Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 37 (8.9.1926)
- Date
- 1926-09-08
- Page
- Seite 477 (sequence 1)
- Language
- German
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Blätter füriteuifdihxm unvluoentum StzkUn, b. September 1926 V. Jahrgang ❖ Nr. 37 Einzelnummer 10 Hol-pfennig Monatsabonnement 40 Goldpfennig zuzüglich Bestellgeld vryan des lLatnü Iterüus örutfckÄ. Staatsdürserjiwikdrn Aavveus clss Iiaclsurriirurs Verlag u.Schriftleitung: Berlin SW 68, Lindenstr. 13. Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594,3593. Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechsel« ftube G, Berlin SW 68, Lindenstr. 7, und von Goldschmidt-Nothschild & Co., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoneen-Expedition Rudolf Mosse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 MM für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Mostes Rormalzeilenmeffer Rr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder d. Centralvereins 6,45 MM, die 90 mm breite Reklamezeile 4,80 MM, Jüdisches Ressenlimenk. Eine polikische Aeujahrsbelrachlung. Von Ludwig Holländer. Der bekannte Berliner Geschichtsforscher Friedrich M e i n e ck e hielt auf der Weimarer Tagung deutscher Hochschullehrer ein Referat über die deutschen Universitäten und den heutigen Staat. Dabei sprach er über die häufig ausgestellte Behauptung, es fehle den Linksparteien an nationaler Gesinnung und wies die Lächerlichkeit dieses Vorwurfes nach'): „Unsere Linkspresse, die sich in der Hauptsache durchaus bemüht. die wirklichen nationalen Interessen zu wahren, zeigt zuweilen — ich darf ganz offen sein — etwas jüdisches Ressentiment." ' Wenn ein Mann von der unbestrittenen geistigen Bedeutung eines Mei n ecke diesen Begriff des jüdischen Reffentiments in die Erörterung politischer Tagesfragen einführt und dabei den Zusatz „ich darf ganz offen sein" besonders zu machen für notwendig erachtet, so will er offenbar in d i e s e m Falle mit der Behauptung eines jüdischen Ressentiments einen Vorwurf erheben. Nicht immer sieht M e i n e ck e in dem Vorhandensein von Empfindungen, bei denen das Wort „Ressentiment" zutrifft, eine an sich nicht billigenswerte Eigenschaft. In einem Aussatz „Die Kultursragen und die Parteien", der im Vorjahre in der „Neuen Rundschau" veröffentlicht wurde, behandelt er einen ähnlichen Gegenstand. Dort erörtert er die Stellung der breiten Massen der Arbeiter und Angestellten nach der Revolution und sagt: „Und als diese durch die Novemberrevolution auch politisch in die Höhe kamen und die bisher im öffentlichen Leben dominierenden Schichten zurückdrängten, entwickelte sich ein zorniges Ressentiment dagegen, das von Jahr zu Jahr stärker wurde und noch heute wächst. Ist es gerecht, hat es wirklich triftige Gründe?" Hier bejaht Me in ecke, indem er die Frage nach der G e r e ch t i g k e i t des Ressentiments dieser Schichten auswirft, die Möglichkeit einer solchen Gerechtigkeit. Es kann also nach seiner Auffassung Ressentiment aus einer gerechten oder auf einer ungerechten Grundlage beruhen. Wenn er in dem uns angehenden Falle das „jüdische Ressentiment", das sich angeblich in der Linkspresse vielfach äußert, angreifbar findet, so' erweckt die Stimme eines so leidenschaftslos denkenden Mannes in uns die Pflicht, uns einmal über Wesen, Bedeutung, Vorhandensein, Berechtigung und Wirkung eines solchen Ressentiments klar zu werden. 1. Wasverstehtmanunter „Ressentiment"? Die Wortbedeutung dieses französischen Begriffes ist nichts anderes als „Nachempfindung". Damit kommt man nicht viel weiter. Nietzsche hat in seiner „Genealogie der Moral" den heute geltenden Begriff des Ressentiments geprägt. Er hat die Lehre vom Ressentiment geschaffen, die dann -insbesondere durch den Kölner Soziologen Mäx Scheler bis zum letzten durchdacht-) und ausgebaut wurde. Machen wir uns den Begriff nach der ausführlichen Erklärung Schelers klar: Es handelt jemand so, daß der andere sich dadurch beeinträchtigt fühlt und irgendwie dagegen reagiert. Immer wieder und wieder denkt er die Dinge durch und sinnt über sie nach. Er kann zurzeit dagegen nichts tun; aber durch dieses fortgesetzte Nachdenken und durch dieses immer erneute Erleben entsprechender Vorgänge entsteht nicht nur eine Erinnerung, sondern es setzt ein Widerstand ein, der mit der Zeit an Feindlichkeit gewinnt. Ein dunkles Zürnen greift Platz, das zivar durchaus keine feindliche Absicht enthält, wohl aber solche Absicht in seinem Blute nährt. Scheler meint, daß das Wort „Groll" die Dinge zwar nicht ganz trifft, aber im wesentlichen dem Begriff „Ressentiment" nahekommt. Demnach ist nach Scheler „Ressentiment eine seelische Vergiftung mit ganz bestimmten Ursachen und Folgen"; ein dauernder seelischer Reizzustand, der durch Zurückdrängung von Entladungen gewisser Gemütsbewegungen entsteht. Er ge- *) „Das Ressentiment im Ausbau der Moralen", enthalten in dem Werk „Vom Umsturz der Werte", von Max Scheler, Leipzig 1918. Ms dem Snkattr Musch-ha-schonoh. Von Rabbiner Dr. Rosenthal (Köln). Die Iudenfrage in polen und Rumänien. Von Dr. Fritz Geister (Äielih) und Dr. 3. G. Sihners (Bukarest). Vom deutschen Inden und feinen Gegnern. Von Georg Hermann. Beilage: -.Von deutsch-jüdischer Jugend". Rr. 6. *) „Die deutschen Universitäten und der heuige Staat", Tübingen 1926.