Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 37 (8.9.1926)
- Date
- 1926-09-08
- Page
- Seite 479 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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479 R ci u? di»ft ci s f di o it o h. Von Rabbiner Dr. Rosenihal (Köln). Heil dem Volk, das den Posaunenruf versteht! Herr, im Lichte deines Angesichts wandeln sie. (Psalm 89, 16.) Wer sich die Mühe nimmt, den angeführten Bibelvers, mit dem bekanntlich das Schofarblasen am Neujahrsfeste seinen weihevoll erschütternden Eindruck zum Höhepunkte führt, an der Originalstelle auf- Zuschlagen und im Zusammenhang des ganzen Psalms zu betrachten, der gewinnt von seiner Bedeutung für die besondere Stunde einen umfassenden, überraschenden Eindruck. Der Vers steht im ersten Teil des dreigegliederten 89. Psalms, in dem der Sänger für seinen Hymnus auf den aus dem Chaos entstehenden Kosmos den Auftakt findet: „D i e Welt ist aus Liebe erbaut*), an die Himmel hast du, Gott, deine Treue befestigt." Dann folgt die Schilderung der Gottesmajestät rings in der Natur, über den Wolken und auf dem Meere, in Nord und "in Süd, an den Wassern und ob den Bergen. Dieser Hymnus klingt aus in das Bekenntnis: „Recht und Gerechtigkeit sind deines Thrones Stütze, Gnade und Wahrheit Ziehen vor dir einher", und unmittelbar daran schließt sich: „Heil dem Volk, das den Posaunenruf versteht! Herr, im Lichte deine Angesichts wandeln sie." — Und ein anderes, ein Größeres wird Posaunenruf und Schofarklang in dieser Weite der Betrachtung, als sie dem engen nur aus diesen einen Tag, oder auf ein' Jahr, oder auf ein ganzes Eigenleben gerichteten Sinn erscheinen mögen. Sie sind mehr als Erinnerung an eines jüdischen Vaters grandiosen Opfersinn, als Gewissenserforschung für die Vergangenheit und Gewissensaufruf für die Zukunft. Sie sind das Bekenntnis der sittlichen Weltordnung, eines von der göttlichen Liebe und der menschlichen Gerechtigkeit getragenen WeltenseinZ. .Den Posaunenruf verstehen, heißt im Gottestichte wandeln — heißt die Sprache verstehen, die von den Jenseitswerten altes diesseits Geschaffenen, von seinem Zusammenhang mit dem göttlichen Ursprung, von seiner höheren Berufung und seinem geistigen Ziel mit übermächtigen Tönen verkündet. Nachdem dann im zweiten Teil des Psalms der mit dem heiligen Oel gesalbte Davidsproß als der Sachwalter eines solchen Gottesreiches auf Erden anerkannt, seine Verantwortung für die Erfüllung seiner Sendung mit eindringlichen Worten hingestellt, aber auch die Unlösbarkeit des an seinen Namen gehefteten Gottesschwurs in feierlichem Ernst verkündet ist, werden plötzlich im dritten Teil, im Abgesang der Dichtung, jäh und unvermittelt ganz andere, fremdartige, düstere Klänge angeschlagen. „Wie lange noch, o Herr? — Du hast deines Knechtes Zäune durchbrochen, den Schrecken gelegt an seine Festen. Wer vorübergeht, fällt ihn an, zum Hohne ward er seinen Nachbarn. — Gedenke, Herr, der Demütigung deiner Knechte, meiner, *) Der sprachlichen Schwierigkeit dieser Uobersetzung für aulom chesed jiboneh (Psalm 89, 3) bin ich mir bewußt. Keine andere ist unanfechtbar; für die gewählte spricht die damit erzielte innere und äußere Kongruenz der Leiden Vershälften. der ich in meinem Schoße trage, all die dielen Völker! Die da feindlich schmähen, o Herr, schmähen die