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Central-Verein-Zeitung · 1926-09-08 · 37 (8.9.1926) · p. Seite 481

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
37 (8.9.1926)
Date
1926-09-08
Page
Seite 481 (sequence 5)
Language
German
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Sie MeojiM in Polen nnd Rumänien. Sonderberuftte für die „c. v.ZeituW". Der neue Ms Ln Polen. Inner politische und wirtschaftliche Wandlung. — Zune h m ende Abkehr v o rn Z i o n i s m u 8. Bielitz, im September 1926. Seit dem Umsturz in Polen im Frühjahr d. I. hat die Lage der Juden daselbst eine bedeutende Wandlung erfahren. Eine neue Regierung ist ans Ruder gekommen, die in einer Reihe von Erklärungen eine neue Einstellung zu den nationalen nnd religiösen Fragen bekundet hat. In den letzten Tagen hat der polnische Ministerpräsident in einer Rede eine Aenderung des Kurses gegenüber den Minderheiten und insbesondere auch der jüdischen Minorität angekündigt. Er hat sich mit dem Antisemitismus auseinandergesetzt. „Kein Staat kann gedeihen, in dem ein Teil der Bevölkerung außerhalb des Gesetzes gestellt ist. Ein Staat, der dies gestattet, verzichtet von vorher ein auf die Mitarbeit der Ausgeschlossenen an dem Ausbau der W i r t s ch a f t." Darin, daß der Ministerpräsident diese Lücke im polnischen Rechtsleben offen besprach, liegt die große Bedeutung seiner programmmatischen Erklärung. Bartel hat zum erstenmal in dieser für Polen so heiklen Frage männliche und offene Worte gefunden. Er werde gegen jeden wirtschaftlichen A n t i s e m i t i s - E u s auftreten und einer Brüskierung der nationalen Minoritäten 'nicht nur wegen der Verfassung, sondern auch in Beachtung der Minoritätenverträge entgegentreten. Aus dieser Enunziation spricht ein neuer Geist, der als Zeichen einer neuen Zeit sehr hoch zu werten ist. Neu ist auch die Absicht der Negierung, keinerlei geheime Abkommen mit der jüdischen Bevölkerung nbzuschlietzen, sondern sich ganz ans den Standpunkt der Verfasiungsgrundlagen zn stellen. Wie sich allerdings die Dinge in nächster Zukunft in Wirklichkeit entwickeln werden, ist bei der vollständig unberechenbaren Mentalität der polnischen Volksseele schwer zu sagen. Auf wirtschaftlichem Gebiete ist der, neue Kurs allerdings bisher noch nirgends deutlich in Erscheinung getreten. Trotzdem der Höhepunkt der Wirtschaftskrise überschritten zn sein scheint, trotzdem die ökonomische und namentlich die Finanzlage des Staates in letzter Zeit eine merkliche Besserung erfahren hat, fühlt die jüdische Bevölkerung noch i rn rn e r keine E n t s p a n n u n g; die Lage der jüdischen Kaufmannschaft nnd des jüdischen Handwerks in ganz Polen ist nach wie vor sehr schwer. Der Handel, der zum größen Teil sich in jüdischen Händen befindet, war in Polen immer das beliebteste Sleuerobjekt, immer bedrückt durch Verkehrsbeschränlungen und beraubt jeder Entwicklungssreiheit. Das Streben^ fast aller polnischer Parteien war auf die Vernichtung des jüdischen Elements im Handel gerichtet. Das vom amerikanischen Finanzsachverständigen Professor Kemmerer ansgearbeitete Memorandum über die Lage der polnischen K a u f nt anns ch a f t bestätigt diese Ansicht. Die ungeheure Steuerbelastung hat die Zahlkraft des jüdischen Kaufmanns völlig vernichtet und das Umsatzkapital fast ganz hinweggefegt. Die bisherige judenseindliche Politik der früheren Regierungen hatte