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Central-Verein-Zeitung · 1926-09-08 · 37 (8.9.1926) · p. Seite 478

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
37 (8.9.1926)
Date
1926-09-08
Page
Seite 478 (sequence 2)
Language
German
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47$ hört zum Grundbestand der menschlichen Natur und hat durch gewisse dauernde Einstellungen bestimmter Arten von Wertschätzungen diesen entsprechende Werturteile zur Folge. Der Begriff ist klargestellt. So wird es sich darum handeln, in eine Nachprüfung darüber einzutreten, welche Bedeutung dieses Ressentiment im L eben der Völker und Klassen besitzt. Und hier wird es dem Nachdenklichen sofort klar, daß in der Tat nichts so bedeutsam für die Einstellung insbesondere der sozialen Klassen zueinander ist, wie das Ressentiment. Wir wissen, wie die Gegensätze zwischen kleinen Bauern und Großgrundbesitzern nicht nur auf wirtschaftlichen Jnteressenverschiedenheiten, sondern auch aus Gesichtspunkten, die auf gesellschaftlichem Gebiet liegen, Empfindungen des Ressentiments auslösen. Wir kennen auch das Ressentiment der an den Volksschulen beschäftigten Lehrer — Volksschullehrer — gegenüber den an höheren Schulen wirkenden Lehrkräften und wissen, daß es dazu beigetragen hat, daß die Forderung nach gleichmäßiger Vorbildung beider Kate-- gorien auskam und durchgesetzt wurde. Auch der Groll der alten Jnfanterieregimenter gegen Die vornehmen und bevorzugten Kavalleristen ist keineswegs immer auf bloßen Neid zurückzuführen gewesen, sondern er beruhte auf einem Ressentiment, d. auf der Vorstellung der geschichtlich geworden Minderwertigkeit, das bei gleicher Leistung und gleichem Opfersinn — ohne daß etwa dem einzelnen Kavallerieossizier eine persönliche Schuld zuzumessen gewesen wäre — in der Gesamtstimmung des Militärlebens vorhanden war. Ressentiment beherrscht, wenn auch unbewußt, unser ganzes öffentliches Leben. 2. Wie steht es nunmehr mit den jüdischen K r eise n? Sie sind zunächst diejenigen, die am allermeisten An- I a ß zu den Empfindungen des Ressentiments der gesamten bürgerlichen Gesellschaft gegenüber haben. Die jahrelange Zurücksetzung, die geradezu entsetzlichen Leiden und unerhörten Dualen, die unseren Vorfahren zugefügt worden sind, von denen zu lesen und zu vernehmen heute noch den furchtbarsten Schrecken bereitet, das Bestreben außerordentlich vieler Kreise vor der Staatsumwälzung, ihnen Recht zu verweigern, durch Opfer der Ueberzeugung Vorteile zu erkaufen, hat in hohem Maße Ursachen geliefert, welche zu einem Ressentiment in der Entwicklung des jungen jüdischen Deutschen führen mußten. Und es soll nicht geleugnet werden, daß dieses Ressentiment in vielen innerlich Platz gegriffen hat, namentlich in solchen, deren Hauptstärke nicht im Verstandes-, sondern im Gemütsleben liegt. Die Hinwendung eines Teiles unserer Jugend zu e x tr e nr - n a tr o n a ljüdis ch en An s chau - ungen ist durch dieses Vorhandensein eines starken Ressentiments zu erklären. Und wenn die Leidenschaft mit Recht als eine Großmacht bezeichnet worden ist, so hat die Leidenschaft des Judenhasses in der Entwicklung und in der Stellung von uns Juden zum Teil sehr,' sehr böse zu wirken versucht. Aber auch nur versucht. Denn im großen und ganzen muß gesagt werden, daß die Empfindung des Ressentiments mehr in uns weicht, je klarer wir g e s ch i ch tl i ch und soziologisch zu denken lernen. Nicht das ist heute das. Entscheidende, daß zweifellos ein jüdisches Ressentiment vorhanden ist. Wie fast in allen Ständen und allen Berussklassen der Vergleich zwischen Erduldetem und Gewolltem, zwischen Erlebtem und Erstrebtem — man denke an die Stellung des früheren Offiziers zum heutigen Staat — über das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein eines Ressentiments Aufschluß gibt,, so läßt sich auch vielfach in jüdischen Kreisen, und hier wiederum namentlich in der Presse, die von politischen Gegnern unangenehm empfundene, aber doch häufig durchaus - berechtigte Kritik an den Gegenständen unseres öffentlichen Lebens "aus dem Ressentiment erklären. 