Spuren deines Gesalbten." Man braucht nicht viel aus- und noch weniger unterzulegen, um aus diesem wechselvollen Stimmungsgehalt des 89., in der Flut der Schofartöne verankerten Psalms den Widerklang der konträren Empfindungen herauszuhören, mit denen wir uns wieder dem Rausch-- ha-schonoh entgegenrüsten, dem Tage der Besinnung und des Gerichts und des Posaunenhalls. Groß und klar rollt sich unsere jüdische Bestimmung vor uns auf, wie der in herbstlich reiner Luft uns unergründlich hoch und blau umspannende Himmel. Wir spüren die unermeßliche Liebe, die das Weltall trägt und hält, wir fühlen die unwandelbare Treue, an der die Himmelswölbung rhythmisch schwingt. Und wir -empfinden Liebe und Treue als den einzigen Sinn und Wert menschlichen Daseins unb irdischer Arbeit, Wahrheit und Recht als den einzigen Weg, der auswärts führt zum Licht und zum Frieden. Aber in die Süße unseres Aufschwungs zum jüdischen Glaubens- und Lebensideal fällt hinein die Bitterkeit über all die blutigen Nadelstiche des jüdischen Dornenwegs. Durch „all die vielen Völker, die ich in meinem Schoße trage": durch eben die Menschheit, die auf dem Boden jüdischer Sitten- und Glaubenslehre emporgediehen ist in ihre Kultur und Humanität, in ihren sozialen Geist und Nechtsbegrifs. Das Judentum, das schon im Zehnwort nicht nur für Knecht, Magd und Fremdling, sondern auch für das Tier Schutz und Rücksicht als unbedingtes, göttliches Gebot festgesetzt hat, wird als Religion der Tierquälerei verdächtigt. Das Judentum, dem das Menschenleben so heilig, der Mord ein Entsetzen und Abscheu, der Blutgenuß ein Verbrechen ist, muß sich immer und immer wieder gegen den Wahnsinn der Nitualmordlüge zur Wehr setzen. München, Breslau, Hannover, Magdeburg, sind das alte Stationen jüdischer Anfechtung in Deutschland aus jüngstvergangener Zeit? Oder sind nod) andere Namen und Orte zu nennen, wenig ruhmwürdiae Denkmäler der Demütigung und Schmähung des jüdischen Namens an den Lebenden wie an den Toten — „wie lange noch, o Herr?" Versteht den Schosarrnf: dann wandelt ihr im göttlichen Lichte. Er ertönte, als Israel am Sinai seines Gottes inne ward, zum Hort der Lehre sick) verpflichtete; er wird ertönen, der große Sck)osar, wenn einst die Verlorenen und Verstoßenen aus allen Ländern kommen und „sich bücken vor dem Herrn auf dem heiligen Berge in Jerusalem". Er ist die Brücke von der Vergangenheit in die Zukunft; er ist aus zeitloser Weite der Ruf der Ewigkeit in diesen: engen Tal des zeitlichen Geschehens. Er läßt den inneren Blick, die irdische Schranke durchbrechen, den Geist aus den Niederungen und Trübungen des Lebens zur Welt der Liebe und Wahrheit, der Treue und des Rechtes fick) emporringen. Er läßt das Herz im Wirrsal der Vergänglichkeit am bleibenden Pol alles Seins Halt und Gleichmaß finden und miteinstimmen in das Bekenntnis, mit dem der Sänger des 89. Psalms seine wehmütige Klage versöhnend abschließt: „Gelobt sei der Gott der Ewigkeit. Amen, Amen." Erlebte Religion» Predigten, gehalten in der Synagoge der Jüdischen Reformgemeinde zn Berlin, von Dr. Felix Coblenz. Am 3. September führte sich zum drittenmal der Todestag des Rabbiners Dr. Felix C o b l e n z, der mitten aus seiner schassenden Arbeit heraus hinweggerafst wurde. Als ein sinniges Denkmal der Erinnerung veröffentlicht*) nun seine Gattin einen Band