Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 37 (8.9.1926)
- Date
- 1926-09-08
- Page
- Seite 482 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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1920 in bicfer Hinsicht weniger Widerstand entgegengesetzt wurde als den Beschlüssen des Berliner Kongress t s von 1878, so hatte das seinen Grund nicht etwa in einer jäh erwachten Erkenntnis des den Juden bis dahin angetanen Unrechts, sondern in — N u in ä n i e n s - finanziellen Nöte n. Alan sagte sich in Bukarest nicht mit Unrecht, daß die inLcrnalioualen Finanzplatze einem Lande, in dem auch nur ein Teil der Burger Sondergesetzen unterworfen ist, ein gewisses Misstrauen entgegenbringen, und man zog es vor, diese Sondergesche zu beseitigen, um sich den Weg zu jenen Finanzplätzen nicht unnötig zu erschweren. Wer jedoch so optimistisch war, zu glauben, daß damit eine neue, freie Aera für die Juden in Rumänien angebrochen sei, sah sich in seinen Erwartungen bald bitter getäuscht: Die bürgerliche Gleichberechtigung war wohl verliehen, das heitzt sie stand aus dem Papier; tatsächlich sind die Inden in Rumänien heute ebensowenig gleichberechtigt wie vorher. Fremde, die sie schon vorher im verächtlichen Sinne jener Denkmalsinschrist waren, sind die Juden in Rumänien der Verfassung zmn Trotz bis auf den heutigen Tag geblieben. Allerdings: Eie teilen dieses Schicksal mit den Deutschon, Ungarn, Russen, Bulgaren und allen anderen N i ch t rumänen, die innerhalb der neugezogenen nmuimfd;ion Grenzen leben. Trotzdem" besteht ein sehr bemerkenswerter Unterschied: Deutsche, Ungarn usw. gehören einer Religion an, die nicht — der Teufel allerhöchst selbst geschaffen hat. Die Religion der Inden aber ist, nach dem Dogma der maßgebenden Antisemitensührer — die Verquickung von Antisemitismus und Fascismus in Rumänien, und die Tatsache, daß in Rumänien ein sascistisches Regime bevorsteht, verbieten, derartige Ergüsse mit dem Lächeln zu beantworteu, das sie sonst verdienten — teuflischen Ursprungs; sie gebietet ihren Gläubigen, das heißt den Juden, die „anderen", in unserem Falle also die Rumänen, nach allen Regeln der Kunst auszubeuten, ihr moralisches Ansehen systematisch zu untergraben, sie ihrer Wirtschaftsquellen zu berauben, sich mit einein Wort zu ihren Zwingherren aufzuwersen. (Weise und Text dürften dem deutschen Leser wohl nicht ganz unbekannt sein. Es ist in der Tat deutsche Exportware, malle in Leipzig und München . . .) Um zu diesem Ziele zu gelangen, ist den Anhängern diesem Teufelsreligion jedes Mittel recht: Freimanrertum und Volschewisnnls, Krieg und Revolution, Kapitalismus und Sozialismus, Demokratie und — Diktatur . . . . Nichts ist ihnen heilig, Leben und Wohlstand der „anderen" opfern sie, den Bestand des Staates, in dem sie wohnen, gefährden sie mit der größten Gleichgültigkeit, wenn nur ihre Macht, ihr ^Einfluß ungebrochen bleibst solange Ergüsse dieser und ähnlicher Art ihren Ausdruck lediglich in einem Käseblättchen fanden, welches (natürlich) den. Titel „Nationale Verteidigung" führt, und bestenfalls noch in den Zusammenkünften dieser Sekte, durste man sie übersehen; ganz ungefährlich waren sie allerdings schon darum nicht, weil die Regierung ni i t d e n Anti s e m i t e n l i e h äugelte, sie mit erstaunlicher Milde behandelte und nur eingriff, wenn es wirklich nicht mehr anders ging,, wie etwa vor genau eine Jahre in I a s s y. Der Einzug von 11 Hakenkreuzlern ins Parlament jedoch, noch mehr aber die zunehmende „Fascisiernng" der öffentlichen Meinung Rumäniens zwingen, sich mit solchen Erscheinungen eingehender zu befassen, sie können morgen schon von unabsehbarer Tragweite sem. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Hakenkreuzl e r i s ch - f a s c i st i s ch e Bewegung in, R u m ä n i e n einen Handstreich vorbereitet, einige Führer der Bewegung hatten sogar die Freundlichkeit, zu erklären, daß sie "den Herbst dieses Jahres als den geeigneten Augenblick -ansehen, mit ihrer Bewegung, die sie ausdrücklich als „sascistisch-revolutionär" bezeichnen, zu beginnen. Wohl finden a n g e s a g t e Revolutionen nicht statt. Eine Revolution im Sinne einer MassenerheLung gegen die gegenwärtige Regierung wird es allerdings auch nicht sein, schon aus dem Grunde nicht, weil die Bewegung innerhalb der Regierung selbst ihre Anhänger findet. Tie Frage, die hier interessiert, ist: Wie wird sich die Lage der Juden gestalten, wenn es zum Handstreich kommt? Die Vorgänge seit 1923 lassen Oernmtcn, welches Schicksal der Juden wartet, wenn die Negierung dem ganzen Treiben nicht bald ein Ende macht — eine Forderung, die aus- Zusprcchen notwendig, wenn auch nichts unwahrscheinlicher ist, als ihre Erfüllung; denn kein anderer als der gegenwärtige Minister des Innern ist antisemitischer „Theoretiker" und steht den Hakenkreuzlern, gelinde gesagt, sehr nahe. Seit dem Jahre 1 92 3 hat die Lage der Juden i n> . N u m äuie n sich von Tag g u T a g v e r - s ch l i m nt c x t _ Daran hat auch die Anwesenheit des ein* z i g e u j ü dische n Abgeordneten in der rwaiänischen Kammer nichts ändern können, obwohl (oder weil?) dieser Abgeordnete mit Unterstützung der Regierung gewählt ist. Seit dem Jahre 1923 besteht an den rumänischen Universitäten tatsächlicher numcrus clausus, das heißt, die jüdischen Studenten werden g e w a l t s a m aus den Räumen der Hochschulen verdrängt und ihnen so die Durchführung ihrer Studien praktisch unmöglich gemacht. Die Studenten, die es vorziehen, ausländische Hochschulen zu besuchen, sind durchaus nicht sicher, daß sie den erlernten Berus in der Heimat auch werden ausüben können, denn die Anerkennung ihres oft unter den unsäglichsten Entbehrungen erworbenen Dipstoms einer deutschen, italienischen, französischen oder englischen Hochschule ist von dem erfolgreichen Bestehen einer sogenannten „Nostrisikationsprüfnng" abhängig, bei der weniger aus die wissenschaftliche Befähigung als aus die Konfession des Kandidaten Rücksicht genommen wird. Jüdischen Unternehmern werden staatliche Kredite, im Gesetz vorgeschriebene Zoll- und Steuererleichterungen u. a. m. nur nach Ileberwindung der größten Schwierigkeiten, und auch dann nur „verhältnismäßig" gewährt. E i se n bah nsa h r t eN' in Ru mä n i en sind für die In de n geradezu lebensgefährlich; sie riskieren, auf offener Strecke aus den: Zug geschleudert zu w e x b c n. Beschwerden an die Bahn- und Bahnpolizeiorgane sind vergebens, diese verweigern regelmäßig die Intervention. Diese vier Tatsachen, die noch um Hunderte vermehrt werden könnten, genügen wohl; sie geben ein klares Bild von der Lage der Juden in Rumänien. Alle diese Vorgänge zusammengenommen aber sind eine s h st e m a t i s ch e Demonstration gegen die Z u e r t e n n u n g d e r Bürgerrechte an die Juden im Jahre 1 922, gegen die unter dem Beifall des ganzen Hauses der Führer der Antisemitenpartei im rumänischen Parlament vor einigen Tagen mit der Begründung protestiert hat, sie wäre ohne Z u st i m m u n> g d e 's rumänischen Volkes erfolgt: der Redner wurde, als er die Tribüne verließ, vom — Ministerpräsidenten beglückwünscht. Dieser Händedruck sagt mehr, als Lausend Reden, als alle Versicherungen: Die rumänische Regierung sieht die A n ti s e mi L en - F a \ c i ft e n a l s Fleich von ihrem Fleische, Blut von ihrem Blute an. Wenn die Faseisten sich anschicken werden, die gegenwärtige „bürgerlich-ideologische" Regierung aus dem Sattel zu heben, so werden sie nicht viel Widerstand finden. Sind sie aber erst einmal an der Macht, so wird eine ihrer 'ersten „Taten" sein, die oben geschilderte tatsächliche Lage der Juden in Rumänien zu „l e g a * sieren". Dr. I. G. Sihners. Heinrich Mack Nachf.. Ulm a. D. «SS** Alleinige Anzeigen-Annahme Rudolf Mosse, Anzeigen-Annahme für sämtl. Zeitungen Deutschlands und des Auslands Berlin SW 19, Jerusalemer Strafte46-49- Breslau. Chemnitz .Dresden . Düsseldorf. Erfurt. Frankfurt a. M.« Halle (Saale). Hamburg . Hannover . Karlsruhe. Köln a.Rh.« Leipzig Magdeburg * Mannheim « München . Nürnberg . Stettin . Stuttgart . Amsterdam . Barcelona. Basel. Budapest . Bukarest . London. Mailand . Prag « Warschau . Wien. 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