3. Hier bedeutet aber das Ressentiment durchaus nichts Unedles. Auf die sittliche Wertung des Ressenlinkents einzugehen, gebietet die Zeit, welche durch den B e -g i n n u n s e r e r hohen 'Fe st tage Nachdenklichkeit und Selbstbesinnung in jedem Juden erzeugt. In der nichtreügiösen Literatur hat sich in außerordentlich ausführlicher und gründlicher Weise mit dem Gesühlskomplex, den wir heule als Ressentiment bezeichnen, schon der große englische Philosoph Adam Smith — den die meisten nur als Begründer der modernen Volkswirtschaftslehre kennen — besaßt. In seiner Theorie der ehtischen Gefühles hat Smith folgendes ausgeführt: s) In außerordentlich dankenswerter Weise neu übersetzt und herausgegeben von Tr. Walther Eckstein, Band 200 der Philosophischen Bibliothek von Felix Meiner, Leipzig 1926. „Wir bewundern jenes edle und vornehme Vergeltungsgefühl, das sich in der Verfolgung der größten Beleidigungen nicht durch die Wut lenken läßt, die sie in der Brust des Angegriffenen zu erregen pflegen, sondern durch den Unwillen, wie sie ihn naturgemäß im Herzen des unparteiischen Zuschauers Hervorrufen; jenes Vergeltungsgefühl, das sich kein Wort, keine Geste entschlüpfen läßt, die über jenes Maß hinausgingen, welches dieses gerechtere Gefühl des unbeteiligten Zuschauers vorschreiben würde." S m i t h weist in ausführlicher Darstellung daraus hin, wie es immer darauf ankommt, daß der Zuschauer, der völlig unbeteiligt ist, eine Sympathie für denjenigen habe, bei dem sich ein starkes Ressentiment zeigt, und der unter Umständen auch aus dem Gefühl des Ressentiments zur Tat schreitet oder gar, noch bevor ein Ressentiment aufkommt, auf das allerschärfste gegen Beschimpfungen und Beeinträchtigungen des Rechtes auftritt. Smith meint, die ein Ressentiment begründende Herausforderung müsse derart sein, daß wir uns verächtlich machen würden und für immer den ärgsten Beschimpfungen aussetzen müßten, wenn wir die Herausforderung nicht ahndeten. Man solle vorsichtig sein, aber, so meint Smith, das Gefühl oder die Absicht, uns im Ringen die Würde aufrechtzuerhalten, sind der einzige Beweggrund, der die Aeußerung auch unangenehmer Affekte adeln kann. Wird das Vergeltungsgefühl in dieser Weise bewacht und beschränkt, so kann man es — wie Smith ausdrücklich ausspricht — selbst als edel und vornehm anerkennen. Das Judentum hat nun, um solche Gefühle des Ressentiments gar nicht aufkommen zu lassen, insbesondere am Neujahrsfeste, die Bitte in seinen Gebetschatz ausgenommen, die da sagt: „Den Ratschluß aller derer, die auf Böses sinnen, vereitle um deiner Heiligkeit willen, damit diejenigen geschätzt seien, die dich lieben in Treue." Gerade die Heiligkeit Gottes wird angeführt, damit die Seele der Menschen, durch Handlungen anderer gezwungen, nicht zum Ressentiment werden muß. Das Ressentiment, wenn es auch unter Umständen als edel gelten kann, bleibt doch immer ein Uebel. Daher dieses Gebet. 4. Ist aber das Ressentiment durch dieses Verhalten unserer Mitmenschen eingetreten, so haben wir die Verpflichtung, uns darüber vollkommen klar zu sein, daß diese Empfindungen als solche stärkster Kontrolle durch den Verstand bedürfen. Wer die Macht des Ressentiments kennt, wird ihre Gefahr begreifen. Er wird aber unter allen Umständen eiusehen müssen, daß e i n b e r e ch t i g t e s Ressentiment den Keim zn einer gesunden Kritik und zur Besserung der vorhandenen Verhältnisse in sich trägt. Wenn darum M e i n e ck e von dem jüdischen Ressentiment bei Teilen der Linkspresse spricht, — wobei er offenbar die wenigen jüdischen Redakteure, die diese Linkspresse noch hat, meint, — so wird auch er nicht verkennen, daß es gerade diese Schriftsteller ganz besonders an ihrer persönlichen Entwicklung gesehen haben, wie sehr viele Mißstände im öffentlichen Leben, insbesondere der namentlich im früheren Staat geduldete Verfaffungsbruch und die heute noch in vielen Kreisen herrschende Anerkennung der ohne Ueberzeugung vorgenommenen Taufe, also die Belohnung charakterloser Menschen, berechtigtes Ressentiment erzeugen. Unsere Religion kennt die Ventile dagegen. Das Neujahrsfest ist das Fest der Erinnerung. Und wenn in unseren Gebeten immer wiederholt wird, daß Gott uns durch seine Lehre erleuchtet hat, dann wissen wir aus dieser Lehre, daß man vor allen Dingen das Gefühl äußerster Gerechtigkeit dem Nebenmenschen gegenüber haben muß ilnd ihn niemals beleidigen darf. Und wenn wir am zweiten Tage des Neujahrsfestes beten: „Auch! mit dem -Feste der Erinnerung verleihst du uns Weihe, Beseeligrrng und neue Kraft", so soll uns die Weihe und die Beseeligung vor unbegründeten Empfindungen behüten; auf der anderen Seite aber soll die neue Kraft dazu verwendet werden, dort, wo unser ehrlicher Name angegriffen wird, mannhaft und würdevoll unseren Mann zu stehen und unsere Herzensguter zu verteidigen. Daun kann aus dem Verhängnis manchen Ressentiments eine Gnade nicht nur für uns, sondern für die Gesamtheit werden-.

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