Predigten, die her so früh Entschlafene in den sechseinhalb Jahren seiner Berliner Wirksamkeit gehalten hat. Die Gnade der Beredtsamkeit war Dr. C o b l e n z gegeben wie wenigen in unseren Tagen. Wer einmal im Banne seines Wortes gestanden hat, wird den tiefen Eindruck seiner außerordentlichen Persönlichkeit nicht wieder vergessen. Aber and) die gedruckte Predigt zeigt uns C o b l e n z nid)t nur als einen Meister des Wortes, sondern aud) als den feinsinnigen Seelenkünstler, als den überzeugungstreuen Juden und den eä)ten Deutschen. Die 25 Predigten, die in diesem stattlichen Bande vereinigt sind, bilden wahre Kabinettstücke echter Kanzel beredtsamkeit. Gleich in seiner Berliner Antrittsrede hatte Coblenz erklärt, alles, was er von der Kanzel herab der Gemeinde zn sagen .habe, solle erlebte Religion fein. Und das ist in der Tat der tiefe Eindruck, den die Lektüre dieser Predigtsammlung hinterläßt, daß wir hier einer Persönlick)keit gegenüberstehen, der das religiöse Erlebnis das zentrale Problem ihrer .Existenz bedeutet. Hier ist Religion nick)ts Abseitiges, nichts, was nur an die Peripherie des Lebens hier oder dort rührt, sondern mitten hinein ins Leben tritt die Religion und wird hier zu einer lebendig wirkenden und fruchtbaren Kraft. So gewinnt der Leser den starken Eindruck einer wirklichen Realität der Religion; sie ist nichts Problematisd)es und nichts Antikes, sie bedeutet Lebensnahe und Gegenwart. Wie ein „lebendiges Wasser" rausd)t der Strom der Rede dahin, und alle Bezirke, die er durchflutet, sättigt er mit Fruchtbarkeit. Judentum bedeutet Coblenz Tiefe, Kraft und freie Entwicklung. Das prophetische Judentum gilt ihm als seine höchste Blüte, aber and) aus dem Leben der Stammväter wie aus dem religiösen Suchen der rabbinischen Periode sd)öpst er Erbauung und Belehrung. An der Bibel hängt er mit einer geradezu finblicfjen Verehrung, und immer wieder weiß er mit eindring- Iid)cr Kraft ihren Reichtum und ihre Schönheit seinen Zuhörern nahezubringen. Daß Coblenz — wie and) schon in fernem 1904 und 1907 erschienenen Predigtsammlungen — dem religiösen Fortschritt das Wort redet, ist selbstverständlich. Aber mit aller Entschiedenheit lehnt er einen „freireligiösen" Religionsersatz ab: „Allgemeine Menfchhcitsreligion ist nodi kein Judentum, und ethische Lehren allein machen noch keine Inden. Wir stehen aus festem geschichtlichen Boden, und kein deutscher Jude darf sich diesem Boden entziehen, wenn er nicht selbst entwurzeln will." Klar und unzweideutig ist Coblenz' Stellung zum Problem „Deutschtum und Judentum". Was der C. V. in einer mehr als dreißigjährigen Tradition den bcutfdjen Juden als ein heiliges Vermächtnis überliefert hat, die tiefe Liebe zu deutsd)er Art, das findet in Coblenz einen warmherzigen Künder. „Im nationalen Leben ist unser Platz an der Seite derer, mit denen wir als Kinder unseres beutjdjen Volkes verbunden sind ... Wir lassen uns dorr denen nicht losreißen, deren Kultur die unsere ist, deren Sprad)e wir als unsere M u t t e r s p r a ch e sprechen u n d deren Jammer und Not wir als unser P e r s ö n l i d) e s Leid erleben. Der Boden, auf dem wir geboren und erzogen rfuf Seite *+Q3 beginnen wir mit dem Abdruck der Artikel reihe von teeri Jferaunn: Vom deutsdten Süden and seinen Gegnern. *) Philo-Verlcrg, Berlin 1926» Preis 4,50 M.