Plauderei von Hermann Hesse und sie sprach über schlechte Gedichte. Früher wußte ich genau, sagte er ungefähr, was schlechte Gedichte waren. Wenn mir junge Leute ihre Verse einschickten, konnte ich klar und eindeutig sagen: das ist gut, das ist schlecht, und das Gute liebte ich, das Schlechte haßte, verachtete und verlachte ich. Heute weiß ich es nicht mehr. Ich komme oft noch in die gleiche Lage, werde um mein Urteil gebeten, aber . . . liegt es an mir? Bin ich älter geworden? An der Zeit, die sich wandelte? . . . ich weiß es nicht recht mehr. Ich finde oft das Schlechte gut und das Gute schlecht, und es kann Vorkommen, daß mich das Schlechte mehr rührt und entzückt als das Gute. Kurz: all meine Begriffe über Lyrik, von denen ich glaubte, sie wären fest und unumstößlich sind durcheinander gekommen. Ich zweifele daran, daß es überhaupt solche -festen Begriffe gibt, oder ich muß bekennen, ich verstehe gar nichts davon, und ich habe mich anscheinend meinen Lebtag mit einer Sache beschäftigt, nur um zu diesem Resultat zu kommen. Was Hermann Hesse für ein kleines ästhetisches Teilgebiet da aussprach, traf mich irgendwie im Ganzen. Zum Schluß habe ich heute täglich bei den tausend Dingen, die im§- umströmen, unser Urteil und unsere Einstellung herausfordern, ein ähnliches Gefühl. Noch vor zwölf Jahren, vor acht Jahren hätte ich genau sagen können: Ja oder Nein; Weiß oder Schwarz; ich bin dafür, ich bin dagegen; das ist anständig, das unanständig; das ist Wahrheit, das Lüge; d a s ist Recht, j e n e & 11 n x e d> t. Heute stehe ich allen ethischen und ästhetischen Fragen ratlos gegenüber; ebenso wie allen religiösen oder politischen. Ich glaubte eine Vorstellung zu haben von dem, was Kunst ist. Ich sehe jetzt Huuderttau sende über Kunst lächeln oder gähnen und begeistert vor Belanglosigkeiten knien, die in vierundzwanzig Stunden verweht und vergessen sind, um neuen Belanglosigkeiten Platz gemacht zu haben. Ich glaubte eine Vorstellung zu haben von dem, was Recht ist, und was nach unfern Normen strafbar ist; aber ich lese täglich, wie Unrecht straflos ausgcht und Recht in die Gefängnisse wandert. Ich hatte die Empfindung, daß ein Menschenleben geheiligt, wertvoll und unvernichtbar sein solle, und daß der Wert des Menschenlebens stiege je nach der Höhe seiner Kultiviertheit und seines Nutzwertes für die Allgemeinheit. Ich -glaubte, daß Diebstahl beim Armen entschuldbarer wäre als beim Neichen. Ich glaubte, daß man nicht lügen dürfe einer Sache oder eines Zwecks willen. Und ich sehe/ daß ein Menschenleben Hnnderttausenden meines Vaterlandes -eine Lappalie bedeutet, daß jeder Massendiebstahl und jede Vernichtung des Volksvermögens gestattet ist, und daß im Kampfe der politischen Meinungen die dümmste Lüge als die beste Waffe erkannt wurde. Denn das, was ein einzelner nie glauben würde, daraus schwören Tausende ohne jedes Bedenken. Und wer das Gesetz dieser M a s s e n p s y ch o l o g i e geschickt anzuwenden weiß, der wird als .tüchtiger Kerl und Führer gepriesen. Ja, sogar über die simpelsten Dinge, die mich selbst angehen, bin ich ganz schwankend -geworden. Ueber meine Abstammung, über weine Mentalität, meine Zugehörigkeit zu einer Religionsgesellfchaft, in die ich hineingeboren wurde, und über den Wert oder Unwert meiner Umgebung, des Volkes, dem ich der Nationalität nach angehöre. Bis vor zwölf Jahren hatte ich eigentlich die Empfindung, daß ich es bei allem Elend, das ich mein Lebtag durchgetostet hatte, doch nicht übel getroffen hätte. 1871, also nach dem Krieg, machte ich zum Bewußtsein — gelebt hatte ich schon seit dreißig .oder vielleicht dreihundert Millionen Jahren — meine Augen auf. Die letzten dreitausendsünfhundert Jahre hatte ich als Jude gelebt. Viertausend Jahre vordem war ich Sternenanbeter -gewesen. Keine häßliche Sache. Man denke, wenn die heiße, blaue Nacht über der braunen Wüste liegt und es oben zu glimmen und zu glitzern anhebt wie in einer riesigen Kristallschale, die himmelhoch über uns gestülpt ist, und man nun plötzlich — man weiß es gar nicht, wie es über einen kommt — in die Knie sinkt, -den Kopf ins Genick wirft und die ausgebreiteten Arme emporrerßt und Worte stammelt, deren Sinn man selbst kaum ahnt. Irgend etwas von dem war in mir geblieben von den letzten siebentausendfünfhnndert Jahren, auch wenn ich in einer Welt lebte, in der es weder Zelte, noch Palmen, noch Schakale, noch Herden von Kamelen gab, -oder wenigstens die nur im übertragenen Sinne. In einer Welt, in der es acht Monate echter Winter und vier Monate unechter Sommer war. Und dieses Etwas machte, daß ich ein wenig verschieden war von meiner Umgebung, -aber kaum viel mehr Hie uemltende Hobel sind die erfreulichsten für den Besitzer, sie müssen künstlerisch hoch, zeitgemäß und vernünftig sein. Zur Besichtigung solcher Möbel lade ich ein Tauenhienstrasie 10 und Molken markt 6.- Drucksachen kostenfrei, desgleichen die kleine Schrift: „Nhhtdmus im Wohnraum". — PreiSwürdigkelt, ZahlungSerleichtrrung. Molkenmarkt 6. lil. DittiMr, Möbelfabrik $e!nholds> T&ufm&ima Messing-Bettstellen ö'serne Bettstellen (Binder-Bettstellen {Talent-Matratzen \rsy ' für Jfolzbefhteikn Bettenhaus Lcmßiiatei ‘Mauerst. 76 neben dem Postmuseum TEL. 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