die Schließung vieler kleiner und mittlerer Betriebe zur Folge gehabt, wodurch sich das Arbeitslosenheer der jüdischen Handwerker stark vermehrt hatte. Als Folge hiervon setzte ein starker Abwanderungsprozeß jüdischer Unternehntungen nach dem Anslande ein. Die jüdische Kaufmannschaft betrachtet als ihre wichtigsten Forderungen die Herabsetzung der Umsatzsteuer und der Verzugszinsen von den nicht am Termin geleisteten Steuern, sie wehrt sich ferner gegen die gesetzlich festgesetzte Arbeitswoche von 46 Stunden und verlangt um so mehr eine Reform dieser Bestimmung, als die meisten jüdischen Kaufleute in Polen am Sonnabend und Sonntag die Geschäfte geschlossen halten. Die geforderte Milderung der drückenden' Paßvorschriften soll dem jüdischen Kaufmann Handelsnnd Bewegungsfreiheit gewähren; eine liberalere Kreditpolitik der Staatsbank gegenüber den Juden, die bisher an der Krediterteilung so gut wie gar nicht partizipieren, wird angestrebt. Mer auch in innerjüdischen Fragen ist eine Klärung der Verhältnisse eingetreten, wie sie vor einem halben Jahre niemand sich hätte träumen lassen. Die sieben Jahre einer beispiellosen Souveränität der zionistischen Führer haben der jüdischen Bevölkerung endlich den Irrtum aufgezeigt, der in dem fast grenzenlosen Vertrauen zu dem Palliativmittel der Palästinaauswanderung lag. Jetzt, da so viele Auswanderermassen aus Palästina nach Polen Zurückfluten, in der Regel verarmt und verwahrlost, oft des Allernotwendigsten beraubt, greift langsam herbe Ernüchterung der früheren Begeisterung für die zionistische Sache Platz. In den Jahren nach dem Umsturz, in einer Zeit der Pogrome und maßlosen Judenhetzen, war es ein Leichtes für die zionistische Partei gewesen, möglichst viele Anhänger und Mitläufer in ihre Reihen zu bekommen. Eine sorgfältige Reklame arbeitete mit reichlichen Mitteln und konnte bei dem Werbefeldzug für Palästina viel äußeren Erfolg verzeichnen. So kam es, daß, begünstigt durch die traurigen ökonomischen Verhältnisse in Polen, an viele Juden, namentlich an die ärmsten unter ihnen, die Versuchung herantrat, die alte Heimat zu verlassen, und lieber in das funkemagelneue Land, das ihnen neues Glück und Gedeihen bringen sollte, auszuwnnderit. Bekanntlich stellt Polen seit Jahr und Tag das größte Kontingent der Palästinaauswander. Das palästinensische Trugideal haben die vielen Tausenden von Auswanderern teuer bezahlt. Wer immer auswanderte, gleichgültig ob Kaufmann, Handwerker oder qualifizierter Arbeiter, fand drüben unerträgliche Verhältnisse und nicht die geringste Gegenleistung für seinen Opfermut nnd seine jahrelange Ausdauer. Wie stark der Einfluß der zionistischen Demagogie war, die von den Seelen der nach jedem Rettungsanker greifenden jüdischen Massen Besitz ergriff, ist allzugut bekannt: mit einem Fanatismus und einer Geschicklichkeit, die nicht ihresgleichen finden, widmete sich der jüdische Nationalismus in Polen der Aufgabe, vor allem der Jugend den heißen nationalen Atem nnd die Palästinasehnsucht einznflößen, die sie zu vollgültigen Juden machen sollten. Langsam bricht sich auch hier eine neue Ueberzeugung Bahn. Selbst die zionistische Presse Polens gibt zn, daß in der letzten Zeit die „Assimilation" wieder kühn ihr Haupt erhebt. Seit einem halben Jahr mehren sich die G xünb ungen neue r antizi oni st i s ch e r P arte i e n innerhalb des p o l nischen Indent u m s. Neben der mächtigen Jüdischen Volkspa rtei unter der Führung des ^ejmabgeordneten P r h l n c k i, der, obwohl jüdischnational, den Zionismus als Hindernis für die Milderung der wirtschaftlichen Judennot in Polen infolge Ableitung der jüdischen Hilfsmittel nach Palästina offen bekämpft, haben sich in der letzten Zeit neue Fraktionen gebildet, die ans ihre Fahne das Programm des liberal-demokratischen Judentums und vor allem den Kamps gegen das Irrlicht des Zionismus geschrieben haben (z. B. die letztens gegründete Jüdisch-demokratische Volkspartei in Wilna). Vielleicht deutet diese neue Einstellung in innerjüdischen Fragen doch darauf hin, daß durch die Ueberbrückuug der Gegensätze zwischen Juden und Nichtjuden ein Neben- und Miteinanderleben auf einer erträglichen und für beide Teile ersprießlichen Basis ermöglicht werde. Vielleicht verschwindet doch die Vorherrschaft einer einzigen Partei und macht einer den kulturellen und .wirtschaftlichen Bedürfnissen der Judenbeit in Polen mehr Recbnung tragenden neuen Orientierung Platr. Dr. Fritz Stifter (BieLitz). & Die Gleichberechtigung der rumänischen Juden. Bürgerrechte seit 1923 — aber tatsächliche Rechtlosigkeit — Bor hakenkreuzlerischsascistischem H a n d st r e i ch. Bukarest, im August 1926. Nirgends offenbart es sich im gleicher Deutlichkeit wie in Ruwänien, daß der Antisemitismus im Grunde nur Kompenfierung eines den Vertretern dieser „Weltanschauung" eigentümlichen uneingestandenen Schwächeg efüh Ls ist. Wer auf rumänischen Denkmälern, die sich zu alledem auch noch in unmittelbarer Umgebung von Kirchen befinden, Inschriften liest wie die folgende: „Wer die Fremden liebt, dem mögen die Hunde das Herz verschlingen, sein Geschlecht aber möge dem Elend verfallen", müßte über solchen Haß erstaunt sein, böten die innere und äußere Lage Rumäniens nicht ausreichende Erklärung. Wohl war der Antisemitismus i n Rumänien seit jeher gleichsam ungeschriebenes Gesetz; seitdem aber Rumänien als „Siegerstaat" um mehr als das Doppelte vergrößert aus dem Kriege hervorging, haben sich die Probleme, die diesem Staat schon in seiner Geburtsstunde mit auf den Weg gegeben worden waren, in einem Grade verschärft, daß man heute geradezu von -einer Problematik -der Existenz des tu* m ä n i s ch e n S t a a tsw e s e n s, wenigstens in seiner heutigen Ausdehnung, sprechen kann. Diese Problematik empfinden weite, vor allem die führenden Kreise in Rumänien schwer; da es jedoch eine Eigenheit des internationalen Nationalismus ist, die Fehlerquelle überall zu vermuten, nur nicht bei sich selbst, muß ein Sündenbock gesucht werden; er ist bald -gesunden, denn gibt es wohl einen besseren Sündenbock als di-e Juden? In den Vorstellungen der weitesten Kreise in Rumänien gelten die Juden auch heute noch als „Fremde", die mau lieber außerhalb der Grenzen sähe. Wohl hat die neue rumänische Verfassung vom Jahre 1922 den Juden die Bürgerrechte zuerkannt, die ihnen bis dahin vorenthalten waren. Das geschah weniger, um Rumänien endlich vom Makel der Jndenfrage zu befreien, der ihm seit seiner staatlichen Geburt anhastete; } es geschah vielmehr auf Drängen der FriedenskonferenZ, das; heißt der westlichen Siegermächte, bk wenigstens in diesem einen Falle versuchten, dev Ideologie der Demokratie zum Siege zu j verhelfen. Wenn rumänischerfeits den Vertragsbestinwnmgen von

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